Die Vertreibung aus dem Paradies

Warum Bamberg seine Seele verliert, wenn die Studenten aus der Innenstadt weichen. Drei Einblicke in Studentenpartys an historischen Orten.

Fischstraße: Der Keller

Wir besuchen die Abschiedsparty einer WG, doch die Feier findet nicht im verwinkelten Haus mit der bunten Küche statt, sondern im Keller. Der ist noch verzweigter als die oberen Wohnungen und besteht aus vermutlich mittelalterlichen Abteilen und Gewölben. Die Gastgeber haben unten Bierbänke aufgestellt, Discobeleuchtung aufgehängt und sogar an plüschige Sitzgruppen ist gedacht. Aus einigen dicken Boxen kommt fetter Electro. Es scheint, dass einige Räume sogar unter der Straße weitergehen. Feiern in mittelalterlichen Kellern unter Bambergs Straßen. Ob sich die Erbauer vor fast einem Jahrtausend das vorgestellt haben, was hier abgeht?

Kapuzinerstraße: Der erste Stock

Gerade komme ich von einer offiziellen universitären Geburtstagsfeier. Dazu später mehr. Weil ich bei einem Artikel mitgewirkt hatte, bekomme ich eine Festschrift ausgehändigt.

Nach der Feier treffe ich mich noch mit den Kollegen von früher. Die haben einen guten Feiertipp, die Kapuzinerstraße. Nein, nicht in die Kapuzinerklause. Sondern, genau, auf eine WG-Feier. Schon ums Eck herum hören wir die Musik. Der Eingang ist gleich neben der Mini-Pizzeria Quatro Gattos. Eine wunderschön geschnitzte uralte Prunktreppe, belegt mit einem farbenfrohen, vermutlich handgeknüpften Teppich stapfen wir hinauf in den ersten Stock. Und da kocht die Stimmung. Unter einer Stuck-Decke feiern zig Studenten zu Drum n’ Bass ab. Ich werde sehr kritisch beäugt, denn ich habe ja einen Anzug an, wegen der vorherigen offiziellen Feier. Und Anzug könnte immer Student der Fakultäten der Feldkirchenstraße, kurz Feki bedeuten, also BWLer. Uiuiui. Das mögen die Geisteswissenschaftler der Innenstadt gar nicht gern. Denn wenn die Geisteswissenschaftler der Innenstadt Bier trinken, diskutieren sie anschließend historisch-philosophisch-soziologisch-theologische Themen. Oder über Kunstgeschichte. Wenn die BWLer der Feki Feuerzangenbowle trinken, zerlegen sie anschließend einen Hörsaal. Seitdem gibt es Alkoholverbot in den Räumen der Universität Bamberg. Durchaus ein Grund, sauer zu sein. Des Weiteren geht das Gerücht, dass es in der Innenstadt-Mensa immer das Essen der Feki-Mensa vom Vortag gibt. Wenn man essenstechnisch Resterampe ist, stimmt das auch nicht gerade wohlgesonnen. Wahrscheinlich denkt das Studentenwerk, dass Archäologen und Co. eh alles fressen. Was vermutlich zutrifft.

Leider scheint der Musikgeschmack der Gastgeber keine Auswirkungen auf ihren Biergeschmack zu haben, denn es gibt nur Oettinger. Brrrrr. Ich erspähe nur einen einzigen Kasten Mahrs. Und da sitzt doch tatsächlich ein Gastgeber drauf und bewacht ihn wie Fafnir. Der Anzug bietet leider keinen Platz für meine Drachentöterklinge, und scheint außerdem Fafnir nicht gerade milde zu stimmen.

Wir ziehen weiter zu einem Freund. Nach einem gemütlichen Beisammensein mache ich mich auf den Heimweg, doch, oh Schreck, die Festschrift ist weg. Meiomei. Hab ich die auf der Party gelassen? Ich marschiere wieder zurück in die Kapuzinerstraße. Dort sind kaum noch Leute. Ich suche auf und unter dem Sofa, wo wir unsere Jacken gelassen hatten. Auf einmal tappt ein nackter Studi ins Zimmer (na ja, die Socken hat er noch an): „Ey, hast du meine Unterhose gesehen?“ „Nein, aber hast du meine Festschrift gesehen?“ Hat er nicht. Vielleicht auch besser so. Er sucht in anderen Räumen weiter, ich gehe heim.

