Drei Klöster im Pfaffenwinkel

Die meisten schönen Ausflugsziele in Bayern sind: Klöster. Man kann sie zur Einkehr nutzen, kunsthistorisch sind sie sehr bedeutsam, früher waren sie ein sehr wichtiger wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Faktor. Im Nachbarland wirbt man mit dem Slogan „Klösterreich“. Mit dem Wort Bayern funktioniert das leider nicht, Klayern hört sich komisch an. Vielleicht sollte man irgendwas lateinisches machen, bavaria spiritualis oder so. Klingt aber recht abgehoben. Eine Gegend gibt’s in Bayern, die wohl die höchste Klösterdichte Deutschlands aufweist. Und die hat sogar einen Namen: Der Pfaffenwinkel. Drei Klöster schauen wir uns da mal an (die berühmte Wieskirche haben wir dort ja schon besucht).

Die Kirche ist nur ein kleiner Teil des Klostergeländes.

Die Kirche ist nur ein kleiner Teil des Klostergeländes.

Benediktbeuren

Wir düsen durch die Landschaft, südlich von München auf der B 472. Westlich von Bad Tölz taucht auf einmal das Hinweisschild „Benediktbeuren“ auf. Na sowas, hat man doch schon einmal gehört. Geschwindigkeit verringert, Kurve genommen und weitergecruist. Nach einigem Suchen finden wir im Ort die Zufahrt zum Kloster, von da geht’s auf einen großen Parkplatz. Zwar mit schönen Hecken, aber nix im Schatten frei.

Allerlei Heilsames wächst hier.

Allerlei Heilsames wächst hier.

Das Klostergelände ist recht weitläufig, auf dem Weg kommt mir eine Schulklasse entgegen. Ein junger Lehrer stapft mutig voran, die Schüler wackeln hinterher, die Wucht der Historie drückt auf ihre Schultern. Bereits um 725 soll das Kloster von Karl Martell gegründet worden sein (nein, der hat nicht auch noch die Barbie-Puppe erfunden). Um 1250 entstand hier das Receptar, eine Sammlung von Heilkräuter-Rezepten, die bis in die Antike zurückreichen. Eine der ältesten Handschriften in mittelhochdeutsch auf bayerischem Boden, und eine der ersten was den medizinischen Aspekt betrifft.

Wer hätte um die schreckliche Kraft der Petersilie gewusst?

Wer hätte um die schreckliche Kraft der Petersilie gewusst?

Im Klostergarten finden wir ein Labyrinth, allerdings sind die „Wände“ nur circa 30 Zentimeter hoch. Es handelt sich um ein Kräuterlabyrinth. Das Labyrinth ist ja in vielen Klöstern zu finden, es dient im Christentum als Symbol. So gibt es etwa im Gegensatz zum Irrgarten im Labyrinth nur einen Weg, der bis in die Mitte führt, dort muss man dann auf selbem Weg wieder zurück. Also keine Sackgassen wie im Irrgarten. Den Weg selbst nutzt man etwa zur Meditation. Hier steht in der Mitte ein großer Stein, der erinnert schon fast an einen Zengarten. Auf dem verschlungenen Weg gehe ich an allerlei sagenumwobene Heilpflanzen vorbei, wie der Akelei, der Schafgarbe oder der Gummibärchenpflanze. Die gibt’s wirklich! Ein Zivi kümmert sich um die Pflanzen, sehr beruhigend muss sowas sein. Kein Stress, und dann sieht man hier von eigener Hände Arbeit allerlei nützliches, duftiges, kräuteriges wachsen. Außerdem erfahren wir von kleinen Schildern, wozu jedes der Gewächse dem Körper Gutes tun kann.

Sehr kontemplativ das Zentrum des Labyrinths.

Sehr kontemplativ das Zentrum des Labyrinths.

