Der Schlenkerla-Biergarten

Ein guter Spruch, dem ich sogleich Folge leiste, links am Kreuz vorbei ist auch schon der Biergarten.

Ahhhhhhh, es ist wieder Biergartenzeit! Zuerst holen die Menschen ihre Sonnenbrillen raus, dann öffnen die Eisdielen, und zack, schon stehen die Bierbänke draußen und die ersten Krüge werden geleert. Nur: Eisdielen und Sonnenbrillen, die sieht man schon kommen, aber wenn die ersten Biergärten öffnen ist das für mich immer eine freudige Überraschung. Wie auch im hiesigen Fall. Eigentlich wollte ich das hochberühmte Wirtshaus zum Schlenkerla in Bamberg testen. Freilich: Drin war ich schon oft. Das Schlenkerla ist so ein Typ Wirtshaus, das man mit Eltern und Gästen besucht. Ein Must-Have jedes Bamberg-Besuchs, so wie der Dom, Klein Venedig und das Alte Rathaus.

Der Bäume könnten es in dem Innenhof gern mehr sein, allerdings spenden die umliegenden Hauswände den meisten Schatten.

Hingesetzt hatte ich mich dort jedoch schon lange nicht mehr, denn erstens: das Schlenkerla-Rauchbier, zweitens: das Schlenkerla-Rauchbier, drittens: das Schlenkerla-Rauchbier, viertens: Es ist meistens sehr voll. Das Rauchbier dieser Brauerei ist gemeinhin bekannt für seinen extremen Schinkengeschmack, der angeblich ab der dritten Halbe, der Franke sagt Seidla, gar nicht mal so übel sein soll. Da ich aber nie über die erste Halbe hinaus gekommen bin und die schon eine arge Tortur war, gab es keinen Grund dort länger zu verweilen. Allerdings hat die Brauerei auch andere Biere im Angebot, und davon wollte ich nun eins probieren. Außerdem ist das Wirtshaus einfach nur wun-der-schön! Sa-gen-haft!

Ich stiefle also über die Untere Brücke und nähere mich dem Schlenkerla. Kurz nach der Uni-Aula, der ehemaligen Dominikanerkirche, lockt ein Schild: Biergarten im Innenhof geöffnet. Ui, die haben einen Biergarten? Also rein in den Innenhof, und, oh, hm, naja, es gibt schönere Biergärten in der Stadt. Rechterhand erhebt sich die Seite der Dominikanerkirche, linkerhand die Hausmauer des Schlenkerla. In der Mitte ein einzelner Baum, darum eine paar Pflanzenkästen. Es ist durch die Mauern außenrum sehr schattig, so dass ich mir später sage, hätte ich lieber noch eine Jacke mitgenommen. Tatsächlich fällt mir erst jetzt beim Schreiben auf, dass auf dem Schild nicht wie in Franken üblich „Bierkeller“ steht, sondern „Biergarten“. Da unter dem Hof wohl kein Keller ist, ist die Bezeichnung trotz weniger Pflanzen vor Ort  richtig.

Schon die Fassade lässt jedes Touri-Herz höher schlagen.

Ich suche mir eine freie Bank. Mir gegenüber sitzt eine Gruppe Leute, die augenscheinlich irgendwo zwischen Marokko und Pakistan herkommen und sich in einer solchen Sprache unterhalten. Allerdings trinken sie Bier und essen Schäuferle. Als die Bedienung sie beim Bezahlen fragt, woher sie kommen, meint der Älteste: „Aus Nürnberg.“ Als sie weiter insistiert, meinen sie „aus Afrika“. Sie stehen auf und verabschieden sich mit mittelfränkischem Akzent. Danach setzt sich ein Student hin, verwurschtelte Locken und große Geheimratsecken, schwarze abgetragene Lederjacke, roter Pullover, safranfarbene Hose, grüne Socken, die über dem Knöchel ein Loch haben und dunkelblau-neongrüne Laufschuhe. Er liest ein Buch aus der Bibliothek, Gabriel Garcia Marquez: Der Herbst der Patriarchen. Dazu trinkt er eine Johannisbeerschorle und isst Krustenbauch mit Kartoffelbrei UND Knödel. Während des Lesens hält er ab und zu inne und schaut nachdenklich in die Ferne, als ob er über das Gelesene sinniere. Als sich später Leute an seinen Tisch setzen, freut er sich, nicht mehr allein zu sein. Ein typischer Bamberger Student eben. Hinter mir sitzen Engländer, die offensichtlich einen Biergarten mit einem Bierfest verwechseln. Nochmal zur Erinnerung: Biergarten => Gemütlichkeit. Bierfest => Gaudi. Merkt euch das endlich mal ihr Brexitarier!

Das Gewölbe ist aus dem 14., die Malereien aus dem 20. Jahrhundert.

Die Speisekarte hat so einiges zu bieten, Spargel natürlich, aber auch Fastengebäck und Fastenbier. Juhuuu, ich muss kein Rauchbier trinken, zum Glück bin ich katholisch! Also lasse ich mir eine Halbe Fastenbier für 3,30 kommen. Die ist fastenmäßig knapp unter 0,5 Liter eingeschenkt. Das Bier ist dunkelbraun, aber immer noch heller als das Rauchbier und schmeckt süßlich, eisen-metallisch, mit Röstaromen, erinnert etwas an das Spezial Rauchbier.

