Fronleichnam statt G7

Alles streckt sich in den sonnigen Himmel hinauf

Alles streckt sich in den sonnigen Himmel hinauf

In Bayern wird demonstriert: die G7 wirtschaftliche Macht, die Polizei Stärke, die G7-Gegner Widerstand und die katholische Kirche… Was demonstriert denn die? Einerseits den Glauben, andererseits Einheit und eine ungeheure Vielfalt. Nicht in Elmau, sondern auf der Fronleichnamsprozession in München.

Wir nähern uns dem Marienplatz und kommen gerade pünktlich, um hinter dem Einzug vom Bischof, Domkapitel, den Äbten von Andechs und Co und und und hinterherzumarschieren. Auf dem Weg passierten wir schon einige Polzeimannschaftswagen und Spezialkommandos. Später am Tag wollen die G7-Gegner demonstrieren. Manche fürchten, dass sogar die Prozession gestört werde. Ob was passiert?

Die Messe beginnt, Weihrauchschwaden ziehen über den Platz, der ziemlich voll ist. Tausende Menschen feiern im strahlenden Sonnenschein mit. Die Sonne brezelt tatsächlich ordentlich runter, ich stehe zum Glück neben dem Rathaus und habe eine gute dreiviertel Stunde Schatten. Danach versorgt Petrus die Gläubigen ab und an mit einer kühlenden Brise. Heiß ist es trotzdem.

In seiner Predigt stellt Kardinal Marx die Kirche und das christliche Menschenbild gegen einen entfesselten Kapitalismus auf.

In seiner Predigt stellt Kardinal Marx die Kirche und das christliche Menschenbild gegen einen entfesselten Kapitalismus auf.

Schon sehr barock wirkt das alles, die prächtigen Gewänder, die Orgelmusik, der Chor, die Bläser, die die Kulthits des Gotteslobes zum Besten geben, Großer Gott wir loben dich usw. Aber auch ökumenische Anklänge finden sich an diesem erzkatholischen Fest, an dem man ja die Gegenwart Christi in Brot und Wein feiert. So gibt es viele Lieder von evangelischen Komponisten, die mit Posaunenbombast und beeindruckenden Texten daran erinnern, dass in früheren Jahrhunderten auch Schönes und Sinnvolles auf reformatorischer Seite gewachsen ist. Zumindest was die Musik angeht. Die Mariensäule glänzt golden in der Sonne, die Türme der Münchner Innenstadt bilden ein herrliches Ensemble. Also alles schön bayerisch-katholisch. Moment, katholisch schon, aber bayerisch? Seitens der Offiziellen schon (bis auf den Kardinal, der ist ein Zuagroaster), die Gläubigen sprechen eine ganz andere Sprache. Pardon, ganz andere Sprachen. Wie bei einem Fußballfest sind hier am Platz die Auslandsgemeinden aus Südkorea, Vietnam, Brasilien, und und und vertreten. Vor mir steht ein Asiate, hinter mir steht eine Ordensschwester aus Afrika. Der Typ neben mir könnte sogar ein Oberbayer sein, verrückt. Zum Friedensgruß reichen wir uns alle die Hand, so deutlich hat man wohl selten die Zugehörigkeit zu dem einen Menschengeschlecht empfunden. Auch die ukrainische und russische Auslandsgemeinde ist da. Auch sie werden sich den Frieden gewünscht haben, sich die Hand gereicht haben. Während die russische Führung einen unerklärten Krieg über die Ukraine bringt und deren Führung ebenfalls mit Repressionen im eigenen Land reagiert, reichen sich Ukrainer und Russen auf dem Münchner Marienplatz die Hand zum Frieden. Das kann keinen kalt lassen. Im Glauben und in der Liebe keimt hier Hoffnung. Wenn der Papst schon zwischen Kuba und den USA vermitteln konnte, vielleicht klappts dann auch im Osten? Nur müsste da wohl auch die orthodoxen Kirche mitspielen.