In der hiesigen Klosterbibliothek entdeckte Freiherr von Aretin 1803 die Carmina Burana, welche Johann Andreas Schmeller 1847 veröffentlichte. Diese um 1230 entstandene, ernste, heitere und schlüpfrige Vagantendichtung vertonte Carl Orff später zu einem weltweit bekannten Meisterwerk. Der Klosterkomplex selbst ist zwar groß, aber immer mit viel Grünflächen unterbrochen. Schon von außen freut sich das Auge an der Architektur der Gebäude. Wenn man das mit den heutigen Firmen- oder Universitätsbauten vergleicht… Das Bauen zur Ehre Gottes war halt auch ein Bauen um das Gemüt des Menschen zu erheben. Heutzutage ist es meist funktional für den Geldbeutel, oder ab und zu noch zur Selbstdarstellung des Firmenchefs oder Landeschefs. Wer hat den größten… Wolkenkratzer. Die Münchner Hochschule für Philosophie hat hier eine eigene Abteilung, Glück gehabt. Im Vergleich zum üppigst ausgestatteten Kirchenraum wirkt der Kreuzgang karg (wobei immer noch schön). In ihm hängen moderne Bilder, ein ehemaliger Weinkeller schließt sich an.

Ganz anders der Innenraum der Kirche.

Ganz anders der Innenraum der Kirche.

Die Geschichte des Korbiniansapfels.

Die Geschichte des Korbiniansapfels.

In einem anderen Teil des Geländes finden wir eine Informationsstation zum Thema Umwelt, mit einem Dank der Bischofskonferenz an die Schöpfung und der Mahnung, das alles wertzuschätzen. In Benediktbeuren sind zwar nicht mehr Benediktiner angesiedelt, aber die Salesianer Don Boscos, die sich vor allem um die Jugend kümmern. Und hier ein besonderes Augenmerk auf die Arbeit für und mit der Natur legen. Ich kaufe mir im Klosterladen einen Kräutertee zum jetzt trinken und setze mich hinaus in einen sehr lauschigen Garten, wo wieder diverse Kräuter zu sehen sind. Alles so grün und die Vögel zwitschern. Dahinter eine Streuobstwiese. Mit einem Korbiniansapfel. Korbinian Aigner war ein bayerischer Pfarrer, der seit den frühen zwanziger Jahren kritisch gegenüber den Nazis eingestellt war. Seine Äußerungen brachten ihn nach der Machtübernahme ins KZ. In Sachsenhausen starb er fast an einer Lungenentzündung, aber nur fast. Damals soll er gesagt haben: „Den Gefallen tu ich euch net, da heroben in Preußen zu sterben.“ Er überlebte und kam nach Dachau, wo er in der Landwirtschaft eingesetzt wurde. Hier züchtete er mehrere Apfelsorten, die er KZ-1 bis 4 nannte. Heute ist davon nur die Sorte KZ-3 erhalten. Das haben sich die Nazis wohl nicht gedacht, dass einmal Menschen vor der Züchtung eines Priesters stehen werden, den sie eigentlich zur Vernichtung ausersehen hatten. Es gibt noch Klöster, es gibt sogar noch die eine Apfelsorte, unter anderem auch im fränkischen Ort Mürsbach. Die Menschen der Zerstörung scheinen oftmals leichter voranzukommen, aber die Menschen der Schöpfung überdauern. Aigner konnte in den letzten Kriegstagen aus einem Todesmarsch fliehen und starb erst 1966. Seine Apfel-Bilder wurden 2012 auf der dOCUMENTA in Kassel ausgestellt. So unergründlich sind eben die Wege des Herrn.

Tatsächlich versucht man in Benediktbeuren nicht nur in der barock-üppigen Ausgestaltung der Kirche den Himmel auf Erden abzubilden, sondern auch in der Natur zu finden und zu bewahren. Sehr beruhigend das alles hier. Im Laden kaufe ich mir dann noch zwei Packungen Tee, einmal mit Namen Receptar (wohl mit den beliebtesten Kräutern dieses uralten Buches) und einmal mit Eisenkraut und anderen Kräutern. Beide schmecken höchst vorzüglich, zu Likör verarbeitet dürfen davon dann auch Menschen ein Stück vom Himmel kosten, die sonst nicht in die Kirche gehen.

