Der Baierwein – saures Grausen oder uralte Tradition?

Schon mal in Bayern im Wirtshaus einen Wein bestellt? Nicht verprügelt worden? Glück gehabt. Bayern ist schließlich das Land der Biertrinker, was soll man denn da mit so einem Plempl? Wein trinken doch nur Leute, die Körner fressen und SPD wählen. Doch das war nicht immer so. Bis ins 16. Jahrhundert trank auch der gewöhnliche CSU-Wähler hauptsächlich: Wein. Und damit meine ich in Altbayern, nicht nur in Unterfranken (da gibt’s bis heute unfassbar gute Tropfen). Ausgerechnet in der Oberpfalz ist ein klitzekleiner Rest dieser uralten bajuwarischen Weintradition bis heute erhalten – der Baierwein.

Die Aussicht vom Weinberg über die Donauebene.

Wir fahren von Regensburg aus auf der Staatsstraße 2125 Richtung Osten. Es ist eine wunderschöne Landschaft. Rechts die Donau, linkerhand taucht die Walhalla in einem bewaldeten Hügel auf. Mei, wir sind einfach die Besten! Auch wenn wir einem griechischen Tempel in Bayern einen nordischen Namen geben. Solche kulturellen Mash-Ups kann man sich halt leisten.

Bevor wir uns der Geschichte des Baierweins zuwenden, erst einmal Essen fassen!

Unser Ziel ist die Weinstube Eibl in Bach an der Donau. Die hat als einzige um ein Uhr mittags schon offen. Sehr geeignet für Regensburger Radfahrer. Wir sitzen auf einer großen, etwas modernen Terrasse. Statt Kastanien gibts hier Weinreben, die für Schatten sorgen. Welche sonderbare Art des Biergartens…

Im Biethaus wurde früher der Wein gepresst.

Die blauen Zipfel sind gut, weil sie nicht so groß und etwas grob sind. Sie könnten aber etwas sauerer sein und weniger seifig. Der Schweizer Wurstsalat ist gut. Bei der Hausmacherplatte hat die Leberwurst einen etwas metallischen Geschmack und dürfte gern würziger sein. Das Griebenfett strotzt vor Kräutern und ist ziemlich bunt, tatsächlich aber auch recht fettig im Geschmack. Mehr Krusteln drin wären nett. Der Leberkäse ok, beim Bierschinken kann man nix sagen. Das Sauergurkerl ist gut, die Tomate nix besonderes, die Salatgurke etwas salzig. Die Salami ist ganz ok, der Käse fein säuerlich. Der rote Presssack schmeckt so lala, der weiße Presssack hat einen sehr zitronigen Ziederer, was ich recht gern mag. Das Geräucherte liegt irgendwo zwischen Heißgeräuchertem und Lachsschinken.

Trotz der Nähe zu Regensburg schenkt man hier Passauer Löwenbräu aus. Das hat sehr witzige Bierdeckel, aber wir sind ja wegen des Weines da. Der Bacchus ist sehr mineralisch mit fünf Gramm Restzucker. Der Müller-Thurgau ist ebenfalls mineralisch, schmeckt aber trotz 3,3 Gramm RZ sogar etwas fruchtiger als der Bacchus. Ansonsten hat der Eibl österreichische Weine im Angebot. Überhaupt geht der Baierwein in die Richtung der Ösi-Weine. Tja, kann man mögen, muss man aber nicht. Wer säuerliche Weine mag ist hier gut bedient, wer es eher halbtrocken mag, der sollte lieber nach Franken fahren. Den eigenen Wein verkaufen die Eibls aber nicht, also fahre ich weiter in den nächsten Ortsteil. Auf dem Weg fahre ich an Hennen vorbei, die neben der Straße rumpicken. Hinter einer Mauer fließt die Donau entlang, wie ein Meer ausgestreckt vor mir. Wow.

Am Pressbaum kann man sehen, welchen technischen Aufwand man vor Jahrhunderten zur Weingewinnung betrieb.

Hier ist nichts angeschrieben, was nach Weinverkauf heißt. Also frage ich in einem Wirtshaus nach, wo ich denn so einen Winzer finden könnte. Ich werde zu einem Bungalow in der Weinbergstraße verwiesen. Eine Frau arbeitet im Garten, ich soll läuten. Etwas dauert es, dann macht ein Mann auf. Er meint, eine Weinprobe sei bei ihnen normalerweise nicht üblich. Seltsam, wie soll man denn dann wissen welchen Wein man kaufen soll? Wir gehen in den Keller des Wohnhauses. Circa acht Wasserkisten gefüllt mit Weinen stehen da, daneben noch Flaschen ohne Etikett.

Er nimmt eine Flasche vom Kerner mit rauf, wir gehen in die Küche. Aus einem Schrank holt er zwei Weingläser heraus. Wir probieren. Hu, wieder mineralisch. Welcher Wein ist denn hier fruchtiger, will ich wissen. Fehlanzeige, jeder sei mineralisch ausgebaut in dieser Gegend. Na toll. Ich nehme mir einen Weißburgunder, einen Müller-Thurgau und einen Kerner mit. Sechs Euro pro Flasche zahle ich. Hmmmm, also für den Geschmack nicht gerade wenig. Aber beim Baierwein zahlt man ja auch für den Erhalt einer Geschichte mit. Auch wenn es das wohl mit Microsoft Paint und Click Art erstellte Etikett nicht gerade nahe legt.

