Coburg

Bayern hat im vergangenen Jahrhundert zwar die Rheinpfalz verloren, aber auch ein Gebiet dazugewonnen. Nicht viel, aber immerhin das ehemalige Herzogtum Coburg. Das wurde nach dem ersten Weltkrieg Freistaat, 1920 kam der Flecken im Norden zu Bayern. Die Coburger sind also noch keine 100 Jahre bayerisch.

Die Veste ist das Wahrzeichen der Stadt.

Die Veste ist das Wahrzeichen der Stadt.

Bis 1920 war Coburg eigenständig.

Bis 1920 war Coburg eigenständig.

Die Anfahrt führt durch eine wunderschön wellige Landschaften mit sanften Hügeln, Feldern, Wald und Dörfern mit barocken oder mittelalterlichen Kirchen. Dazu passend als Fahrtmusik Mozarts Klarinettenkonzert in A Dur, bekannt aus der Wernesgrüner Bier Werbung. Danach fährt Vivaldi den Bass hoch und schließlich pumpt ihn Labrassbanda richtig übel. Weil a bissl was bayerisches darf ja dann schon sein.

So falle ich in Coburg ein, allerdings haben die Bewohner nicht sehr lange was von der Musik, denn ein Parkplatz ist bald gefunden. Hinter einem Toreingang befindet sich die Innenstadt, zwei Spielhallen mit obskuren Gestalten davor begrüßen den Besucher.

So ein schöner Marktplatz...

So ein schöner Marktplatz…

...mit so einer Aussicht!

…mit so einer Aussicht! Bei ganz starkem Zoom kann man am Giebel des Rathauses das Bratwurstmännla sehen.

Das Wappen der Stadt stellt einen Mohr dar. Denn Schutzpatron der Stadt ist der heilige Mauritius (daher auch die Morizkirche). Und Mauritius war Afrikaner, so offen war man schon im Mittelalter.

Das Wappen der Stadt stellt einen Mohr dar. Denn Schutzpatron der Stadt ist der heilige Mauritius (daher auch die Morizkirche). Und Mauritius war Afrikaner, so offen war man schon im Mittelalter. Allerdings stammte er aus Ägypten, die Falschdarstellung als Mohr geschah erstmals im Magdeburger Dom.

Der Marktplatz ist wirklich wow. Was ist da das Wichtigste? Die Renaissance-Paläste? Die Größe? Nein! Natürlich der Coburger Bratwurststand. Leider ist nur einer da, ich hätte gerne allerlei Metzgereien miteinander verglichen. So esse ich nur eine Wurst für zwei Euro. Wunderbar, traditionell auf Butzelkühen (Kiefernzapfen) gegrillt. Die Coburger Bratwurst muss 15% Kalbfleisch enthalten, Zusatzstoffe wie Phosphat sollten lieber draußen bleiben. Kräuter wie Majoran sind dagegen gern gesehen. Das Brät ist in einer dünneren Haut als andere Bratwürste, weshalb sie beim Braten durch die ätherischen Öle der Butzelkuh gleichzeitig geräuchert wird. Ein Gedicht! Senf sollte man nicht dazu nehmen, die Wurst allein ist Geschmack genug. Wie bei anderen Dingen im Leben, kommt es auch in Coburg auf die Länge der Wurst an. Die richtet sich nach dem Bratwurstmännla auf dem Rathausdach. Das ist der heilige Mauritius, der einen Marschallstab in der Hand hält. Und so lange der Stab ist, so lange muss die Wurst vor dem Braten sein. Die genaue Länge kannte man aber jahrhundertelang nicht, erst in den 80er Jahren konnte die Feuerwehr Maß nehmen. Stolze 31 Zentimeter muss demnach eine Coburger Wurst lang sein. Ist sie kürzer, singen die Coburger das traditionelle Volkslied: „Das sind nicht 31 Zentimeter, nie im Leben kleiner Bräter!“ Jetzt hätte ich fast geschrieben: Yeah! Bayerische Würste sind die Längsten! Aber dann fielen mir die Nürnberger Bratwürsterln ein, hm. Nicht immer ist die Länge entscheidend – hoffen wir für die Nürnberger.

