Der Goldene Adler in Mürsbach

Die Kirche dominiert den Ort.

Die Kirche dominiert den Ort.

Mürsbach ist schön gelegen, zwischen Bamberg und Coburg am Itzgrund. Vor hunderten von Jahren war das Dorf eine Großpfarrei mit 27 Orten. Das sieht man heute noch, der Ort gruppiert sich um eine recht wehrhaft wirkende Kirche, die das Ortsbild dominiert. Das Buch „Genuss mit Geschichte“ weist darauf hin, dass in Mürsbach aufgrund dieser „Mittelpunktsfunktion“ die Wirtshäuser und angeschlossenen Brauereien ebenfalls eine besondere Bedeutung hatten.

Wir kehren beim Gasthof Goldener Adler ein und setzen uns erst einmal in den tollen, einer Streuobstwiese ähnlichen Biergarten. Das Obst lieferte früher den Grundstoff für eine hauseigene Brennerei. Die Brennerei gibt’s heute leider nicht mehr. Am Fallobst laben sich nun die Wespen.

Der Streuobst-Biergarten

Der Streuobst-Biergarten.

Wie in einem echten Biergarten herrscht hier: Selbstbedienung. Wir gehen vor zum Wirtshaus, an einem Fensterl kann man nur Essen bestellen, am Fensterl daneben nur die Getränke. Es handelt sich trotz der verschiedenen Fenster und ihrer unterschiedlichen Funktionen allerdings um denselben Raum, und um dieselbe Person bei der wir bestellen. Aber Ordnung muss sein! Das naturtrübe Apfelschorle stammt von irgendeinem Klostergarten und kostet 2,50 Euro. Der Luthertrunk ist aus, den hätte ich durchaus einmal probiert, immerhin sind wir hier in einem katholischen Ort, dass da sowas ausgeschenkt werden darf… Tatsächlich aber sind wir hier in einem Gebiet, dicht an der unterfränkischen Grenze, wo auch die Konfessionsgrenzen aufgrund der vielen Rittergüter zahlreich vorhanden waren.

Die Inneneinrichtung blieb zum Glück von Modernisierungen verschont.

Die Inneneinrichtung blieb zum Glück von Modernisierungen verschont.

Hier kann man sich Essen holen.

Hier kann man sich Essen holen.

Wir gehen um die Ecke rum zum anderen Fensterl und bestellen was zu Essen. Ich schwanke zwischen dem gebratenen Huhn aus Freilandhaltung und der Bamberger Zwiebel. Ein Begleiter fragt, was das denn sei, eine Bamberger Zwiebel. Schlau wie ich bin platze ich hervor: „Na, eine Zwiebel aus Bamberg!?“

Die berühmte Bamberger Zwiebel.

Die berühmte Bamberger Zwiebel.

Tja, ganz so einfach ist das nicht. Aber immerhin sind die Bamberger, besonders die Bamberger Gärtner als Zwiebeltreter bekannt, da müssen ihre Zwiebeln ja was besonderes sein. Da es nur noch zwei Hendln gibt, fällt mir meine Entscheidung zur Zwiebel leichter, die ich gerne mal ausprobieren will.

Die Bamberger Zwiebel kostet 7 Euro und ist eine große Gemüsezwiebel, die durchs Braten eher süß schmeckt. Gefüllt ist sie mit gewürztem Hack, dazu eine gute Soße. Kann ich’s empfehlen? Ja, auf jeden Fall. Normalerweise gibt man bei Fleichpflanzerln ja eher die Zwiebel ins Hack, hier ist es umgekehrt. Die Würze ist top und der süße Zwiebelgeschmack ist es auch. Trotzdem würde ich mich das nächste Mal für etwas anderes entscheiden: Das Huhn.

Ein Bauerngarten rundet den Biergarten ab.

Ein Bauerngarten rundet den Biergarten ab.

Gästezimmer im anno dunnemals Stil gibt's auch.

Gästezimmer im anno dunnemals Stil gibt’s auch.

Ich probiere bei den Kollegen. Das ist eines der besten Hendln die ich in meinem Leben gegessen habe. Perfektes Fleisch und eine extrem gute Rahmsoße. Die Knödeln sind zart, aber nicht zerkocht. Und klein ist die Portion auch nicht. Nun mag mancher sagen: 9,50 Euro für ein Huhn, das ist schon ganz schön teuer. Je nu, Qualität kostet, und für diese Qualität würde ich die allermeisten Sauerbraten stehen lassen. Und die sind oft nicht billiger.

