Stundenwallfahrt nach Altötting

Das religiöse Zentrum Bayerns

Das religiöse Zentrum Bayerns

Es gilt als das religiöse Zentrum Bayerns, ganz in der Nähe wuchs Josef Ratzinger auf, aber auch Gerhard Polt hat hier einen Teil seiner Kindheit verbracht. Klar, dass sich an so einem Ort auch ein CSU-Grande zu schaffen machte. Altötting, oder Eding genannt, sollte doch eine Reise wert sein. Wir machen (noch) keine lange Wallfahrt, sondern einen kurzen Abstecher.

Fährt man von der Bundesstraße ab und in den Ort rein, muss man eine besondere Ausschilderungen zum Kapellplatz schon etwas suchen. Dafür ist ganz in der Nähe des Stadtzentrums ein Parkplatz frei, Parkscheibe eine Stunde, das sollte man wohl schaffen.

Ein Panoptikum menschlicher Notlagen und glücklicher Wendungen

Ein Panoptikum menschlicher Notlagen und glücklicher Wendungen

Der Kapellplatz ist recht weitläufig und sieht bei Regen mit überfrierender Nässe so lala aus. Das Kirchlein im Vordergrund wirkt eher unscheinbar, die Gnadenkapelle. Fangen wir also klein an. Der Umgang unter dem Vordach der Kapelle ist über und über mit Votivtafeln behängt. Jahrhundertealte bemalte Holztafeln, auf denen Unfälle dargestellt sind, bei denen Maria geholfen hat. Menschen, die unter eine Kutsche gerieten, Menschen, die in schwere Autounfälle verwickelt waren, Menschen, die nach dem 2. Weltkrieg nach langen Jahren der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt sind, sogar ein Mörder, der im 17. Jahrhundert zum Tod durch das Rad verurteilt wurde und überlebte, ein Hubschrauberpilot, der seinen Pilotenschein geschafft hat und nun dieses Können dem Dienst am Nächsten widmen will. So viele Notlagen, so viele glückliche Wendungen, so unterschiedlich wie das Leben der Menschen über alle Jahrhunderte eben nur sein kann. Immerhin stammt der Kern der Kapelle aus dem 7. Jahrhundert. Die Erlebnisse versammelt unter dem Vordach.

Beim Eintreten müssen wir das eingefrorene Weihwasser mit dem Finger erst einmal antauen. Prächtig ist dieses Gotteshaus nicht, nein, das machen die schwarzen Wände, sie sorgen für Demut. Aber von oben bis unten ausgeschmückt mit Votivgaben ist es. Wächserne und silberne Kopien von Gliedmaßen, die geheilt wurden, große, verzierte Kerzen, an der Wand ein emailliertes Schild einer Engländerin, die in den 1870er Jahren für ihren zur See fahrenden Sohn bittet. Ein Bild würdigt die 300. Oberpfälzer Wallfahrt 1985. Die 80er. Da wallfahrtete das Bayernvolk noch, Strauß regierte, man kämpfte gegen Wackersdorf, im Fernsehen lief Monaco Franze. Was für eine Zeit das damals gewesen sein muss…

Ob in der Vergangenheit…

...in der Gegenwart...

…in der Gegenwart…

Eine kleine, ältere Putzfrau wischt den eigentlichen Kapellenbereich durch, ich schaue daher nur kurz rein, in der ganzen Pracht wird das Auge kurz abgelenkt. Fokussiert sich aber trotzdem bald auf die schwarze Madonna mit dem Jesuskind. Prächtig gekleidet, aber dennoch wirken die beiden Figuren einfach, schlicht und bescheiden.

Ein älteres Ehepaar, die Dame im Pelz, spricht kurz mit der Putzfrau und setzt sich dann in eine Nische. Sie scheinen auch prototypisch aus einer Serie der 80er Jahre entsprungen zu sein. Die reichen Münchner. Aber wer wird denn an so einem Ort mit Vorurteilen um sich werfen.

...ob in Alltag...

…ob in Alltag…

...oder im Krieg...

…oder im Krieg…

...oder in der Großstadt. Die Menschen hier fanden Rettung oder Trost.

…oder in der Großstadt. Die Menschen hier fanden Rettung oder Trost.

Während des Gebets füllt sich die Kapelle langsam aber stetig. Ich ziehe weiter.

Draußen ist es ziemlich glatt. Wie das wohl beim Hinfallen ist? Ob ich da gleich ein Gelübde ablegen muss, während eines möglichen Falles? Wo soll ich denn nur irgendeine Votivtafel heutzutage herbekommen? In Altötting ist das kein Problem, es gibt genügend Läden in der Umgebung der Kapelle. Doch ich will die Schutzengel nicht zu sehr beanspruchen, und bewege mich vorsichtig und sicher weiter.

Hier liegt der heilige Konrad.

Hier liegt der heilige Konrad.

Die Kirche von St. Maria Magdalena wirkt mir etwas zu aufgehübscht, steril fast, wobei sie ja schon barocke Elemente enthält. Aber besonders andächtig werde ich hier nicht.

Schauen wir in die Stadtpfarrkirche. Kurz hinunter in die Gruft, eine Erinnerung an den Tod, was die Menschen, die hier liegen, erlebt haben? Ob manche Körper schon zu Staub zerfallen sind? Was der Mensch wohl ist, wenn er mehr als dieser Staub ist? Nachdenklich wird man hier unten.

Die Kirche selber ist in rot und weiß gehalten, sie stimmt eher fröhlich. Gotische Erhabenheit, das hat was.

Die Basilika von außen.

Die Basilika von außen.

