Top of Germany

In Bayern gibt’s die süffigsten Biere, die besten Schweinsbraten und grünsten Wiesen, den blauesten Himmel und natürlich die größten Berge. Zumindest von Deutschland. Der allergrößte ist bekanntlich die Zugspitze. Mit stolzen 2962 Metern steht man hier über den (deutschen) Dingen. Während im Sommer der klägliche Rest des Gletschers mit Folie abgedeckt wird, um ihn überhaupt zu erhalten, gibt es im Winter ein recht feines Skigebiet.

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Das ist Aussicht!

Die Bahn bietet ein Kombiticket für 52 Euro ab München an. Mit dabei: Die Fahrt bis nach Garmisch-Partenkirchen, die Fahrt mit der Zahnradbahn auf den Gletscher und der Skipass für einen Tag. Jupp, das ist fair.

Halb sieben, 6:30 Uhr also, man kann sich vorstellen, wann wir aufstehen müssen, geht der Zug ab. Wir steigen im Dunkeln in Pasing zu. Am Bahnsteig warten nur ein paar Jugendliche, die offensichtlich auch in die Berge wollen. Also wenn nur so wenig Menschen aus München das gleiche Ziel haben, brauchen wir uns wirklich keine Sorgen zu machen, dass es auf der Piste zu voll wird. Tatsächlich werden es auf dem Weg kaum mehr. Der Waggon ist leicht anders eingerichtet als die typischen Regio-Züge. Auf den Tischchen finden wir touristische Landkarten mit den diversen Bahnlinien und Sehenswürdigkeiten der Gegend aufgemalt.

Oben finden wir typisch bayerisch eine Kapelle...

Oben finden wir typisch bayerisch eine Kapelle…

Draußen weicht die absolute Dunkelheit langsam der Dämmerung, ich presse das Gesicht fest ans Fenster und kann die Konturen der Berge erkennen. Gespannte Vorfreude.

Da wir keine Ahnung haben, wo wir in Garmisch hinmüssen, fragen wir den Schaffner, der uns gut informiert, obwohl er dialektal sicher nicht aus Bayern kommt.

Am Bahnhof gehen wir durch eine Unterführung und sind schon an der Station der Zahnradbahn. Zwei Euro müssen wir als Pfand für den Skipass dalassen. Etwas warten auf die Bahn und dann noch einmal kurz warten, bis wir durchs Sperrgitter kommen. Die Ticketverkäuferin muss nämlich noch einem Touri erklären, dass ein Garmisch-Partenkirchen-Ticket nicht für diese Bahn hier gilt. Neben uns stehen Engländer, Asiaten und wohl ein paar einheimische Jugendliche, vielleicht vom nahe gelegenen Internat in Kloster Ettal. Ihr Dialekt ist auch nicht gerade urbayerisch.

Die Zahnradbahn hat ein kantiges 70er Jahre Design, ist aber voll bayerisch. Vorne dran das bayerische Wappen, innen sind sogar in die gläsernen Trennwände das Rautenmuster eingraviert. So gehört sich das! In der Bahn sehen wir Werbung für die Zugspitze selbst, mit dem Namen „Top of Germany“.

Bei der Auffahrt sehen wir nur grüne und braune Wiesen. Traurig, traurig sieht das aus. An der Haltestelle Hausberg, an der eigentlich schon der erste Skibetrieb sein sollte, finden wir eine dünne weiße Linie, gesäumt von zahllosen, unnützen Schneekanonen im Abstand von zehn Metern. Traurig, traurig das.

... und sogar einen Maibaum.

… und sogar einen Maibaum.

Angesichts solcher Ausblicke in die Zukunft bayerisch-alpinen Winters erscheint der Ausbau unserer Berglandschaft doch sehr, sehr fraglich. Man denke etwa an das Sudelfeld. Dort hat man für das größte zusammenhängende deutsche Skigebiet extra einen Riesen-Speichersee hingeklotzt. Man braucht ja schließlich Wasser für die 250 Schneekanonen. Der bayerische Steuerzahler legte dafür ordentlich Kohle hin, per Förderung durch Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, in deren Wahlkreis zufälligerweise das Sudelfeld liegt. Die beiden Kläger, der Bund Naturschutz erstmals gemeinsam mit dem Deutschen Alpen Verein, hatten vor Gericht wenig Chancen. Tja, wie schade nur, dass man in Zeiten des Klimawandels immer noch Minus-Grade für Schneekanonen braucht. Hauptsache Landschaft verbaut, Geld ausgegeben, ob es was nützt, kann man später ja immer noch hoffen.

Den Ausbau des Sudelfelds haben sowohl die Biermösel Blosn im Stück Ekzem Homo besungen, als auch deren früheres Mitglied Hans Well mit seinen Kindern.

