Vom Biergarten ins Café der Macht

Ein Beitrag über einen kleinen und einen großen Biergarten und ein kleines und ein großes Café.

Wer gefeiert hat, trifft sich am nächsten Tag meist erst gegen Mittag. Die Damen gern in einem Café zum Brunch, die Herren in einem Biergarten zum Schweinebraten. Wir treffen uns am Wiener Platz und begeben uns von dort in den Hofbräukeller.

Eine erhebende und zugleich beruhigende Aussicht.

Eine erhebende und zugleich beruhigende Aussicht.

Dessen Biergarten ist gar nicht mal so sehr gefüllt, wir finden schnell einen Platz. Obwohl zwischen dem Fluss und einem sehr belebten und beliebten Viertel gelegen, hört man kaum Verkehr. Dafür ist von den Leuten was los. Die Kellnerin scheint vom Aussehen her eine echte Bayerin zu sein, ein g’standenes Weiberts, Typ Urmünchnerin. Am Nebentisch sitzt eine junge Madame, Typ Neu-Münchnerin, unglaublich stylish, fast Chanel-Modell, unglaublich gutaussehend und huuuuu, sehr kühl wirkend.

Die Leberknödlsupp'm auf weiß-blauem Hintergrund.

Die Leberknödlsupp’m auf weiß-blauem Hintergrund.

Braverweise genehmige ich mir eine gute Maracujaschorle. Die Leberknödelsuppe schmeckt so lala, der Schweinebraten hat eine gute Kruste, das Fleisch ist ordentlich. Das Weißkraut ist eher nix.

Satt, aber nicht gefüllt zahlen wir und wandern Richtung Wiese hinter dem Biergarten. Die stellt sich als kleiner Park raus, die Gasteig- oder auch Maximiliansanlagen. Dort finden wir eine Büste von Franz von Kobell. Der war Mineraloge, Chemiker und Mundartdichter. Warum sollte man den kennen? Weil er der Verfasser des Brandner Kaspers ist.

Der Klassiker.

Der Klassiker.

Ein paar Meter weiter, hinter den Bäumen, thront auf einmal mächtig gewaltig das Maximilianeum vor uns, der bayerische Landtag. Ein Schild, das für ein Café dort wirbt, lockt uns hinauf. Schließlich ist nach dem Essen Kaffeezeit. Und wo könnte man es stilvoller einnehmen als im Zentrum bayerischer Politik? Gut, die Staatskanzlei möchte das vielleicht auch sein, aber ob die ein so schön gelegenes Café hat?

Wir wandern die Auffahrt hoch, und dann noch die Stufen zur Säulenhalle. Eine Aussicht hat man da an diesem strahlenden Tag auf die Stadt! Fast alle Plätze sind belegt, ganz kann man den Vorbau auch gar nicht betreten. Das Café ist gut besucht, bekocht wird es in Zusammenarbeit mit einer sozialen Einrichtung. 4,50 kostet die heiße Schokolade, hollahe. Weil ich aber vorher brav war mit meinem Maracujaschorle, darf ich mir etz zum Kaffee ein kleines Helles für zwei Euro statt Kaffee gönnen. Kann man trinken, ist aber nicht überragend. Kurz nachdem wir unsere Getränke bekommen haben, erscheint ein älterer Herr im Jacket an unserem Tisch und kündigt eine Führung an. Je nu, das schaffen wir nicht mehr, im Café auf Ex trinken, noooooja. Wir trinken also mehr oder minder gemächlich aus und begeben uns dann in die Gaststätte des Landtages und von da aus in den Eingangsbereich. Die Führung ist natürlich schon längst unterwegs. Doch ein Wärter fährt uns drei mit dem Aufzug einen Stock höher. Zweimal ums Eck rum, und schon betreten wir den Plenarsaal. Dort ist die Führung schon am Laufen.

Die Herzkammer des bayerischen Parlamentarismus.

Die Herzkammer des bayerischen Parlamentarismus.

