Gößweinstein

Die fränkische Schweiz liegt zentral zwischen der Oberpfalz, Bayreuth, Bamberg und Nürnberg. Also eigentlich gut zu erreichen. Und sie soll sehr, also sehr, sehr schön sein. Doch warum waren wir da seit Kindertagen nicht mehr??? Es wird höchste Zeit, sie mit unserer Anwesenheit zu beehren.

Die Basilika von der Burg aus gesehen. Nicht im Bild: Die Posaunenklänge der Wallfahrer.

Von Nürnberg aus fahren wir nach Nordwesten. Es ist ein schon recht warmer Tag. Wollen wir uns die Teufelshöhle bei Pottenstein anschauen um der Sonne zu entfliehen, oder schauen wir uns den Ort Gößweinstein an? Da soll es Fachwerk, Burg und Balthasar-Neumann-Basilika geben. Hm, eine Tour durch die Teufelshöhle dauert und wir haben keine Lust, unsere Jacken rauszukramen… Wir freuen uns auf Balthasar Neumann.

Die Kirche ist außen wuchtig…

…und innen verspielt.

Wir fahren durch den Ort und finden einen Parkplatz. Zwei Euro pro Tag kostet der. Auf den hundert Metern in die Ortsmitte kommen wir an einer Bäckerei vorbei, die des Sonntags offen hat. Da kaufen wir gleich eine Limo. Wo die Sonne hinknallt, ist es schließlich doch recht heiß. In Gößweinstein finden sich viele Edelstein- und Fossiliengeschäfte, Kleidungsläden für reifere Damen und Wirtshäuser, die mit ihrem Burgerangebot werben. Immerhin hat der Ort mit rund 4000 Einwohnern die vergangenen Jahre zwischen 60 000 bis über 70 000 Übernachtungen pro Jahr. Neben dem Parkplatz nehmen wir uns an einer Tafel mit einem Stadtplan Broschüren raus. So gibt es einen Sagenweg, einen Balthasar-Neumann-Rundwanderweg, einen Wanderweg zu mehreren Höhlen,… hier kann man echt einige Zeit verbringen! Dennoch kommt mir Gößweinstein verschlafen vor, so als ob man sich doch lange des Touristenstroms sehr sicher war, jetzt aber etwas vorsichtig nach einem Weg sucht, wie man den Ort fit für die Zukunft macht. Außerdem hängen doch sehr viele AfD-Wahlplakate herum. Kleiner Tipp: Das dürfte nicht der richtige Weg sein. Ein Fremdenverkehrsort, in dem gegen gegen Fremde plakatiert wird? Außerdem kommen aus dieser rechten Ecke ja viele Gewaltandrohungen an den Bamberger Bischof, in dessen Bistum der Ort liegt, weil er sich gegen Pegida ausgesprochen hatte. Aus Angst vor Identitätsverlust mit der katholisch-fränkischen Tradition zu brechen und sich dem preußischen Neuheidentum zuzuwenden? Nicht logisch!

Die Basilika und die Burg vom Heiligen Bezirk aus.

Links die Gruft der Franziskaner, in der Mitte die Dreifaltigkeitsgrotte mit einem perspektivischen Gitter, rechts die Lourdesgrotte.

In der Gruft das Bild der Auferstehung der Toten, ein Zeichen der Hoffnung. Daneben die Tafel mit den im 2. Weltkrieg Gefallenen, eine Mahnung.

