Fortgehen

Pizzini

Die Karte hat man selbst mit der Hand geschrieben.

Die Karte hat man selbst mit der Hand geschrieben.

Wenn man mit einer, irgendeiner Fortgehmöglichkeit in Bamberg anfangen muss, dann ist es das Pizzini.

Eine Weinstube. In der Stadt mit der höchsten Brauereidichte der Welt. Wie soll das denn gehen? Nun, sagen wir’s mal so: Bamberg ist nicht für eine ausnehmend gute Clubkultur bekannt. Vielmehr für seine Kneipen. Aber warum dann eine Weinstube? Erstens: Der Wein im Pizzini ist nicht gut. Aber das Spezial Rauchbier. Was das Pizzini aber auszeichnet, ist zweitens: Die Atmosphäre.

Die Weinstube wurde in den 1905 Jahren von Carlos Pizzini gegründet. Und seitdem wurde nicht mehr viel verändert. Die Wandvertäfelung ganz eingedunkelt, die hölzernen Trennwände zwischen den uralten Tischen ebenso. Ein antiker Kachelofen verbreitet schon durch seine Anwesenheit Wärme. Und auf dem Klavier haut so mancher Gast in die Tasten oder stimmt den Blues an. Ob am Riesentisch oder an einem Nähmaschinentisch, man sitzt stets äußerst gemütlich.

Auch auf der Decke findet man handgeschriebene hmmm, Poesie

Auch auf der Decke findet man handgeschriebene hmmm, Poesie

Überall hängt Kunst an den Wänden. Von alten Bamberger Kupferstichen über revolutionäres 68er Gekritzel bis hin zur Gegenwart. Eher Kleinkunst als Gallerie, aber so sind auch die Gäste. Künstler allesamt, Geisteskünstler, Lebenskünstler, Überlebenskünstler, Kleinkünstler, Augenblickskünstler. Studenten, Dozenten, Hartz IV Empfänger. Wer in diesen Mikrokosmos der Gemütlichkeit eintaucht, der geht erst wieder, wenn die Kneipe schließt. Der „Biergarten“, eher ein überdachter Hof, ist ebenso urig. Und erst die Wirtin. Sie ist die Enkelin des Gründers. Walli Mück. Und wie eine Walli Mück sieht sie auch aus. Schon 90 Jahre alt? Keine Ahnung, aber orangenes Haar, eine Brille mit getönten Gläsern und eine Strickjacke. So steht sie hinter der Bar, immerzu lachend und einschenkend. Oder sie sitzt einfach nur da und schaut dem Treiben an jungen und alten Menschen zu. Was sie hier schon erlebt hat? Rührig, rüstig, der Inbegriff der Coolness.

Ihr Sohn ist Veganer, aber sonst ganz in Ordnung. Mittlerweile schmeißt er den Laden. Die Bedienungen sind meist nett, manchmal auch recht pampig, aber das gehört dazu in Franken. Zum Essen gibt es nur Kleinigkeiten, aber gegenüber bekommt für 1,50 ein Pizzastück auf die Hand.

Dieses Bild sollte im Lexikon neben studentischer Urigkeit stehen

Dieses Bild sollte im Lexikon neben studentischer Urigkeit stehen

Man sitzt da, und trotz der Urigkeit reißt die Kommunikation nicht ab in eine Bräsigkeit, sondern wird immer kreativer und führt zu fantastischen Witzen und Sprüchen. Von denen man aber meist am nächsten Tag nichts mehr weiß. Was aber ein für allemal und für immer feststeht: Ein Abend im Pizzini ist ein Erlebnis fürs Leben!

Ach ja, wo ist das Pizzini denn? Sandstr. 17. Von der Unteren Brücke kommend: Die Sandstraße runter, Stilbruch rechterhand, Live-Club linkerhand liegen lassen und dann kurz vor der Abbiegung auf der linken Seite.

Die Schwarze Katz

Die Schwarze Katz ist sowas wie die böse, verruchte Schwester des Pizzini. Auch eine Weinstube, aber was für eine!

Die Katze war früher mal eine Oben-Ohne Bar, und die Einrichtung verbreitet immer noch den Charme eines 70er Schlüppi-Lokals. Die Beleuchtung ist orange, die Tapete ist der Hammer: Tom Selleck in Tapetenform. Und die Wirtin erst. Rote Haare, dunkler Lippenstift, Leopardenpullover. Sie ist in Bamberg Kult. Sogar bis in die Kerwa-Charts hat sie es geschafft. Gisela, oder Giselle, kann sehr resolut sein, wenn sie zusperren will.

In der Katze gibt’s tatsächlich kein Bier, sondern Wein. Manchmal kann der aber schon etwas lange offen sein. Alle hab‘ ich aber noch nicht probiert. Wobei, wer um diese Uhrzeit hierherkommt, der sollte sowieso nichts mehr trinken.

Was besonders zu empfehlen ist (nicht aus geschmacklichen, sondern aus kultigen Gründen) ist die Kalte Ente. Dieses Getränk, erfunden vom letzten Trierer Fürstbischof Clemens Wenzeslaus von Sachsen, ist eigentlich eine Bowle und kann auch als Aperitif getrunken werden. Weißwein, Sekt, Rotwein und Zitrone. Am nächsten Morgen ist es das Getränk, das man spürt. Besonders imposant ist die Servierform: Im 1-Liter Römer. Eine Machtdemonstration von einem Weinglas. Und dann noch einen Haufen Strohhalme rein, so was trinkt man nicht allein.

Gäste? Meist Studenten, aber auch Spezialisten. Eines Abends (ca. 2:30 Uhr)  kam ein kahlköpfiger Mann mit einem weißen Rauschebart und zwei Riesentüten voller Pfandflaschen herein. Wollte wohl hier nach erfolgreicher Jagd noch einen Schoppen heben. Oder nicht auf der Straße schlafen? Er unterhielt sich gut mit der Wirtin und erklärte uns die ökonomischen Hintergründe der Kreuzzüge. So hinterließ er einen bleibenden Eindruck. Darum fragte ich das nächste Mal die Gisela, ob denn heute auch wieder der „Penner“ (ja, ich habe dieses despektierliche Wort verwendet, aber nicht in despektierlicher Absicht) vorbei schauen würde. Gisela erhob ihre durchaus schrille Stimme: „PENNER? DER MANN IST EIN WELTBERÜHMTER FOTOGRAF UND HAT GERADE EINE AUSSTELLUNG IN WASHINGTON!“ Das überraschte mich doch etwas, und ich forschte nach. Und tatsächlich: Der späte Pfandflaschensammler-Gast ist tatsächlich einer der weltweit wichtigsten Jazz-Fotografen und einer von Rudi Dutschkes Weggefährten. Was Gisela aber nicht daran hindert, auch gegen ihn ihre Stimme zu erheben, wenn sie zusperren will. Tja, das sind Begegnungen in der Katze. Miau!

 

Nachtrag: Leider mussten wir erfahren, dass Gisela Schenk im Dezember 2013 verstorben ist. „Nach 47 Jahren als Wirtin der Weinstube „Schwarze Katz“ schenkt Gisela nun keinen Schoppen mehr ein“, steht in der Traueranzeige. Der Herr wird ihr nun den Wein des ewigen Lebens servieren.

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