Das älteste Wirtshaus der Welt

Die Bäume sollen teilweise aus dem 19. Jahrhundert stammen.

Die Bäume beim Röhrlbräu sollen teilweise aus dem 19. Jahrhundert stammen.

Heute besuchen wir einen Biergarten mit Weltrekord. Und schauen kurz in einem „Biergarten“ ohne Rekord vorbei.

Womit fangen wir an? Mit dem Rekordhalter? Nein, das ist spannender, darum kommt’s später, damit der gequälte Leser bis zum Schluss dranbleiben muss, harharhar.

Die Galeria Kaufhof am Neupfarrplatz zählt sicher nicht zu den schönsten Gebäuden in Regensburg. Ganz im Gegenteil, als hässlicher grauer Klotz stört sie die ansonsten sehr historische Innenstadt. Angeblich sind die kantigen Ausbuchtungen den mittelalterlichen Stadttürmen nachempfunden. Eher ein trauriger Versuch, vergleichbar mit dem pseudohistorischen Studentenwohnheim in der Bamberger Judenstraße. Dennoch lohnt sich ein Besuch, vielleicht auch für den Konsumenten materieller Dinge, aber auf jeden Fall für den Konsumenten optischer Eindrücke. Wir fahren mit dem Aufzug, Rolltreppe war uns zu anstrengend, bis ganz hinauf. Dort finden wir erst einmal eines dieser seltsamen Kaufhauskantinenrestaurants. Irgendwann in der großen Zeit der Kaufhäuser kam man wohl drauf, der Kunde soll bei uns nicht nur alles finden, er soll auch bei uns essen. Also pflanzte man in die Kaufhäuser diese etwas schickeren Kantinen, die im Vergleich zu anderen Wirtshäusern doch arg künstlich wirken.

Rechts grüßt der Dom

Rechts grüßt der Dom

Links die Neupfarrkirche

Links die Neupfarrkirche

Dennoch gibt’s hier was Feines zu entdecken. Erst einmal ein kleines Bischofshof bestellt und mitgenommen, ein paar Schritte gegangen und hinausgetreten auf die Dachterrasse. Vor uns erstreckt sich das Regensburger Panorama aus Hausdächern und Kirchtürmen. Rechterhand wuchtet sich der Dom nach oben, daneben in der Ferne eine grüne Hügellandschaft. Hätte ich gar nicht gedacht, dass es um Regensburg herum so ländlich ist, aber, was soll es denn sonst sein? So groß ist Regensburg zum Glück ja nicht. Besonders gut kann man von hier beobachten, wie Regengüsse über die Umgebung herunterkommen, während die Stadt dennoch trocken bleibt.

Einziges Manko sind die Wespen, die diesen Sommer fast überall unsere steten Begleiter sind. Die treiben uns dann doch dazu an, unser kleines Helles etwas schneller zu trinken, als uns die schöne Aussicht gebietet.

Biergarten mit Kirche

Biergarten mit Kirche

So, nach der schönen Aussicht wenden wir uns nun dem Weltrekord zu. Der sitzt nicht in der Hauptstadt der Oberpfalz, sondern in Eilsbrunn: Der Röhrlbräu. Schon mal gehört? Ich bis vor kurzer Zeit auch nicht. Hätte ich da mal fleißig das Guinness Buch der Rekorde gelesen. Da hat der nämlich einen Eintrag als, und schon allein deswegen sollte da jeder Bayer und jeder Mensch mal vorbeischauen, äl-tes-tes-Wirts-haus-der-Welt.

Ehrfurchtsvolles Erstaunen. Seit 1658 wird der Röhrlbräu ohne Unterbrechung von der Familie Röhrl betrieben. In elfter Generation von Muk Röhrl, der seit kurzem auch den Brandlbräu in Regensburg betreibt.

Der Saal von 1902.

Der Saal von 1902.

So weit von Regensburg ist Eilsbrunn gar nicht entfernt, es liegt zwischen Sinzing und Nittendorf. Die Anfahrt ist etwas umständlich, da die Straßen im Ort gerade umgebaut werden, aber das stört nicht groß. Es ist ja Sonntag und da wird nicht gearbeitet.

Vor dem Röhrl ist ein großer Biergarten mit riesigen Bäumen, die wunderbar Schatten spenden, von irgendwoher kommt Blasmusik, mei, so muss das sein. Die Bäume sollen teilweise aus der Erstbepflanzung von 1877/78 stammen, so wuchtig wie die sind glaube ich das. Für Kinder gibt’s auch einen Sandkasten.

Wir leiden nur wieder unter der Wespeninvasion. Zum Glück ist die Dessertkarte auf ein Nudelholz gerollt. Sowas liegt auf jedem Tisch aus. Mit diesem Holz lassen sich zu aufdringliche schwarz-gelbe Zeitgenossen platt walzen.

