Drei Kult-Cafés in München

Das Café ist in der heutigen Zeit vor allem Treffpunkt für hippe Frauen zwischen 20 und 45, die sich mit ihrer besten Freundin und/oder Kinderwagen und/oder gar Freund auf einen Kuchen und einen Cappuccino und/oder Smoothie treffen.

Vorne Rathaus, hinten Theatinerkirche, sehr beeindruckende Aussicht vom Glockenspiel.

Vorne Rathaus, hinten Theatinerkirche, sehr beeindruckende Aussicht vom Glockenspiel.

Diese Cafés werden meist von ebenfalls hippen Frauen geführt und sind keine zehn Jahre alt, dafür sind die Möbel aus allerlei vergangenen Jahrzehnten zusammengetragen. Das Oma-Café darbt hingegeben mit einer Kundschaft, die mittlerweile zu Kaffee Hag gewechselt ist und sich erst nach dem Blutzuckertest entscheidet, ob sie den Kuchen „aber bitte mit Sahne“ bestellt. Von den Cafés amerikanischer Prägung ist an anderer Stelle die Rede. Das Tambosi, das Café im Maximilianeum und natürlich das Dallmayr finden sich ebenfalls in weiteren Artikeln. Doch in drei weitere Cafés sollte der München-Besucher unbedingt noch reinschauen.

Glockenspiel

Beginnen wir am Marienplatz, wo sonst? Direkt gegenüber des Rathauses befindet sich das Café Glockenspiel. Nanü, denkt sich der Besucher und dreht sich und dreht sich, wo denn? Etwas höher! Im fünften Stock! So wie das Café muss man auch erst einmal den Eingang suchen, der ist ums Eck. Dann rein in einen Aufzug, der schon ein paar Jährchen hinter sich hat.

Innen ist das Glockenspiel ganz nett, aber was will man hier schon groß mit Einrichtung punkten, wenn man so eine Aussicht hat?

Innen ist das Glockenspiel ganz nett, aber was will man hier schon groß mit Einrichtung punkten, wenn man so eine Aussicht hat?

Oben angekommen, gibt es zwei Räume, einen vorne raus zum Marienplatz, einen hinten raus. Klar, in welchen wir gehen. Das Glockenspiel ist gut besucht, eher mit Familien. Wir warten etwas, und werden mit einem Platz direkt am Fenster belohnt. So muss das sein!

Wir sehen die Theatinerkirche, den Marienplatz unter uns, und natürlich das Rathaus, wow, das Münchner Kindl ganz oben auf der Spitze hatte ich bis dato noch gar nicht so richtig wahrgenommen. Weil es geschneit hat, wirkt die ganze Szenerie wie die Verpackung eines Christstollens.

Der Espresso Macchiato mit laktosefreier Milch für 2,70 Euro kam bei der Kollegin gut an, sie meint, langsam zum Espresso-Freund zu werden.

Mein Earl Grey kostet 4 Euro. Der Ober fragt, ob ich ihn mit Milch oder Zitrone haben will. Ich bin etwas überrascht, wann hat man mich so etwas das letzte Mal gefragt? Wann haben wir alle uns dies das letzte Mal gefragt? Earl Grey mit Milch oder Zitrone? Endlich mal ein Herr Ober, der sein Handwerk versteht. Ich bestelle mit Zitrone, das Kännchen kommt, Eilles Tee. Leider in so einem Plastik Teebeutel. Und für die Menge heißen Wassers im Kännchen ist da zu wenig Tee drin, etwas dünn schmeckt er. Die Zitrone kommt als ordentlicher Schnitzer daher und erfüllt ihren Zweck.

Das alkoholfreie Weizen vom Hofbräuhaus kostet 4,60 Euro, der Kollege würde davon noch eins trinken.

Es gibt auch Gerichte wie Nudeln oder Weißwürste, die wir aber bei diesem Besuch nicht verkostet haben.

Arzmiller

Eher nüchtern bis bieder ist der Arzmiller eingerichtet.

Eher nüchtern bis bieder ist der Arzmiller eingerichtet.

Etwas weiter nördlich, neben der Feldherrenhalle und hinter der Theatinerkirche liegt das Café Arzmiller. Die Bedienung weist uns einen Platz zu und räumt ein „Reserviert“ Schild weg. Dabei hatten wir gar nicht reserviert. Das Publikum sind eher ältere Herrschaften, sehr gediegen. Laut eigener Aussage ist es „eines der letzten klassischen Kaffeehäuser Münchens“. Einen Kaffeehausliteraten vermag ich aber nicht zu entdecken.

Wir wollen einen Earl Grey, können aber keine Kanne für zwei Personen bestellen, jeder muss eine nehmen für knapp unter sieben Euro. Hm. Der Teebeutel aus Stoff hat einiges Füllvermögen, der Tee war OK, intensiv und dunkel.

Der berühmte Gugelhupf.

Der berühmte Gugelhupf.

Den Kaffee findet der Kollege nicht berauschend. Da müsste man nicht ins Arzmiller gehen. Er schwärmt eher vom Espresso in der Barista Bar in den fünf Höfen. Der sei dann aber schon arg teuer.

