Arche Basilika

Von außen sieht sie gar nicht mal so übel aus, die Basilika. Innen soll man nicht fotografieren, darum folgen nur Bilder der Baustelle.

Von außen sieht sie gar nicht mal so übel aus, die Basilika. Innen soll man nicht fotografieren, darum folgen nur Bilder der Baustelle.

Ein Beitrag über den Unsinn der Gegenwart und den Sinn der Geschichte.

Wie bequem haben wir es doch in Bayern. Anderswo aber, ja anderswo…

Anderswo richten die Menschen ihre Blicke durch Zielvorrichtungen von Schnellfeuergewehren und Mörsern, wir richten unsere an die Decke. Anderswo muss alles verhüllt werden, hier strecken uns Engel ihre nackerten Hintern entgegen. Anderswo herrscht tabula rasa, hier regiert tabula gloriosa. Anderswo macht man Statuen und Moscheen platt, hier bewahrt man das Alte und Kostbare.

Anderswo versinkt die Welt in Krieg und Chaos, und in Waldsassen restaurieren sie die Basilika.

Wir betreten die wuchtige Kirche durch den Seiteneingang. Das Kloster Waldsassen wurde der Sage nach vom Zisterzensier Gerwig gegründet und ist nicht so bekannt wie die Klöster Ettals, Weltenburgs oder Banz, wo heutzutage höhere Bildung, Bierkunst und Politik ihr Stelldichein haben. Dennoch zählt sie sicherlich zu den schönsten und prächtigsten des Freistaates, Unterschätzt werden ist eben typisch für die Zisterzienser – und für die Oberpfalz.

Das erinnert etwas an das Innere eines Borg-Raumschiffs. Aber die sind wohl kaum Barock-Fans.

Das erinnert etwas an das Innere eines Borg-Raumschiffs. Aber die sind wohl kaum Barock-Fans.

Das Kirchenschiff selbst ist noch unverhüllt, wir werden vom Stuck und den Deckengemälden fast erschlagen. Und das muss restauriert werden? Ok, ein bisserl schmutziggrau ist der Stuck schon. Aber dann gleich jahrelang bis 2017 alles einrüsten? Tatsächlich aber war Stuck heruntergebrochen, und wenn der wem auf den Kopf fällt… Bevor die Waldsassener also die 14 Nothelfer und weitere Schutzengel vom Morgen- bis zum Abendgebet beschäftigen müssen, lassen sie ihre Kirche lieber gscheid herrichten.

Gerade ist der Chorraum eingerüstet. Eine weiße Wand mit dem Bild eines großen Kreuzes und dem runden goldenen Tabernakelspiegel drauf versperrt uns die Sicht. Ganz nach vorne gegangen. Vorbei an den Skeletten. Nein, die werden nicht restauriert, die bleiben so fleischlos. Nichtgläubige fragen sich oft, wieso man so schauerliche Gestalten in eine Kirche stellt. Sogar die Internetzeitschrift Wired fragt sich das. Wer sich informiert, der erfährt, dass es in Waldsassen die größte Sammlung von Märtyrergebeinen nördlich der Alpen gibt. Jetzt in kostbare Gewänder gehüllt. Während ich das schreibe, kommen mir die religiösen Minderheiten im Irak in den Sinn. Märtyrer. Dahingeschlachtet nicht von römischen Kaisern im Kolosseum, sondern von einer Miliz, die unter anderem von einem Staat finanziert wird, bei dem wir in einigen Jahren Fußball spielen sollen.

Ganz nah steht das Gerüstgestänge am Stuck.

Ganz nah steht das Gerüstgestänge am Stuck.

Wir gehen durch die Tür in den Chorraum. Und finden uns inmitten einer Baustelle wieder. Dicht gedrängt steht hier das Gerüst, Baustrahler leuchten uns in die Augen, am Boden stehen Bilder mit prächtigen goldenen Rahmen.

Die sanitären Anlagen sind eher dürftig. Aber in 22 Metern Höhe braucht man das Wasser nur zum Reinigen und Anrühren.

Die sanitären Anlagen sind eher dürftig. Aber in 22 Metern Höhe braucht man das Wasser nur zum Reinigen und Anrühren.

Jürgen Muth ist Theologe und Restaurator. Der fröhliche Franke führt uns durch die Baustelle. Wir fahren mit dem Bauaufzug in 22 Meter Höhe. Bis unter die Decke. Aus der Nähe wirkt der Stuck noch viel beeindruckender. Äpfel und Weintrauben, Blüten und Blätter und viel nackte Haut. Vom kleinen (immerhin mannsgroßen) Putten bis zum erwachsenen Engel. So viel Detailreichtum! Für wen? Von unten können wir all die Details doch gar nicht richtigen würdigen. Und der Aufwand der damit betrieben wird! Zuerst müssen die Restauratoren um Muth den Dreck vom Stuck wegputzen. Mit einem großen Radiergummi aus Latex, der aussieht wie ein Schwamm. Acht Leute waren hier zu Spitzenzeiten tätig. Dann wird der Stuck in fünf Arbeitsschritten mit einem Kalk-Gipsgemisch wieder aufgebaut. Eine langwierige, und für manche auch langweilige Arbeit. Nicht aber für Jürgen Muth. Der Theologe schätzt das „Meditative“ in dieser kaum enden wollenden Beschäftigung.