Kurz vor dem Ausgang fällt mein Blick auf ein Infoblatt, auf dem eine Skelettpuppe abgebildet ist. „Der Tod von Eding“, eine jahrhundertealte Figur. Und wo soll die sein? Ich gehe ein paar Schritte zurück, und sehe tatsächlich oben auf der großen Standuhr, den Sensenmann. Jede Sekunde dreht er sich zur Seite und macht einen Schnitt. „Mystisch“ hat es in der Beschreibung geheißen, tatsächlich packt einen ein leichtes Grausen. Schnitt – schnitt – schnitt rückt der Tod unaufhaltsam näher. Diese Figur muss zu Pestzeiten im 17. Jahrhundert aufgestellt worden sein. Neben der Pracht im Barock kannte man damals auch die Warnungen vor der Vanitas, der nichtigen Eitelkeit, ein memento mori, ein „bedenke Mensch, dass du sterblich bist“. Bei den damaligen Seuchen und Kriegen hatte der Tod eine Sense in der Hand. Heutzutage haben wir dem Tod einen Mähdrescher zur Verfügung gestellt, man denke nur an die Kriege in Syrien und im Irak. Und wir müssen uns an die Folgen unseres eitlen Lifestyles erinnern. Woher kommt nochmal der Rohstoff für unsere tollen Handys? Aus dem Kongo. Mit jedem neuen Handy werden dort die Sklavenarbeiten und Kindersoldaten finanziert, ein Grauen, das nicht besser ist, als damals bei uns in Europa im 17. Jahrhundert.

Das gibt einem schon zu Denken. Was der Mensch dem Menschen so alles antut. Schnitt – schnitt – schnitt. Jede Sekunde. Ich blicke zum Altar, das reißt mich aber nicht heraus aus meinen Gedanken. Beim Verlassen der Kirche fällt mein Blick auf ein Bild der Muttergottes mit dem Jesuskind. Auch ein barockes Bild. Anders als der Altar strahlt dieses kleine Bildchen eine enorme Wärme, Herzlichkeit und Fröhlichkeit aus. Ein Carpe diem, aber nicht als bloßes hedonistisches Genießen des Lebens, sondern eher des Nutzens der Lebenszeit. Trotz all des Bösen in der Welt, sollten wir doch Mut zum Guten fassen und die Geborgenheit und das Gute, das wir erfahren, weitergeben.

Renovierungsbedürftig sieht das ja nicht gerade aus.

Renovierungsbedürftig sieht das ja nicht gerade aus.

Ich verlasse die Kirche und gehe vorsichtig über den Platz, es ist ja immer noch extrem glatt draußen, und komme an einer Statue des heiligen Konrad von Parzham vorbei. Ein braver, kleiner, sympathischer Heiliger. Der zeigte, dass man kein großer Held sein muss, um „zur Ehre der Altäre“ erhoben zu werden. Nein, der Konrad saß jahrein, jahraus an der Pforte im Kapuzinerkloster und tat allen Menschen, die ihn um Hilfe ersuchten, Gutes. Ich trete also in die eher kleine Kirche ein. Besonders schön ist sie nicht, ein moderner metallener Baldachin steht über dem Altar. Der Innenraum selbst wirkt eher schlicht, aber nicht diese moderne „minimal“ Schlichtheit, sondern einfach halt nix wofür man aha und oho sagen müsste. Trotzdem wirkt sie warm und einladend zum Gebet. Irgendwann kommt ein Pater heraus und will Gegenstände segnen, dafür seien wir ja gekommen. Also ich nicht, und so wie ich die Blicke vieler anderer Gäste deute, die auch nicht.

In der Basilika ermahnt der Papst, das Bild erinnert doch etwas an den coolen Jesus aus einem gewissen Film.

In der Basilika ermahnt der Papst, das Bild erinnert doch etwas an den coolen Jesus aus einem gewissen Film.

Also weiter. Es fehlt noch die große Basilika. Donnerwetter, die ist richtig prächtig. Knapp über hundert Jahre alt, also eine ziemlich junge Kirche. Dennoch muss anscheinend viel renoviert werden, so heißt es jedenfalls überall auf Hinweisschildern. Dabei ist sie doch sehr hell und die Farbe wirkt überall frisch. In alter, gemalter Schrift wird auf die Möglichkeit einer elektronischen Spende mittels EC-Abbuchung hingewiesen. Besonders andächtige Stimmung kommt da fei nicht auf! Was ist nur aus dem guten alten Klingelkasten geworden. Den gibt’s auch noch, ich schmeiß da a wengerl Geld rein, wenn tatsächlich so viel Renovierungen anstehen.

Viel Geld hatte Gerold Tandler erhalten. Der CSU-Politiker und Minister unter Strauß besitzt das Hotel zur Post am Kapellplatz. Also das erste Haus sozusagen. Über dessen Vorgehen beim Erwerb hat Gerhard Polt einen bitterbösen Text geschrieben, mei, wenn da nur die Hälfte stimmte… 700 000 Mark hatte ihm der Bäderkönig Zwick zum Kauf dieses Hotels geliehen, renoviert wurde es mit öffentlichen Mitteln. Eine Ermittlung, ob Tandler ihm dafür bei dessen immenser Steuerhinterziehung geholfen habe, wurde gegen Geldzahlung eingestellt. Was an so heiligen Orten ablief, mochte man anscheinend gar nicht so gern wissen.

So, ich muss zurück zum Auto. Im Winter scheint Altötting ein normales Städtchen mit etwas mehr Kirchen zu sein. Ob die wuchtige Vergangenheit zwischen Polt und Prälaten, Katholizismus, Barock und CSU immer noch stark nachwirkt?

Zum Abschied grüßt uns kurz vor dem Ortsausgang ein Schild. Nämlich von der „Freien Christengemeinde Altötting“.

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