Jetzt würde ich aber doch gerne noch Konkurrenzprodukte testen, irgendwo muss es andere Stände geben… Vielleicht mal in der Touristeninformation nachfragen. Die hat aber geschlossen, ein Schild verweist mich ans Puppenmuseum. Dort bekomme ich die traurige Auskunft: Weitere Wurststände gibt’s heute nicht.

Dann schaue ich mir eben die Morizkirche (ohne tz) an. Hier hat Luther gepredigt. Na toll.

Der Altar der Morizkirche zeigt eine für eine evangelische Kirche ungeahnte Pracht.

Dies ist kein Altar, sondern das Epitaph von Herzog Johann Friedrich. Für die Fürsten durfte Pracht in der Kirche also dann doch sein.

Überall bieten sich nette Details.

Nette Details gibt’s allerorten.

Diese Residenz ist kein englisches Landschloss, sondern steht in Bayern.

Diese Residenz ist kein englisches Landschloss, sondern steht in Bayern.

Was nicht im Historismus oder Renaissance gestaltet ist, trägt noch altes Fachwerk.

Was nicht im Historismus oder Renaissance gestaltet ist, trägt noch altes Fachwerk.

Überall finden wir englisch wirkende Palästchen, sogar die Schule und eine ehemalige Bonbonfabrik sind derart pompös gestaltet. Wieso so englisch? Coburg kommt in einem berühmten Adelstitel vor: Sachsen-Coburg-Gotha. Die britische Königsfamilie trug diesen Titel bis zum ersten Weltkrieg (da benannte man sich dann in Windsor um). Denn Albert von Sachsen-Coburg-Gotha war der Ehemann von Königin Victoria (die übrigens im unterfränkischen Amorbach gezeugt wurde, die Geschichte erzählen wir noch) und Stammvater der heutigen britischen Royals. Seine Statue steht auf dem Coburger Marktplatz. Ein Onkel der Coburger war belgischer König, auch mit den russischen Zaren war man verwandt. Coburger Blut floss praktisch in allen europäischen Herrscherfamilien.

In einem Durchgang zwischen Kirche und Marktplatz steht ein Schild, dass mit drakonischen Strafen Wildpinkeln verbietet. Royales Verhalten legen die Coburger also anscheinend nicht an den Tag, oder vielleicht gerade eben, denkt man an Ernst August von Hannover.

Schaut gut aus.

Schaut gut aus.

So, nun ist Mittagszeit. Das Essen nehme ich im Goldenen Kreuz ein. Der Kalbsrahmbraten für 11 Euro ist sehr gut, wie ein milder Sauerbraten. Die Knödel sind total weich, das ist typisch für Coburger Klöße. Eigentlich ganz gut, da man sie leicht mit der Gabel zerreißen kann, und sie nicht extra schneiden muss. Ebenfalls lecker: die Maracujaschorle für 3,50 Euro.

So gestärkt marschiere ich rüber zum wieder sehr englisch wirkenden Schloss. Gegenüber liegt das Theater, das alles erinnert etwas an den Gärtnerplatz in München, nur mit dem ganzen Sand auf dem Platz mehr im 19. Jahrhundert verhaftet. Ansonsten scheint Coburg wie eine Mini-Version von Wien zu sein, zu viel Pracht für so eine kleine Stadt.

Das 19. Jahrhundert lässt grüßen

Das 19. Jahrhundert lässt grüßen

Der Gurken-Alex.

Der Gurken-Alex.

Prächtige alte Bäume prägen den Park.

Prächtige alte Bäume prägen den Park.

Im Pavillon will ein Künstler seine Kunst erklären. Schnell weg!

Im Pavillon will ein Künstler seine Kunst erklären. Schnell weg!

Wie Englischer Garten nur steiler, mit mehr Aussicht und weniger Touris.

Wie Englischer Garten nur steiler, mit mehr Aussicht und weniger Touris.

Im Naturkundemuseum kann man den Hund auf einen Thron setzen. Wenn er die Natur als Thron hernehmen will, gibt's Tüten.