Das Wirtshaus stammt von 1758, Anbauten folgten in späteren Jahrhunderten. Die Wirtsstube ist recht altertümlich und gemütlich. Sie wurde glücklicherweise nicht in den 70ern „modernisiert“ sondern schön alt gelassen. Wir finden einen alten Kachelofen. Früher nutzte die Wirtsfamilie noch den hinteren Teil der Stube als Wohnzimmer. Im Hof des Anwesens ist ein Flohmarkt aufgebaut. Eine Oma sitzt an einem Tisch und strickt, ein Hund liegt unter der Treppe. Alles schön verwinkelt hier. Ich komme mir vor wie in einer Zeitkapsel in die gute alte Zeit, allerdings in ein derartiges Paralleluniversum, wo die gute alte Zeit tatsächlich gut war, und nicht nur alt. Der Ort strahlt eine bodenständige Gemütlichkeit aus, aber ohne irgendwie dumpf zu wirken. Sondern eher so, als hätte man den Blick über den Tellerrand gewagt, um die herausragende Qualität der Region neu zu entdecken.

Das Auge isst auch architektonisch mit.

Das Auge isst auch architektonisch mit.

Im Keller soll er noch eine Obstbrennerei geben, die haben wir aber nicht besichtigt, ebensowenig die Geräte der stillgelegten Brauerei.

Auf der Karte steht noch Ostheimer Leberkäse. Den soll es zur Brotzeit geben. Ostheimer Leberkäse. Dieses Gericht versuche ich seit circa zehn Jahren zu probieren. Ganz was besonderes und extrem seltenes. Wieso? Klären wir später.

Verwunschene Eingänge zu Felsenkellern.

Verwunschene Eingänge zu Felsenkellern.

Das Fachwerk-Dorf Mürsbach.

Das Fachwerk-Dorf Mürsbach.

Einige Fachwerk-Häuser müssen renoviert werden. Da gibt die Möglichkeit, Einblick in den Aufbau so einer Wand zu nehmen.

Einige Fachwerk-Häuser müssen renoviert werden. Da gibt die Möglichkeit, Einblick in den Aufbau so einer Wand zu nehmen.

Denn nach dem Mittagessen und vor der Brotzeit wollen wir erst einmal einen Verdauungsspaziergang machen. Durchs Dorf, ein „Golddorf“ wie der Wirt informiert. Mürsbach bekam 2013 die Goldmedaille im Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ (früher bekannt unter „Unser Dorf soll schöner werden“). Damit zählt Mürsbach zu den schönsten Orten Deutschlands bis 3000 Einwohner. Respekt! Schön anzuschauen ist Mürsbach schon. Wir sehen viel, sehr viel Fachwerk. Als wir am Dorfbrunnen vorbeikommen, tönt uns aus einem Fenster eine Tuba oder Posaune entgegen. Bayern möchte mal wieder zeigen, was es kann. Die Felsenkellerabgänge sind teilweise sehr verwachsen, daneben haben wir Treppenaufgänge zu Häusern und Gärten. Bei der Kirche steht ein kleines Türmchen mit Mäuerchen, die Befestigungen stammen aus der Reformationszeit. Diese Region im nördlichen Oberfranken war ja früher arg zersplittert in viele kleinere Rittergüter, die mal katholisch, mal protestantisch waren.

Nun kommen wir am Sonnenbräu-Wirtshaus vorbei. Die brauen selber. Der Biergarten ist nicht so schön wie beim Goldenen Adler, und die Speisekarte wirkt im Vergleich eher 0815. Dafür ist aber das Kellerbier hervorragend.

Klingeling, hier wohnt der Eiermann. Auf den Bayern-Ei Skandal nehmen die Franken gerne spottend Bezug. Da können die Altbayern echt noch was von Lebensmittelqualität von den Franken lernen!

Klingeling, hier wohnt der Eiermann. Auf den Bayern-Ei Skandal nehmen die Franken gerne spottend Bezug. Da können die Altbayern echt noch was von Lebensmittelqualität von den Franken lernen!