Wir kommen an die Wallfahrtskirche. Ob sie wieder ein Bollwerk gegen den braunen Spuk werden muss? Die Kirche ist für eine Basilika gar nicht mal so groß, etwas kleiner als die Pfarrkirche einer Kleinstadt. Dafür sieht sie deutlich ausgeschmückter aus. Um auf den Vorplatz vor der Kirche (errichtet 1730-1739) zu gelangen, muss man ein paar Treppen hinaufsteigen. Dann gelangen wir in den Kirchenraum, er voll ist mit Stuck und Bildern. Eine Tafel erinnert an jahrhundertealte Wallfahrertradition. Eine Broschüre informiert, dass die Kirche das religiöse Zentrum der fränkischen Schweiz sei und das sakrale Meisterwerk Balthasar Neumanns. Klar ist sie beeindruckend, aber ich finde Vierzehnheiligen doch schöner. Ebenfalls soll es die bedeutendste Dreifaltigkeitskirche Deutschlands sein. Tja, mit dem Prunk kann die Oberpfälzer Kappl, ebenfalls eine Dreifaltigkeitskirche, schwer mithalten. Wir finden am rechten Seitenaltar zwei Heilige. Der eine mit drei ausgestreckten Fingern, was wohl die einzelnen Personen Gott, Christus und Heiligen Geist symbolisieren soll. Der andere nimmt die drei Finger zusammen und zeigt, dass alle drei der eine Gott sind.

Dieser Kirchenraum befindet sich aber in der Burg.

Hinter der Kirche ist der sogenannte Heilige Bezirk. Hier sammeln sich Wallfahrer mit Musikinstrumenten, einer marschiert im ACDC-Shirt mit. Neben Dreifaltigkeits- und Lourdesgrotte findet sich die Gruft der Franziskaner. Eine Tafel erinnert an die im Weltkrieg gefallenen Brüder, das ist schon sehr heftig, wie viele davon in Russland geblieben sind. Im Klostergarten wird allerlei Gemüse angebaut, für den Pfarrgarten finden wir keinen Eingang, aber über die Mauer geguckt, zeigt er sehr blumenreichen Bewuchs. Auf den nahe liegenden Kreuzberg gehen wir nicht, da ist uns die Anstrengung zu groß. Tztztz. Dafür gehen wir Richtung Burg, deren Berg sich als nicht minder hoch erweist.

Tradition und Moderne verbindet man nicht, indem man eine Antenne auf den Turm klatscht.

Dafür haut einen die Aussicht echt um.

Eigentlich ist so eine Kemenate recht gemütlich.

Am Eingang müssen wir drei Euro pro Nase löhnen. Ich frage, ob es denn eine Führung gebe. „Der Führer ist gestorben“, sagt mir der Kassierer. Betroffen sage ich oje, bis er meint: „1945“. „Nein, so einen brauchen wir nicht mehr,“ ist mein etwas baffes Schlusswort. Und ich wundere mich noch, woher die ganzen AfD-Plakate kommen. Wenigstens ist das Bierangebot im kleinen Biergarten gut. Einige Schritte weiter sehen wir im Freien zwei Skelette an einem Tisch sitzen und den sonnigen Tag genießen, einen seltsamen Humor haben die Gößweinsteiner.

Zunächst schauen wir uns die Kemenate an, die durchaus gemütlich eingerichtet ist. Ein weiterer Raum hat genauso alte Möbel, wirkt aber schon musealer. Auf den Turm kommen wir leider nicht rauf, denn da steht ein grausiger Sendemast drauf. Das bringt zwar Geld, was hoffentlich für den Erhalt des Gemäuers ausgegeben wird. Schön geht allerdings anders. Dafür erleben wir im Burghof eine wunderbare Aussicht Richtung Norden, bis Bayreuth könnte man blicken, wenn nicht ein paar Hügel dazwischen wären. Von Ferne hört man die Wallfahrer Posaune oder Trompete spielen. Die Burgkapelle ist sehr urig, in der Sakristei sind vorgeschichtliche Funde ausgestellt wie er Schädel eines Höhlenbärs. Daneben ist der Kerker. Durch ein enges Loch im Boden wurden die Gefangenen hinabgelassen und fristeten da ihr trauriges Dasein. Bei Grabungsarbeiten fand man hier sogar menschliche Knochen , die hier obskurer Weise ausgestellt sind.

Wenn ich die Beschreibung richtig verstanden habe, sind das originale Schädel die da unten rumliegen. Einerseits führt uns das das Schicksal der Eingekerkerten dramatisch vor Augen, andererseits hätte man sie auch pietätvoller bestatten können.