Die Gemälde reinigen sie genauso wie die Stellen hinter der Orgel. Hier passen aber nur Menschen mit bestimmter Körpergröße und Gewicht rein, die Jockeys der Restauratoren sozusagen.

Den Malerpinsel schwingen sie hier auch. Denn die Restauratoren stellten fest, dass bei der letzten Renovierung 1958 die ursprüngliche braocke Gestaltung übermalt worden war. Künftig erstrahlen die Putten also nicht in weiß. Sondern in rosa. Äh nein. Pink? Auch falsch. Korrekt: In „rot gebrochenem weiß“, informiert uns Muth. Die Malerin meint: „Terrakotta“. Mei, so Rosa halt.

Mit dem Löffel am Hirtenstab stachen früher die Hirten giftige Pflanzen aus, um die Schafe zu schützen.

Mit dem Löffel am Hirtenstab stachen früher die Hirten giftige Pflanzen aus, um die Schafe zu schützen.

Daumen hoch! Dieser oberste Altarengel freut sich, dass er wieder alle zehn Finger hat.

Daumen hoch! Dieser oberste Altarengel freut sich, dass er wieder alle zehn Finger hat.

Die Deckengemälde zeigen Bilder aus der Entstehungsgeschichte des Klosters und weisen immer noch kleinere Risse auf. Die größeren hat ein Restaurator mit einer Spezialmasse wieder festgemacht. „Aber nicht mit der Silikonspritze!“ korrigiert Muth, das sei nämlich in der Presse falsch kolportiert worden.

Dieser Engel wartet noch auf die Sanierung.

Dieser Engel wartet noch auf die Sanierung.

Die Tage kommt das Gerüst wieder weg. Da müssen die Stukkateure nochmal aufpassen, sollte das Gestänge den frisch hergerichteten Prunk beschädigen. Dann ist das große Kirchenschiff dran. Die Restauratoren stehen in einem engen Zeitplan, die Kirchenkonzerte können nicht warten. Schließlich hat die Orgel 7720 Pfeifen und ist damit eine der größten Europas. Eine Basilica Minor muss schließlich auch klotzen können.

Die ansässigen Zisterzienserinnen haben ihr Kloster zu einer Begegnungsstätte ausgebaut, darum hocken wir uns anschließend brav ins Klosterstüberl und mampfen Schwarzbeerkuchen und Veneziatorte. Sehr zu empfehlen.

Doch genug mit der Ablenkung durch leibliche Genüssen, zurück zu den geistlichen.

Warum ist das so? Flüchten wir aus der bösen Realität in eine herrlich-heitere Traumwelt? Verschließen wir die Augen vor dem Elend in der Ukraine, in Afrika oder im Nahen Osten? Oh, was so eine Restaurierung kostet. Angeblich 5,4 Millionen (immer noch kein Vergleich zu so manchen Elbphilharmonien, unterirdischen Bahnhöfen oder endlosen Flughafen-Baustellen). Damit könnte man Gesundheitsprogramme in Afrika finanzieren, Waffen für die Kurden bereitstellen und ähm, Borschtsch für die ukrainische Armee kochen.

Große Dimensionen für den kleinen Leib Christi.

Große Dimensionen für den kleinen Leib Christi.

Natürlich sollte man das alles machen, sogar die Waffen an die Kurden. Ja, wenn ich von den Gräueln der IS-Milizen höre, denke ich in alttestamentarischer, menschlich, allzu menschlicher Manier, dass für diese Kerle eine Napalmdusche gerade gut genug wäre. Höllisches Feuer für die, die anderen die Hölle auf Erden bereiten. Auge um Auge? Macht die Menschen blind. Nie wieder Krieg? Lieber nie wieder Auschwitz, Kambodscha, Ruanda! Ob die irdischen Strafgerichte die Konflikte lösen können?

Ihre heutige Form bekam die Basilika zwischen 1685 und 1704, also zwischen dem dreißigjährigen und dem spanischen Erbfolgekrieg. Einer Zeit also, in der den Bayern sehr wohl bewusst war, was Not, Elend und Krieg bedeuten. Und trotzdem haben sie eine Kirche erbaut, die voller Fröhlichkeit, Lebenslust und Herrlichkeit ist. Eine Art Arche menschlicher Kultur, himmlischer Ruhe und paradiesischer Heiterkeit. Vielleicht ist das der Sinn des Erhalts solcher Kirchen. Vielleicht war es der Sinn des Baues solcher Kirchen. Den Menschen trotz schwieriger Zeiten Hoffnung und Frieden (zumindest inneren Frieden) zu geben.

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