Besonders berühmt ist der Arzmiller für seinen Guglhupf und seinen Mohntopfen-Strudel. Letzterer soll ziemlich füllend sein, außerdem mag ich keinen Mohn. Also nehme ich den Esterhazy-Gugelhupf. Sehr schokoladig und richtig saftig. Jawohl, das ist ein Gugelhupf! Ich bin kein Gugelhupf-Aficionado, aber das könnte der beste meines Lebens gewesen sein.

Mittags lässt sich hier auch essen, für kleines Geld gibt’s hier etwa einen ganz passablen Eintopf.

Jasmin

Für das dritte Café in unserem Test müssen wir in dieMaxvorstadt fahren. Das Café Jasmin ist Kult. 1948 ließ Chefin Irmin Bunjes es am Lenbachplatz bauen, 1955 folgte der Umzug in die Steinheilstraße. Dort waren alle Häuser nach dem Krieg nur noch Ruinen, wurden abgerissen und neu aufgebaut. Die Kellner trugen damals Smoking, hier feierten die gut Betuchten des Wirtschaftswunders in feinem Zwirn. Also eher Partyhöhle als Oma-Café. Die Tapete kam aus den USA, die Einrichtung wurde nach dem damaligen letzten Schrei designt. Bis 2005 führte Irmin Bunjes das Jasmin und stand auch selber noch hinter der Theke, toll. So gesund hält das Feiern im Wirtschaftswunder-Café.

Jetzt kommt das Wirtschaftswunder!

Jetzt kommt das Wirtschaftswunder!

Nein, die orange Pampe mit dem Grünzeug gehört nicht zur Tischdeko, sondern ist ein hochgesunder Smoothie.

Nein, die orange Pampe mit dem Grünzeug gehört nicht zur Tischdeko, sondern ist ein hochgesunder Smoothie.

2008 polsterte man neu auf, aber natürlich ist alles (bis auf die Kaffeemaschine) originalgetreu geblieben, auch toll.

Sogar eine Tatort-Folge spielte hier, 1999 war das, mit einem noch dunkelharigen Miroslav Nemec und Iris Berben. Allerdings tricksten die Filmemacher, denn im TV stand es angeblich im Glockenbachviertel.

Das Publikum hier sind vor allem Frauen. Jung geblieben, alternativ aber mit Geld, die sich mit und ohne Kinder mit ihren Freundinnen einen schicken aber gemütlichen Nachmittag machen wollen. So bewegt von dieser gesunden Umgebung (und vom vorherigen Tag, ojeoje), bestellen wir uns keinen traditionellen Kaffee Diplomat mit Eierlikör, sondern was antialkoholisches.

Die Limo-Hipster-Welle macht auch vor München nicht halt, und darum serviert man hier keine Fritz-Cola aus Hamburg, sondern Eizbach-Brausen. Klar, die Eisbach-Welle steht für Surfen, München und Hipster, daneben auch für Frische. Das Z soll wohl cool wirken. Ein mir fast schon zu perfekt designter Name. Das Spezi von Eizbach heißt Calypso, ist mir allerdings zu süß, wenig fruchtig, und hat zu wenig Cola-Geschmack.

7,50 Euro kostet der frisch gepresste (oder sagt man da pürierte?) Smoothie. Der enthält Gelbe Rüben, Ingwer, und ähm, anderes Zeug. Ich schmecke die gelbe Rüben raus aber überhaupt keinen Ingwer, meine Begleitung meint, na den würde an doch als erstes rausschmecken. A geh.

Die schicke, unveränderte Pracht der 50er.

Die schicke, unveränderte Pracht der 50er.

Anschließend trinkt meine Begleitung einen Jasmin (haha) Tee für 2,60 Euro. Den findet sie farblich recht blass und eher mild, gar wässrig, der Geruch ist jedoch umso intensiver. Sie vermutet, dass der Teebeutel schon etwas gelegen ist, weil der Inhalt etwas härter ist.

Wie auch das Arzmiller stellt das Jasmin Kunst von Münchner Künstlern aus. Das gehört wohl zum guten Ton.

Der Marienplatz mit Mariensäule, Rathaus und Kaufhaus Ludwig Beck.

Der Marienplatz mit Mariensäule, Rathaus und Kaufhaus Ludwig Beck.

Und wo sind jetzt die ganzen Kuchen der anderen Cafés? Sind die schmackhaft? Pfffff, keine Ahnung. Kuchen is mir wurscht. Ich achte schließlich auf meine schlanke Linie, was die zahlreichen Biergarten, Wirtshaus und Zoiglstuben-Tests mit ihren Ripperln, Schweinebraten und Hausmacherplatten ähm, tja, beweisen. Hingehen, selber essen. Der Esterhazy-Gugelhupf vom Arzmiller sollte in jedem Fall dabei sein. Und wer sich wundert, dass man in einem Café-Test vor allem Tee trinkt, dem sei gesagt: Qualität zeigt sich darin, wenn man auch auf die seltener bestellten Getränke Acht gibt. Außerdem sagt der Russe: Nach dem Tee ist für die Seele Sommer. Und bei den Außentemperaturen beim Test kann man ein bissl Sommer gut gebrauchen.

Ob schöne Aussicht, gediegenes Oma-Café oder Wirtschaftswunderland, es müssen nicht die neuen auf alt getrimmten Etablissements der retrohippen Bourgeoisie sein. Die gibt’s auch anderswo wie Sand am Meer. Bleiben wir lieber bei den Münchner Originalen. Die gibt’s nur hier.

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