Von Biergärten und Märtyrern

Schon die Anfahrt hat's in sich.

Schon die Anfahrt hat’s in sich.

Der Moar in Wilparting ist ein Biergarten, den wohl jeder kennt. Vom Sehen her. Vorbeigeschaut haben sicherlich nur die Wenigsten.
Wer Richtung Bella Italia fährt, der kommt am Irschenberg vorbei, jenem aus den Verkehrsmeldungen bekannten Autobahnabschnitt. Wer dann nach Süden schaut, der sieht dort eine wunderbare Wallfahrtskirche mit Bergpanorama, mei, so ist Bayern doch am schönsten.
Da wollte ich immer schon einmal vorbeischauen, wie es in der Kirche und Umgebung denn tatsächlich aussieht,.
Ein Buch des BR hatte darauf hingewiesen, dass es neben der Kirche sogar einen Biergarten geben sollte. Also nix wie hin!

Schmackhaftes aus Bayern.

Schmackhaftes aus Bayern.

Von der Autobahn runter und dann erst einmal orientiert. Wo geht’s hier zur Wallfahrtskirche? Zwischen McDonalds Parkplatz und anderen liebreizenden Autobahnraststätten führt das Weglein, doch schnell ist man aus dem anonymen Fast Food Gemurks draußen und man düst, oder besser gleitet über eine wunderbar gewellte Landstraße. Links die Autobahn, rechts Felder und die Alpen.

Einen Parkplatz im Schatten neben einem urigen Dorfgartenzaun ergattere ich und gehe zwischen einem schönen Bauerngarten und der Wallfahrtskirche zum „Moar“.
Der Biergarten liegt hinter dem Haus und offenbart eine fan-tas-tische Aussicht auf die Berge. Einfach Wow.
Es sind einige Ausflügler da, aber nur wenige Tische sind besetzt. Ich suche mir einen Platz im Schatten unter einem großen Sonnenschirm. Einziges Manko: Im Biergarten selber gibt’s keine schattigen Bäume. Die sollten schleunigst gepflanzt werden!

Dem Herrn Hund ist eine besondere Gemütlichkeit zu eigen.

Dem Herrn Hund ist eine besondere Gemütlichkeit zu eigen.

Ich bestelle mir ein kleines Pils vom Flötzinger Bräu und einen Kalbsrahmbraten (für 14,60). Zusammen mit einem kleinen Salat zahle ich insgesamt 22 Euro. Nojaaa. Woanders ist ein kleiner Salat eigentlich beim Braten mit dabei.

Schmeckts? Ja, kann man schon sagen. Es ist ein dickes Stück Braten, nicht zu viel Flachsen, mit guten Spätzle dabei, bei heißem Wetter muss man schon ein wenig kämpfen. Das Flötzinger ist angenehm mild, hat aber einen leicht herben Nachgeschmack. Der Salat ist gut.
Neben der gutbürgerlichen finden wir auch Anklänge an die gehobene Küche, so gibt es neben der Pfannkuchensuppe auch einen Cappuccino von der roten Spitzpaprika mit Garnelen. Hab ich aber nicht bestellt. Aber schön, wenn ein Wirt oder ein Koch auch mal über den Tellerrand hinausschaut.

Nun sitzt man da und isst, blickt in die Ferne, die Autobahn summt und brummt vorbei, aber nicht allzu störend, es kommen einem Gerhard Polts Ausführungen über die Gemütlichkeit in den Sinn. Herrlich!

Selten gibt's Kinderspielplätze mit solch einer Aussicht!

Selten gibt’s Kinderspielplätze mit solch einer Aussicht!