Der Röhrl braut seit 1971 nicht mehr selber, er bekommt sein Bier vom Röhrlbräu aus Straubing, mit dem man entfernt verwandt ist. Dieses Bier, das es sogar bis in einen Biergarten in Ismaning geschafft hat, ist richtig gut. Da aber der Vortag schon etwas länger war, und man noch lange im Auto unterwegs ist, trinke ich ein Apfelschorle. Die schmeckt eher naja.

Sowas ist eine Probiersuppe? Andernorts gibt's nur solche Größen.

Sowas ist eine Probiersuppe? Andernorts gibt’s nur solche Größen.

Die Leberknödelsuppe kostet 4,20 Euro, eine Probiersuppe dagegen 2,90. Genau richtig als Appetitanreger. Geschmacklich top!

Auf der Karte findet sich auch ein Boeuf à la mode für 11,90 Euro, auf bayerisch auch Böfflamot genannt. Das ist laut Infoseite food-from-bavaria ein in Rotwein gebeiztes Rindfleisch, eine Frühform des Sauerbratens. Napoleon soll das Gericht nach Bayern gebracht haben. Die Knödel sind ok, das Fleisch ist interessant, etwas trocken, aber gut. Die Soße ist wohlschmeckend und nicht fettig, weniger dürfte sie aber nicht sein.

Das Böfflamot erinnert an die Zeit als Bayern an der Seite Napoleons gefochten hat.

Das Böfflamot erinnert an die Zeit als Bayern an der Seite Napoleons gefochten hat.

Als Dessert essen wir eine „himmlische Torte“ für 2,90 Euro, die geht.

Laut dem Buch „Genuss mit Geschichte“, erschienen im Volk Verlag (kann ich jedem wärmstens ans Herz legen) kommt das Essen aus einem Wamsler-Holzofen von 1928. Sauber!

So, nach dem vergnüglichen Essen die Arbeit. Wir müssen uns das Wirtshaus anschauen. Das ist innen uralt, sehr viel nachgedunkeltes Holz, wunderbar alte separierte Sitzreihen, ein Holzfußboden und ein kleines abgewetztes Treppchen. Sollte ich irgendwann mal ein Wirtshaus aufmachen, richte ich es so ein. Sowas von urig. Der Wirt bietet auch Führungen an, aber das sparen wir uns.

Der abgetrennte Bereich heißt "Affenkasten". Dort saßen die Honoratioren des Ortes, noch vorhanden ist das umlaufende Lederband über der Sitzbank.

Der abgetrennte Bereich heißt „Affenkasten“. Dort saßen die Honoratioren des Ortes, noch vorhanden ist das umlaufende Lederband über der Sitzbank.

Eine so eine Treppe muss in die Großaufnahme!

Wie viele Leute schon über diese Treppe gegangen sind…

Wir haben genug besichtigt. Jetzt wollen wir noch klären, woher die Blasmusik kommt, die uns beim Essen begleitete. Gleich nebenan ist das Pfarrfest. Kirche, große Blaskapelle, extrem heißer Grill und viele, viele Menschen.

Es gibt sogar ein Kinderprogramm, aber dafür sind wir wohl zu alt. In einer Scheune ist der Kuchen- und Teeverkauf. Tee mit Kräutern aus dem Pfarrgarten. Na endlich was unserer Altersklasse entsprechendes. 50 Cent kostet eine Papiertüte Tee, je mit Ringelblumen, Pfefferminz, Zitronenmelisse und Lindenblüten. Ich frage die Verkäuferin für was das gut ist. „Das ist Tee.“ Aha. Aber für was ist Ringelblume gut? „Hmmmmm, Erkältung.“ Aha. Nun gut. Ich kaufe eine Tüte mit Pfefferminze und eine mit Lindenblüten.

Schöne Wiesen, schöne Felder, seltsame Häuserfarben

Schöne Wiesen, schöne Felsen, seltsame Häuserfarben

Zeit, Abschied zu nehmen. Ich fahre durch das schöne Laabertal mit tollen Felsformationen und wohl nur von Schafen gemähten wilden Wiesen. Auf Bayern 1 läuft das anscheinend noch nicht oft genug wiederholte „Please take care of my baby“, aber dann kündigt Conny Glogger mit ihrer freundlichen, warmen Stimme „Unterm Kastanienbaum“ von der Spider Murphy Gang an. Eine schönere Hymne an einen Biergarten kann ich mir nicht vorstellen. Mit dieser Musik düse ich durch die Landschaft, mit einer wohligen Erinnerung an diesen wunderbaren Biergarten des ältesten Wirtshauses der Welt. Wenn der Petrus ein Münchner ist, dann muss der Herrgott erst recht ein Bayer sein. Oder unser Land zumindest ganz besonders mögen.

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