Am nächsten Tag frage ich nochmal bei dem Freund nach, er hat die Festschrift auch nicht gesehen (Später wird sich herausstellen, dass sie tatsächlich bei ihm war). Also nochmal zurück in die Kapuzinerstraße, vielleicht haben die ja was beim Aufräumen gefunden. Vor dem Haus stehen zwei junge Männer. „Könnt ihr mich mal reinlassen? Ich hab’ da drin vielleicht eine Festschrift vergessen.“ Die beiden beömmeln sich vor Lachen. Erstens, weil sie überhaupt keinen Überblick mehr haben, wer bei ihnen zu Gast war. Und zweitens, weil ich nicht der erste bin, der diesen Morgen nach einem vermissten Buch fragt. Jaja, die Bamberger Studenten sind halt recht fleißig. Die nehmen eben auch zum Feiern ihre Primär- und Sekundärliteratur mit.

Sandstraße: Bis unters Dach

Die Elisabethkirche ist der Ausgangspunkt der Sandkerwa. Das vielleicht schönste Fest Bayerns. Das Viertel liegt zentral zwischen der Inselstadt mit Blick auf Klein Venedig und dem Domberg. Ein Augenschmaus für Romantiker. Gegenüber ist ein reizender Tante Emma Laden, dahinter im historischen Gemäuer das Gefängnis (dessen Insassen kurz vor der Kerwa vom Bürgerverein auch eine kleine Feier bekommen). Die Verlängerung der Sandstraße bietet die meisten und kultigsten Kneipen der Stadt. In den kleinen Gässchen des Sandes findet man dutzende, teilweise rosenumrankte Fachwerkhäuser. Neben der Kirche steht ein mehrstöckiges, wuchtiges Haus aus dem Mittelalter. Sozusagen das erste Haus am Platze. Und: Eine Studenten-WG. Wenn die feiern, bleibt kein Auge trocken.

Im Flur des Hauses sitzen und stehen schon die ersten jungen Menschen rum, sogleich wird dem unbekannten Gast ein Bier angeboten. Rohre und sogar elektrische Drähte verlaufen hier noch auf dem Putz, die letzte Renovierung hat im Hauseingang wohl 1920 stattgefunden.

Im Zimmer gleich daneben legt ein HipHop-DJ auf, man hat das WG-Zimmer einfach mal schnell zum Club umgewandelt.

Soviel Schnitzkunst nur für Studentenpack.

Soviel Schnitzkunst nur für Studentenpack.

Wir gehen über eine uralte, breite Treppe, deren Geländer reich verziert ist, in den ersten Stock. Gleich neben der Treppe ist das Stockwerks-Klo. Auch geschätzter Jahrgang 1920. Das Licht geht nicht, Waschbecken Fehlanzeige. Der Flur hat eine breite Fensterfront zum kleinen, verhutzelten Innenhof. Weiter geht’s in die Küche. Dort treffe ich einen BWLer. Der hat keinen Anzug an, studiert aber trotzdem in der Feldkirchenstraße. Aber erstaunlicherweise zerlegt er nichts. Vielmehr unterhalten wir uns über den Wert von Familie und über die Theorie des indischen Wirtschaftswissenschaftlers Amartya Sen, dass Menschen ein  Optimum, nicht ein Maximum an Freiheit brauchen. Unser BWLer will nicht die Karriereleiter bis ganz oben raufklettern. Nur soviel verdienen, dass er die Familie absichern kann. Und ansonsten für sie da sein. Ich bin schwer beeindruckt und muss meine Meinung den Feki-Leuten gegenüber revidieren. Zumindest in diesem Einzelfall.

Auf der Suche nach was zu trinken komme ich in den Keller. Mit blumigen Worten lobe ich das dortige Tonnengewölbe (Tonnengewölbe ist gleich nach Kreuzrippengewölbe mein Lieblingsgewölbe, Gewölbe Gewölbe!). Meine Bewunderung erfreut einen der Gastgeber, den es hierher anscheinend aus Berlin verschlagen hat. Ja, sowas gibt’s da oben nicht.

