Ein Besuch in Entenhausen

„20 Kreuzer? Soviel Geld pflege ich nicht bei mir zu tragen.“ „Mir ist so blümerant zumute“. „Obacht, sie hat eine Bombastic-Buff-Bombe!“ „Wir erleichtern den alten Bertel um seine Marie“. „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“. „Eine Flasche Blubberlutsch bitte“. „Welch dräuend Ungemach harret mir!“ Na, wer kennt solche Sätze? Richtig, so spricht man in Entenhausen. Und das liegt in Oberfranken. In Schwarzenbach an der Saale. Bei Rehau. Also da, wo sich für südlich gelegenere Bayern (und das sind fast alle) Fuchs und Has‘ Gute Nacht sagen. Aber Enten? Dass die hier hausen, liegt am Fuchs, besser gesagt an Erika Fuchs. Die jahrzehntelange Chefredakteurin und Übersetzerin der deutschen Micky Maus Comics lebte hier und ließ vieles aus ihrer Umgebung in die bunten Bildgeschichten einfließen. Seit 2015 gibt es nun im Ort das Erika-Fuchs-Haus, auch genannt Museum für Comic und Sprachkunst, dass sich mit Entenhausen im Speziellen und Comics im Allgemeinen beschäftigt.

Wie viele Fantastilliarden dieser Speicher wohl enthält?

Wie viele Fantastilliarden dieser Speicher wohl enthält?

Trotzig blickt Luther nach oben, dass es solch einen festen Lutheranismus noch gibt...

Trotzig blickt Luther nach oben, dass es solch einen festen Lutheranismus noch gibt…

Wir fahren durch eine verregnete Landschaft, die eigentlich ganz putzig aussieht, jedoch viele Windräder wie in Ostdeutschland aufweist. Auch einige Ortsendungen auf -roda lassen an Dunkeldeutschland denken, während im übrigen Bayern gerodete Orte ja eher auf -reuth oder -roding enden. Sogar der Fluss hier heißt sächsische Saale. Hoffentlich pflegen die Einheimischen nicht auch andere sächsische Traditionen wie das Verkloppen von Fremden… Auch das Passieren der August-Bebel-Straße erweckt noch kein besonderes Vertrauen, immerhin keine Karl-Marx-Allee. Ich fahre durch den Ort, eigentlich doch ganz nett, Parkplätze gibt’s eigentlich überall. Die Kirche schaue ich mir zuerst an. Vorn dran gleichmal eine Büste von Luther, öha. Na da muss man durch. Luther himself darf gegenüber aufs Dominikanerstübchen blicken, das aber gerade nicht offen hat.

In der Mitte die berühmte Luther-Rose.

In der Mitte die berühmte Luther-Rose.

Ungewöhnlicherweise für eine evangelische Kirche ist sie geöffnet, zwei Touristen schauen sie sich auch gerade an. Zwei Emporen finden sich, da müssen allerhand Leute reinpassen. Bilder gibt’s auch, ein weiterer Hinweis auf das Lutherische. Ein Typ (der Pfarrer? Der Mesner? Der Gärtner?) öffnet die Türe und entschuldigt sich für die Störung, es sei „kaa Broblem“, wenn ich mir die Kirche etwas länger anschauen wollte. Na zum Glück redet man hier noch fränkisch.

Wieder draußen, gehe ich zum Schloss, in dem die Verwaltung des Ortes untergebracht ist. Er wird durch einen grausigen Vorbau verhunzt. Teilweise ist der Platz wegen Baumfällarbeiten gesperrt, was aber niemand kümmert, denn die haben Mittagspause. Überall sind Hinweistafeln auf den Dichter Jean Paul aufgestellt, denn der verbrachte hier seine Kindheit, worauf man sehr stolz ist.

Wie viel Leute hier reinpassen.

Wie viel Leute hier reinpassen.

Da Jean Paul auf einer der Tafeln das hiesige Bier sehr bewirbt, schaue ich mich nach einem Wirtshaus um. Ein Restaurant hat geschlossen, da hätte aber der Schweinsbraten 14 Euro gekostet. Huch. Die Infoschilder am Rathaus sind recht ausgedünnt, bei einem Gasthof heißt es „Öffnungszeiten: Wenn die Wirtsleute da sind. Dienstag geschlossen.“ Wow, sowas ist konkret! Zumindest ist es gerade ein Dienstag, also ist sicher zu.

Schwarzenbach und die Saale.

Schwarzenbach und die Saale.

Das sehr übersichtliche Gaststättenverzeichnis. Wie bezeichnend, dass man so viel Platz frei gelassen hat.

