Garmisch und G7 – Über allen Gipfeln ist wieder Ruh‘

Der G7 Gipfel ist rum, die Gullideckel werden hoffentlich bald alle aufgeschweißt und in Schloss Elmau kehrt wieder der normale Geldadel ein.

Was hat der Gipfel gebracht? Klimaversprechen, Besserungen im Kampf gegen Ebola und Co und hoffentlich noch viel mehr, was die Welt voranbringt. Und was hat er Bayern gebracht? Nunja, werden die Klimaziele umgesetzt, haben wir vielleicht irgendwann in der Zukunft auch noch weiße Weihnachten. Das ist, also hallo, schon sehr wichtig.

Die ganze Welt, oder zumindest sieben Länder der Welt, schauten für ein oder zwei kurze Nachrichtenberichte auf unser schönes, teilweise schon ultraverkitschtes Welcome Dahoam Bayern. Ah, diese Alpen. Herrlich. Ah, diese Wiesen. Herrlich. Ah, diese bayerische Perfektion von Alphorn, Weißbier und Weißwurscht. Herrlich. Obama sagt Grüß Gott und die isst brav seine Wurst auf. Herrlich. Das Weizen scheint er nicht so zu mögen, es ist angeblich alkoholfrei. Wurscht, trotzdem herrlich. Weißwurstdiplomatie nannte es die SZ, mei einfach herrlich.

Weniger herrlich findet es Gerhard Haase. Der ist 83 Jahre alt und muss wegen des Gipfels im Altersheim einsitzen. Weil er über 50 Jahre für die Haustechnik auf Schloss Elmau verantwortlich war, hatte er oben eigentlich Wohnrecht. Aber weil der Raucher mit der Sehbehinderung und dem Rollator Sportschütze ist (oder wohl besser war), stellt er womöglich eine Gefahr für den Gipfel dar?! Über den Gipfel und darüber hinaus musste er wochenlang im Seniorenstift ausharren. Aus vielerlei Ecken hört man allerdings, dass dahinter nicht primär das Bundeskriminalamt steckt, sondern Schlossherr Müller-Elmau (genau jener Schwarzbau-König). Vielleicht hatte der Angst, dass der alte Mann mit seinen, bisweilen wunderlichen Ansichten, die Politiker erschröcket. Haase selbst hätte sich sehr auf den hohen Besuch gefreut, ob er so etwas zu seinen Lebzeiten in Elmau noch mitbekommt?

Und wie geht’s dem Rest der Garmisch-Partenkirchener? Wir wollten vor Ort am letzten Tag des Gipfels nachschauen, was denn so geblieben ist. Auf dem Weg runter ist die Autobahn gesperrt, wir fahren auf der Bundesstraße weiter, wo dann allerdings auch bald Schluss ist. Und da stehen wir und stehen und stehen. Über uns knattern Hubschrauber und sogar ein Osprey, der Kipprotorflügler der US-Marines. Ob da wohl der Obama drin sitzt? Später erfahren wir, dass er in seinem „normalen“ Marine-One Heli ausgeflogen wurde, der Osprey war nur Begleitung.

Die Sperre dauert immer noch, mal beim Bürgertelefon anrufen ob es eine alternative Route gibt. „Die sind auch alle dicht“ bekommen wir zu hören. Eine halbe Stunde solls noch dauern. Freundlichkeit am Telefon, die Regierung hat für alles gesorgt. Na gut. Noch etwas gewartet, und tatsächlich, es geht weiter. Wir kommen nach Garmisch-Partenkirchen hinein und fahren an kilometerlangen Schlangen von Polizeibussen vorbei. Aus NRW, RLP, IN, RO, WÜ, BA, wahrscheinlich gabs im ganzen restlichen Deutschland kein einziges Polizeifahrzeug mehr. Alles hier unten vorgefahren. Kontrolliert werden wir nicht.

Wir schauen im Protestcamp vorbei. Da ist nicht mehr viel los, vielleicht zehn Zelte stehen noch rum auf einer doch ganz matschigen Wiese.

Diese Wiese. Was gabs da Stunk im Vorhinein! Die Staatsregierung hatte angeblich Druck auf die Gemeinden gemacht, ja nix an Demonstranten rauszugeben. Was man so hört von lokaler Seite, scheint das tatsächlich zu stimmen. Ein lokaler Gastwirt hat ihnen dann doch ein kleines Wiesenstück überlassen, aber bis kurz vor dem Gipfel war unklar, ob es überhaupt ein Camp geben durfte. Die Anwohner waren zwiegespalten, man fürchtete Ausschreitungen wie in Frankfurt, laut Statistik gehen nämlich die meisten Straftaten von Camps aus, doch wenn man ihnen gar nichts gab, würden die überall in der Gegend wild campen. Huuuu, zwischen Skylla und Charybdis. Einige Geschäfte in der Stadt hatten Samstag und Montag komplett verrammelt, einerseits aus Angst vor Brandschäden und Steinewerfern, andererseits wären ihre Angestellten wegen der Polizeikontrollen eh zu spät gekommen. Apokalypse now?