Ettal

Dann muss ich weiter. Die nächste Station ist das Kloster Ettal. Dieses ist auch ein kirchliches Internat, das wegen Missbrauchsvorwürfen vor einigen Jahren negative Schlagzeilen machte. Daraufhin fanden sich aber auch viele ehemalige Schüler zu einer Solidaritätsbekundung für ihre Schule zusammen. Ein polarisierender Ort also. Umso wichtiger die vollständige Aufarbeitung der Geschehnisse. Nicht nur für die Opfer, auch für die Zukunft des Hauses.

Barock-Bombast in den Alpen.

Barock-Bombast in den Alpen.

Die Kuppel ist eindrucksvoll...

Die Kuppel ist eindrucksvoll…

Neben dem Kloster ist eine Schaukäserei untergebracht. Eine Führung gibt’s zu dem Zeitpunkt zwar nicht, aber ich kaufe mir ein Käsebrot (ich weiß, das war jetzt der Themenwechsel des Jahrhunderts…). Wobei die Scheibe Käse fast noch dicker ist als die Brotscheiben. Daran habe ich ordentlich zu mampfen, als ich das Klostergelände betrete. Im Schaufenster des Klosterladens ist ein sehr schön gefertigter Stammbaum der Wittelsbacher zu sehen und zu verkaufen. Allerdings ist der wohl nicht mehr ganz aktuell, Albrecht von Bayern ist da als Chef des Hauses abgebildet. Und der starb 1996. Je nu, man kann so einen Stammbaum ja auch mal einige Jahrzehnte im Schaufenster lassen. Außerdem stehen etliche Flaschen Ettaler Klosterlikör darin, ein Produkt der Ettaler Klosterbetriebe GmbH. Geschäftstüchtig sind sie. Jedoch habe ich einmal gehört, dass Angestellte der Firma den Likör produzieren, also kein Mönch mehr da selbst die Kräuter anrührt.

... der Lüster ähm, naja.

… der Lüster ähm, naja.

Den Stammbaum will ich mir später gönnen, jetzt schaue ich mir erst einmal das Kloster an. Im Innenhof wird gerade gebaut, der wirkt schon recht steril. In der Kirche selbst beeindruckt natürlich die bombastische Kuppel. Darin hängt ein Kronleuchter, der sogar für Barockverhältnisse schon etwas drüber wirkt. Müsste ich jetzt nicht im Wohnzimmer hängen haben.

Neben dem großen Kirchenraum gibt es noch eine deutlich schlichtere und moderne Kapelle, die wohl für die tägliche Liturgie genutzt wird. Zwischen beiden verweist eine Tafel darauf, dass sowohl Pater Rupert Mayer SJ als auch Dietrich Bonhoeffer sich hier in Ettal aufhielten, als sie von den Nazis verfolgt wurden. Beide kamen durch das Regime zu Tode, dennoch gab ihnen der Aufenthalt dort vielleicht die Kraft für ihren letzten Weg.

Die Gedenktafel für die beiden Märtyrer. Zwei in Ettal, unzählige anderswo...

Die Gedenktafel für die beiden Märtyrer. Zwei in Ettal, unzählige anderswo…

Die moderne Kapelle scheint das komplette Gegenteil des übrigen Klosters zu sein.

Die moderne Kapelle scheint das komplette Gegenteil des übrigen Klosters zu sein.

Wieder im Hof wende ich mich dem Klosterladen zu, ich möchte ja den Wittelsbacher-Stammbaum käuflich erwerben. Doch die Türe ist zu, es sind zwar noch Kunden drin, aber dennoch lässt mich niemand mehr rein. Die Geschäftstüchtigkeit der Klosterbetriebe sollte im direkten Kundenverkauf auch zur Anwendung kommen.

Das Welfenmünster in Steingaden

Von außen macht die Kirche nicht allzu viel her, sehr löblich hingegen die Läden außenrum.

Von außen macht die Kirche nicht allzu viel her, sehr löblich hingegen die Läden außenrum.