Das sehr übersichtliche Gaststättenverzeichnis. Wie bezeichnend, dass man so viel Platz frei gelassen hat.

Darum gehe ich in die Metzgerei Fuchs in der Fleischgasse (wie passend) und kaufe mit eine Semmel mit Pizzaleberkäse (2 Scheiben) und eine mit einem Batscherle. Das Batscherle haben wir ja schon in Hof kennen gelernt, es ist besser als dort, aber immer noch recht süß-salzig. Die Süße kommt wohl von den ordentlich enthaltenen gebratenen Zwiebeln. Für beide Semmeln zahle ich nur 2,30 Euro, fein.

Im Fluss steht ein Denkmal für Emil Erpel, jenem legendären Gründer Entenhausens. Ein Geschenk eines Duck-Sammlers. Donalds Bürzel sehe ich auch über einen Balkon kraxeln. Ich schaue weiter durch die Stadt, sehr viele Leerstände gibt es in den Schaufenstern. Ist Schwarzenbach etwa auch eine sterbende Stadt? Da werde ich wohl im Museum der einzige Gast sein…

Emil Erpel sticht ins Auge, aber wer findet Donalds Bürzel?

Emil Erpel sticht ins Auge, aber wer findet Donalds Bürzel?

Bavaria meets Entenhausen.

Bavaria meets Entenhausen.

Gegenüber des Museums steht ein Maibaum mit den berühmten Enten. Walt Disney hat sich unser Neuschwanstein genommen, jetzt nehmen wir halt seine Figuren für unsere Bräuche.

Das Museum selbst findet sich in der Stadtmitte und ist von außen eher unscheinbar. Also keine besondere Comic-Bauweise.

Drinnen ist aber, anders als in der Stadt, doch so einiges los! Senioren, die die ersten Micky Mäuse in den 50ern miterlebt haben, Kinder, die alles mit sehr großem Spaß ausprobieren, sie alle scheinen von weiter weg angereist zu sein. Sogar aus den neuen Bundesländern, ja da schau her.

Die Häuser sind begehbar und in Lebensgröße aufgestellt.

Die Häuser sind begehbar und in Lebensgröße aufgestellt.

Fünf Taler, pardon, Euro, muss ich löhnen, und dann geht’s in den ersten Stock. Vor einer Türe muss ich warten, denn zu Beginn wird der Gast mit einem kurzen Einführungsfilm zur Geschichte der Comics empfangen. Und da will man ja nicht mitten rein platzen. Der Hinweis im Film, dass die DDR-Figuren Digedags eine Reisefreiheit genossen, die ihre Leser nicht hatten, wird von meinen ostdeutschen Sitznachbarn zustimmend zur Kenntnis genommen.

Der Film ist rum, hinter einem dicken Vorhang kommen wir sofort rein nach Entenhausen und stehen zwischen Daniel Düsentriebs Labor und Donalds Haus. Typische Einrichtungsgegenstände und Bekannte wie das Helferlein, die 313 oder Nachbar Zorngibel (auch Zorngiebel oder Schurigl genannt) werden vorgestellt. Natürlich darf man auch im Geldspeicher in einem Riesenhaufen Taler wühlen. Die sind nur leider aus Plastik. Wir finden den Stammbaum der Ducks, die Landschaft vom Hafen bis zu den Bergen und natürlich auch Gundel Gaukeleys Haus.

Der Stammbaum der Ducks, damit dürfte wohl alles klar sein.

Der Stammbaum der Ducks, damit dürfte wohl alles klar sein.

Eine interaktive (und von Gästen gut belagerte) Karte zeigt die verschiedenen Wohnorte Donalds an, den Geldspeicher, ein Spukschloss, Oma Ducks Bauernhof usw. Ebenfalls erfährt man, wie viele „zufällige“ Gemeinsamkeiten es zwischen Entenhausen und Schwarzenbach an der Saale gibt. So finden sich bei den Enten sie gleichen Namen der umliegenden Dörfer, sogar die Namen der Metzger und Bäcker sind gleich.

Der nächste Raum ist der Geschichte Erika Fuchs und ihres Mannes gewidmet, auch in Comic-Form. Das Dritte Reich, in dem der Ehemann von Fuchs bei der V2 Produktion beschäftigt war, ist als langer dunkler Tunnel dargestellt. Herr Fuchs war Ingenieur und betrieb nach dem Krieg eine Firme in Schwarzenbach, weshalb seine weltgewandte Frau auch hierher zog und eigentlich als Beschäftigungstherapie mit dem Übersetzen der Comics anfing.

