Das Kloster Speinshart

In der nördlichen Oberpfalz gibt es zwei große Barock-Klöster, die Basilika in Waldsassen der Zisterzienser, berühmt für seine wunderbar geschnitzte Klosterbibliothek. Und das Kloster Speinshart. Ein Kloster, das eigentlich ein ganzer Ort ist. Denn der komplette historische Ortskern von Speinshart war früher Klostergelände.

Im Klosterinnenhof liegen zahlreiche Bauerngärten.

Im Klosterinnenhof liegen zahlreiche Bauerngärten.

Kurz bevor wir aufbrechen, lese ich im Facebook ein Posting: „Was ist das für ein Gott, der Parasiten erschafft, die in den Augen von Kindern groß werden und diese erblinden lassen.“ Damit ist wohl die Flussblindheit gemeint, die in tropischen Ländern vorkommt. Streng atheistisch müsste ich zurückfragen: Warum tun wir Menschen nicht alles dafür, dass wir diesen Parasiten ausrotten oder vorhandene Medikamente in ausreichend großer Zahl zur Verfügung zu stellen? Wieso muss ich sowas einem nicht vorhandenen Gott vorwerfen? Als Buhmann ist Gott bei diesen halbgaren Atheisten immer gern gefragt. Als Christ muss ich diese Frage natürlich auch an mich selber stellen. Helfe ich genug? Und tatsächlich muss ich dem da oben solche Vorwürfe machen, die alte Geschichte des Hiob.

Mit diesen Fragen im Kopf geht’s auf zur Klosterbesichtigung.

Das Tor ins Klosterdorf.

Das Tor ins Klosterdorf.

Wir fahren mit dem Auto durch ein altes, aber beeindruckendes Tor in den Kernort hinein. Die Musi spielt, Bierbänke stehen neben der Kirche am Rasen unter großen Bäumen, es ist Obst- und Gartenbauvereinsfest. Wohl neben den Feuerwehr- Wein- und Starkbierfesten die wichtigsten Feste in Bayern. Darum ist auch gut was los. Wir kümmern uns aber mit einer Gruppe jetzt erst einmal um die Klosterkirche. Ein hagerer, langer Pater Benedikt mit Rauschebart und trockenem Humor macht die Führung. Seit 1145 sitzen die Prämonstratenser hier, eine ganz schön lange Zeit. Der Name Speinshart kommt wohl vom althochdeutschen Spetheshart, also Spechtswald.

Die jetzige Klosteranlage stammt von den fleißigen Dientzenhofers, die in Bayern, Hessen und Böhmen allerlei Kirchen und Barock-Prunk-Häuser hinterlassen haben, etwa die Kappl und Basilika Waldsassen, das Kloster St. Michael und das Böttingerhaus in Bamberg sowie die Fassade des Neumünsters in Würzburg. Um die Zeit der Reformation war das Kloster schon geschwächt, ein Abt wurde protestantisch und heiratete, der Staat kassierte die Besitzungen ein. Ab 1661 mühten sich Benediktiner, Jesuiten und Prämonstratenser um die Wiederbesiedelung der Anlage und um die Seelsorge der Oberpfälzer. Außerdem begann man mit einem Umbau. Die Speinsharter Kirche ist eine Wandpfeilerkirche und ist reichlich mit Fresken der Ordensheiligen, etwa dem Heiligen Norbert, bemalt. Eine italienische „Firma“ gestaltete die Kirche barock aus. Einige Zeit später wurde eine Empore mit der Orgel neu eingezogen, das waren nun deutsche Spezialisten, deren Stil schon am Rokoko kratzte.

Detaillierte Schnitzereien an den Kirchenbänken.

Detaillierte Schnitzereien an den Kirchenbänken.

