Holla Hofer Ladybier

Die moderne Frauen aus Hof und ihre Bierhumpen.

Die modernen Frauen aus Hof und ihre Bierhumpen.

Hof, in Bayern ganz oben. Geographisch stimmts, wirtschaftlich eher weniger. Zumindest was die Abwanderung betrifft, triffts tragischerweise wohl auch zu. Dennoch gibt es dort, wo es wohl keiner der innovations- und erfolgsverwöhnten Südbayern vermutet, Kreativität und Originalität.

 

Bier ist Männersache und Männergetränk. Für Frauen gibt’s das Zeug in Sektgläsern. Hugo, Aperol, Prosecco, also süßes Glump, vor dem gesundheitsbewusste Trinker aufgrund Diabetesrisikos mahnend den Finger heben. Oder man gibt ins Sektglas Holladiebierfee, ein Bier. Von Frauen, für Frauen. Was wird das nur für ein Gebräu sein? Bierfrevel oder die Zukunft des Gerstensaftes?

Wer hier arbeitet, muss gut zu Fuß sein.

Wer hier arbeitet, muss gut zu Fuß sein.

Gisela und Monika Meinel-Hansen sind beide Braumeisterinnen in Hof in Oberfranken. Zusammen mit zwei weiteren Braumeisterinnen haben sie in der Brauerei ihrer Eltern Frauenbier entwickelt. Angefangen hat alles bei einem Besuch der Braufeen in einem Biergarten im wunderschönen Bamberg.

Gisela regt sich auf: „Und am Nachbartisch haben Mädels Aperol Spritz getrunken. Und das hat uns gewurmt. Das gibts doch nicht.” Ach was. Frauen die kein Bier mögen. Unglaublich. Die Braufeen machten sich an die Arbeit, um ein Bier für das schöne Geschlecht zu kreieren. Wichtigstes Kriterium: Das Bier muss gut schmecken – und gut aussehen.

„Das ist wie wenn man einen hübschen Mann sieht, dann denkt man sich auch: Zack, das passt. Und beim Bier wollten wir das auch, dass es schonmal sexy im Glas ist.”

Schöner trinken

Ou Yeah! Das sexy Ladybier besteht aber nicht aus Lippenstift und Mascara, sondern aus Malz, Wasser, Hopfen und Hefe. Ganz traditionell. Doch um die süßeren Frauengeschmäcker zu erreichen, setzen die Brauerinnen auf ganz spezielle Malz- und Hopfensorten. Monika probiert die Körnchen: „Wir haben in der Bierfee drei verschiedene Karamellmalze drin. Da wird im Prinzip der Stärkekörper karamellisiert, wie wenn man in einer Bratpfanne Zucker karamellisiert. Dadurch hat man so eine leichte Süße, erinnert bei manchen Malzsorten an Toffee oder Honig.”

Die Grundzutaten sind einfach, es geht darum, die richtigen Kombinationen zu finden.

Die Grundzutaten sind einfach, es geht darum, die richtigen Kombinationen zu finden.

Sieben verschiedene Hopfensorten sollen einen fruchtigen Geschmack bringen, eine Sorte trägt den gar den herzallerliebsten Namen Mandarina Bavaria. Die Brauerei Meinel ist ebenso traditionell, existiert seit 1731, und wer sie besichtigt, der kann schon mal die Wanderstiefel anziehen. Denn die Brauerei ist direkt an den Berg gebaut, von der Abfüllanlage zum Kühlhaus und dann zu den Sudkesseln steigt man endlose Stufen hinauf. In Bayern ganz oben, haha.

Die Mädels bieten ihr Bier in einer Sommer- und einer Wintervariante an. Beide sind mit über 6 Prozent Starkbiere. Erhältlich ist das Frauenbier in Champagnerflaschen, das Auge trinkt bekanntlich mit. Denn Frauen trinken ja ab und zu nicht einen ganzen Kasten, sondern eben zu zweit eine 0,75er Flasche auf dem Sofa zu „Sex and the City”. Sogar die Farbe des Bieres soll an einen Sonnenuntergang erinnern.

Heidi Schramm zwischen Franken und Schottland. Der Legende nach werden beide Nationen des guten Geschmacks von wilden Volksstämmen aus dem Süden unterdrückt.

Heidi Schramm zwischen Franken und Schottland. Der Legende nach werden beide Nationen des guten Geschmacks von wilden Volksstämmen aus dem Süden unterdrückt.

