Ein Tag auf dem Oktoberfest

Der Tag auf dem Oktoberfest beginnt nicht auf dem Oktoberfest, sondern in Ismaning. Vorbereitung: Sich in die Lederhose zwängen. Bequeme, alte Schuhe anziehen. Wasser trinken. Äpfel einpacken. Zum Metzger gehen. Leberkäs- und Wurstsemmeln kaufen. In die S-Bahn steigen und zur Theresienwiese fahren. Sich durch Menschenmassen wühlen.

Reservieren oder Anstehen?

Wer's ruhiger mag, sollte Mo-Fr am Vormittag hingehen, da ist weiger los, wie man sieht

Wer’s ruhiger mag, sollte Mo-Fr am Vormittag hingehen, da ist weniger los, wie man sieht

Die Jahre vorher waren wir alle noch um sechs Uhr früh aufgestanden und warteten ab spätestens 7:30 Uhr vor der Tür, wo wir in einer immer weiter wachsenden Menschenmasse unsere Semmeln und Äpfel aßen und Apfelschorle tranken. Aber dafür waren wir bei den ersten die rein durften und die besten Plätze sichern konnten. In einem Zelt, das kälter als die ohnehin schon eisige Außentemperatur war. Dafür hörte man dann die aufbrausenden La-Ola Wellen, als einige wagemutige Italiener um 9:15 Uhr ihre erste Maß exten, und man war Zeuge, wenn sie um 9:45 Uhr ins Pissoir kotzten. Wegen der erlittenen Strapazen gaben wir unseren Tisch bis Schankschluss nicht auf, und wegen der optimalen Lage kamen ständig liebreizende Damen, die um einen Sitzplatz ersuchten. Die Folgen: Langjährige Beziehungen über 11 000 Kilometer.

Jetzt steh ich vorm Zelt und bin zu einer halbwegs normalen Zeit aufgestanden und komme nicht rein. Ein Freund hatte reserviert und alle sitzen schon drin. Ein Anruf zu den Leuten ins Zelt, der Türsteher wird bequatscht und bequatscht und bequatscht und endlich darf man rein in den Schottenhamel. Manche Leute sollen ja Geld für so was zahlen, aber das Bier ist schon teuer genug. Schickeria-Schmarrn wie Türsteher bestechen gehört sich nicht.

Kurzes Fazit: Anstehen rentiert sich für jüngere Menschen allemal. Wem die morgendlichen Kälte in die Glieder fährt, der sollte reservieren. Aber trotzdem pünktlich sein.

Im Zelt

Schnell alle Leute am Tisch begrüßt, den lärmenden Burschenschaftlern an den Nebentischen einen skeptischen Blick zugeworfen (sie scheinen nicht aus Bayern zu kommen, denn die bayerisch-fränkischen Verbindungsleute konnte ich als sehr nette Menschen kennenlernen), und dann die erste Mass bestellt. Gutes Trinkgeld gleich von Anfang an geben, dann kommen die Bedienungen auch gerne und schnell wieder. Das Festbier von Spaten lässt sich trinken, was man ja sonst eher weniger seitens dieser Brauerei behaupten kann. Die erste Zeit wird erstmal geredet und gefrotzelt, dann kommt die zweite Mass und Weisswürste oder Hendl. Immer darauf achten, dass genügend im Magen ist. Mittlerweile steigt die Stimmung, besonders an den Nebentischen. Wer noch mehr lärmen kann als die Burschenschafter, die sich mit opulenter Tracht und grausligem Preussisch hervortun, sind die Engländer hinter uns. Einer hat sogar einen fleischfarbenen Morph-Suite an, der sämtliche alptraumhaften Phantasien abdeckt. Auf dieses Ganzkörperkondom hat er sich noch blonde Zöpfe gesetzt, man ist ja schließlich in Deutschland. Das Bier trinkt er durch den geschlossenen Anzug, bald hat er ein Jokergrinsen als einziges Bild menschlicher Züge im Gesicht. Und sein Hosenboden sieht ebenfalls wenig appetitlich aus. Kein Wunder, wenn man mit etwas Hellem auf den Bänken sitzt. Da stand man nämlich vorher mit den Schuhen, die auf den überfluteten Toiletten waren…

Wo waren wir? Beim Essen. Ähm. Das Thema ist mir nun vergangen.

Wir stehen jedenfalls auch bald auf den Bänken und singen und klatschen mit. Allerdings kocht die Stimmung nicht ganz so über wie sonst, denn der reservierte Tisch steht etwas im Eck. Wenn man sich in der Früh anstellt, sitzt man gleich bei der Band, im Kessel und an der Hauptkreuzung des Zelts. Da ist zwar das Risiko größer, dass ein kotzender Italiener des Weges kommt, aber die Gaudi ist halt zünftiger. Als nächstes bestelle ich ein Radler, immer auf den Flüssigkeitshaushalt achten. Das wird sogleich am Tisch mokiert. Der agent mocateur bestellt allerdings als nächstes ein Spezi. Na so was.

