Terrorwarnungen und Bierpaläste

Zwei ausländische Geheimdienste warnen die Münchner Polizei vor einem Terroranschlag. Ausgerechnet wenn wir Silvester in der Landeshauptstadt feiern wollen. Ou Mann. Die Fete steigt in einer Wohnung in West-Schwabing. Es wird wohl gespeist und bayerisch getrunken, die Musik ist wie üblich tippitoppi.

Dem Bier einen Palast errichten, einen Palast für jedermann. Welch demokratischen Sinn die Brauereibesitzer Ende des 19. Jahrhunderts hatten...

Dem Bier einen Palast errichten, einen Palast für jedermann. Welch demokratischen Sinn die Brauereibesitzer Ende des 19. Jahrhunderts hatten…

Als ich aus dem Fenster sehe, bemerke ich auf einmal Mannschaftswagen um Mannschaftswagen der Polizei mit Blaulicht die Schleißheimer Straße runterbrausen, Richtung Innenstadt. „No, des mou a grouße Schlägerei sein,“ meint ein Kollege. Die Sause geht weiter, da bekommt ein Freund einen Anruf seines Bruders. Ob wir das schon gelesen hätten, was die Münchner Polizei da twittere. Eine Terrorwarnung. Wie? Was? Wann? Wo? A geh, des wird nur so eine hochgeschaukelte Meldung sein. Dann gucken wir aber doch auf den Twitter Account der Münchner Polizei. Hauptbahnhof und Pasinger Bahnhof gesperrt. Keine Züge fahren die Stationen mehr an. Und dann der verständliche, an diesem Abend aber sehr seltsame Satz: „Meiden Sie größere Menschenansammlungen.“ Ui, an so einem Tag… Sollte man da gar nicht vor die Türe gehen? Also bitte. Das Thema macht zwar noch etwas die Runde, interessiert aber nicht sonderlich.

Schließlich ist es halb zwölf. Zeit, aufzubrechen. Wir wollen das Neue Jahr vom Olympiaberg aus begrüßen. Gehen wir nun raus? Na freilich! Nicht, weil wir uns gegen den Rat der Polizei stellen, sondern weil wir uns den Abend nicht von so einem Gesindel beeinträchtigen lassen wollen. Jetzt erst recht! Ein Paar allerdings bleibt zu Hause, denn die haben schon Verantwortung für einen kleinen Erdenmenschen, wir Verantwortungslosen marschieren los.

Kurz bevor ich die Tür verlasse packt es mich dann doch: Ich nehme den 2009er Kerner Auslese vom Weingut Hirn aus Unterfranken mit. Denn wenn doch was passiert, möchte ich nicht, dass es mit einem x-beliebigen Sekt zu Ende geht. Und das neue Jahr sollte man ebenfalls mit einem guten Getränk begrüßen. Den Ärger über diese Bösewichteln und ein mulmiges Gefühl bekämpfe ich mit Galgenhumor. Was bleibt einem denn sonst übrig. Terroralarm in München, das ist ja sowas von 1972. Überhaupt nicht up to date. Andererseits kann es sich vielleicht auch um Retro-Terroristen handeln, also um Terror-Hipster. Dafür kann der Bart gleich dran bleiben.

Tatsächlich hatte München in den 20ern und 30ern den braunen Terror auf den Straßen erlebt, dann kam 72, und dann das Oktoberfestattentat 1980. Das ja bis heute noch nicht vollständig aufgeklärt ist, un-mö-glich. Ansonsten ist die Sicherheitslage in der Landeshauptstadt im Vergleich zu anderen Großstädten hervorragend.

Doch, etwas flau ist mir schon im Magen, der Olympiaberg könnte tatsächlich als Ort einer größeren Ansammlung ein Ziel sein. Gerade fällt mir auf, dass dessen Zugänge im Vergleich zum Marienplatz oder dem Stachus noch schwerer kontrollierbar sind. Und es wäre wohl ein historischer Ort. Hm.