Während wir weiter durch Mürsbach marschieren, fallen uns die Werbungen für frische Eier an jedem zweiten Haus auf. Anscheinend setzt das Dorf ordentlich auf Selbstversorgung und geht für regionale Produkte maximal bis zum Nachbarn.

Wir kommen an eine kleine Kirche, die verschlossen ist. Daneben ist ein kleiner Apfelbaum eingepflanzt. KZ-3 steht da. Tatsächlich, ein Apfel, der in einem KZ gezüchtet wurde. Korbiniansapfel heißt das Bäumchen. Korbinian Aigner war ein bayerischer Pfarrer, der seit den frühen zwanziger Jahren kritisch gegenüber den Nazis eingestellt war. Seine Äußerungen brachten ihn nach der Machtübernahme ins KZ. In Sachsenhausen starb er fast an einer Lungenentzündung, aber nur fast. Damals soll er gesagt haben: „Den Gefallen tu ich euch net, da heroben in Preußen zu sterben.“ Er überlebte und kam nach Dachau, wo er in der Landwirtschaft eingesetzt wurde. Hier züchtete er mehrere Apfelsorten, die er KZ-1 bis 4 nannte. Heute ist davon nur die Sorte KZ-3 erhalten. Das haben sich die Nazis wohl nicht gedacht, dass einmal Menschen vor der Züchtung eines Priesters stehen werden, den sie eigentlich zur Vernichtung ausersehen hatten. Aigner konnte in den letzten Kriegstagen aus einem Todesmarsch fliehen und starb erst 1966. Seine Apfel-Bilder wurden 2012 auf der dOCUMENTA in Kassel ausgestellt. Das hätten sich die Nazis sicher auch nicht vorgestellt. Aber so unergründlich sind eben die Wege des Herrn.

Ein Türmchen, das die Kirche in den Reformationswirren schützen sollte.

Ein Türmchen, das die Kirche in den Reformationswirren schützen sollte.

Der Licht-Spot vom Lieben Gott.

Der Licht-Spot vom Lieben Gott.

Da hat der Liebe Gott den Spot gesetzt.

Der Licht-Spot von Petrus.

Auch Miezi pflegt nach dem Essen zu ruhen, gleich neben der Kirche.

Auch Miezi pflegt nach dem Essen zu ruhen, gleich neben der Kirche.

Wir gehen auch wieder unserer Wege, zurück zum Goldenen Adler. Hier probiere ich ein kleines Helles aus der Brauerei Schleicher in Kaltenbrunn. Das ist auch ganz gut, wobei das Sonnen Kellerbier besser war.

Ein Nachtisch ist zwar keine Brotzeit, dafür sind die Himbeeren gesund.

Ein Nachtisch ist zwar keine Brotzeit, dafür sind die Himbeeren gesund.

Hui, wie freu ich mich auf den Ostheimer Leberkäse. Jetzt ist Brotzeit, Brotzeit ist die schönste Zeit! Nein. Die Zeit ist noch nicht reif. Denn Brotzeit gibt’s leider erst ab 16:00 Uhr. Also müssen wir notgedrungen mit einem Himbeerparfait vorlieb nehmen. Das ist sehr gut geeist mit leckerer Sahne und Himbeersoße. Diesmal sitzen wir am anderen Eck des Biergartens, an der Scheune unter einem Hollerstrauch. So schön kann Leben sein.

Wie bringen wir jetzt nur die Zeit bis 16:00 Uhr rum?

Wir fragen den Wirt, ob er uns eine kleine Tour in der Gegend empfehlen kann. Er geht zu einer Karte und deutet mit dem Finger erst einmal einige Minuten auf Mürsbach. Und überlegt und überlegt und überlegt. Ohne irgendeine Regung. Ist er eingefroren? Dann schlägt er uns eine Tour links der Itz im ober- und unterfränkischen Grenzgebiet vor. Zunächst sollen wir links entlang der Itz nach Untermerzbach, dann nach links abbiegen und das Wasserschloss in Gereuth besuchen. Weiterfahren zum Schloss Eyrichshof, dann weiter zur Ruine Rotenhan in Lichtenstein.

Ein schöner... Kasten.

Ein schöner… Kasten.