Während des Essens kommt ein Spatz geflogen und setzt sich mir gegenüber auf die Bank. Zuerst reißt er seinen Schnabel auf, um zu zeigen: Da kommt das Essen rein, los! Nachdem ich ihn verwundert anschaue, kratzt er sich verlegen mit der Kralle hinter dem Ohr. Als ich das Handy zücke um ein Foto zu machen, flattert er weg. Kein Fressen, keine Fotos, konsequenter Vogel.
Zwei Minuten später kommt ein Golden Retriever und setzt sich neben meinen Tisch. Zuerst schaut er noch, als er aber auch nix kriegt, legt er sich unter den Tisch zu meinen Füßen.
Tja, man kommt sich schon a wengerl vor wie der heilige Franziskus, der den Tieren predigte. Wenn ich aber auf meinen Bauch schaue, dann erinnert der nach dem Essen eher an einen Buddha. Wie Franziskus oder Buddha fühlt man sich hier in Einklang mit dieser wunderbaren Natur. Und man nimmt sich vor, energischer gegen den Flächenfraß zu sein. Was bringt das immer größere quantitative Wachstum? China weiß wohin das führt. Aber wie sieht das qualitative Wachstum aus? Zumindest was das Essen angeht, gibt der Moar schon eine Richtung vor, in der Speisekarte wird das Rind als bayerisches ausgewiesen, es ist also nicht um die halbe Welt gefahren.

So muss eine Kirchentüre ausschauen, dann klappt's auch mit dem atheistischen Nachbarn. Vielleicht.

So muss eine Kirchentüre ausschauen, dann klappt’s auch mit dem atheistischen Nachbarn. Vielleicht.

Wieder ein paar Minuten später kommt die hübsche Bedienung vorbei und fragt, ob es schmeckt. Ja, tut es. Und ob sie den Hund wegtun solle? Nein, der kann hocken bleiben.
Am Schluss kriegt der Hund eine Schwarte und ist zufrieden. Ich zahle und schaue in der Wallfahrtskirche vorbei.

Gleich nach dem von Rosen umwachsenen Eingang finden wir zwei mittelalterliche Grabmäler der Heiligen Marin und Anian. Ansonsten ist die Kirche ein totales Barockkleinod. Sogar der Segensspruch in der Beschreibung könnte aus dieser Zeit stammen: „Die Heiligen mögen durch ihre mächtige Fürbitte jedem Besucher den Segen Gottes mitgeben!“ Ergreifend! Was für eine barocke Sprache! Die würde ja heute in ihrer Sprachgewalt Anstoß erregen. Sogar bei Protestanten wegen des Hinweises auf die Fürbitte, und woran bitteschön nehmen Protestanten heute noch Anstoß?

Der Barock überwältigt schon und macht trotz der Fülle nachdenklich.

Der Barock überwältigt schon und macht trotz der Fülle nachdenklich.

Der Mesner (in Trachtenweste) richtet die Kirche etwas her, bald soll hier eine Andacht stattfinden. Später sehe ich ihn, wie er dann im Bauerngarten im Schatten sitzt und das schöne Wetter und diesen Ort genießt. Das ist Gemütlichkeit!
Der heilige Marian wurde von den Slawen verbrannt, in der daneben gelegenen Vituskapelle finden wir den heiligen Vitus auf dem Altarbild in einem Kochtopf dargestellt. Was die beiden wohl denken, dass mehr als tausend Jahre nach ihrem Tod sich Leute hier treffen, einerseits um ihrer zu gedenken, andererseits um bei wunderbarer Aussicht ein Bier zu trinken und einen Kalbsrahmbraten zu essen? Ärgern wegen der Laxheit der Christen oder sich freuen, weil zumindest in unseren Breiten ein solcher Friede herrscht? Ich denke zweites. Denn immerhin haben sie durch ihr Zeugnis zu eben diesem Frieden beigetragen. Ja, etwas dankbar darf der Besucher schon sein. Und diesen Frieden mit der Welt im Biergarten erfahren und weitergeben…

Anschließend trinke ich noch einen Espresso beim Dinzler, laut Zeitschrift Feinschmecker einer der besten der Welt. Was man da so erleben kann, findet ihr hier…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s