Wir nähern uns der Bergspitze. Hier stehen einzelne Grüppchen, erleichtert stelle ich fest, dass ein Bombenanschlag hier nicht viel bringen würde. Die Explosionswirkung würde verpuffen und keine Massen wären getroffen. Allerdings mit einem Maschinengewehr, ojeoje. Dann kommt mir in den Sinn, dass jetzt aber alle Leute bis an die Zähne mit Raketen bewaffnet sind. Einen dümmeren Tag für einen Anschlag mit Gewehr kann man sich ja gar nicht aussuchen. Das merkt das Gelumpe spätestens, wenn ihnen 700 Feuerwerke um die Ohren fliegen und vor dem Gesicht explodieren.

20160101_000404

Viel mehr sieht man in der Nebelsuppe nicht.

Wir stehen jetzt oben und schauen nach München rein. Im ersten Moment nerven mich die Leute deutlich mehr, die schon zehn Minuten vor zwölf alle Raketen und Böller raushauen, dass es nur so kracht. Dann ist es auf einmal soweit, wir wünschen uns allen ein gutes Neues Jahr und erzählen im Telefongespräch mit der Familie, dass wir noch leben. Besonders viel vom Feuerwerk bekommen wir aber nicht mit, der Schwarzpulverdampf verbindet sich mit dem Nebel, insgesamt haben wir wohl keine 50 Meter Sicht.

Irgendwann machen wir uns wieder auf den Heimweg. Erleichtert sind wir schon. Allerdings denkt man noch bei den besonders lauten Böllern, auch Tschechenkracher genannt, das könnte jetzt auch eine Explosion sein. Aber gerade in so einer Nacht wirkt ein Knall nicht sonderlich erschreckend.

Wir feiern weiter in der Wohnung, das Wetter draußen ist zu nieselig und wir wissen auch gar nicht, in welchen Club wir an diesem Tag überhaupt noch reinkommen würden. Gedanken um den Terror machen wir uns keine mehr. Einzig und allein die Nachbarn fühlen dich durch die leicht gehobene Lautstärke der Musik terrorisiert. Die Polizei kommt an diesem Tag aber nicht vorbei.

Am nächsten Morgen wird die Wohnung ordentlich aufgeräumt, man ist hier schließlich im sauberen München und nicht in irgendeiner Grattlerstadt.

Danach darf man ans Mittagessen denken. Wir wollen uns im Augustiner in der Neuhauser Straße treffen.

Ende des 19. Jahrhunderts erlebte München einen Boom, einerseits durch den Wirtschaftsaufschwung der Gründerzeit. Andererseits war München aufgrund der Kunstbeflissenheit der bayerischen Könige damals schon ein beliebtes Reiseziel von Touristen. Die Brauereien der Landeshauptstadt wollten sich nicht lumpen lassen und würdigten den Gerstensaft in repräsentativen Bauten, so genannten Bierpalästen. Aus dieser Zeit ist leider nur noch eben dieser Augustiner von 1897 in der Neuhauser Straße übrig. Übrigens ist die Augustiner-Brauerei die älteste noch erhaltene Brauerei Münchens (von 1328).

Den 2. Weltkrieg hat das Gebäude gut überstanden, 1982/83 wurde restauriert. Ob aus dieser Zeit das Franz-Josef-Strauss Konterfei (mittleres Bild) stammt?

Den 2. Weltkrieg hat das Gebäude gut überstanden, 1982/83 wurde restauriert. Ob aus dieser Zeit das Franz-Josef-Strauss Konterfei (mittleres Bild) stammt?

Ich steige beim Stachus aus und laufe die Straße runter. Hier ist deutlich mehr los als auf dem Olympiaberg. Ein Gesumms und Gewusel. Aber wo kämen wir denn da hin, jetzt noch an einen Terroranschlag zu denken? Jetzt gibt’s schließlich gleich was zu Essen!

Im Augustiner selbst sehen wir sehr viele sehr gut gekleidete Touristen, es ist eine Tourischwemme. Ja, aber was für eine!

