Unterm Dirndl wird gejodelt

In diesem Artikel erfahren wir, wie man das Jodeldiplom bekommt und warum der bekannte Filmtitel stimmt.

Zu Weihnachten bekommt man ja meist allerhand geschenkt, nützliches (etwa einen Bohrschrauber), spannendes (z.B. Socken), oder kurioses. Zu Letzterem gehört sicherlich ein Gutschein für das Jodeldiplom. Holleridudödeldi oder Holleridudödeldu.

Jodel-Guru Josef Ecker beschwört Berggeister und Naturfrauen mit mystischen Lauten

Wie es halt so geht, löst man solche Gutscheine immer erst kurz vor Schluss ein. D.h. man verpasst den Sommer, in dem der Kurs vor majestätischer Bergkulisse stattfinden soll. Stattdessen geht’s dann im November auf, Richtung Tutzing. Noch während man in der S-Bahn sitzt, wird’s tiefste Nacht und der Nebel am Starnberger See steht dichter als in Englands Hochmooren. Aus dem Zug aussteigen, dann Richtung Seestraße. Die ist gar nicht so einfach zu finden, und zunächst gesellt man sich auf einem Parkplatz zu einer Gruppe, bis man merkt: Das ist nicht der Jodel-, sondern der Skikurs. Also weitersuchen, irgendwann ist man dann in der Seestraße, und nachdem der Weg schon gar nicht mehr beleuchtet ist und man glaubt auf einem Feld zu stehen, hört man endlich Stimmen. Die Damen und Herren Jodelkursler machen schon Atemübungen. „Ist das DER Jodelkurs?“ „Ja, und wir dürfen bei 2 Grad jetzt 4 Stunden jodeln,“ kommt die frostige Antwort. Naja, 2 Grad sind für einen Oberpfälzer immer noch hochsommerliche Temperaturen, und so schließe ich mich der Gruppe an, die einen Kreis gebildet hat. Arme heben einatmen, Arme senken ausatmen. Dann die Arme locker klopfen, ein bisserl rumspringen und dann eine Polonäse bilden. Dem Vordermann den Rücken hinunterklopfen und dann „gscheid am Hintern hau’n“. Warum, zeigt die nächste Übung. Erstmal sollen wir unseren Bauch fühlen lernen. Denn beim Jodeln ist’s wie beim Chorgesang: Aus dem Bauch singen.

Jodeln ist deftig und nah am Puls der Zeit 

Danach müssen wir unseren Hintern wieder anspannen. Wichtig ist nämlich auch die Beckenbodenmuskulatur. „Das Jodeln kommt aus dem Arsch.“ Der Merksatz des Abends. Also ist der Spruch „Unterm Dirndl wird gejodelt“ gar nicht so falsch, sondern eher richtig. Beckenbodenmuskulatur und Bauch bringen den Jodelruf hervor, beim Jodeln trainiert man das. Und wofür ist die Beckenbodenmuskulatur noch gut? Genau. Also ziehen wir für uns die logische Schlussfolgerung: Jodeln fördert die Potenz. Holleridiri!

Überaus schön hergerichtete Stube: der Dorfwirt in Haunzhofen

Genug der Wissenschaft. Nun werden der Lockruf des Alpenmännchens und die Antwort des Weibchens geübt, das kommt schon recht plötzlich und holpert noch etwas daher. Auch der Alpenjodler danach ist noch so ein Singen nach Gehör. Jetzt kratzt der Hals aber schon sehr in der kalten Luft und glücklicherweise kommt der Entschluss des Jodelmeisters: Wir ziehen um ins Wirtshaus. Ab in die Autos und auf nach Haunzhofen. Nachdem man sich erstmal verfahren hat (Haunzhofen befindet sich genau da, wo man es vermutet, nämlich im hintersten Eck),  finden wir endlich den Dorfwirt, ein wunderbar renoviertes Häusel. Oben im Saal wieder im Kreis aufgestellt und losgejodelt. Leiter Josef Ecker begleitet uns dazu auf seinem Akkordeon. Danach kommen auch noch Instrumente dazu, die wir spielen sollen. „Instrumente“. Ein Besenstil, mit dem man mit dem Kochlöffel den Takt vorklopft. Dazu Kuhglocke und Holzlöffel.

Die Teilnehmer sind teils Chorsänger, die hierher eine gesangliche Exkursion machen, ein Ehepaar, das von seinen Töchtern mit einem Gutschein beglückt wurde und sogar eine Japanerin (Takeo Ishi ist nicht der einzige Japan-Jodler). Sie amüsiert sich ebenfalls prächtig. Ich bin minimum 30 Jahre unter dem Altersdurchschnitt. Trotzdem eine überaus lustige Erfahrung. Wir üben zuerst wieder Balzrufe im Gebirge und danach das Jodeln in der Ehe. Hier zeigt sich, wie aktuell und nah am Leben die uralte Kunst des Jodelns ist. Auf die Vorwurfs-Jodler der Frauen („Naturfrauen“, das Lieblingswort am heutigen Abend), dass der Mann aus dem Wirtshaus kommen soll, antworten die Männerstimmen: „Halts Maul, halts Maul, halts Maul“.

Endlich Faktenwissen

Nach einigen weiteren Jodlern klärt uns der Chef weiter über die richtige Atmung auf (wird auch Zeit), über den Kehlkopfschnalzer (die Stimme kippt ins Hohe) und  woher das Jodeln kommt. Seine Ursprünge sollen bis in die Keltenzeit zurückreichen. Anschließend üben wir bekannte volkstümliche Hits wie das Bibihenderl (dessen Neuaufnahme eines der schrecklichsten Internetvideos überhaupt ist) und die Bergvagabunden. Vor der Brotzeit stimmen wir noch den Andachtsjodler an, ein wunderschönes Stück, das einige sicher aus der Weihnachtsmesse kennen. Ecker stellt zu Recht fest, dass in den heutigen Gottesdiensten viel zu wenig gejodelt wird.

Kennzeichen einer typisch bayerisch-katholischen Bierfrömmig- und -fröhlichkeit. Mit Bier hat Jodeln aber nichts am Filzhut

Hunger jetzt. Im Dorfwirt ist Schnitzeltag. Die sind gut gemacht, dauern aber etwas. Mit ziemlich vollen Bäuchen wird dann weitergemacht, und es klappt erstaunlich gut. Wieder wird rauf-, runter-, hin- und hergejodelt. Herr Ecker weist noch darauf hin, dass er weitere Jodelkurse anbietet (ach was), nach den Aufbaukursen A, B, C und D (Gesamtdauer halbes Jahr) sollte man dann tatsächlich im Gebirge ohne Blatt profimäßig losjodeln können. Einige Teilnehmer wollen auch gleich in Tutzing ein regelmäßiges Jodlertreffen einrichten.

Jetzt haben wir vier Stunden hollarodirit und jädiheihot, der Kurs neiget sich dem Ende zu. Als letztes Stück wird traditionell noch einmal der Andachtsjodler angestimmt, sehr schön. Unter Rückgriff auf einen gewissen Loriot wird schließlich das Jodeldiplom verliehen. Wieder sind wir dem Wesen des Bayerischen ein Stück näher gekommen, und außerdem haben wir jetzt „was Eigenes“.

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