Die Sandkerwa – Die Nacht

Eine Kerwa ist nicht nur zum Essen, Trinken und Zeit totschlagen da. Sondern auch zum Feiern. Ach was.

Wer Tanzen will, ist in der Blaubar gut aufgehoben. Das ist eine Dance-Lokalität, die nur während der Kerwa offen hat. Allerdings tanzt man hier genauso wie in einer Sardinenbüchse, auf und nieder, immer wieder. Die Musik ist meist recht ordentlich. Im Hemmingways (wirklich so geschrieben) lassen sich gut Cocktails schlürfen und die vielen anderen kleinen Bars und Weinstuben bieten teils Gemütlichkeit, teils nette Konzerte lokaler Künstler.

Der Franke an sich ist schon sehr charmant veranlagt.

Der Franke an sich ist schon sehr charmant veranlagt.

Weil manche Bewohner der Innenstadt eher zwiederwurzig drauf sind, sich über die Fröhlichkeit beschweren und nicht einmal die paar Tage mitfeiern wollen, schränkt die Stadt Bamberg den Schankschluss auf immer früher ein. D.h. Party in der Sandstraße ist meist gegen Mitternacht zu Ende. Darum ziehen wir weiter in die Lange Straße, Austraße oder die Kapuzinerstraße. Da dürfen wir noch eine Stunde länger feiern. Ganz nett ist z.B. das Calimeros in der Langen Straße. In der Austraße haben neben ein paar Clubs noch das Heska offen, eine Weinstube mit gutem Bier.

Früher gabs in der Kapuzinerstraße noch die Kapuzinerklause. Betrieben von einem älteren Pärchen, das alle Hits auf Bayern 1 auswendig kann, den eigenen Hochzeitstag aber nicht mehr so genau im Kopf hat.

Hipster-Hausen

Trennung auf fränkisch.

Trennung auf fränkisch.

Seit zwei Jahren gibt’s den Freiraum (ja, die sind so cool, die haben sogar einen Blog). Das ist eine Bar, die ich jedem nur empfehlen kann. Es ist zwar teilweise gestopft voll und man muss vor der Tür warten (wo sind wir, in München???). Aber drinnen geht die Party ab. Das Klo (ja wir fangen damit an), ist mit einem Spielteppich dekoriert, auf dem auch noch Verkehrsschilder und Matchbox-Autos kleben. Super.

Im Erdgeschoß gibt’s einen wunderbaren Innenhof, in dem man vom Ü-40 Dozenten der Geisteswissenschaft bis zum Hipster alles bei einem Bierchen findet. Dann gehen wir eine schöne alte Holztreppe hoch und hier tobt die Party. Gut, Platz zum Tanzen ist hier wenig. Und die schenken hier Tegernseer (!) aus. Aber wir finden trotzdem noch das altbewährte Otto Hübner Bräu und das Keesmann Pils. Und ansonsten alle sonderbaren Getränke, die der Berliner Hipster nicht missen wollte. Neben der Fritz Cola und ihrer Geschwister auch Wostok Tannenwald und Sauer Rha-Rha-Rhaberberschorle. Man kommt gut ins Gespräch, kann aber auch in Ruhe dem alten Spiel der Minne um die Gunst einer Frau (oder eines Mannes, so gleichberechtigt sind wir schon) zuschauen.

Wer ganz lang Party machen will, der geht in den Morph Club. Der ist vor einigen Jahren umgezogen. Die frühere Location lag an der Äußeren Löwenstraße. Enorm kultig und alternativ. So alternativ, dass irgendwann das Dach kaputt ging und der Club, obwohl im Keller, ein enormes Feuchtigkeitsproblem bekam. Folge: Man brauchte Schwammerln da nicht mehr essen, man atmete sie einfach ein. Und das Klo schwamm einfach so davon. Wilde alte Zeiten. Passé. Heute finden wir den Morph Club in der Oberen Königsstraße. Und da steppt der Bär. Manchen allerdings mittlerweile zu sehr Mainstream. Passé. Heute finden wir den Morph Club gar nicht mehr. Denn der hat aus Protest gegen die Ausweitung der Sperrzeit komplett dicht gemacht. Für Bamberg als Stadt fürs junge Volk ein wohl nicht wiedergutzumachender Verlust.

Unheimliche Begegnung der eisgekühlten Art

Damit das mal ein für alle Mal klar ist!

Damit das mal ein für alle Mal klar ist!