Der Plenarsaal ist in hellem Holz gestaltet, sehr minimalistisch. Etwas skandinavisch. Wie bei Nobel-Ikea. Von 2004-05 wurde der so umgebaut. Zwischen zwei Bildschirmen prangt ein gebohrtes Wappen mit den beiden Löwen. Ah, Bayern. Die Arbeitsplätze der Parlamentarier sind recht schmal, sehr funktional, kein besonderer Luxus. Der BR hat eine extra Tonkabine. Hier der Ort, wo allerlei gute Gesetze fürs bayerische Volk verabschiedet wurden, aber auch wo allerlei Untersuchungsausschüsse und Anklagen gegen die Verfehlungen der Staatsregierung ins Feld zogen. Wir gehen weiter und schauen uns den Saal des ehemaligen Senats an. Der wurde 1999 per Volksentscheid abgeschafft. Aber bis dahin war Bayern offiziell ein Zweikammernsystem (der Senat bestand aus Vertretern von Landwirtschaft, Gewerkschaften, Handwerk, Religionsgemeinschaften, und und und). Daneben gibt es noch einen Saal, der für Empfänge, Konzerte usw. genutzt wird. Darauf finden wir einen Wandteppich mit den Wappen der acht Hauptstädten der bayerischen Bezirke. Moment, acht? Es sind doch nur sieben Regierungsbezirke?! Jaha, das achte Wappen steht für Speyer, und das war die Hauptstadt der Unteren Pfalz. Dazu gibt’s noch einen weiteren Ort in München, der an die Zeit erinnert, als Bayern auch noch am Rhein lag.

Diese Bauart nennt man den Maximilianstil.

Diese Bauart nennt man den Maximilianstil. Erweiterungen aus jüngerer Zeit sind dahinter versteckt, der ästhetische Anblick der schönen alten Fassade soll nicht gestört werden.

Selten ein Café mit derart hohen Decken gesehen.

Selten ein Café mit derart hohen Decken gesehen.

Besonders beeindruckend ist der Steinerne Saal mit dem Treppenhaus. Davon gehen mehrere Räumen ab. Im Treppenhaus und dem Kreuzgang etwa hängt ein Kruzifix aus Chieming (um 1520). An der angrenzenden Wand gibt es eine Tafel aus Eichstätter Jura, die die Abgeordneten würdigt, die 1933 gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt haben und die im 3. Reich Widerstand geleistet haben. Die Aussicht aus der breiten Fensterfront ist, doch, schon, also da muss man sagen: Oha. München liegt vor uns ausgebreitet, pompös die Maximiliansstraße, pittoresk die Kirchen, beruhigend das viele Grün. Eine ältere, reiche, stilvolle, bayerische Dame von Welt. Max selber befand: „So werden die Bewohner unberührt von dem Lärm der Straßen sich doch in naher Verbindung mit der Hauptstadt finden. Ihr Auge wird täglich auf dem Schauplatz der glorreichen Geschichte des Vaterlandes ruhen.“

Ein Schatz, aus der Erde geborgen.

Ein Schatz, aus der Erde geborgen.

Am interessantesten aber finde ich einige Gegenstände in einer Glasvitrine. Eine Modelleisenbahn, ein paar Münzen und zwei auf Porzellan gemalte Portraits. Die Bilder zeigen König Maximilian II. und seine Frau Marie von Preußen. Die Münzen stammen von 1857, sämtliche Werte die in diesem Jahr in Umlauf waren, vom Kupferheller zum Golddukaten. Das Modell im Maßstab 1:10 einer englischen Eisenbah vom Typ Patentee stammt von 1838 und war ursprünglich sogar funktionsfähig. Aber warum stellt man solche Sachen hier aus? 1998, also rund 141 Jahre nach der Prägung der Münzen, baggerten Arbeiter eine Tiefgarage für den Landtag aus. Dabei stießen sie auf den Grundstein des Maximilianeums. Dabei fande sich eben jene Gegenstände. Die lagen da in der Erde, erlebten Könige, Prinzregentenzeit, Ersten Weltkrieg, Räterepublik, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Zweiten Weltkrieg, Kalten Krieg, Bundesrepublik, Wiedervereinigung. Und auf einmal tauchen sie wieder auf, aus der Erde. Sowas gibt’s auch bloß in Bayern.