Selbst die Sitzbänke sind an den Seiten mit Schnitzereien verziert, die sich deutlich vom Rankengewächs anderer Kirchenbänke absetzt. Hier sehen wir die Leidensgeschichte Christi und die vier Elemente abgebildet. In Zeiten, in denen die Leute kaum oder nur sehr schlecht lesen konnten, dienten die Bilder dazu, die Glaubensgeschichten zu erzählen. Und damit in argen Zeiten Hoffnung zu geben. Denn das Leben in der Oberpfalz in früheren Jahrhunderten konnte man durchaus mit dem Leben in den Entwicklungsländern heute vergleichen, karge Landschaft, schlechte Ernten und immer wieder Kriegszüge, die die Gegend heimsuchten.

Während uns Pater Benedikt die Kirche erläutert, fragen wir uns: Was machen die Prämonstratenser eigentlich den ganzen Tag? Vielleicht Rauchen, so vermuten einige, anscheinend riecht es hier mehr nach Tabak als nach Weihrauch. Tatsächlich aber ist Seelsorge eine der Hauptaufgaben der Prämonstratenser.

1803 kam wieder der Staat und riss sich das Kloster in der Säkularisation unter den Nagel. Nach dem ersten Weltkrieg las ein Priester in New York das Buch eines Regensburgers über die Äbte von Speinshart und wollte das Gelände kaufen und einem Orden schenken. Daraufhin fragte der bayerische Staat nach, ob denn die Prämonstratenser ihr früheres Haus wieder zurückkaufen wollten, was die auch taten. Und seitdem sind wieder neun Patres da, ausgesandt vom Stammkloster Windburg in Niederbayern, und kümmern sich um die Freude der Menschen in der Umgebung, spenden in schweren Stunden Trost.

Die Kirche hat eine aufwändige Sanierung hinter sich, und das hat sich auch gelohnt.

Die Kirche hat eine aufwändige Sanierung hinter sich, und das hat sich auch gelohnt.

Nach der Kirchenführung gibt es noch eine Dorfführung.

Bei ziemlich großer Hitze schauen wir uns die einzelnen Häuser im Dorf an. Der Ort wurde, bzw. wird seit einigen Jahren saniert. Anfangs waren die Bewohner etwas skeptisch, es ist ja immerhin ein großer Aufwand, denkmalschutzgerecht zu sanieren. Große Panoramafenster im Wohnzimmer, wie sie noch in den 70ern oder 80ern verbaut wurden, sind nun passé. Die alte Bausubstanz macht sich aber recht gut im Dorf. Alle Häuser sind nicht saniert, für alleinstehende Bewohner rentiert sich das nicht, weil es keine Kinder gibt, die das Gebäude übernehmen könnten.

Inmitten des Ortes, da wo sonst ein Marktplatz wäre, gibt es einen schönen Bauerngarten neben dem anderen. Beeindruckend anzuschauen, was aber für die Nutzer ein kleiner Nachteil ist, da man hier auf dem Präsentierteller sitzt.

Die Dientzenhofers haben wirklich ganze Arbeit geleistet!

Die Dientzenhofers haben wirklich ganze Arbeit geleistet!

In zwei Häuser sind Chronogramme eingelassen. Chronogramme sind lateinische Inschriften, in denen eine Jahreszahl versteckt ist. Das Lateinische kannte ja nicht unsere arabischen Ziffern 1,2,3 sondern schrieb I für 1, L für 50 usw. So ist im Wort MILLENIU(=V)M etwa die Zahl 2107 versteckt. Die Chronogramme hier erzählen davon, wo ein Brand ausgebrochen ist und wo im Dorf er endete.

Auf dem Obst- und Gartenbauvereinsfest läuft gerade eine Versteigerung seltsamer Holzhühner. Die hat wohl die lokale Grundschule laubgesägt, optisch, joa, eine Herausforderung. Dafür ruft aber ein enorm lauter und schriller Moderator Preise auf, die gehen auf über 100 Euro. Die Veranstaltung ist für ein an Leukämie erkranktes Mädchen gedacht, insgesamt bringt das 400 Euro ein. Das erfahren wir aber erst nach der Versteigerung.