Ich gehe kurz aufs Klo, das übrigens recht neu und schick aussieht. Als ich wiederkomme sitzt eine Gruppe mittelalter Damen bei mir am Tisch. Die Bedienung will mir dafür extra was berechnen, wir lachen ganz herzlich darüber. Sie trinken alle ein Rauchbier, und als sie bei mir sehen, dass man auch was anderes hätte bestellen können, ärgern sie sich kurz.

Da mir ein Schäuferla und anderes Bratenzeugs etwas zu viel ist, bleibe ich beim Brotzeitangebot. Allerlei verlockendes steht da, aber dann springt mir der Zwetschgenbames-Teller ins Auge. 9,50 Euro sind nicht gerade wenig, und was soll das bitteschön sein?

Die fränkische Wunderwaffe gegen Serrano, Parma und Pastrami.

Der Zwetschgenbames ist gepökeltes Rindfleisch, dass zunächst in Gewürzen und Pökelsalz einige Woche liegen muss. Danach wird es über hartem Holz wie der Zwetschge, daher der Name, ein bis zwei Wochen geräuchert. Weil die Zwetschge nur langsam glimmt, reift das Fleisch länger. Weitere Ähnlichkeiten: Der fertige Schinken soll so hart wie Zwetschgenholz sein und wie Carpaccio aufgeschnitten die gleiche rötliche Farbe haben. Früher nahm man dafür das Fleisch alter Tiere, das eh schon etwas härter war.

In weiteren Gaststuben findet sich etwa so ein schöner Kachelofen.

Als die Brotzeit auf den Tisch kommt, denk ich mir: Na sauber, für das Geld hätte ich auch einen Braten bekommen. Aber schmeckt der Bames? Jawoll!!! Und wie! Das ist kein einfacher geräucherter Schinken, der schmeckt anders als alles bisher bekannte. Er hat eine Fenchelnote, die an italienische Fenchelsalami erinnert, ist trocken und salzig wie Serrano-Schinken und fleischig wie Coppa. Huuuu, also da können sich italienische und spanische Schinkenhersteller warm anziehen!

Das mitgereichte Brot ist ausgezeichnet, saftig und schön gewürzt. Die Butter ist gut gesäuert. Wenn ich allerdings den Schinken drauflege, dann kommt der gegen das Brot nicht an. Vielleicht benutzen deshalb die Südländer Weißbrot um den Schinken da draufzulegen, weil das weniger Eigengeschmack hat. Auch das Bier wirkt durch seinen süßlichen Geschmack lange nach. Daher ist folgende Reihenfolge am besten: Schluck Bier, Bissen Brot, Bissen vom supergeil milden Gurkerl und dann Fleisch. Tomate und Petersilie munden auch, sind aber schnell verputzt.

Ein Essen, das einen Gourmet nicht fürchten muss. Jeden Cent wert!

Die Damen am Tisch haben blaue Zipfel bestellt, die riechen ganz fein, allerdings scheint mir doch recht wenig Sud dabei zu sein.

Die Kupferhähne und der Brauerstern auf der Toilette sind ein schönes Detail. Leider ist die Lichtschranke so eingestellt, dass nur eine Hand Wasser bekommt, währende die andere vor dem Sensor verweilen muss.

Ich muss etwas warten, bis die Rechnung kommt, was ansonsten im Biergarten kein Problem wäre, aber da es im Schatten doch recht frisch ist, sinkt die Gemütlichkeit deutlich. Naturtrübe Apfelschorle oder den Rauchbierbrand, der als fränkischer Whisky angepriesen wird, spare ich mir daher. Anschließend schaue ich mir noch die gut besuchten, aber nicht komplett vollen Gasträume an. Sehr schön das alles. In den Gängen finden wir wunderbare alte Stadtansichten Bambergs. Draußen sehen wir einen geschmiedeten eisernen Ausleger, er stammt aus dem 18. Jahrhundert und zeigt den Brauerstern und einen blauen Löwen, nach dem das Haus seit 1538 benannt ist. Darunter sehen wir ein Männchen, den früheren Besitzer gegen Ende des 19. Jahrhunderts, Alfred Graser. Weil er beim Gehen immer die Arme herum“schlenkerte“, nannte man ihn eben den „Schlenkerla“. So heißt das Wirtshaus bis heute, auch das Bier wird in Bamberg so genannt. Die Brauerei jedoch ist nach Johann Wolfgang Heller benannt, dem diese im 18. Jahrhundert gehörte. Der Innenhof hat einen Ausschank, eine Treppe von 1730 führt nach oben, wo die Eigentümerfamilie mittlerweile in sechster Generation lebt. Früher gab es hier noch eine Brauerei und eine Mälzerei, die liegen heute auf dem Stephansberg. Erst 1926 kam das gotische Kreuzrippengewölbe aus dem 14. Jahrhundert dazu, die Dominikanerklause. Das Buch „Genuss mit Geschichte“ weist auf die Inneneinrichtung hin, die ebenfalls aus den 1920er Jahren stammt und auf jeden Fall eines detaillierten Blickes würdig ist.

Fazit: Ja, das Schlenkerla Rauchbier muss man probieren. Zumindest einmal in seinem Leben. Wer’s nicht mag, kann es dann für den Rest desselben lassen. Zum Glück gibt es noch andere Biersorten. Aber die wunderschönen Räume locken dann doch wieder her, der Biergarten ist dagegen eher so lala. Was ganz was Feines ist der Zwetschgenbames, den sollte jeder Freund getrockneter Schinken verspeisen. Denn auch im Schlenkerla gilt: Lieber Schinken essen als Schinken trinken!

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