Tscharlie, Monaco und Baby – Über drei Serien mit bayerischem Flair

Das ist kein Nachruf auf Helmut Dietl im eigentlichen Sinne, den könnt ihr in Qualitätsmedien nachlesen, die weniger tendenziös geschrieben sind als dieser Blog.

Anlässlich seines Todes möchte ich aber den Blick auf drei seiner Serien lenken:

  • Münchner Geschichten
  • Monaco Franze
  • Kir Royal

Denn von diesen kann man viel über den damaligen Zeitgeist in Bayern lernen. Der BR hatte sie vor ein oder zwei Jahren im Programm am Sonntag Mittag, wenn er sie wieder sendet, könnt ihr bei gewissen Dingen mal genauer hinschauen:

Der Tscharlie

Fangen wir mit den „Münchner Geschichten“ an. Auf den ersten Blick geht’s um die Abenteuer von Charlie, Tscharlie oder Karl Häusler, gespielt von Günther Maria Halmer. Ein in den Tag hineinlebender Träumer, der mal dieses, mal jenes Projekt angeht, mal diesen, mal jenen Job hat, und alles aus einer Laune heraus wieder hinschmeißt. Wow, denkt man sich da, wie man damals in den 70ern in München ohne festen Job überleben konnte, wie leicht man aber auch wieder in einen neuen Job kam. Heute müsste man für sowas wohl zu einer Zeitarbeitsfirma gehen oder drei Minijobs annehmen, und hätte am Ende trotzdem kein Geld für ein einigermaßen schönes Leben.

Eine Sorglosigkeit, die Tscharlie da 1974 f. an den Tag legt, ob hoch zu Ross auf dem Weg nach Sacramento durch die Leopoldstraße oder mit seiner Verlobten Susi, die seine berufliche Situation und diverse Nebenbuhlerinnen ertragen muss.

Auf den zweiten Blick aber sehen wir München von unten, das München der kleinen Leute. Da wird noch bairisch gred’t und gfluacht, und das in München (!). In der Folge „Das Brettl“ wird betont vor der Preußifizierung Bayerns gewarnt. Tscharlie wohnt mit seiner Oma (Therese Giehse, ja die Kultur ist in der Serie auch vertreten) im Lehel, auch das muss man sich mal vorstellen. Das Lehel als kleine-Leute-Viertel. Heute gibt’s die 1-Zimmer-Wohnungen da ab 700 Euro aufwärts. Wir treffen den Versicherungsangestellten, den geigespielenden, alleinstehenden, älteren Herren, den Taxifahrer Ahmed, die Wirtsleute vom St. Anna Eck, und den mafiösen Ganoven Liezner. Ein Milieu, das am Ende verschwindet, als der Hausbesitzer ihnen allen kündigt und man merkt, dass München reicher und kälter wird. Eine Serie als Milieustudie, bravo.

Ich habe die Serie das erste Mal in der Maxvorstadt in einer WG gesehen, und mit einem Mal kam mir das Bayerische an München nicht mehr nur als Kommerzartikel vor, schön hergerichtet für die Touristen und Zuagroasten, die Stadt hatte nun eine authentische bayerische Erdung bekommen. Wir gingen sogar einmal durchs Lehel, sozusagen auf den Spuren der Serie, aber viel war nicht mehr übrig.

Der Monaco

Das mittlere bis gehobene Bürgertum nimmt Dietl dann im Monaco Franze aufs Korn. Bleiben wir wieder zuerst beim ersten Blick. Der ewige Stenz, gespielt von Helmut Fischer, nutzt seinen Beruf als Kommissar eher dazu, den Münchner Damen nachzustellen. Seine hochwohlgeborene Ehefrau erträgt die Eskapaden, schiebt ihm aber irgendwann einen Riegel vor, indem sie ihn pensionieren lässt. Was ihn aber nicht davon abhält, seine Geschichten weiter zu treiben. Kurzum, die Serie stellt die Erlebnisse eines Münchner Bohemiens dar, kein Wunder, dass man ihm in Schwabing an der Münchner Freiheit (wo sonst?) ein Denkmal gebaut hat.

Allzu tiefe Sozialkritik braucht man vom Monaco Franze nicht erwarten. Der Franz will zwar nicht mit in die Oper gehen und zieht gerne über die Schickeria vom Leder, aber das sind mehr humoristische als kritische Einwürfe. Eher interessant ist die vorletzte Folge „Wo ist das Leben noch lebenswert?“, in der das geliebte „Spatzl“ auf die Bermudas ziehen will und Franz daher sein teures München verlassen muss. Müsste. Diese Episode kann man durchaus als Liebeserklärung an die bayerische Landeshauptstadt verstehen. Auch ganz nett ist „Der Herr der sieben Meere“, die während des Faschings spielt. Die krasse Ausnahmesituation, in der die Münchner da verfallen, kennt man heutzutage eigentlich nur noch aus Köln. Sehr schön zu sehen, wie sich am Ende sämtliche „verlorengegangenen“ Herrschaften wieder im Aschermittwochsgottesdienst zusammenfinden.

