Hipster und Historie

Wer sich für bayrische Geschichte interessiert, gerade die des 19. Jahrhunderts, und diese auch an die Wand hängen möchte, dem empfehle ich die historischen Karten des bayerischen Landesvermessungsamtes. Um das Jahr 1820 kartographierte man das ganze Königreich für einen topographischen Atlas. Es war die Zeit, als aufgeklärte Politiker und Beamte die Verwaltung rationalisierten, die Regierung bürokratisierten (das hatte damals noch keinen derart negativen Beigeschmack) und sogar die bayerische Mundart katalogisierten. Mehr Effizienz! Mehr Wissen! Mehr Fortschritt! Und natürlich musste man dafür den exakten Überblick haben: Was war im Königreich wo genau? Wie weit voneinander entfernt? Darum also ein getreues Abbild von Bayern schaffen, im Maßstab 1:50000, wobei „Eine Chaußsée Meile zu 25406 bair. Fußs“ gilt. Auch von den größeren Städten legte man detaillierte Pläne an. Die Karten hat man in Steinplatten graviert, die heute noch als Druckvorlagen im Keller des Landesvermessungsamtes lagern. In den 1980ern erinnerte man sich dieses Schatzes und druckte ihn auf großformatiges Büttenpapier. Und diese Faksimile kann man heute noch kaufen. Ich habe zwei Landkreiskarten, zwei Stadtpläne (aus den 1820ern und 30ern) und eine Poststationskarte des Bayerns von 1810. Sehr schön für die Wand. Nun habe ich jetzt mehr Wand und ich möchte mir darum einen weiteren Stadtplan kaufen. Vielleicht von Regensburg. Da man sich die historischen Stadtpläne aber nicht im Internet anschauen kann und ich mir keine Karte im Sack kaufen möchte, fahre ich nach München, in die Höhle des Löwen, pardon, ins Kartenarchiv des bayerischen Löwen.

Morgens in München

Im Vordergrund der "Plan der königlichen Residenzstadt München", im Hintergrund der Stadtplan Würzburgs

Im Vordergrund der „Plan der königlichen Residenzstadt München“, im Hintergrund der Stadtplan Würzburgs

Ich parke im Lehel, diesem schönen alten Münchner Viertel. Drei Euro zahle ich für drei Stunden Parkzeit, günstig im Vergleich zu anderen Städten. Was fange ich nur mit meiner Zeit an? Ich beschließe: Die Karten können warten! Und marschiere Richtung Innenstadt. Am St. Anna Platz stellt man gerade einen Markt auf, da hätte ich wohl ein leckeres Frühstück kaufen können. Aber es ist ja erst halb zehn, wie kann man da nur erwarten, dass schon fertig aufgebaut wäre. Neben den wunderbaren Häusern aus der Zeit Prinzregent Luitpolds steht auch grausige Architektur, z.B. das BRK Quartier.

Ich gehe weiter und komme an der mächtigen Staatskanzlei vorbei, einer architektonisch durchaus gelungenen Mischung aus alter Pracht und modernem Machtanspruch. Im Hofgarten laufen mir Jogger entgegen, diese Menschen, die nach außen hin die typischen neuen Münchner sind, schön, trainiert, erfolgreich. Dass die nicht arbeiten müssen um diese Uhrzeit…

Endlich komme ich zum Tambosi. Das Café am Hofgarten. Das älteste durchgehend betriebene Kaffeehaus Münchens. Hier hat man Münchner Geschichte zum Anfassen. Auch die jüngere Historie ist da, genoß hier an eben jenem Ort der Monaco Franze die warme Frühlingssonne kurz nach seiner Zwangspensionierung (am Ende der zweiten Folge).

Die Stühle sind nicht um die Tische gruppiert, sondern alle wie im Theater in eine Richtung ausgerichtet. Sehen und gesehen werden. Die Bühne ist die Feldherrenhalle und die Theatiner(haha) Kirche.