So viele Schlösser und Burgen auf so einem kleinen Teil der Karte? Es werden tatsächlich noch mehr. Über eine Flurbereinigungsstraße kommen wir ins Nachbardorf, wo wir an einer schlossähnlichen Mühle vorbeifahren. In der Ferne grüßt ein gewaltiges Herrenhaus aus einem anderen Dorf. In Untermerzbach steht ebenfalls ein riesiges Schloss, wir halten aber nicht sondern fahren weiter nach Gereuth. Aussteigen und hui, das Wasserschloss (ohne Wasser im Graben) bewundern. Bei gar nicht mal so näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass der Kasten einer Renovierung bedarf, manche der Steinplatten sind schon in einem arg schepsen Zustand. Wenigstens wird die gegenüber liegende Kirche renoviert. Das Schloss wurde von Bischof Greiffenclau aus Bamberg erbaut, gehörte nach der Säkularisation einem Juden namens Hirsch, übrigens der erste mit Patrimonialgerichtsbarkeit, und ist heute in Privatbesitz. In der Ferne jagen sich Motorräder mit monströsen Beschleunigungen, so hört es sich zumindest an.

Der Ausblick vom Biergarten ist durchaus akzeptabel.

Der Ausblick vom Biergarten ist durchaus akzeptabel.

Hinterm Schloss gibt es einen Biergarten mit schönem Blick in den Schlossgarten. Der Getränke- und Imbissverkauf ist in einer Bretterbude untergebracht, die eher nach Baustellenverschlag statt nach Hochwohlgeboren aussieht.

Ich trinke ein Apfel-Kirsch-Schorle, sehr süß. Der Kaffee scheint auch nicht so zu munden. Zum Essen gäbe es ein Schweinesteak mit Pommes für 4,90 Euro. Huch, das ist wohl so das Gegenteil zum Adler in Mürsbach. Apropos, nun könnte es schon bald Brotzeit-Zeit sein.

Wir lassen also die übrigen Schlösser und Ruinen links liegen und fahren zurück nach Mürsbach. Auf unser „Servus“ antwortet die Wirtin mit „Jetzt seids ihr ja schon wieder da?!“

Jaha, und endlich dürfen wir unseren Ostheimer Leberkäse bestellen.

Der Dorfbrunnen in Mürsbach.

Der Dorfbrunnen in Mürsbach.

Dazu gibt’s ein Johannisbeerschorle in Demeter Bio-Qualität und ein Birnen-Holunderschorle, auch sehr fein. Wir setzen uns diesmal in den Hof unter den Walnussbaum und schon bald kommt die Spezialität. Die Geschichte des Ostheimer Leberkäses beginnt im 1870er Krieg. Ein Metzger aus Ostheim vor der Rhön lernte auf dem Frankreichfeldzug die dortigen Fleischterrinen kennen. Gesund heimgekehrt, versuchte er sie nachzukochen. Heraus kam der Ostheimer Leberkäse, dessen Rezept bis heute offiziell nur den Ostheimer Metzgern bekannt ist.

Sogar die Treppen in Mürsbach haben ihren Charme.

Sogar die Treppen im Ort haben ihren Charme.

Dieser Leberkäse hat mit dem bayerischen Leberkäse nix zu tun. Sondern ist mehr eine feste Fleischterrine. In dünne Scheiben geschnitten ist er geschmacklich schwer zu beschreiben. Er erinnert etwas an echten Leberkäse (also nicht der Fleischkäse vom Metzger, sondern den, wo richtig Leber drin ist) und Gänseleberpastete. Durchaus interessant und empfehlenswert. Das Brot das dazu gereicht wird, passt, schmeckt aber nicht ausnehmend gut. Auf der Platte liegen neben einer guten Sauer- und Salatgurke eine wunderbar schmeckende Cocktailtomate und, sehr selten sowas, eine Zitronengurke. Hier pflegt die Küche noch alte und seltene Sorten zu bewahren, und dem Gast näher zu bringen. Dafür gibt’s eine Eins mit Stern, summa cum laude!

Da ist er nun, er berühmte Ostheimer Leberkäse!

Da ist er nun, er berühmte Ostheimer Leberkäse!

Fazit: Dieser Biergarten ist auf jeden Fall eine Reise wert, auch die Schlösser im Umkreis laden zu Touren ein. Wir sollten auf jeden Fall wiederkommen. Und wieder und wieder!