Die Zahnradbahn fährt und fährt immer weiter bergauf, irgendwann kommen wir durch einen scheinbar ewig währenden Tunnel. Das wirkt so einschläfernd, ich döse immer wieder ein. Was gar nicht mal so schlecht ist, schließlich ist man ja früh aufgestanden.

Endlich kommen wir oben an. Hier kann man sich alles ausleihen, was man so braucht zum Skifahren. Und ich brauche Ski und Stiefel und Helm und Brille, für das zahle ich 27 Euro. Der Verleiher spricht bayerisch und scheint ortsansässig zu sein.

Dann rauf auf die Ski und wow, erst einmal die Aussicht genießen!

Mei wie is des schön. Was für eine Sicht! Tolles Wetter! Wenig los! Da sind die Gedanken an die grausige Umweltverhunzung am Sudelfeld weit weg.

Die erste Abfahrt geht überraschend gut. Ui, aber dann die Oberschenkel. Hätte man mal vorher etwas Skigymnastik gemacht, und nicht die Weihnachtsferien komplett auf dem Sofa verbracht. Aber Hand hoch lieber Leser, wer macht schon Skigymnastik? Oho, doch so wenig (dank der WordPress-Funktion „evil eye“ kann ich über die Laptop/Tablet/oder Handy-Kamera jederzeit überprüfen, welcher Leser jetzt die Hand hebt) (Liebe Verschwörungstheoretiker, eine „evil eye“-Funktion gibt es nicht!).

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4,88 Meter ist das Gipfelkreuz hoch. Es stammt von 2009 und hatte schon einige Vorgänger, die durch Blitzschlag oder Beschuss ramponiert wurden.

Also runter ins Tal, dann gleich wieder rauf mit dem Sessellift, es ist echt wenig los und man muss nicht anstehen. Vom Lift aus sieht man sehr gut die verschiedenen Gesteinsformationen, und bekommt eine Ahnung, welche Kräfte vor Millionen von Jahren dieses Gebirgsmassiv geschaffen haben.

Das Münchner Haus schaut von außen wenig einladend aus.

Das Münchner Haus schaut von außen wenig einladend aus.

Abfahrt um Abfahrt nehmen wir und haben bald die wichtigsten Strecken durch. Groß ist das Skigebiet ja nicht, überlaufen auch nicht, gerade die Bayern scheinen sich hier rar zu machen, die wollen wohl was Größeres. Die etwas tiefer gelegene Abfahrt ist auch gesperrt, vermutlich fängt da schon die schneefreie Zone an. Ansonsten muss man sagen, das Gebiet ist ideal, um wieder ins Skifahren reinzukommen oder um es Kindern beizubringen.

Wir fahren und fahren, und haben bald alles durch. Das Wetter zieht etwas zu. Ich möchte unbedingt ganz hoch zum Gipfel. Ich frage beim Personal nach und höre erst einmal „nix verstehen“. Erst der dritte Mann, den ich frage, versteht mich soweit, dass er mir sagen kann, wo wir zur Gondel nach oben gelangen.

Während wir dort warten, fängt es an zu schneien. Viele Nicht-Ski-Fahrer, eher Ausflügler warten ebenfalls. Ob sich für sie, ganz ohne Skifahren, der Trip gelohnt hat? Ich glaube nicht. Der Nebel wird immer stärker, Fernsicht Fehlanzeige, da hätten sie im Tal wohl weiter schauen können, ein paar Meter höchstens können wir blicken, bis zum Gipfelkreuz.

Innen drin ist es warm und modern-alpin.

Innen drin ist es warm und modern-alpin.