Der Augustiner besteht aus dem Bräu-Ausschank und dem Restaurant. Die Karte ist aber überall die selbe. Wir gehen ins Restaurant. Die Räume sind wirklich einem Palast angemessen. Stuck und Säulen, draußen Neurenaissance, drinnen Neubarock. An den Wänden finden wir Gemälde von den Personifikationen Gerste, Hopfen, Handel und Industrie. Man fühlt sich wie in einem gehobenen Küchentempel. Die größte Überraschung war allerdings der Ober: Der redet bayerisch! Diese Sprache habe ich in München schon so lange nicht mehr gehört, unglaublich. Da kenne ich ja mehr bayerisch-sprachige Bedienungen in Köln als in München. Und hier, in dieser Tourischwemme redet man unsere Sprache. Mei, da wird einem warm ums Gehör.

Der Saal im Obergeschoss hat eine Kassettendecke aus massiven Balken. Im hinteren Bereich des Wirtshauses, das übrigens mit dem Bräu-Ausschank auch innen verbunden ist, gibt es noch weitere Säle. Einer hat sogar eine Theaterbühne. Der Biergarten ist gerade leider teilweise mit Pressspanplatten verrammelt. Dahinter können wir aber sehr schöne Wandmalereien erkennen. Karl Gattinger schreibt im Buch „Genuss mit Geschichte“, dass man in diesem Augustiner die „Gasthauskultur der Prinzregentenzeit“ erfahren könne, mit dem „Versuch, Gemüt und Großstadt zu verbinden“. Hm, von Gemüt würde ich nicht sprechen. Aber tatsächlich ist es den Gestaltern gelungen, bayerische Wirtshauskultur abseits von Hofbräuhaus oder Wiesnzelt für eine breite, auch internationale Masse herzustellen. An Terrorwarnungen denkt hier niemand.

Weil am Vortag genug getrunken wurde, genehmige ich mir eine Johannisbeerschorle für stolze 4,80 Euro à 0,4 Liter (ein Jahr später sind es schon 4,95).

Zum Essen bestelle ich eine Leberködelsuppe für 4,50. Der Knödel, der eher wie ein abgerundeter Würfel ausschaut, hat auf einer Seite ein seltsames Gittermuster und ist recht hart. Schmecken tut er eigentlich nach Nix, aber wenigstens ist die Brühe nicht versalzen.

Das Fleisch und die Zutaten kommen zumeist aus Bayern.

Das Fleisch und die Zutaten kommen zumeist aus Bayern.

Danach nehme ich die hausgemachten Metzgermaultaschen für 8,95. Die schmecken zwar immer noch nicht wie bei einer schwäbischen Oma, aber haben zumindest eine recht interessante Würzung, ich vermute dass Zitrone mit drin ist. Auf jeden Fall ist Schinken drin (ein Jahr später waren sie leider viel zu viel gezalzen). Der Kartoffelsalat ist akzeptabel. Das saure Lüngerl für 8,95 ist, hm, gewöhnungsbedürftig. Nicht, dass es schlecht ist, im Gegenteil, es ist fein säuerlich und erinnert etwas an eine Schwammerlbröi. Aber die weiche Textur ist der heutige Esser von Fleisch nicht gewohnt. Das muss man halt wieder lernen. Der Semmelknödel dagegen ist mir etwas zu hart. Ein Kollege hat den Schweinekrustenbraten für 13,50 bestellt und kommt aus dem Schwärmen nicht mehr heraus, fantastisch und der beste, den er bislang in München gegessen habe. Na da schau her. Ich habe ihn ein anderes Mal probiert, er ist tatsächlich nicht schlecht. Wie lange er sich so weit oben halten kann, werden weitere Tests in anderen Gasthöfen zeigen.

Wieder zurück in der Heimat lese ich, dass der Münchner Polizeipräsident den Menschen trotz Terrorwarnung rät, sich nicht unterkriegen zu lassen und den gewohnten Alltag weiterzuleben. Check, als brave Bürger haben wir genau das gemacht! Außerdem wünscht uns der Twitteraccount der Polizei noch „a guads Neis“. Na, da ist die Welt doch wieder in Ordnung, da kann man sich auf oberpfälzisch gleich anschließen: A gouds Neis!