Die Dom-Steinmetzin

Nein, das ist jetzt kein historischer Schmonzetten-Roman über eine Frau, die im Mittelalter Ärztin, Päpstin oder sonstwas gegen die Widerstände der Männerwelt wird.

Auf Augenhöhe mit den Türmen

Auf Augenhöhe mit den Türmen

Aber, wie in jedem Buch, das ein Bestseller werden soll, brauchen wir etwas mysteriöses mittelalterliches. Hmhmhm, der Bamberger Dom ist vergangenes Jahr 1000 Jahre alt geworden. Gekauft. Gut, dann brauchen wir eine Frau, die in einem Männerberuf arbeitet. Die haben wir auf der Dombauhütte in Bamberg. Allerdings scheint sie nicht gegen Widerstände der engstirnigen Männerwelt ankämpfen zu müssen. Die Mannsbilder schauen nämlich drauf, was sie kann. Und weil sie was kann, gibt’s auch keine Widerstände, sondern Unterstützung wie für jeden guten Angestellten. Soweit sind wir nämlich schon im 21. Jahrhundert. Im Gegensatz zu hanebüchenen Schmarrnwerken wie der da Vinci Code akzeptiere ich die Realität und muss darum meine literarische Fallhöhe aufgeben. Also das, was die Story spannend macht.

Was, wir sollen hier einen langweiligen Text lesen? Von wegen. Denn Fallhöhe gibt’s hier wirklich, nämlich über 60 Meter, und Steine liegen unserer Heldin Pia noch vieeeeeeeeele im Weg.

Der mystische Ort der Handlung

So muss ein Eingang zur Werkstatt der Steinmetze aussehen!

So muss ein Eingang zur Werkstatt der Steinmetze aussehen!

Die Arbeit geht um 7.00 Uhr früh los. Die Spitzen des Bamberger Doms liegen noch im Morgennebel, wie eine Arche aus einer längst vergessenen Epoche. Symbol einer Stadt, einer Religion, einer anderen Zeit. Und Weltkulturerbe. DAS ist das Mittelalterbild, das wir brauchen. Ein Bierlaster rumpelt vorbei. Ein Jogger, leicht übergewichtig, sieht aus wie ein US-Soldat, schleppt sich aus dem letzten Loch pfeifend die Stufen des Domes hinauf. Wir haben schon Angst, dass er einen Kollaps bekommt. Vielleicht sucht er Kirchenasyl? Nein, er schnauft sich erst einmal gscheid aus und wackelt von dannen.

Die Dombauhütte in Bamberg finden wir in der Alten Hofhaltung. Cineasten bekannt durch die jüngst Musketiere-Verfilmung mit Orlando Bloom. Geile Bamberg und Würzburg Bilder übrigens, den Rest vom Film ähm, geht historisch gesehen eher in Richtung da Vinci Code.

So eine fiese Schmutzschicht. Da hilft auch Fairy Ultra nicht mehr

So eine fiese Schmutzschicht. Da hilft auch Fairy Ultra nicht mehr

Also reinmarschiert die Werkstatt. Und schon stehen wir in einem großen langen Raum. Absauggebläse hängen von der Decke, Werkzeug allüberall. An der Wand finden sich lustige Bildchen, wie schön die Arbeit am Freitag, und was Montag für ein böser, böser Tag ist. Und natürlich Steine. Sandstein. Sandstein. Sandstein. Sandstein. Und Gipsabrücke. In Sandsteinfarben. Von Ornamenten, Kapitellen und natürlich der berühmtesten Figur des Doms, dem Bamberger Reiter. Dessen Kopf schaut dem Hereinkommenden erst mal über die Schulter.

Los geht’s im Gemeinschaftsraum. Da hat jeder seinen Spind und seine 1,5 Liter Flasche Wasser. Isotonische Getränke finden wir auch in enorm hoher Zahl. Ein Hinweis auf die anstrengende Arbeit. Woher kommen die Leute? Meist aus Bamberg und Umgebung. Oberfranken natürlich. „Man muss Gott für alles Danken, auch für einen Unterfranken,“ meint einer. Unsere Auszubildende kommt aus der Rhön.

Bevor es ans Draufhauen geht, sollte man sich überlegen, was denn überhaupt herausgeklopft wird.