Exkursion

Nachdem wir die Stimmung und alles genossen haben, gehen uns die immer mehr schwankenden und dröhnenden Engländer auf den Geist. Wir beschließen, mal eine Zeltauszeit zu nehmen und besorgen uns eine Raucherkarte. Damit soll man später wieder ins Zelt kommen. Wir laufen über die Wiesn und weil wir gar so wagemutig sind, setzen wir uns nicht in irgendein Fahrgeschäft, sondern in DAS Fahrgeschäft: In die U-Bahn. Wir fahren zum Odeonsplatz. Denn es gilt der Spruch: „Wein auf Bier, das rat’ ich Dir!“ (Der Spruch „Bier auf Wein, das schmeckt fein“ gilt genauso). Darum begeben wir uns in den Hof der Pfälzer Weinstube in der Residenz und bestellen eine Flasche hervorragende Scheurebe. Dort entspannen wir in unserem Oktoberfestaufzug. Der älteren Dame am Nebentisch ist so etwas anscheinend wenig geheuer und sie beginnt, Fragen zu stellen. Ein Gespräch entwickelt sich. Sie ist eine ehemalige Mitarbeiterin des Goethe-Instituts. Bald sprechen wir über den Unterschied fränkischer und pfälzischer Weine und Gott und die Welt. Als man aber erwähnt, was man studiert hat, entfährt es ihr: „Was? Jemand der so abgerissen aussieht hat studiert?!“ Nachdem ich meine Kinnlade wieder hochgeklappt habe, verstehe ich, warum das Goethe-Institut in Nordkorea schließen musste. Bei solch taktvollen Mitarbeitern wird doch der (damals noch) Kim Yong-Il in der Pfanne verrückt [sollte ich mal entführt werden, dann schaut als erstes in Nordkorea nach!].

Das Gespräch wird nun deutlich einsilbiger, wir trinken unseren Wein aus und wollen wieder zurück zur Wiesn. Aber nicht ohne nachmittägliche Stärkung. Auf zum Café Dallmayr.

Teepause

Wir marschieren also stracks vom Odeonsplatz zum Dallmayr, die Delikatessen rechts und links keines Blickes gewürdigt (wir hatten ja schon unsere Semmeln gegessen) und rauf in den ersten Stock. Die überaus freundliche Bedienung weist uns einen erzgemütlichen Platz am Fenster zu. Mein Kollege tendiert zu Kaffee und Kuchen, ich versenke mich in die Teekarte und bestelle einen Ceylon. Dass wir einen leichten Suri haben stört hier niemanden, auch unsere Oktoberfestkluft ist kein Problem. Vielleicht sollte das Goethe-Institut hier mal nach neuen Mitarbeitern suchen. Der Ceylon ist nicht überteuert und der beste meines bisherigen Lebens. Zufrieden fläzen wir am Tisch und diskutieren hochphilosophische Themen und Quantenphysik. Wie eigentlich immer wenn man Tee trinkt. So, jetzt noch schnell in den Keller der Galeria Kaufhof am Marienplatz marschiert und eingelegte Sardinen (Alici) und noch a wengerl was feins für am Weg mitgenommen.

Z’ruck zur Wies’n

Die Stärkung war formidabel, also wieder auf ins Gewühl der Wiesn. Unsere Freunde vom Vormittag sind leider schon nach Hause, ja mei.

Im Zelt gehts rund, am Abend auch unter der Woche. Vor allem, wenn die Hälfte der Band zeigt, wie die Choreographie sein soll.

Im Zelt gehts rund, am Abend auch unter der Woche. Vor allem, wenn die Hälfte der Band zeigt, wie die Choreographie sein soll.

Jedenfalls haben wir nun keinen Sitzplatz mehr im Zelt, und unsere Bemühungen, an Damentischen einen Platz zu bekommen, schlagen fehl. Vielleicht haben die Damen auch nicht mehr so gut gesehen, was für tolle Hechte sie da haben schwimmen lassen. Wir gehen also vor’s Zelt und setzen uns in den Biergarten des Schottenhamel. Dort bedient Pfarrer Rainer Maria Schießler von St. Maximilian. Er betreut hier die Leute, indem er kellnert. Seinen Verdienst spendet er an die Hilfsorganisation von Lotti Latrous, die ein Kinderprojekt an der Elfenbeinküste unterhält (dieses Jahr pausiert Pfarrer Schießler allerdings und genießt die Wiesn als einfacher Gast mit den Mitarbeitern seiner Pfarrei).

Also bestellen wir eine Mass und ein Wasser und geben reichlich Trinkgeld. Eine gute Tat am Tag kann man auch am Oktoberfest leisten.