Der "Übersetzungsgraum" ist zwar in Grau gehalten, macht aber trotzdem sehr viel Spaß und informiert auch über die Gesichtsausdrücke der Enten.

Der „Übersetzungsraum“ ist zwar in Grau gehalten, macht aber trotzdem sehr viel Spaß und informiert auch über die Gesichtsausdrücke der Enten.

Anschließend wird’s interessant für Schüler und Lehrer und alle anderen, die Freude an Sprache oder Comics haben. Denn jetzt kann man interaktiv austesten, wie man Comic richtig übersetzt, welche Sprache die unterschiedlichen Charaktere haben, von Dagobert über die Panzerknacker zu Tick, Trick und Track, welche Zitate von Schiller bis Schubert sich bei den Entenhausenern finden und welche Wortneuschöpfungen es gibt. So hatte Erika Fuchs recht häufig den Inflektiv genutzt, der daher auch Erikativ genannt wird, die Verkürzung der Verben: Gähn, grübel, grübel, keuch. Anständige Alliterationen dürfen natürlich auch nicht fehlen. Zeitgeschichtliches erfahren wir, etwa wie Fuchs in den 50ern die unbekannten amerikanischen Bräuche der Ducks in deutsche übersetzte. Gleichzeitig brachte sie dadurch wohl auch sukzessive die USA den Deutschen näher. Weitere Comicstrips von bekannten deutschen Zeichnern wie Volker Reiche alias Strizz oder Ralf König würdigen den Einfluss und die Inspiration, die Fuchs ihnen durch ihre Übersetzungen mit auf den Weg gegeben hat.

Wer hier eintritt, möge vieeeeel Zeit mitbringen.

Wer hier eintritt, möge vieeeeel Zeit mitbringen.

Der letzte Raum ist bis oben hin vollgestopft mit Comicbüchern, komplette Reihen mit Tim & Struppi, Lucky Luke, Prinz Eisenherz usw. Natürlich auch die gesammelten Werke der Disney-Zeichner Don Rosa und Carl Barks. Letzterer war Fuchsens Lieblingszeichner, dessen Geschichten fand sie viel interessanter, daher findet man in der deutschen Micky Maus mehr von Donald & Co. als vom eigentlichen Namensgeber.

Im Erdgeschoss gibt es noch einen Ausstellungsraum, der sich mit Comics zur Schlacht von Verdun befasst. Außerdem gibt es noch einen Museumsladen, der allerlei Bände feilbietet, ich kaufe mir aber nur Postkarten und ein Poster von der Duckomenta. Jener Ausstellung, in der berühmte Kunstwerke der Menschheitsgeschichte mit Enten verschönert wurde. Und noch Anisplätzchen der Bäckerei Köppel, die werden nämlich in einem Strip mit den drei kleinen Schweinchen besonders gelobt. Saftig wie im Comic schmecken sie zwar nicht, sie sind eher mürbe, haben aber einen feinen und nicht zu aufdringlichen Anisgeschmack. Die Metzgerei, bei der ich mein Mittagessen eingekauft habe, kommt übrigens auch in einer Geschichte vor.

Und schon wieder Luther...

Und schon wieder Luther…

Eigentlich hatte ich damit gerechnet, in einer halben Stunde durch zu sein, tatsächlich wurden es aber dann über zwei Stunden. Museen können also auch kurzweilig sein.

Am Heimweg schaue ich noch in der Bäckerei Köppel vorbei, hier finden sich die Anisplätzchen in der Auslage, aber ohne auf ihre Verewigung in den ewigen Comic-Jagdgründen hinzuweisen. Für zwei kleine Mohnstangen und einen großen Sitzbuben zahle ich 90 Cent. Also in diesem Schwarzenbach kann man durchaus günstig leben.

Ich komme mit dem Bäcker ins Gespräch. Der empfiehlt bei dem Wetter das Museum. Zuerst sei er skeptisch gewesen, was man daraus machen könnte, jetzt aber zeigt er sich deutlich beeindruckt. In den Comicraum würde er sich wohl genausogern wie ich eingraben. Übrigens spricht er sehr fränkisch. Meine Angst vor einer Sächsisierung der Gegend war also unbegründet.

Am Grab von Erika Fuchs vorbeizuschauen fällt mir erst zu spät ein, aber ich bin auf der Heimfahrt immer noch ganz enthusiasmiert. Ein wirklich tolles Museum für Jung und Alt, unbedingt reinschauen, denn Entenhausen liegt nicht nur im Herzen jedes Fans, sondern konkret in Oberfranken, wo sich Fuchs und Ente Gute Nacht sagen.

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