Heidi Schramm ist professionelle Whiskey-Tasterin. Ihr Laden in der Innenstadt ist neben Schottland-Artikeln voller Frankonia-Devotionalien. Fast revoluzzerhaft kommen die T-Shirts mit der Aufschrift “Frei statt Bayern” für ein unabhängiges Franken rüber. Eine starke Persönlichkeit also. Ob ihr das Obstkorb-Bier schmeckt?

„Hat eine angenehme, fruchtige Note hinten raus, also ich kann mir schon vorstellen, dass das Frauen sehr gerne mögen.” Ihr mundet es.

Gut, den Segen der Tasterin haben die beiden, doch als fränkisches Urgestein legt Madame Schramm nach:

„Das Brauereisterben in Hof ist so oder so immens, und dass ausgerechnet die große Brautradition von Frauen weitergeführt wird, finde ich klasse.” Denn früher sei nämlich Hof noch vor den Orten in der fränkischen Schweiz DIE Bierstadt gewesen. Man müsse aber nicht extra auf die Männer warten, die Frauen könnten das schon lange. Was von Gisela mit einem fröhlich-fränkischen “Juhu” beantwortet wird (da Juhu weder R noch P noch T noch K enthält, hört es sich fast so an wie das hochdeutsche Juhu).

Frauen als Retterin der fränkischen Bierkultur. Verwunderlich gewiss, aber in Bayern gibts schließlich nix, was es nicht gibt. Und froh kann man sein darüber!

Dressing to Impressing

Die beiden Schwestern testen den Hopfen auf seine weibliche Note.

Die beiden Schwestern testen den Hopfen auf seine weibliche Note.

So, und wo gibts denn nun dieses Damengesöff zu kaufen? Zum Beispiel im Tante Emma Laden. Wer hier aber den Kasten Bier zwischen Waschmittelschachteln und Konservendosen sucht, der irrt. Das Tante Emma ist ein schickes Restaurant, das nette Küchlein mit Obst drauf und besondere Käse und Schinken im Angebot hat.

Eugenie Neumann verkauft das Frauenbier und plant mit Gisela ein Biermenü.

„Also ich war früher keine Biertrinkerin, die Mädels haben mich aber mit ihrer Begeisterung angesteckt und dadurch hab ich jetzt angefangen, das Bier mit zu trinken. Und es schmeckt sehr lecker.” Tatsächlich schmeckt sie nun im Bier so eine Vielfalt wie im Wein. Die Frauen kaufen es neben der Flasche Sekt genauso ein für den Mädelsabend. Doch auch den Männern scheint es zu schmecken, gehen wir nach den Probeverkostern im Laden.

Der Küchenchef der Tante Emma überlegt sich gleich, ob er das Gebräu einkocht, um daraus Jus o.ä. für seine Speisen zu machen.

Testverkostungen machen die Schwestern direkt vom Tank.

Testverkostungen machen die Schwestern direkt vom Tank.

Sooooo, und wie schmeckts mir? Gleich vorweg: Ich habe eine noch nicht fertig vergorene Version probiert und ich bin kein großer Starkbierfan. Als männlichster Mann aller Männer muss ich sagen: es schmeckt mir zu weiblich. Das Bouquet ist mir etwas zu süß-herb. Wenn ich es aber als Starkbier sehe, dann schmeckts ganz ordentlich, also viel besser als die süß-deftige Pampe, die man sonst als Starkbier vorgesetzt bekommt. Und im weiteren Gärprozess dürfte das Getränk noch etwas runder werden (mehr weibliche Rundungen bekommen, hihihi). Vom Vorwurf des Bierfrevels kann ich die Madames freisprechen. Und für die Freunde eines weiteren offensichtlichen Wortspieles: Es handelt sich also nicht um Bierhexen, sondern um Braufeen.

So, nun hab ich aber mehr Charme versprüht, als ein Oberpfälzer in seinem Leben nachproduzieren kann.

Zum Abschied bekomme ich noch eine Flasche Dressing (ja, geschenkt, aber als gläserner Blogger gebe ich meine Nebenverdienste an: an dem Tag bekam ich ein Fläschchen Dressing und sechs Flaschen Weizen). Äh, soll man das Dressing zum Bier essen? Nein, die Herrschaften von Tante Emma wollen sich mit dem Gewinn aus dem Dressing ein Hotel bauen. In Hof. Schon wieder ein ungewöhnlicher Aufbruch in dieser für den Abbruch verschrienen Region. Der restliche Gewinn soll wohltätigen Zwecken zu Gute kommen.