Der Rest vom Protest

Ob vor dem Camp wohl ein riesiges Polizeiaufgebot steht? Weit gefehlt. Tatsächlich sind viele Demonstranten schon vor den Politikern abgereist. Die Proteste waren weitgehend friedlich geblieben, und wunderwas, auf einmal konnten die Gipfelgegner auch ihre Argumente in die Nachrichten bringen. Das Wetter scheint auch das Seine mit beigetragen haben, zum Sternmarsch auf den Berg wars brütend heiß, und am Abend hätte man wegen eines extrem heftigen Gewitters und Starkregens fast das Camp evakuieren müssen.

Doch nun ist alles entspannt. Anwohner gehen mit ihren Hunden vorbei, grüßen freundlich, die Demonstranten grüßen zurück. Die Leute, ja unglaublich, kommen miteinander ins Gespräch. „Schee war’s“ meint ein Anwohner, er vermisse sie schon, die Demonstranten. Und die Polizei auch. Die Garmisch-Partenkirchener sind ganz angetan, sowas hat man nicht alle Tage. Neugier hat die Befürchtungen besiegt, so sei das Camp zu einem neuen Ausflugsziel geworden. Die Leute, die hier vorbeischauen, wirken bisweilen schon a wengerl links, andere sind optisch eher Richtung CSU oder gar FDP einzuordnen. Die Demonstranten sind selbst überrascht, so hatte man sich die konservativen Bayern nicht vorgestellt. Die katholischen Landfrauen haben an einem Tag vier Bleche Apfelstrudel vorbeigebracht, berichtet einer mit durchaus linksorientierter Frisur. Und als sie erfahren haben, dass im Camp vegan gekocht wird, sind Tags darauf sechs Bleche veganer Apfelstrudel dagestanden. Von einem weiteren Landwirt haben sie eine anliegende Wiese dazubekommen, um das Camp zu vergrößern. Auch das hat wohl zur entspannten Lage beigetragen, vielleicht auch das wunderschöne Bergpanorama.

Als es wieder zu regnen beginnt, dürfen wir uns im Küchenzelt unterstellen, das einzig größere, dass noch steht. Köpfe dürfen wir keine filmen, weil da könne ja die Polizei nachverfolgen, wer im Camp gewesen sei.

Wir unterhalten uns sehr gut mit den Demonstranten, oder besser Campbewohnern. Sie sind sozusagen die Nachhut, der Teil der Organisatoren, der noch da ist. Eigentlich nur die Küchenmannschaft. Die „Volksküche“, oder „VoKü“ im Camperslang, sie tingeln durch ganz Deutschland und verköstigen allerlei Protestler in der Republik. Besonders viel mitlaufen konnten sie wegen der Küchendienste aber nicht. Durch sind sie aber trotzdem, eine Woche mit viel Arbeit, krassen Wetterwechseln und wenig Schlaf.

Die meisten haben Che Guevara und Revolución T-Shirts an, einer, der uns gegenüber eher reserviert wirkt, könnte auch aus einem Jura-Seminar kommen. Der Kaffee stammt aus einer von den Zapatisten beherrschten Region Mexikos. Als uns kalt wird bekommen wir Decken angeboten und werden sogar zum Essen eingeladen, Seitan-Rouladen mit Knödeln. Wobei es einige Diskussionen gibt, ob das Knödel oder Klöße sind. Es sind halt nicht nur bayerische Demonstranten. Mei, so freundliche Leute. Könnte man mal öfters vorbeischauen.

Gut, bisweilen runzelt man doch die Stirn, als behauptet wird, die „Cops“ würden Nervengas einsetzen und fassten sich verdächtig oft schniefend an die Nasen, weil sie sich mit irgendwas aufputschen würden. Hm. Irgendwelche Mythen bildet man ja immer in Zeltlagern. Die Zeit drängt leider und wir können die Essenseinladung nicht annehmen. Als der Kollege auf der Rückfahrt doch Hunger hat, fahren wir im Burger King raus. Herrje, all die Jahre Plädieren für gute bayerische Ernährung und dann sowas. Die ganze bayerisch-bodenständige-slow-und-regional-food-Credibilität verspielt. Am nächsten Tag kaufe ich mir gleich zwei Wurschtsemmeln vom lokalen Metzger in Oberau, um meine Arterien mit heimischem Fett zu reinigen.

Die Straßensperren sind weg, die Medien ziehen ihre Übertragungs- und Regie-LKWs ab, Zug um Zug kommen uns die Polizeiwagen entgegen, sogar einen Polizeipanzer sehen wir. Auf alles gerüstet sein. War der gigantische Polizeieinsatz nicht überzogen, meinen Medien und manche Landtagsfraktionen. „Hinterher ist man immer schlauer“ meinen die meisten Garmischer, lieber auf alles vorbereitet sein, wobei diejenigen, deren Sympathien eher auf der linken Seite liegen, sich eher von der Polizei belästigt fühlten.

