Im Salzberg

Die Schicht beginnt um 6.00 Uhr. Auf den Tischen im Aufenthaltsraum liegen noch ein paar Kronkorken vom letzten Schichtende. Sauber aufgereiht. Männer, nein, gstandene Mannsbilder kommen rein, ehemalige Zimmerer, Schreiner, Maler, Elektro-Installateure. Echte Hand-Werker. Denn bevor man Bergmann wird, muss man erst einen anderen Beruf erlernen.

Die Straßenschuhe gegen Arbeitsstiefel getauscht, rein in den Overall, die Hände gefaltet. Hä? Tatsächlich. Der Schichtleiter stimmt ein Vater Unser und ein Credo an. Alle Männer stehen, zum schlichten, hölzernen Kruzifix gewandt. Und beten mit. Wieso das Gebet? „Dass drunten nix passiert. Mia samma scho sehr gläubig. Und dass mia fit san fia die Schicht.“

Ganz ungefährlich ist es drunten nicht. Der letzte Unfall ist gerade mal 10 Tage her. Doch in den vergangenen Jahren gab es maximal drei pro Jahr. Insgesamt passen die Jungs schon sehr auf, denn ein Krankenwagen kann an ihrem Arbeitsplatz nicht vorbei kommen.

Dann geht’s los. Helme auf, Stirnlampen an und das Sauerstoffgerät nicht vergessen. Der Weg zum Eingang der Mine ist ein letzter Gruß ans Tageslicht. Dann geht’s weiter – zu Fuß. Die ersten paar hundert Meter bewegen wir uns entlang der kleinen Bahnlinie, die sonst Touristen ins Schaubergwerk bringt. Dann biegen wir ab. Der Gang ist schmal und spitz nach oben gemauert, wirkt etwas gotisch. Linkerhand ist ein uralter Seitengang, schon halb verfallen. Noch enger. Seit fast 500 Jahren gräbt man sich hier immer tiefer in den Obersalzberg. Früher wohl mit Talglichtern. Welch wunderbare Entwicklung doch die LED ist!

Ein paar hundert Meter über uns hat vor Jahrzehnten ein Österreicher gewohnt. Ob man irgendwann auf ein paar geheime Bunkeranlagen stößt?

Tiefer

Nach zwei Holztüren ist der Aufzug erreicht. Der ist recht eng, und auf einer Seite nicht abgeschlossen. Ein paar Zentimeter hinterm Kopf saust der rohe Fels an einem vorbei. Bloß nicht die Hand raushalten, sonst ist sie weg, lachen die Kumpels. Ohkee.

Unten angekommen fahren die Kumpels mit der Elektro-Lorenbahn weiter, wir gehen, was sonst, zu Fuß. Insgesamt sind es rund zwei Kilometer bis zum Vortrieb. Die Wände sind grau, mit roten Adern durchfurcht. Salz. Seit 260 Millionen Jahren liegt es da unten. Rot gefärbt von oxidiertem Eisen. In den 500 Jahren Abbau hat man einen Bruchteil der gesamten Lagerstädte freigelegt. Es gibt also noch Arbeit, noch viel Arbeit für die nächsten hundert, ja tausend Jahre.

Doch der Salzabbau per Bergwerk ist teuer. In Südamerika gibt es ausgetrocknete Salzseen, wo das Salz einfach so rumliegt und eingesammelt werden kann. Klar was billiger ist. Die Globalisierung macht auch vor dem Salz fürs Frühstücksei nicht halt. Doch in Berchtesgaden meint man: Wir sollten eigentlich die Besonderheit des seit Jahrmillionen abgeschotteten Salzes stärker herauskehren. Was beim Mineralwasser funktioniert, kann doch genauso für die Vermarktung von Salz gut sein. „Himalaya-Salz wird ja auch gekauft.“

Das Salz muss hier mit Wasser, „Gebirgsquellwasser“, aus dem Gestein gespült werden. Die Sole pumpt man dann bis nach Bad Reichenhall, lässt das Wasser verdampfen, übrig bleibt Salz. Die ganze Region lebt vermutlich schon seit der Bronzezeit vom Salz.

Was nie ein Mensch zuvor gesehen hat

Aber warum arbeitet man heute noch hier unten im Dunkeln? Wo in Deutschland jedes Büro Tageslicht haben muss, gibt es hier ein überschaubares Angebot an LEDs, Neonröhren und Scheinwerfern. Über eine Feinstaubverordnung kann das Vortriebsgerät nur trocken husten. Wenn Stahl und Fels sich treffen, fliegen die Funken. Bohrt sich die Maschine gerade auch in mein Trommelfell?

„Das war schon immer mein Traumberuf“, meint ein Kumpel. Schon sein Uropa war bei Teisendorf im Berg, sein Großvater hier, der Vater, sein Vorgesetzter, auch. Der geht aber bald in Rente. Macht das was, wenn der Vater der Chef ist? „Naa, d’eigentliche Scheefin is ja d’Mutta, und die bleibt dahamm.“ Und wenn dann mal ein Sohnemann das Licht der Welt erblickt, wird er ihm nur empfehlen, runter ins Dunkel zu fahren. Was ist denn an all dem so toll? „Die Kameradschaft.“ Und die Neugier. Seit hunderten Millionen Jahren war hier nichts und niemand. Sie dürfen aber jeden Tag ein Stückchen mehr in die Geheimnisse der Erde blicken. Zugegeben, das hat was.

Zwei Kumpel haben keinen bayerischen Dialekt. So überhaupts nicht. Und bitte von welchem Club sind sie Fan? Schalke??? Immer dabei, den Fan-Wimpel. Noch ein Tipp: Die beiden nehmen eine Prise Schmalzler. Denn sie kommen aus einem Bergwerk, in dem man nicht rauchen darf. Ihre Heimat ist der Pott. In der Kohle haben sie gelernt. Wie ist die Arbeit hier? „Alles viel kleiner.“ Und die Bayern? „Jemütlichkeit und Jeselligkeit.“

Der Jüngere ist Zeitarbeiter. Er würde gerne länger hier arbeiten. Und natürlich noch lieber in seiner Heimat. Doch 2018 macht die letzte deutsche Kohlezeche dicht. Dann ist das Ruhrgebiet endgültig ein Museum. Wie viele Kumpel dann die bayerische Jemütlichkeit kennen lernen dürfen? Und die gigantischen Stollenanlagen des Potts mit schwarzer Kohle gegen ein überschaubares Bergwerk mit rot gefärbtem Salz eintauschen? Die gstandenen, gläubigen Mannsbilder Berchtesgadens haben schon Jahrhunderte vor dem Ruhrgebiet unter Tage gearbeitet. Wenn die letzte Lore die Stollen an Rhein und Ruhr verlässt, fahren sie hoffentlich noch viele Jahre ein, ins Dunkel, ins Salz, in den Traumberuf, in den Berg mit seinen Millionen Jahre alten Geschichten.

Und wer wissen will, wie das alles in Bewegtbild aussieht, der sollte sich diesen schönen Beitrag auf Servus TV anschauen, Beginn bei 6:30)!

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