Im Naturkundemuseum kann man den Hund auf einen Thron setzen. Wenn er die Natur als Thron hernehmen will, gibt’s Tüten.

Vom Hügel oberhalb des Schlosses hat man einen schönen Blick auf den Platz, doch ich verweile nicht lange, ich will mir nämlich noch die berühmte Veste Coburg anschauen. Der Weg dahin führt durch einen äußerst schönen Schlosspark, eine noch beeindruckendere Version des Englischen Gartens in München, aus welchem Land soll die Gartenarchitektur denn sonst kommen?

Die Bäume sind so alt und groß, dass sie teilweise sogar abgestützt werden müssen. In einem Pavillon gibt es eine Ausstellung namens „stumme Schreie“. Die Schreie sagen mir gar nix. Daher wohl das voranstehende Adjektiv „stumm“. Moderne Kunst oder wie es in Bayern heißt: Graffl. Bevor der Künstler mit mir reden will, gehe ich lieber schnell. Ein Stück Kokoskuchen nehme ich aber doch mit. Zu irgendwas müssen solche Ausstellungen ja gut sein.

Der Aufstieg zur Festung ist schier endlos, da kommt man gut ins Keuchen bis man endlich oben ist. Fränkische Krone nennt man die Veste auch, nun, so eine Krone muss man ja erst einmal erringen.

Gerade noch kann ich mich einer Führung anschließen. Die beginnt zunächst mit den Privatgemächern des Hauslehrers. Warum auch nicht.

Der Eingang zur Veste.

Der Eingang zur Veste.

Der Innenhof

Aus der Festungskapelle kommen schöne Posaunen- und Chorklänge.

Der Fürst sah auf die Kanzel herunter.

Der Fürst sah auf die Kanzel herunter.

Hier wohnte Luther und schrieb seine Instruktionen nach Augsburg.

Hier wohnte Luther und schrieb seine Instruktionen nach Augsburg.

Der Recycel-Lüster. Ob in einigen jahrhunderten sich reiche Leute Kronleuchter aus Telerminen des 20. Jhdts. machen lassen?

Der Recycel-Lüster.

Der Innenarchitekt hatte vor hundert Jahren schon auf Recycling gesetzt, so bastelte er etwa einen Lüster aus mittelalterlichen Krähenfüßen. Das waren grausige spitze Stolperfallen um die Infantrie und die Reiterei aufzuhalten. Jetzt hängen sie an der Decke. Ob sich reiche Leute in der Zukunft Kronleuchter aus Tellerminen des 20. Jahrhunderts machen lassen?

Weiterhin sehen wir ein Zimmer mit Orden aus aller Herren Länder, Verwandtschaft! Der Thron der englischen Königin Victoria wurde auch in Coburg gefertigt. Einen Tisch schickte sie aber zurück, denn darauf war die Fruchtbarkeitsgöttin Ceres abgebildet. Die neunfache Mutter fühlte sich veräppelt.

Außerdem finden wir einen osmanischen Reitermantel, der vor Jahrhunderten von einem Feldzug mitgebracht wurde. Davon gibt es nur noch drei auf der Welt, und dieser hier ist der besterhaltene. Wenn das Erdogan wüsste…

Überall gibt es Abbildungen eines Hofzwerges, der es im Schloss zu einigem Ansehen und sogar zu einer eigenen Rüstung gebracht hatte. So eine Rüstung kostete in der Spätphase des Mittelalters so viel wie ein Rittergut. Das konnten sich wirklich nur die Reichsten des Reichs leisten. Für die Jagd bastelte man aber sogar den Hunden einen Panzer.

Ein Zimmer ist aufs allerprächtigste mit Intarsienarbeiten und Schnitzereien ausgestattet.

Ein Zimmer ist aufs allerprächtigste mit Intarsienarbeiten und Schnitzereien ausgestattet.

Ein Detail der Holzarbeiten an der Wand. Der Kleinwüchsige war immer mit dabei.

Ein Detail der Holzarbeiten an der Wand. Der Kleinwüchsige war immer mit dabei.