Big Daddy zeigt, dass die Gottesmutter als Mama Africa durchaus auch stylish getragen werden kann

Big Daddy zeigt, dass die Gottesmutter als Mama Africa durchaus auch stylish getragen werden kann

In seiner Predigt geht Reinhard Marx auf den G7 Gipfel ein und warnt davor, zu viel Erwartungen in die Macht der Politiker zu legen. Dann aber zeichnet er ein Bild der Kirche, die sich gegen eine Sicht des Menschen als reinen Konsumenten und Produzenten sieht. Damit könnten wohl auch die G7-Gegner etwas anfangen.

Ob Polen,...

Ob Polen,…

Nach der Kommunion dauert es etwas, bis sich der riesige Tross in Bewegung setzt. Zunächst gehen die Ministranten, dann die Äbte, dann unterm Baldachin Bischof Marx mit dem Allerheiligsten und darauf die Domkapitulare. Es folgen die Politiker. Missmutig stelle ich fest, dass von der Landespolitik nur Herr Spaenle und Herr Herrmann mitlaufen. Wo ist denn der Herr Seehofer? Fehlanzeige. Ja wo kommen wir denn da hin, wenn ein bayerischer, katholischer CSU-Ministerpräsident nicht bei der Fronleichnamsprozession mitläuft?

...Syrer,...

…Syrer,…

Un-mö-glich. Vielleicht ist ja Seehofer ein heimlicher Protestant oder schlimmer noch, er wählt die SPD. Danach kommen die Vertreter der Universitäten und der verschiedenen Ritterorden. Die Münchner Pfarrgemeinden schließen erst am Weg auf, wie auch die katholischen Studentenverbindungen in ihren Uniformen und die Handwerkerinnungen. Auch die Oberpfälzer Heimatvereine sind dabei. Sehr beeindruckend wiederum die Auslandsgemeinden.

...Ukrainer,...

…Ukrainer,…

Den Anfang machen die Polen, ein ordentlicher Zug, die meisten in traditioneller Tracht, dann folgen die Vietnamesen, Ungarn, Slowenen, Slowaken, Russen, vergleichsweise wenig Italiener, Frankophone, Portugiesen und Brasilianer. Berührend die chaldäischen Christen, die mit der syrischen Flagge ihrer Heimat mitlaufen. Was sie wohl unter IS-Terror erdulden mussten? Gleich dahinter die Ukrainer, unter ihnen viele Jugendlichen. Der Herr möge ihren Ländern den Frieden schenken, ich bin sicher nicht der einzige, der das wünscht, als sie vorbeilaufen.

...Vietnamesen,...

…Vietnamesen,…

Die Kroaten bilden den Abschluss der Auslandsgemeinden, die sind sicherlich die allergrößte Gruppe, und sie scheinen sich während der Prozession noch und nöcher zu vermehren. „Fast mehr als Bayern“, meint der Kollege. Trachtler sind natürlich auch dabei, und es gibt sogar welche, die als Biedermeierbürger mitgehen. Eine wunderbar bunte Truppe, die da singend und betend durch München zieht. Begleitet von Chor und Musik in äußerst guter Akustik. Man glaubt gar nicht, dass man über die Straßen marschiert, in einer Kirche wäre es kaum anders.

...oder Münchner: der bayerische Barock-Katholizismus spricht eine universale Sprache.

…oder Münchner: der bayerische Barock-Katholizismus spricht eine universale Sprache.

Die Prozession geht am Rathaus vorbei über den Odeonsplatz hoch zur Ludwigskirche und dann wieder zurück. Am Marienplatz gibt es dann freundliche Dankesworte und den Schlusssegen. Nichts ist passiert, die einzigen Störungen waren kleinere Kinder, die plärrend aus der U-Bahn heraufkamen, aber denen verzeiht man ja gerne. Weil sie auch sofort ruhig waren, als sie mitbekamen, was auf dem Platz abging.

Ob die anderen, weitaus berühmteren Demonstrationen und Zusammenkünfte in Bayern ähnlich friedensstiftend und hoffnungsvoll stimmen?

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