Übrigens, wem gehört eigentlich der Landtag? Dem Staat, oder? Nein, falsch. Das Maximilianeum gehört der Studienstiftung mit dem Namen: Maximilianeum. Da bekommen die allerallerallerbesten Abiturienten unseres Landes ein Stipendium. Schon König Maxmilian II. fasste den Plan, den begabtesten „Jünglingen (jeglichen Standes)“ ein Studium zu ermöglichen. Das sollte in unseren Zeiten, in denen über „bildungsferne Schichten“ gesprochen wird, ein Monens sein. Die Stiftung gibt’s bis heute, seit 1980 fördern hier die Wittelsbacher auch besonders begabte Abiturientinnen. Irgendwelche berühmte Absolventen? Franz Josef Strauß und Werner Heisenberg (den Älteren durch den Physik-Nobelpreis bekannt, den Jüngeren durch Breaking Bad). Erst 1949 zog der bayerische Landtag hier ein, der tagte vor seiner Auflösung durch die Nazis in der Prannerstr. 20. Bis 1944 gab es im Maximilianeum auch eine Gemäldegalerie.

Gold, Blüte, Frucht, Schokolade, Exotik. Eine dekadente Pracht, die hier dem Besucher feilgeboten wird.

Gold, Blüte, Frucht, Schokolade, Exotik. Eine dekadente Pracht, die hier dem Besucher feilgeboten wird.

Die Führung ist zu Ende, wir verlassen den Landtag und begeben uns in die Innenstadt. In dieser ach so schönen und teuren Stadt kommen wir am Maelu vorbei. Eine Art Konditorei, aber sehr, sehr schnieke und bunt. Neben einigen Arabern kaufe ich mir dort für 6,50 Euro einen Minikuchen namens Pink Lady. Da ist aber kein Apfel drin, sondern Rosenaroma und Litschi auf einem Sacherboden, garniert mit Blattgold. Typisch München. Das Rosenaroma kommt im Guss raus, der Sacherboden ist für meinen Geschmack etwas trocken. Litschigeschmack, hm, ist schon irgendwie vorhanden. Die kleinen Kuchen schmecken, aber noch mehr stechen sie ins Auge, alle so wunderschön anzuschauen. Das Auge isst hier mit, und eigentlich gleich den ganzen Laden leer. Ein Kumpel kauft ein Eis für 1,40 Euro die Kugel. Die ist schon sehr gut, aber kalt, schweinekalt, zu kalt. Ein so ein kaltes Eis aber auch.

Die Inschrift unten lässt Franz von Kobell zu Recht mit den Augen rollen.

Die Inschrift unten lässt Franz von Kobell zu Recht mit den Augen rollen.

Dann muss ich noch ins Milchhäusl. Das ist ein minifuzzi Biergarten im Englischen Garten. Perfekt ausgerichtet auf ein Publikum, das gerne auch mal etwas mehr zu zahlen bereit ist. Die Speisen sind zum „away taken“, die Preise und Portionsgrößen dagegen zum away runnen. Dafür aber eben in Bioqualität und eigentlich doch ganz gut im Geschmack. Ein Schild weist den Kunden darauf auf den Wert eines Produktes gerade im Lebensmittelbereich hin. Lieber zu viel zahlen als zu wenig. Nunja, zu viel mag eigentlich keiner zahlen. Aber wenn man daran denkt, was die Kosten etwa durch multiresistente Keime sind (entstanden in der Tiermast), legt man doch lieber was drauf für bessere Qualität. Erfreulicherweise ist die Schlange nicht allzulang, was ja in einem Münchner Biergarten Seltenheitswert hat. Die Lage gleich am Anfang des Englischen Gartens – von der LMU kommend – ist ideal für einen Treffpunkt. Wer etwas wartet, kriegt auch bald einen Platz, obwohl nur wenige Tische da sind. Meistens sind sie im Schatten gelegen, so dass einem beim Biergartenbesuch die Sonne nicht allzu wild auf den Kopf knallt. Das Milchhäusl ist also geeignet für kleinere Gruppen, die bei einem Biergarten weniger auf den Preis, als vielmehr auf die Qualität achten und sich in Ruhe unterhalten wollen. Gesumms und Action gibt’s anderswo.

Biergärten gibt’s in München ja in Hülle und Fülle, Cafés genauso. Aber keines hat so eine Lage und so eine Aussicht wie das im Maximilianeum. Und wer die Führung mitmacht, lernt auch noch so einiges über Geschichte und Gegenwart des bayerischen Parlamentarismus.

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