Nachdem wir uns alles (haha) angeschaut haben, begeben wir uns wieder ins Innere des Münchner Hauses. Wir haben Hunger und wollen im dortigen Restaurant Gipfelalm einkehren. Na, denkt man sich, das wird wohl so eine Touriabsteige sein. Doch von wegen! Die Einrichtung wirkt zwar etwas künstlich bayerisch, aber etwas urig Authentisches erwarte ich mir ja nicht auf knapp 3000 Metern. Die Speisekarte ist auf deutsch und auf englisch, doch dafür spricht die Bedienung bayerisch. Die Leberknödelsuppe ist gehoben im Preis, aber überraschend gut, in den meisten Lokalen habe ich schlechtere gegessen. Das heißt: Sie ist besser als in vielen anderen Wirtshäusern, die älter und näher am Meeresspiegel sind. Der Schweinebraten ist übrigens billiger als in München. Damit stopfen wir uns aber nicht voll, denn die Suppe war schon eine passable Portion. Der Apfelstrudel mundet ebenfalls, er könnte etwas mehr Zimt und Rosinen vertragen, aber das ist dann schon Jammern auf hohem Niveau. Das Brot soll ein Geheimrezept einer regionalen Bäckerei sein, schmeckt jedoch ziemlich normal. Überhaupt scheinen die meisten Speisen aus der Gegend zu kommen, sehr löblich für die Gemeinde! Die Maracujaschorle (an so einem Tag sollte man ja einige Vitamine zu sich nehmen) ist sehr fein. Wo wir gerade bei den Getränken sind: In der Karte finden wir auch eine große Zahl an Edelbränden vom Lantenhammer, der ja auch den berühmtesten bayerischen Whiskey brennt, den Slyrs vom Schliersee. Ich bestelle mir einen Wildbrombeerenbrand. Der wird extra in einem Lantenhammerglas serviert, huiui. Der erste Geruch ist ziemlich chemisch, nach Haarspray o.ä. Beim ersten Schluck brennt es ziemlich, dann kommt ein leichter, aber guter Obstgeschmack. Dann wird’s wieder rass, hat ja auch 42%. Ich lasse den Schnaps atmen und warte einige Minuten, schwenke ihn im Glas herum. Dann trinke ich wieder, er ist jetzt etwas milder und fruchtiger, aber nur einzelne Tropfen. Größere Schlucke gehen immer noch in diese viel zu rasse Richtung. Vielleicht liegts auch ein einer falschen Glasform, die Öffnung nach oben ist eventuell zu eng. Oder die Geschmacksnerven funktionieren in dieser Höhe anders.

Wir fahren wieder runter und sehen Arabern beim Zipfelbob fahren zu. Was sich die vollverschleierten Damen da wohl denken? Angesichts des Schnees? Angesichts dieses seltsam geformten Geräts? Es ist ja schön, dass sie uns besuchen, und unsere Welt kennen lernen wollen. Dass allerdings auf Werbeprospekten für die arabische Welt das Gipfelkreuz auf dem Foto weggelassen wurde, finde ich persönlich etwas seltsam. Das Kreuz gehört eben nunmal zur Zugspitze, warum sollte man es verstecken? Den Anblick im Prospekt dürften die Damen und Herren wohl schon noch ertragen. Schlimm genug, dass das Kreuz im Panoramabild im Aufzug von irgendjemand durchgestrichen wurden. Aber da vermute ich keine Araber dahinter, sondern eher Preußen-Pennäler.

Mei wie nett, sogar handgeschrieben.

Mei wie nett, sogar handgeschrieben.

Der Schneefall wird immer dichter, es nebelt jetzt auch stark. Wir fahren noch einmal runter, können aber kaum die Piste erkennen, geschweige denn die Konturen des Bodens. Überall Schneeanhäufungen. Gerade wo ich mir denke, mei, lange Zeit nicht gefahren und dann einen Tag oben und nix passiert, bleibe ich in einer Schneewehe hängen und mich schmeißts dann doch. Na toll. Wir fahren wieder mit dem Sessellift nach oben, müssen aber feststellen, dass der Nebel schon wieder dichter geworden ist. Alle Menschen gehen jetzt rein, niemand ist mehr auf der Piste.

Auch wir gehen rein in das große Gebäude, das die Station der Zahnradbahn, den Verleih und ein Wirtshaus beinhaltet. Ich hole mir einen Pfefferminztee und für meinen Kollegen einen Jagertee. Ich frage die Bedienung, was das wohl genau sein möge, doch sie weiß es auch nicht. Zumindest kommt es direkt aus einer Zapfanlage. Sehr vertrauenswürdig für ein Teemischgetränk. Am Tisch unterhalten wir uns dann mit einem älteren, etwas wunderlichen, aber netten Potsdamer, der schon seit Jahrzehnten hierher kommt. Eine fette Aprés Ski Stimmung herrscht hier nicht, Besoffkis laufen keine rum.

Da draußen mittlerweile ein veritabler Schneesturm tobt, geben wir eine Stunde früher unsere Skier ab, normalerweise dürfte man sie bis 16:00 Uhr ausleihen.

Welch schöner Anblick wo es draußen stürmt und schneit.

Welch schöner Anblick, wo es draußen stürmt und schneit.

Während die Zahnradbahn wieder durch den Tunnel muckelt, döse ich wieder ein. Also diese bayerische Bahn sollte man in der Nebensaison als Therapiezentrum gegen Schlaflosigkeit nutzen. Unten angekommen den Skipass abgegeben und heimgefahren. Auch wenn wir den Nachmittag nicht so nutzen konnten, die Abfahrten gingen schon etwas in die Knochen.

Fazit: Obwohl wir ganz on the Top of Germany nicht viel gesehen haben, als Tagesausflug ist die Zugspitze allemal einen Skiausflug wert. Die Abfahrten sind recht einfach und weder von Einheimischen noch von Touristen überlaufen. Vielleicht sollten wir nochmal im Sommer wiederkommen, als ganz normalen Bergausflug und dann weniger Schneesturm und mehr Aussicht genießen.

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