Stadtrundgang

Jetzt will ich mir aber die Stadt noch etwas ansehen. Mir wurde die katholische Kirche empfohlen. Ein großes Bauwerk mit Türmen dran könnte wohl der Treffer sein. Aber leider zugesperrt. Mitten am Tag. Seltsam. Eine Dame und ein Herr kommen und machen sich an der Türe zu schaffen.

Ist das nun Gotik oder Neugotik? Hauptsach' katholisch.

Ist das nun Gotik oder Neugotik? Hauptsach‘ katholisch.

„Sperren Sie jetzt auf?“ „Nein, jetzt ist Orgelunterricht. Die Kirche ist normalerweise zu.“ Ich verweise darauf, dass mir die katholische Kirche zum Besichtigen empfohlen worden ist. „Ja, die katholische Kirche hat tatsächlich offen. Das ist die evangelische Kirche.“ Aha, und deswegen zugesperrt, damit nicht jemand aus Versehen in der falschen Kirche betet? Heidernei. Jedenfalls kann ich mir die Kirche nach einigem Zureden kurz anschauen.

Hell, vernünftig, erinnert an ein aufgeklärtes 18. Jahrhundert. Erklärt aber immer noch nicht, vor welchen wildgewordenen Gläubigen man die Kirche schützen muss.

Die katholische Kirche ist am anderen Ende der Innenstadt. Der Marktplatz wirkt bisweilen historisch, bisweilen etwas zur Sterilität und Austauschbarkeit modernisiert. Ein Schild weist auf die Besonderheit der großen (und schönen) Eingangstore der Häuser hin. Ein Akkordeonspieler spielt schmalzige Balkanhits.

Endlich ist die St. Marienkirche erreicht, ebenfalls hell, mit kunstvollen gotischen Altären. Könnte als katholische Kirche etwas wärmer wirken.

So ein Batscher

Frauenbier und Himbeer-Küchlein haben deutlich mehr Geschmack und Sex-Appeal als der Hofer Batscher (von dem gibts kein Bild, sowas will auch niemand sehen).

Frauenbier und Himbeer-Küchlein haben deutlich mehr Geschmack und Sex-Appeal als der Hofer Batscher (von dem gibts kein Bild, sowas will auch niemand sehen).

Auf dem Rückweg fallen mir die Hofer Bratwürste ins Auge. Aha, eine unbekannte Spezialität. Sie sind lang, mittelfein, schmecken mir aber zu salzig. Am nächsten Imbissstand gibt’s dann eine Spezialität, von der ich schon hörte, die ich aber ebenfalls noch nie kosten durfte. Den Batscher. Die Bedienung fragt: „Mit Zwiebeln und Ketchup?“ „Nein, ohne alles.“ „Ohne alles?“ „Ohne alles.“ „Hier, ohne alles.“ Der Batscher ist ein flachgedrücktes gegrilltes Brät. Er sieht bleich aus, nur ein paar Stellen sind angebräunzelt. Nach dem ersten Bissen verstehe ich, weshalb die Leute so überrascht waren, dass ich nix dazu wollte. Ich glaub ich hab an Batscher, das Ding schmeckt nur nach Fett. Eines von ganz ganz ganz ganz ganz wenigen Essensdingen, die ich nicht runterkriege. Im Auto erinnere ich mich an das Salatdressing und gebe etwas davon in die Semmel auf den Batscher. Und HolladieDressingfee, dieses Dressing ist das beste, das ich je in meinem Leben gegessen habe (ok, es ist auch das erste Dressing, das ich bewusst probiert habe. Dill-Joghurt-Dressing auf Gurken ist aber auch sehr, sehr geil). Das Emma-Dressing macht sogar diese fettflunderartige Teil auf der Semmel erträglich bis schmackhaft.

Nach dem Essen fahre ich los, vorbei an Industriebrachen und einer Art Gründerzentrum. Ich komme an diversen Brauereien vorbei, die entweder ihre guten Zeiten schon längst hinter sich haben und schon geschlossen aussehen. Aber da schmecke ich noch das Dressing nach. Einige Tage später lasse ich das Weizen, das ich von den Bierfeen mitbekommen habe, von einer Dame probieren. Die ist hin und weg (vom Weizen wohlgemerkt, das Frauenbier hat sie noch nicht zu Geschmack bekommen).

In einer Stadt, in der sich nur noch die katholische Kirche traut, geöffnet zu bleiben, in einer Zeit, in der die Männer immer weniger Bier trinken, in dieser Zeit und in dieser Stadt müssen die Frauen ran. Und bringen Hof in Bayern vielleicht wieder ganz nach oben.

 

 

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