In der ersten Reihe stehen zwei knallrote Ledersessel. Ein Mittvierziger sitzt darauf und raucht betont lässig eine Cohiba, trinkt rote Schorle und liest in einem E-Reader. Und das in der Früh.

Ich bestelle mir die hier entwickelte Coppa Luigi, ein extra großer Milchkaffee für 4,50 Euro. Als kein besonders intensiver Kaffeetrinker meine ich: Nicht schlecht, aber auch nicht besonders herausragend. Zum Essen für 6,50 Euro ein Panino Caprese mit Tomaten, Mozzarella, Basilikumpesto und Oliven, durchaus lecker.

Während ich so sitze, lese ich mir in der Speisekarte die Geschichte des Kaffees und des Cafés durch, letzteres klingt schon etwas sehr larmoyant und trauert den guten alten Zeiten hinterher, als sich Rang und Namen, Kunst und Künstler hier die Klinke in die Hand drückten.

Schön ist es hier trotzdem. Die Sonne lacht vom Himmel herab, der Odeonsplatz vor mir, mei, was ist München herrlich, mei, was sind wir schick.

Architektonische Theaterkulisse für Reiche und Schöne, für Flaneure und Touristen.

Architektonische Theaterkulisse für Reiche und Schöne, für Flaneure und Touristen.

Aufgegessen, bei der reizenden Bedienung gezahlt und durch die Stadt geschlendert. Irgendwie kommt man sich schon a wengerl vor wie der Monaco Franze. Also ohne schicke Anzüge und Frauen, aber mit einem Gefühl für diese Stadt. Und zumindest des bisserl geht immer.

Vorbei am Marienplatz und an Heilig Geist. Hier befindet sich ein kleiner Souvenirladen, Touristenzeugs eben. Doch ich möchte weiter, mir wurde ein ganz spezieller Souvenirladen am Radlsteg empfohlen. Servus.heimat heißt der. Hört sich an wie eine Jugendinitiative der Staatsregierung via Social Media. Und an die lokal verbundenen Hipster richtet er sich auch.

Bayerisch für Hipster

Hier finden wir T-Shirts mit Ludwig und Sissi Konterfei, Kapuzenshirts mit bayerischen Ausdrücken, und und und. Vom Style her könnte man damit sogar in der Berliner Szene glänzen – und ein bayerisch-monarchisches Zeugnis abgeben. Ha! Allerdings haben die T-Shirts auch ihren Preis, 32 Euro, die Kapuzenshirts 59 Euro. Da zögere ich dann doch. Vielleicht geht mein Heimweh in der Ferne dann irgendwann doch so weit, dass ich mir es noch kaufe. Schaumermal. Kürzlich habe ich in Köln jemand in einem T-Shirt mit Monaco Franze Konterfei drauf gesehen. Das hatte echt was. Der junge Mann meinte jedoch, ich sei der einzige gewesen, der den Franze erkannt hat. Noja. Da haben die Kölner also noch etwas kulturelle Nachhilfe nötig.

Dann gibt’s Reiseführer für einzelne Münchner Stadtviertel, Bierfilzl mit Ludwig vorn drauf, Flachmänner usw. Alles aus und über Bayern und soweit ich sehe, kein billiger Kitsch. Alles ist von einer hippen, modernen Bayern-Coolness geprägt, eigentlich wie LaBrassBanda (nur ohne Musik). Außerdem gibt’s Helmut Dietl Serien. „Der ganz normale Wahnsinn“, die Serie kenn ich noch nicht, für rund 29 Euro wechselt sie den Besitzer. Einige Zeit später stelle ich fest, dass ich die drei DVDs für die Hälfte woanders auch bekommen hätte. Aber der Ladeninhaber muss wohl den ganz normalen Münchner Mietpreis-Wahnsinn bezahlen.

Im Amt

Zurück ins Lehel, die Maximiliansstraße mit ihren dicken Autos überquert. Da ich nicht gleich den richtigen Eingang ins Landesvermessungsamt finde, tapp ich erst einmal am Wirtschaftsministerium vorbei. Die Ilse seh ich nicht. Ein einsamer rauchender Beamter weist mir dann den Weg. Über den Hinterhof und einen Baustelleneingang komme ich ins Gebäude, einmal rechts und einmal links und dann bei der Pforte nachgefragt. Ahso, die historischen Karten gibt’s im ersten Stock.