20150705_160324Gegenüber der Kirche gibt es auch ein Wirtshaus, da innen schon fast nobel wirkt, etwas mehr Deftigkeit in der Einrichtung hätte ich mir schon gewünscht. Die Karte bietet allerlei Leckereien, wir bleiben aber nur bei den Getränken. Das Klosterbier kommt aus Kemnath, als Radler schmeckt es vorzüglich. Wir probieren auch das Alkoholfreie, ein Kritzenthaler der Maisel-Brauerei aus Bayreuth, das ist grausam.

Kuchen und Kaffee gibt’s in einer ehemaligen Kapelle, der Wieskapelle. Die ist als einziges nicht renoviert und schaut schon ziemlich verhaut aus. Es erinnert an die Kirchen in Tschechien. Da kann man schon durchaus froh sein, in einem Land zu leben, wo so etwas normalerweise erhalten wird. Doch bei diesem Gebäude wurde bewusst auf eine vollständige Renovierung verzichtet. Nach der Säkularisierung nutzte man das Gebäude als Kuhstall und Scheune. Die Prämonstratenser ließen die kaum noch vorhandenen Fresken sichern und ansonsten den Raum so, wie er war.

Ich esse eine Mokkatorte und Brot mit Geräuchertem. Schließlich muss man ja auf abwechslungsreiche Ernährung achten. Beides ist gut, die Torte könnte etwas mehr Kaffeearoma vertragen, das Geräucherte etwas mehr Räucheraroma, aber das ist wohl Geschmackssache. Zeit, sich hochzuwuchten und heimzufahren.

Ein Tag zwischen barocker Pracht und Sommerausflug und Not und Hilfsbereitschaft.

Man könnte die ganze Problematik in zwei Szenen der Simpsons zusammenfassen: Einmal fegt ein Tornado über Ned Flanders Haus hinweg und er muss mit seiner Familie in der Kirche übernachten. Draußen steht ein Schild: Gott begrüßt seine Opfer. In einer anderen Folge schwört Homer dem Glauben ab und fackelt unachtsamerweise das Haus ab. Flanders, Krusty und Apu löschen den Brand und retten ihn. Homer meint daraufhin: Gott ist rachsüchtig. Das verneint Reverend Lovejoy, er meint: Gott rührt die Herzen seiner Mitmenschen zur Hilfe, seien es Christen (Ned), Juden (Krusty) oder wie auch immer (Apu). Darauf Apu: Hey ich bin Hindu, wir sind 700 Millionen. Lovejoy: Wow, das ist ja super.

Die Wieskapelle wurde zwischenzeitlich auch als Kuhstall benutzt.

Die Wieskapelle wurde zwischenzeitlich auch als Kuhstall benutzt.

Ich weiß nicht, warum es diesen Parasiten, warum es Not und Leid gibt. Das Problem konnte wohl noch keiner lösen. Biologisch gesehen haben sie wohl ihre Existenzberechtigung. Theologisch gesehen? Keine Ahnung. Dem logischen, kalten Zynismus der Evolution folgend, könnte man sagen: Not macht erfinderisch. Ohne Probleme keine Evolution, kein Fortschritt. Zynisch. Ja. Aber auch gerechtfertigt? Ich weiß es nicht. Über solche Fragen haben sich schon unzählige Generationen den Kopf zerbrochen, und sind zu keiner Antwort gekommen. Allerdings gingen viele auch weg von der Frage nach dem warum, und halfen einfach. Eine Krankheit lässt uns über unseren Körper forschen und nach Heilmitteln suchen. Und ab und an auch unsere Menschlichkeit, unser Mitgefühl wachsen. Seit 1987 liefert die US-Pharma-Firma MSD gratis Impfstoff gegen die Flusskrankheit in die Entwicklungsländer, und will ihn auch so lange produzieren, bis die Krankheit endgültig ausgerottet ist. 10,3 Milliarden Dosen bislang. Zig Millionen Menschen vor der Blindheit gerettet. Da wurden wohl die Herzen der Menschen gerührt.

Und es gibt Leute in der Oberpfalz vor dem Kloster, die für ein grausiges Holzhuhn über 100 Euro zahlen, um Spenden für ein krankes Mädchen zu sammeln. Ein Obst- und Gartenbauvereinsfest im Klostergelände Speinshart eben.