Und wieder bin ich unterwegs, diesmal auf dem Heimweg von Schloss Neuschwanstein. Auf einmal sehe ich ein Straßenschild namens Steingaden. Moment, da war doch was, Steingaden, Steingaden, irgendwas klingelt da. Noch ein Schild, mit dem Hinweis auf einen Klostergarten. Auf die Bremse getreten und die nächste Kurve genommen! Hurra, noch einen kunsthistorisch-lauschigen Abstecher. Der Ort Steingaden ist in der Art „am Dorf ist die Welt noch in Ordnung“. Oftmals sind solche Gemeinden ja sehr beschaulich, aber leider muss man weit fahren, um sich mit Lebensmitteln einzudecken. Doch hier wird das ehemalige Klostergelände von Bäckereien und einer Metzgerei flankiert, wie es sich eben gehört.

So was ist doch mal eine Pfarrkirche für eine 2700 Einwohner Gemeinde.

So was ist doch mal eine Pfarrkirche für eine 2700 Einwohner Gemeinde.

Ein Augenschmaus bis ins Detail.

Ein Augenschmaus bis ins Detail.

Von hier sieht man die Romanik besonders gut. Am Standort des Fotografen waren früher weitere Gebäude, die nach der Säkularisation abgerissen wurden.

Von hier sieht man die Romanik besonders gut. Am Standort des Fotografen waren früher weitere Gebäude, die nach der Säkularisation abgerissen wurden.

Die Kirche ist von außen total romanisch. Hm, soooo beeindruckend ist sie jetzt auch nicht. Aber der Eindruck ändert sich völlig, wenn man reingeht. Barock Total, eine typische Prämonstratenser Basilika eben. Die Kirche wird auch Welfenmünster genannt, ein Welfenherzog gründete 1147 das Kloster Steingaden. In der Vorhalle findet sich auch der Stammbaum der Welfen als Fresko. Die Bau wurde mehrmals verwüstet, bis 1803 die Säkularisation kam und der Staat den Besitz einkassierte. Vieles wurde abgerissen, die Kirche blieb erhalten, weil sie nun als Pfarrkirche genutzt wurde. Also hier einen normalen Sonntagsgottesdienst feiern zu können, hollahe! Streng genommen aber kann man hier nicht mehr von einem Kloster sprechen. Eher von einer ehemaligen Klosterkirche. Und – natürlich – von einem Klostergarten. Denn den gibt’s auch noch. Kleiner als der in Benediktbeuren, aber dafür grüner, lebensfroher, weniger kontemplativ, sondern als lauschiger Garten, in dem man sich einfach nur wohlfühlen kann. Sehr grün, ein kleiner Teich, natürlich auch allerlei Kräuter und Rosenstöcke. Und dazwischen lauter kleine Mönchsfiguren, die ihren typischen Tätigkeiten nachgehen. Eine Gruppe älterer Herrschaften kuckt sich den Garten ebenfalls an, ich höre ihnen zu und vernehme, dass sie hier ihren Himmel auf Erden gefunden haben.

Sehr einladend der Eingang zum Klostergarten.

Sehr einladend der Eingang zum Klostergarten.

Die Natur in ihrer eigenen ungestümen Üppigkeit.

Die Natur in ihrer eigenen ungestümen Üppigkeit.

Gut aufpassen liebe Besucher!

Gut aufpassen liebe Besucher!

Schöne Perspektiven muss man hier nicht lange suchen.

Schöne Perspektiven muss man hier nicht lange suchen.

Freilich braucht so ein Garten auch seine Pflege.

Freilich braucht so ein Garten auch seine Pflege.

Auch wenn nicht mehr alle Klöster des Pfaffenwinkels bewohnt oder komplett vorhanden sind, ihr Erbe gibt es noch. Sei es in pompösen Barock-Kirchen, sei es als kleines, lauschiges Klostergärtchen. Wenn ich mal einen Garten habe, lege ich mir vielleicht auch ein Labyrinth an. Oder pflanze Klosterkräuter. Die Gummibärchenpflanze zum Beispiel.

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