Da hätte jeder Modell-Eisenbahn-Bauer seine Freude

Da hätte jeder Modell-Eisenbahn-Bauer seine Freude

Also, rüber zum Dom, rein in den Aufzug, rauf auf den Turm, im Turm wieder zwei Stockwerke runter und schon erklärt der Hüttenmeister unserer Auszubildenden, welche Steine ausgetauscht werden müssen. Da klopft jetzt aber keiner. Erst: Metermaß anlegen und abmessen. „Aufmessen“ sagt man hier. Das Holzgebälk hat Jahrhunderte überdauert. Die Glocken, die den 2. Weltkrieg überlebt haben, wirken wie gigantische Bienenkörbe. Unter uns der Dom und die Stadt.

Was guckst du, die-Kunstgeschichte-immer-noch-grämende-Reiter-Alter

Was guckst du, die-Kunstgeschichte-immer-noch-grämender-Reiter-Alter

Die Maße kommen in ein kleines Büchlein, und das überträgt Pia auf einen Werkzettel. Mit diesem wird dann eine Schablone in Originalgröße angefertigt, auf einem massiven Butterbrot-Papier. Und dafür braucht’s ein geschultes Auge und räumliche Vorstellungskraft fürs technische Zeichnen.

Dann geht’s ran an den Stein. Mit einer mit Wasser gefüllten Blechdose macht sie den Felsbrocken erstmal nass. Denn der Bleistift, mit dem sie die Schablone nachzeichnet, hält auf nassem Stein besser. Alles, was über der Linie ist, ist der Bossen. Also überschüssiger Fels. Der muss weg.

Berufsschläger mit Adlerauge

Und erst jetzt nimmt sie einen riesigen runden Holzhammer zur Hand. Den Klüpfel.

Die Arbeiter machen fast alles mit der Hand. Spezialwerkzeug wäre zu teuer, und außerdem kaum einsetzbar. Sie bekommen die groben Felsblöcke angeliefert. Ornamente oder Figuren müssen sie selber herausschlagen. Und zwar mit Geräten, die eher aus einem Hellraiser-Film stammen. Was sagen die Finger dazu? „Ja, es kommt nicht mehr so oft vor. Aber manchmal rutscht man schon noch ab und haut sich auf die Hand.“

Nein, das ist nicht die Requiaite für einen neue Hellraiser- oder Saw-Film

Nein, das ist nicht die Requisite für einen neuen Hellraiser- oder Saw-Film

Mit Eisenhammer und Klüpfel und spitzen und breiten Meißel-Arten, schlägt sie nun, vom Groben zum Feinen, immer mehr Bossen weg. Kein Millimeter darf zuviel sein. Alles muss exakt aufeinanderpassen. Ob die Menschen im Mittelalter auch so akkurat waren? Eineinhalb Wochen arbeitet sie an einer Säule und dem zugehörigen Kapitel. Früher hats deutlich länger gedauert, schneller kanns aber auch noch werden. Wir merken: Kraft brauchts hier schon, aber auch ein Auge, das die Form im Stein erfassen kann. „Es ist eine harte Arbeit und zu Recht ein Männerberuf, aber trotzdem finden sich auch Frauen in dem Handwerk.“ Und Pia ist eine davon.

Pia hat früher Holzbildhauerin gelernt. Ein berufsbegleitendes Praktikum in der Regensburger Dombauhütte brachte sie dann zum Stein. Denn aus so einem harten Material was rausarbeiten zu können, das fasziniert sie. Und Stein ist nicht gleich Stein. Er hat auch eine Struktur, die man erkennen müsse um mit dem Stein zu arbeiten.

Der Regensburger Dom ist aus Kalkstein, der Bamberger aus Sandstein. Doch Sandstein ist nicht gleich Sandstein. Ist mehr Ton drin, ist der Stein weicher. Ist er eher quarzhaltig, müssen die Steinmetze ganz schön schuften, bis die Form fertig ist. Für den Bamberger Dom nehmen sie die härtere Variante mit Quarz. Sind ja auch harte Männer (und Frauen). Außerdem hälts länger. 2500 Euro kostet so ein Kubikmeter Sandstein.

"Ding Dong." "Wer da?" "Die Gotik." "Soll reinkommen und die Schuhe ausziehn."

„Ding Dong.“ „Wer da?“ „Die Gotik.“ „Soll reinkommen und die Schuhe ausziehn. Bier is im Kühlschrank.“

Doch nicht nur Klüpfel oder Hammer kommen zum Einsatz. Manchmal tut auch High-Tech Not. So beschießt man die Steine, die eine dicke Schmutzschicht haben, mit Laser. Denn der Stein kann unter der schwarzen Schicht nicht atmen. Nein, die Metze halten ihre Steine nicht für lebendig. Aber die Schicht verhindert, dass die Feuchtigkeit im Sommer entweicht. Und die sprengt dann im Winter den Stein.