So, jetzt hoch hinaus. Im obersten Stock hat man das Electrozimmer eingerichtet. Die Musik ist ausgezeichnet, der Raum gestopft voll. In der Ecke steht ein Lattenrost, wer hier heute Nacht oder eher morgen Früh schlafen darf? Ich schaue aus dem Fenster. Domblick, sehr schön. Die Spitzen des alten, mächtigen, ehrwürdigen Kirchenbaues werden von der Morgenröte in zartes Rosa getaucht. Und dazu Electro, wunderbar.

Irgendwann endet die Feier, und wir werden rausgekehrt. Ein Freund erklärt noch dem Berliner WG-Bewohner dessen Haus. Das war nämlich eine alte Gerberei, unterm Dach kann man immer noch den Vorsprung erkennen, an dem im Mittelalter ein Flaschenzug angebracht war.

Zur Sandkerwa kommen wir wieder und werden genauso freundlich empfangen. Fremde werden hier zu Freunden. Und noch einmal kommen wir zu Silvester. Für eine Gastgeberin haben wir sogar Kuchen dabei. Doch es stellt sich heraus, dass sie gar nicht hier wohnt, sondern auch nur Gast ist. Sie nimmt den Kuchen in Empfang – und verschwindet damit in den Morph Club. Dafür schmeckt unser Wein, frisch gekauft aus Escherndorf, den Anwesenden. Leute, die man seit Jahren nicht mehr gesehen hat, trifft man auf einmal hier.

Doch nun die schlechte Nachricht, auf die ich während des ganzen Artikels hinaus will: Diese WG wurde zum Jahreswechsel aufgelöst, die Studenten müssen raus. Der Vermieter will endlich renovieren – und dann im ganzen Haus Ferienwohnungen anbieten. Ist lukrativer.

Das Gewölbe ist schon leergeräumt, wann es wohl wieder Leben sieht?

Das Gewölbe ist schon leergeräumt, wann es wohl wieder Leben in Form von alten Matratzen, Bierkisten und Büchern sieht?

Ich schaue nochmal in den Keller mit dem Tonnengewölbe, ein Durchgang führt mich in den anderen Teil des Hauses. Hier wird schon renoviert. In dem Zimmer, in dem ein halbes Jahr vorher der HipHop-DJ aufgelegt hat, wurde eine Musiknote an die Wand gemalt. Chaotisches Künstler-Leben durch tote „Kunst“-Ordnung ersetzt.

Tatsächlich steigen die Preise für Wohnungen in der Bamberger Innenstadt. Das Phänomen Stundenten-WG zu Ferienwohnungen scheint kein Einzelfall zu sein.

Die Alternative: Die Amerikaner ziehen ab. Viel Wohnraum wird frei. Auch auf dem ehemaligen Erba-Gelände wurden Studentenwohnungen errichtet. Die aber recht teuer sind. Außerdem: All diese Wohnungen liegen am Stadtrand, und haben rein gar nichts mit historischer Bausubstanz zu tun. Der Substanz, die die Verbindung zum Geist der Stadt herstellt. Die dieses Wow-Gefühl hervorruft. Die Bamberg nicht zur Stadt, sondern zum Organismus macht, der die Jahrhunderte durchlebt. Sollen junge Leute, die in Bamberg ihre ersten Schritte in die Selbstständigkeit wagen, das nur als Beobachter von außen kennen lernen? Sollen sie kein Teil dieser Historie sein? Die Studenten werden ausgelagert, outgesourct. WG-Partys am historischen Ort werden Historie. Sicherlich werden es auch weniger, Feiern sollten schließlich zentral stattfinden, nicht irgendwo in der Mietskaserne weit draußen. Und wie geht es weiter? Muss irgendwann der Tante Emma Laden weichen? Und dann der Rest der kleinen Häusle-Bewohner?

Die Studenten machen den Unterschied zwischen einer Stadt für Tagesausflüge und Bamberg. Sie machen aus dem zuckersüß anzuschauenden Historienkitsch gelebten und belebten Kult. Bamberg muss sich fragen: Wer belebt den Geist der Stadt? Studenten oder Touristen?

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