Langsam bricht der Abend herein. Wir unterhalten uns gut am Tisch mit einer Kanadierin, die in London lebt. Für sie sind die Bierpreise wohl ganz normal. Hmpf. Hinter uns sitzt ein Tisch selbsternannter „Bayern Ultras“. Sie scheinen aus München zu kommen, sprechen aber kein Wort bayrisch und scheinen überaus begüterte Eltern zu haben, auf was ihr Äußeres schließen lässt. Sie wollen nichts unversucht lassen, einen Streit vom Zaun zu brechen, weil sie anscheinend ein Anrecht auf Madame Kanadierin erworben haben. Oder/Und sie mögen niemanden, der kein eingefleischter FCB Fan ist. Vielleicht aber halten sie auch die inneren Spannungen nicht aus, ein Ultra sein zu wollen, aber keinen Dialekt zu sprechen, obwohl sie Münchner sind. Diese Schizophrenie lässt sie sicherlich an sich leiden, weshalb sie ihre eigentlich gegen sich gerichteten Aggressionen auf die Umwelt richten. Ich weise sie darauf hin, dass Pfarrer Schießler 60er Fan ist und Streithanseln auf dem Oktoberfest nicht gern gesehen werden. Die männlichen Zwiederwurz’n geben daraufhin eine zeitlang Ruhe. Das kommt davon wenn man den ganzen Tag nur Bier säuft und keine Wein- und Teepause einlegt.

Jenseits des Schankschlusses

Münchner Trias

Münchner Trias

Die Zeit des Schankschlusses rückt näher, ich glaube wir haben mittlerweile sogar ein Apfelschorlemass getrunken. Die Kanadierin will noch ein Fahrgeschäft ausprobieren, wir gehen mit. Beschließen aber dann, dass wir keine Lust auf Fahrgeschäft haben, schließlich sind wir heute schon mehrfach U-Bahn gefahren. Ja-haaa. Jetzt tappen wir erstmal durch den Südausgang, Richtung Nachtleben. Denn mir kam der Hinweis zu Ohren, dass es eine neuartige Boazn geben sollte, „Zur Gruam“. Sie wirbt mit dem Motto „Die Boazn deines Vertrauens“. Damit hat sie mein Vertrauen. Also rein und ein Bier bestellt. Wir unterhalten uns ganz gut, die Boazn hält was sie verspricht. Ob ich um diese Uhrzeit wohl noch einen Espresso bekommen habe? Keine Ahnung. Nach ca. zwei Stunden nehmen wir unser aktuelles Bier und ziehen von dannen. Entschuuuuuuuuuuuuuuuuuldigung, dass wir die Gläser mitgenommen haben!

Das Bier trinken wir am Weg aus, eigentlich wissen wir auch gar nicht so recht, wo wir hinwollen. Doch plötzlich stehen wir vor einer lounge-artigen Bar, aus der es electromäßig dröhnt. Fein! Wir treten ein, die Bedienung und der Wirt machen am meisten Stimmung. Weil ich soviel gegessen habe, beschließe ich, auf der Tanzfläche mein patentiertes Work-Out-Programm „Abnehmen mit Drum’n’Bass – Schlank ohne Schlaf“ zu absolvieren. Nach ein paar Liedern wird die Musik gewechselt und mein Bäuchlein bleibt mir erhalten. Auch gut. Wir bestellen einen Cocktail und kommen mit der Frau Wirtshaus ins Gespräch. Sie stammt aus Afrika und hat dort mit 13 ein Kind bekommen. Jetzt ist sie um die 30. Sie ist zwischen 1,40 und 1,50 groß und während sie mit uns redet, legt sie ihren Vorbau auf dem Tisch ab. Das irritiert. Weil wir anscheinend so lustige Sachen sagen, spendiert sie uns einen Shot, woraufhin wir ihr auch einen zahlen. Das Spiel wiederholt sich so lange bis die „Sonderbar“ schließt. Der Wirt spendiert uns abschließend auch einen. Wir zahlen ihm daraufhin auch noch einen und verlassen aber jetzt echt das Lokal. Vor dem wunderschönen Morgengrauen graut uns nicht, im Gegenteil, wir wackeln zufrieden heim. Ende.

 

Halt, noch nicht ganz! Denn auf unserem Nach-Hause-Weg befällt uns noch der Dämon dieses wurschtigen Heißhungers. Leider gibt’s weder Weiß- noch Bratwürste, sondern die allseits bekannten Hamburger einer ebenso bekannten Kette. Obwohl wir ein enorm beworbenes Spezialmenu bestellen, erinnert dies sowohl von der Textur als auch vom Mundgeschmack an Papperdeckel. Da kann ich ja gleich die Verpackung bestellen. Was lernen wir daraus? Ein Tag, der voller Genüsse ist und die Sinneszellen permanent zu Höchstleistungen antreibt, hat dieses Ende nicht verdient. Darum steht das „Ende“ auch einen Absatz weiter oben. Ist doch schöner und passt einfach besser.

Und die Moral von der Geschicht‘: Wer im Zelt 15 Stunden lang Party machen will, sollte sich einen Tisch in der Mitte suchen und stets auf gesunde und stopfende Ernährung achten. Danach ist man aber platt und nicht mehr partytauglich. Alle anderen müssen trotz der Massen-Gäste-Haltung auf der Wiesn auf keine Genüsse verzichten, wenn sie ein paar Stunden außerhalb des Festes entbehren können. Anschließend unbedingt weiterfeiern. So ein Tag ist teuer genug, um ihn nicht bis zum Schluss auszukosten!

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