Auch gefährlich: Eisendübel. Die brachte man früher als Verbindungsstück zwischen zwei Steinen an. Doch Eisen rostet und der Rost braucht Platz. Wie beim Bier, das man in der Tiefkühltruhe vergisst. Der Rostdübel hebt dann den ganzen Teil vom Turm, der über ihm ist, immerhin eine gewaltige steinerne Tonnenlast, um mehrere Millimeter an. Wasser dringt ein, und bumm, wieder kann es ganze Brocken wegsprengen. Und wenn jemand drunter vorbeigeht… Aber wir sind hier ja nicht an der Uni Regensburg, deren Betonklötze aus den 70ern jetzt schon zerfallen. Und niemand richtet es. Klar, der Denkmalschutz würde so wenige Steine am Dom wie möglich austauschen, um die originale Bausubstanz zu erhalten. Und natürlich, welcher Touri würde sich nicht darüber freuen, dass ihm ein jahrhundertealter Sandstein auf die Birne knallt. Da hat man doch was Tolles zu erzählen, den Daheimgebliebenen. Oder den Angehörigen. Aber man kann eben nicht immer alles nach dem Tourismus richten, darum tauschen unsere fleißigen Steinmetze die kritischen Teile aus.

Ab und zu finden sie Steinmetz-Zeichen, aber genauso Markierungen von Zimmerern oder Glockengießern aus hunderten von Jahren. Sie selbst machen fast nie irgendwelche Namenszeichen. Der Denkmalschutz sehe das nicht so gern.

Das Detail muss stimmen

1000 Jahr, graues Haar

1000 Jahr, graues Haar

Verputzen und aufgesprungenen Mörtel ersetzen gehört auch zu den Tätigkeiten auf der Dombauhütte. „Aufpassen, dass du da mit dem Fugenmörtel nicht auf den Stein kommst. Eine Sauerei wollen wir nicht.“ Wie sehe das denn aus… 60 Meter weiter unter uns würde wohl kein Besucher bemerken, dass ein paar Krümel Mörtel über die Fuge hinaus verstrichen wurden. Aber die Steinmetze halten ihren Dom sauber und ordentlich. Immerhin stehen sie in einer mehr als tausend Jahre alten Tradition. Sie sind Teil einer nie enden wollenden, aber wunderschönen Baustelle.

Sogar hier oben, wo das grün gewordene Dach anfängt, sind noch ein paar Gesichter eingemeißelt, in jede Richtung eines. Solche Details für wen? Der Hüttenmeister weist darauf hin, dass das Straßburger Münster in noch viel größerer Höhe weitaus filigranere Arbeiten hat. „Das kann dann aber wirklich keiner mehr erkennen.“

Nein, da darf etz nix runterfallen.

Nein, da darf jetzt nix runterfallen.

Die Steinmetze erkennen weitaus mehr. Von hier oben haben sie einen traumhaften Ausblick auf die Weltkulturerbe-Stadt. Schwindelfrei sollte man aber schon sein. Höhenangst bitte auch nicht. Aber bei so einem Panorama wird die Angst schnell Nebensache.

Die meisten Steinmetze machen Grabsteine oder restaurieren Fassaden. Pia hat sich bewusst für die Dombauhütte entschieden, weil sie hier noch das traditionelle Handwerk lernt. Und die Einstellungs-Chancen für Steinmetze, die auf Dombauhütten lernen, sind gut.

Der Chef Ulrich Först arbeitet seit Jahrzehnten hier: „Ja, das ist schon irgendwie mein Dom, mit dem ich verbunden bin. Jedes Mal wenn es stürmt, frag ich mich, ob auch noch alle Dachplatten halten oder ob sich wo ein Spalt auftut.“

Und Pia? Die Dame wendet sich wieder ihrem Felsklotz zu:

„Am Ende vom Tag find ich das immer ganz schön, dass man sieht was man gemacht hat. Erst hat man so viel Material, dann haut man drauf, und dann steht die Fläche da. Das ist schon ein bisserl stolz, boa, das hab ich jetzt gemacht.“

Eine Aussicht für Architekturhistoriker, vom gotischen Dom auf die barocke Innenstadt

Eine Aussicht für Architekturhistoriker, vom gotischen Dom auf die barocke Innenstadt

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