Vom Monaco Franze lernt man wie gesagt wenig über München, bzw. über Bayern. Jedoch sehr viel über einen Typ Mensch, der weniger der politische „Hund“, sondern mehr ein südlicher Taugenichts, ein leichtfüßiger Schwerenöter, ein bayerischer Dandy ist. Ist München damit die nördlichste Stadt Italiens? Oder gibt es solche Typen nicht auch in Regensburg, Passau, Straubing? Nun, der Franze tritt nicht mit den dicken Eiern eines Gäubodenprolos auf, sondern charmant und gutangezogen, ja, der Franze heißt nicht umsonst Monaco, weil er die Verbindung zwischen Bayern und Italien verkörpert. So jemand, ho, so jemand gibt’s vielleicht nur noch in Regensburg. Liebe Mitbayern, was wir vom Franze lernen können, ist vielleicht nicht unbedingt seine gespaltene Persönlichkeit in Sachen Treue, ganz und gar nicht. Aber ein bisserl was geht immer in Sachen Stil und Charme.

Der Baby

Wenn die Münchner Geschichten ein satirisches Augenzwinkern und der Monaco Franze ein Florett waren, dann ist die nächste Serie ein Breitschwert. Auf den ersten Blick schauen wir in Kir Royal in die Abgründe der Boulevardpresse und ihres Stars Baby Schimmerlos. Der Klatschreporter macht die Stars und vernichtet sie, sagt was in und was out ist, und wird sogar von der Politik eingespannt. Der Medien- und Boulevardwahnsinn ist jedoch nichts genuin Münchnerisches oder gar Bayerisches, obwohl Schimmerlos‘ Vorbild der Klatsch- und Tratschreporter Michael Graeter der Münchner Abendzeitung ist.

Dafür lohnt sich wiederum der zweite Blick.

Denn Schimmerlos kommt aus kleinen Verhältnissen, seine Mutter, gespielt von Erni Singerl, bewohnt ein Häuschen in der Einflugschneise des Münchner Flughafens. Dass Fluglärm krank macht, kriegt man hier überdeutlich mit. In der selben Folge „Muttertag“ zeigt sich, wie München DIE Fernsehmetropole wurde. Der Ministerpräsident, unschwer als Franz Josef Strauss zu erkennen, gibt einen Empfang an der Münchner Bavaria, allerdings weiß keiner, wofür. Auf dem Empfang plant der Medienzar Gregori Wiener (reales Vorbild Leo Kirch, gespielt von Fritz Muliar) die neue private Fernsehwelt, während Babys Mutter im Stress über die Bedienung eines Videorekorders (damals ziemliches High-Tech) einen Herzanfall erleidet und stirbt. Die Generation, die den Krieg erlebt, das Land wieder aufgebaut und den Kindern eine große Karriere ermöglichte, kommt mit der neuen, hypertechnisierten Welt nicht mehr zurecht. Ein Motiv, das wir zu dieser Zeit auch in anderen bayerischen Filmen (sogar in Hatschipuh), wie auch den Sketchen von Gerhard Polt finden. Die Kriege in der Dritten Welt der 80er und die blutrünstigen Potentaten, die FJS gern besuchte, finden ihren Spiegel in der Folge „Königliche Hoheit“. Sehr deutlich wird die Kritik an einer speziellen Partei, die den Freistaat als ihr Eigentum betrachtet, in „Das Volk sieht nichts“. Über diverse Tricksereien kommt ein Parteimitglied für seine „gemeinnützige Stiftung“ in den Besitz einer alten Künstlervilla, traumhaft gelegen an einem bayerischen See. Dass ein Unternehmer in den Selbstmord und Baby fast in den Ruin getrieben wird, stört den Herrn aus Franken wenig, er ist nun schließlich Vorsitzender der Stiftung und darf sich an den Gemälden des Künstlers satt sehen, die aus den Münchner Museen in sein neues Domizil verlagert wurden.

Die drei Serien haben nicht umsonst Kultstatus. Sie sind lustig, spannend, haben Charme und ein bisserl Melancholie. Der BR bewies mit diesen Serien, Jahrzehnte vor Sopranos und Co., dass Anspruch und Unterhaltung durchaus zusammengehen können. Und wir lernen so einiges, wie München zu dem wurde, was es heute ist. Kurzum: A bisserl Fernsehschauen geht immer.

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