Die Burg wurde nach ihrem vermutlichen Erbauer Graf Gozwin benannt, der 1065 bei einem Überfall auf das Gebiet des Würzburger Bischofs umkam. Sie gehörte dann dem Bistum Bamberg, wurde mehrmals zerstört und wieder aufgebaut. Angeblich hat sie Richard Wagner zu seiner Gralsburg im Parsifal inspiriert. 1890 wurde sie durch den neuen Besitzer, dem Adelsgeschlecht von Sohlern neugotisch umgestaltet. Der letzte Burgherr starb 2013 und vermachte sie einer Gößweinsteiner Familie. Heute kümmert sich ein Verein um den Erhalt der Burg.

Wir wenden uns wieder dem Dorf zu. In der oben genannten Bäckerei Wirth kaufe ich mir einen viereckiges Kücherl, a bisserl eine Kerwa muss schon auch sein. Das kostet 1,30 Euro, schmeckt wunderbar und ist sehr luftig. Die Kollegen trinken guten Kaffee und essen einen Nusskuchen, der ein Gedicht sein soll. Die Bäckerei ist eher neumodisch steril, sowohl was den Innen- als auch den Außenbereich angeht. Mei, es ist schon gut, sich zu modernisieren, man kann nicht in der Vergangenheit stehen bleiben. Aber so sehr man die wohlschmeckende Tradition in die Gegenwart mitgenommen hat, so sehr sollte man auch die Architektur dem Auge ähnlich schmeichelnd gestalten.

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Fränkische Schweiz par excellence.

Wir fahren aus dem Ort, hier geht’s einen sehr steilen Berg hinunter. Aufpassen, dass die Bremsen nicht überhitzen! Ein paar Kilometer weiter kommen wir nach Tüchersfeld. Hier steht ein schönes Häuschen am Felsen, vielleicht das am meisten fotografierte Motiv der fränkischen Schweiz. Es parken sogar zwei Autos mit Wiener Kennzeichen. Die Ösis sitzen draußen vor einem Café. Ich finde es immer ein gutes Zeichen, wenn Österreicher bei uns Urlaub machen. Denn was gute Küche und schöne Landschaft angeht, da kennen die sich aus. Unser Weg führt uns über Berge mit herausragender Aussicht auf die A9 und von da kurz auf die A70. Bei Thurnau geht’s wieder ab, gleich nach der Ausfahrt kommt der Ort Limmersdorf. Dort wollen wir die Lindenkerwa besuchen, ein Anwärter auf den Titel Immaterielles Weltkulturerbe. Darüber berichten wir demnächst.

Was soll uns dieses Kunstwerk sagen? Dass man im Biergarten bis zum Exitus hockenbleiben kann? Dass hier mehr als nur der Hund g’freckt ist? Oder dass Gößweinstein zum Sterben schön ist?

Fazit: Gößweinstein ist kein reines, schönes Fachwerkstädtchen, wie im Reiseführer angepriesen. Da wurde in den 50ern, 60ern und 70ern einfach zu viel umgebaut. So richtig hat es den Weg in die Moderne auch noch nicht gefunden. Das hat Iphofen besser gelöst. Doch Potential ist da. Die Aussicht von der Burg ist fantastisch, vielleicht darf man ja doch irgendwann rauf auf den Turm. Was den Heiligen Bezirk angeht, fände ich es schön, auch den Pfarrgarten zu öffnen. Wer nur kurz auf der Durchreise hält und nicht die umliegenden Wälder besucht, der würde sich über die darin wachsenden Blumen und Sträucher freuen. Wenn das fränkische Essen im Ort so gut ist wie in der Bäckerei, dann wäre das ein weiterer Pluspunkt. Und all die Rundwanderwege! Müssen wir wohl beim nächsten Besuch testen. Dann hoffentlich ohne diese bläulichen Wahlplakate. Diese einsickernde preußische Unart hat keine Zukunft. Die Opfertafel in der Franziskanergruft zeugt davon. Und noch weiter in der Geschichte zurück sieht man an Graf Gozwin, wohin es führt, wer Gewalt gegen unsere heilige katholisch-bayerisch-fränkischen Kirche sät.

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