Detail am Kachelofen. Die Frauen trugen damals nix drunter und wärmten ihre Popos auf diese Weise am Kachelofen. Eine schlüpfrige Kachelofen-Kachel-Inception.

Detail am Kachelofen. Die Frauen trugen damals nix drunter und wärmten ihre Popos auf diese Weise am Ofen. Eine schlüpfrige Kachelofen-Kachel-Inception.

Eine ultraluxuriöse Ausgabe einer Rüstung.

Eine ultraluxuriöse Ausgabe einer Rüstung.

Sogar für den Hofnarren gab es eine Rüstung.

Sogar für den Hofnarren gab es eine Rüstung.

Kalte Gurkensuppe. Na wenn das die Quintessenz Luthers ist, dann zieh ich meinen katholischen Schweinsbraten vor.

Kalte Gurkensuppe. Na wenn das die Quintessenz Luthers ist, dann zieh ich meinen katholischen Schweinsbraten vor.

Luther selbst weilte 1530 hier, während in Augsburg über die Confessio Augustana verhandelt wurde. Das war der südlichste Punkt, an dem er sich sicher fühlte. Daher findet sich hier auch das Symbol der Luther Rose. In der Lutherkapelle ist der Fürstensitz oberhalb der Kanzel, so viel zum Thema, das Wort Gottes stehe im Protestantismus über allem. Ja, da kann man einiges kritisch sehen, die Freiheit aus der babylonischen Gefangenschaft des Papsttums zog die Anbiederung an die Landesherren nach sich. Das drückte sich etwa darin aus, dass der Herrscher als oberster Bischof galt. Was dazu führte, dass nach der Abdankung Kaiser Wilhelms sich der größte Teil der Evangelischen sich nicht mit der Weimarer Republik versöhnte und Hitler wählte. Der letzte regierende Coburger Herzog war übrigens auch Parteimitglied und kam im 3. Reich zu allerlei hohen Ämtern. Das wurde auf der Führung aber nicht erwähnt.

Neben allerlei Geschützen und Rüstungen gibt es auch noch diverse Hochzeitskutschen anzuschauen.

Die Stalinorgel, pardon, Herzog-Casimir-Orgel steht neben allerlei Geschützen, aber auch Hochzeitskutschen in der Austellung.

Wenigstens haben Bonhoeffer & Co die weltliche Macht dann kritisch gesehen und so konnte der Protestantismus sich nach dem Krieg zu der pazifistischen Kraft entwickeln, als die man ihn heute kennt. An was man alles so denkt wenn man durch so ein Gemäuer streift… Draußen im Burghof höre ich durchs leicht regnerische Wetter wunderbare Posaunenklänge und Chorgesang aus der Kapelle. Mei, also was die Musik angeht, da haben die Protestanten bei mir dann schon einen Stein im Brett, da waren sie wirklich durch alle Jahrhunderte top.

Im Burghof muss man etwas suchen, bis man den Aussichtspunkt gefunden hat, doch oben bietet sich eine tolle Aussicht über die weitere Umgebung. Bis nach Thüringen kann man von hier sehen. Ist ja gleich ums Eck. Zu DDR-Zeiten war die Veste vielleicht so eine Art Leuchtturm der Freiheit.

Mit Lavendel grüßt der Süden in den Norden.

Mit Lavendel grüßt der Süden in den Norden.

Eine uralte geschnitzte Pieta. Kunst ist in der Veste auch zu besichtigen.

Eine uralte geschnitzte Pieta. Kunst ist in der Veste auch zu besichtigen.

Der Abstieg geht zum Glück schneller. Ein halber Tag in Coburg und man muss sagen: Viel erlebt, Donnerwetter. Und man hätte noch sooooo viel anschauen können! Die von Norden einfallenden Preußen werden hier wirklich gleich mit einem Kleinod in Bayern begrüßt. Sie sollten ruhig länger als einen Tag bleiben. Der Bayer denkt sich: Herrschaftszeiten, da muss ich nochmal hin! Diverse Ausstellungen in der Veste nur am Rande gestriffen, im Schloss keine Führung gemacht, und von den Coburger Bratwürsten, da fehlen mir noch ein paar Exemplare.

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