Ungewohnte Gemeinsamkeiten

Hannes Biehler ist Nebenerwerbslandwirt und Landwirtschaftsreferent der Gemeinde Partenkirchen. Er hat eine Wiese direkt neben dem Camp. Mit Hut und Strickjanker könnte er genausogut Anfang des vergangenen Jahrhunderts auf dem Feld gewesen sein. Ein echter Bayer halt. Er meint, dass es der Polizei zu verdanken sei, dass es so friedlich geblieben ist. Aber den Demonstranten kann er auch was abgewinnen. Er fürchtet, dass die Gentechnik über das Freihandelsabkommen TTIP durch die Hintertür eingeführt wird. Und die Privatisierungen, etwa des Wassers, sowas sei doch „krank“. Denn einer Privatfirma gehe es um Gewinn. Ein kommunaler Versorger dürfe den eben nicht machen, sondern müsse alles wieder ins Netz investieren.

Gegen Privatisierungen und Gentechnik? Ja, da sollte die CSU mal aufpassen, welche Meinungen hier am Lande vertreten werden. Wenn er gewusst hätte, dass alles friedlich bleibt, wäre er vielleicht sogar auch mitgegangen. Tatsächlich hat er Grund, mahnend den Finger zu heben, so gibt es in Garmisch-Partenkirchen kaum noch Vollerwerbslandwirte. Fast alle bewirtschaften nur noch die Wiesen der Eltern und haben ein paar Kühe daheim, die eher den Eigenbedarf decken. Leben kann davon schon lange keiner mehr. Die ideale bäuerliche Welt ist auch hier Vergangenheit.

Während wir sprechen, kommt ein abziehender Trupp Campbewohner vorbei. Einer, schätzungsweise Ende 30, Mitte 40, mit Dreadlocks, Typ irgendwo zwischen Hans Söllner und Berliner Punk, Bierflasche mit Bügelverschluss in der Hand, fängt gleich im breitesten Bayerisch an zu argumentieren. Doch statt TTIP geht er eher auf den globalen Waffenhandel ein und redet und redet und redet. Über Singapur und Gandhi im Schulunterricht. Gehört wohl irgendwie auch mit dazu. Aber dennoch nicht unsympathisch. Biehler verweist immer wieder auf die Gewaltlosigkeit, die er auch und besonders von den Demonstranten einfordert.

Kaum sind sie weg, taucht eine jüngere Madame im Motorraddress auf und keift uns an, wir müssten sofort die Kamera ausmachen und keinesfalls dürften wir das Camp filmen. Nunja, immerhin waren wir gut hundert Meter weg auf fremdem Grund. Das hat die Dame auch schnell eingesehen, war aber noch einige Minuten völlig durch den Wind. Heidernei, was da wohl wieder los war… Sie meinte, es läge daran, dass hier überall versteckte Kameras wären. Achwas. Wirklich? Wieso? Weshalb? Warum? Um die fünf Demonstranten zu überwachen, die überhaupt keinen Politiker mehr bedrohen könnten, weil überhaupt keiner mehr da war? Nunja, aber das soll unseren insgesamt positiven Eindruck von den Leuten hier nicht trüben.

Diesen Eindruck hat auch die Bürgermeisterin von Garmisch-Partenkirchen, Dr. Sigrid Meierhofer. Sie war anfangs komplett gegen das Camp und versuchte es auch mit dem Hinweis auf Hochwassergefahren (was ja fast eingetreten wäre) zu verbieten. Nach der Erlaubnis durch das Verwaltungsgericht trat sie die Flucht nach vorne an und einigte sich mit den Demonstranten auf einen 11 Punkte Plan, darin etwa enthalten, dass die Polizei jederzeit das Lager betreten könne. Davon hatte die Polizei dann aber gar keinen Gebrauch gemacht und trug so wohl auch zur Entspannung der Lage bei.

Und wie geht’s nun weiter?

Hinter dem Kitsch Welcome Dahoam zeigte sich eine echte Willkommenskultur gegenüber Polizisten und Demonstranten. Vielleicht nicht von der Staatsregierung, wohl aber von den Garmisch-Partenkirchenern.

Einige Polizisten und Demonstranten wollen als Urlauber wieder kommen. Journalisten vielleicht auch. Immerhin haben sie von der Regierung noble Deuter-Rucksäcke mit Bayernwappen geschenkt bekommen. Und wurden im Pressebereich mit regionalen Spezereien wie Bergbauern-Joghurt vom Berchtesgadener Land versorgt.

Seitens der Politik und des Fremdenverkehrs hofft man nun, nach den Ausfällen der letzten Tage, auch auf ein nachhaltiges Plus im Tourismus. Die Tourismusexperten sind sich eher uneins über sowas. Na gut, für die hundert und zig Millionen die der Gipfel gekostet hat, sprangen ja auch LTE-Abdeckung der Region und einige Dorfverschönerungen raus. Aber anders als bei einer WM oder Olympia waren die Medien wohl zu kurz da, um nachhaltig in den Köpfen der Menschen geblieben zu sein.

Als Urgestein kann vielleicht auch Herr Haase, so er wieder zurück ist, diese Willkommenskultur an die Besucher und Wanderer weitergeben, die an Elmau vorbeikommen. Selbst wenn sie ihm als Einzigen nicht zuteil geworden ist.

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