Ausschnitt aus dem topographischen Atlas, Blatt "Tirschenreut", Nachdruck des Originals von 1826.

Ausschnitt aus dem topographischen Atlas, Blatt „Tirschenreut“, Nachdruck des Originals von 1826.

An der Tür geklopft und nach einem „Herein“ eingetreten. Im Büro selber hängen ein paar alte Karten, ein Kreuz und ein Bild mit Franz Josef Strauß. Der Beamte weist mir einen Stuhl zu, da meine Anfragen etwas länger dauern, und es wohl ungemütlich wirkt, wenn ich so rumstehe.

Historische Karten von Salzburg, als dieses zu Bayern gehörte, gibt es leider keine. Zu Regensburg, hmmmm, die habe er erst vor einigen Tagen zum Digitalisieren gegeben. Gedruckte Karten, da müsste man einmal nachschauen. Im Keller.

Also nehmen wir den Aufzug, natürlich kommt der falsche, nur einer von zweien geht hinunter. Meine Hoffnung, die originalen Steinplatten zu Gesicht zu bekommen, zerschlägt sich leider, die befinden sich woanders.

Im Keller lagern alle historischen Kartennachdrucke, von Avenarius bis zum topographischen Atlas. Zugegeben, etwas besser waren sie früher in der Buchhandlung Biazza präsentiert, doch die musste einem Bädergeschäft weichen. Tz. Diese moderne Gesellschaft. Was nützt ein schönes Bad, wenn man keine Geschichte zum an-die-Wand-hängen hat. Nun, den historischen Stadtplan von Regensburg gibt’s leider nicht auf den riesigen Blättern wie Würzburg oder München, sondern aufgeteilt in vier Einzelblätter. Nein, das macht sich nicht so gut an der Wand, wenn Straßenzüge und Häuserzeilen durch breite weiße Ränder getrennt sind. Satz mit x, das war wohl nix.

Ich solle doch mal in der „Repro“ vorbeischauen, meint der Beamte, ob die die Karte eventuell schon einmal zusammengefasst wurde. Aber in der Repro könnte es schwierig werden, weil die vielleicht schon in der Mittagspause seien. Es ist ja immerhin schon 11:15 Uhr.

Die Karten sind wie gesagt von 1820 rum, und wurden in den 1980ern gedruckt. Aber weil sie ja gar so alt sind, läuft die Digitalisierung jetzt erst an. Gut Ding braucht Weile. Sollte der Regensburger Stadtplan aber neu gedruckt werden, käme der nicht auf dem schönen Büttenpapier daher, sondern auf Wollflies. Das hört sich gut an, schaut aber so ähnlich aus wie die Karten, die man damals in der Schule im Erdkundeunterricht neben der Tafel hängen hatte. Ok, besser als Hochglanzfotopapier, aber diese schöne alte Wirkung kommt dadurch leider nicht raus.

Ich gehe also in der Repro vorbei, tatsächlich hat der Beamte hier schon einen Apfel in der Hand, er ist trotzdem überaus freundlich. Leider wurde der historische Regensburg-Stadtplan bisher noch nicht zusammengefasst. Wenn ich das unbedingt wollte, würde sich da ein Mensch im Vermessungsamt extra eine Stunde hinsetzen, und es müsste natürlich ganz allein für mich gedruckt werden. Da käme ich dann auf 100 Euro. Ups, das ist mir dann doch zu teuer. Günstiger würde es, wenn mehr Leute sich für so eine Karte interessierten, dann könnten sie eine Miniserie auflegen. Das ist jedoch Zukunftsmusik, die alten Karten haben ja Zeit. Ich muss eben etwas warten. Doch zumindest habe ich dann wieder einen Grund, noch einen Morgen in München zu verbringen.

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