Über den fast menschenleeren Grünen Markt rattern zwei Mädels mit einer Gefriertruhe auf Rollen. Wie bitte? Ja genau. Zwei Damen fahren eine Gefriertruhe durch die Gegend. Und was machen sie damit? Den Inhalt verschenken. „Mit schönen Grüßen von der Blaubar.“ Innen schwimmt eine orange Flüssigkeit und hundert Eiswürfel. Tequila Sunrise. Den schöpfen sie mit einem Masskrug raus und geben den hungrigen und neugierigen Nachtschwärmern zu Trinken. Ich nehm’ lieber den Strohhalm zur Hand. Doch, schmeckt ordentlich. Was für sonderbar freundliche Menschen es doch gibt.

Über die Kettenbrücke rüber, höre ich noch Musik aus einem Haus, das anscheinend früher mal eine Schnapsfabrik war. Vielleicht wieder eine Party in privaten Räumen für die Öffentlichkeit? Die Tür ist angelehnt, ich gehe rein. Drei Leute sitzen auf Sofas im Hof. Höflich stelle ich mich vor, und bekomme sogleich einen Platz und ein Getränk angeboten. Überall liegen leere Flaschen herum, auch alte Geräte zur Herstellung und Abfüllung stehen da. Ob die Firma noch woanders produziert? Oder ob sie auf dem Markt nicht bestehen konnte? Die Musikanlage war früher sicher einmal recht hochwertig. Wir unterhalten uns recht gut. Wieder kommen Leute rein. Wieder Unbekannte. Diesmal will der Gastgeber aber nicht mehr Leute da haben, wir sind ja schon zu viert. „Nein, ihr müssts wieder gehen, der Oberpfälzer kann bleiben.“ Na sowas, wenn die Oberfranken darauf hinweisen, dass sie einem Oberpfälzer Aufenthalt bieten… Dann ist wahre Toleranz erreicht. Fremdenfeindlichkeit hat auf der Kerwa nichts zu suchen!

Klosterbräu und Depeche Mode

Wir sind im studentischen Wohnheim an den Mühlbrücken untergekommen. Zunächst holen wir uns Bier aus dem dortigen Automaten. Vom Klosterbräu. Das Pils ist sehr zu empfehlen, das Weizen weniger. Interessant schmeckt auch das Schwärzla. Früher für einen Euro, jetzt 1,20 Euro. Damit setzen wir uns in die Gemeinschaftsküche. Das ist schon ein bekanntes Ritual. Diesmal holt eine Bekannte aus ihrem Zimmer Liederbücher, und wir singen und singen. Oder man trinkt Kaffeelikör. Und wenn der aus ist, versucht sich der findige Mensch aus löslichem Maxwell-Kaffee und Martini neuen zu mixen. Funktioniert aber nicht. Von den übrigen Bewohnern ist meist nichts zu sehen. Schade, die könnten doch mit uns feiern.

In vergangenen Jahren wollten wir sie in Partylaune bringen. So gegen drei oder vier lädt man sich über den OnlineVideoRecorder die Aufzeichnung des Depeche Mode Konzerts in Pasadena runter. Dreht die Lautstärke auf, die Boxen zum offenen Fenster, und schläft dann auf der PC-Tastatur ein. Und dennoch kommt kein Nachbar und will mitfeiern. Am nächsten Tag hängt allerdings ein Zettel an der Tür: „Liebe Sandkerwa-Besucher. Es ist ja schön, dass ihr so viel feiert. Aber könnt ihr bitte heute leiser sein, ich habe morgen Prüfung.“ Diesen Gefallen haben wir der unbekannten Person natürlich getan.

Kann es einen schöneren Ort für einen Sonnenaufgang geben?

Kann es einen schöneren Ort für einen Sonnenaufgang geben?

Wer dann, ganz zum Schluss, wenn der Morgen schon wieder graut, noch fit ist, der darf noch etwas wandern und den wohl schönsten Ausblick auf Bamberg genießen. Wir packen uns eine Flasche Wein ein und den Laptop. Den Domgrund entlang, dann in die Altenburger Straße. Sobald rechts die Häuser aufhören, geht’s dort ein kleiner Feldweg los. Den steigen wir noch einige hundert Meter weiter hinauf, und genießen zu Mozarts Klarinettenkonzert in A-Dur guten Wein und den Sonnenaufgang über Bamberg (nein halt, wir haben andere Mozart-Stücke gehört, aber das Klarinettenkonzert hätte hier am besten reingpasst). Etwas Nebel hängt noch über den Feldern zu unseren Füßen, dahinter grüßen romantisch die Kirchtürme. Gleich könnte die Jagdgesellschaft eines Bischofs des 18. Jahrhunderts entlanggeritten kommen. Ja, so kulturell können Kerwa-Abende auch enden.

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