Nächste Station ist das Baierwein Museum. Da muss man schon gezielt hinfahren, es hat nur zwischen 13:00 und 16:00 Uhr am Sonntag offen. Noch schön dörflich das alles. Das Museum ist am Fuße eines kleines Weinberges (eher Weinhügels) in einem alten, so genannten Biethaus untergebracht. Da hatte man früher den Wein ausgepresst.

Ich parke an der Straße, ein älterer Herr und seine Frau sitzen da, sie genießen den Tag wie auf ihrer Terrasse. Der Mann ist Mitglied des Fördervereins. Zwei Euro zahle ich für den Eintritt, na das ist nicht allzu viel. Ich schaue mich zunächst um. Im Anbau finden sich eher modernere Gerätschaften und die Geschichte des Baierweins anhand von Schaubildern erzählt. Im alten Biethaus ist ein uralter, riesiger Pressbaum ausgestellt. Er wurde benutzt, um die Maische auszudrücken und wird aufs Jahr 1615 datiert. Übrigens war er noch bis vor gar nicht mal so langer Zeit im Einsatz.

Der heilige Urban ist der Schutzpatron der Winzer.

Der Baierwein hat durchaus Tradition. Schon aus der Römerzeit hat man einen Weihestein für den Weingott Liber bei Regensburg gefunden, gegenüber der Stelle, die heute Winzerer Höhen heißt. Zwar gibt es aus dieser Zeit keine Aufzeichnungen über möglichen Weinbau, aber wenn die Römer die Stele nicht nur aus Jux aufgebaut haben, dann könnte hier wohl das älteste bis heute existierende Weinanbaugebiet Bayerns sein. Der Name Baierwein war früher überall gang und gäbe. Nicht nur an der Donau, auch an Altmühl, Isar, Rott, Inn und den beiden Laberflüssen wurde der Bayerwein angebaut. 1330 hatte allein das Kloster St. Emmeran 70 000 Liter Wein gekeltert, die Wittelsbacher ließen sich jährlich 40 000 Liter liefern. Die niederbayerischen Herzöge verboten 1292 gar das Bierbrauen für ein Jahr. Man hatte ja Wein. Und das im Bierland Bayern??? Von wegen. Bayern war damals kein Bierland, sondern Weinland. Um 1530 schreibt Aventinus von uns Bayern: „Der gemeine Mann im Gäu sitzt Tag und Nacht beim Wein.“ Uffff, was für eine Aussage!

Doch im 16. Jahrhundert gab es eine Klimaverschlechterung, nicht gut für den Wein. Die Qualität wurde mieser, andere Konkurrenten aus Österreich und Württemberg konnten dank besserer Verkehrswege besseres liefern. Der dreißigjährige Krieg brachte große Verwüstungen, außerdem sollte dort, wo man Getreide anbauen konnte, kein Wein mehr kultiviert werden. Ab 1600 trank dann auch der einfache Bauer vermehrt Bier. Man schätzt, dass es früher zu Spitzenzeiten rund 2000 Hektar Reben im Baierweingebiet gab. 1869 waren es noch gute 95 Hektar. Knapp hundert Jahre später, 1965, war der Tiefstpunkt mit 0,85 Hektar erreicht. Zwei sture Bauern wollten den Anbau aber nicht aufgeben, und so überlebte er so lange, bis auch andere, wie der Förderverein, an die Tradition anknüpften.

Heute gibt es knappe vier Hektar in der Region. Zum Vergleich: Die Franken haben ganze 6000 Hektar. Verteilt sind die Wein“berge“ auf die Gemeinden Bach an der Donau, Kruckenberg, Pentling, Tegernheim und Regensburg-Winzer.

Was die „Qualität“ des früheren Baiernweins angeht, findet man hier auch selbstironische Karikaturen. So soll man den Wein eigentlich nur zum Mörtelanrühren nutzen können. Er heiße Dreimännerwein, weil zwei Männer den Trinker halten müssten, weil es ihn vor Säure so schüttele. Und weil es einem beim Trinken alles zusammenzieht, könne man damit auch Socken stopfen, weil er die Löcher schließt.

Selbstironie ist der erste Weg zur Besserung des Weins.

Ah geh. Ich verkoste auch im Museum einen Wein, ich glaube es war ein Bacchus oder Müller-Thurgau. Und he, so schlecht war der gar nicht. Freilich wieder mineralisch, aber kein saures Grausen sondern eher frisch und leicht fruchtig. Der Herr vom Förderverein meint, einige Weine könnten schon Kabinett-Qualität haben, allerdings darf auf dem Etikett nur „Regensburger Landwein“ stehen. Auch den Vergleich zu den Frankenweinen will er nicht scheuen, er kennt da auch tatsächlich recht viele Winzer. Naja, also Frankenqualität sehe ich da noch nicht so. Aber mit den Ösis kann man durchaus konkurrieren!

Ich stelle dem Herren einige Fragen zur Geschichte des Baierweins und bekomme extrem umfassende Antworten. Der Mann ist anscheinend überaus historisch gebildet und verbringt einen guten Teil seiner Freizeit in Archiven, um da Nachforschungen über den Baierwein anzustellen. Ein Verein kümmert sich um einen Teil der Weinreben, es gibt aber auch Einzelpersonen, die ihre Parzellen pflegen. Allerdings kann vom Baierwein allein keiner leben, höchstens wenn er damit eine Weinstube betreibt.

Vor dem Haus gibt es einen Lehrweinberg, hier schaue ich mir die unterschiedlichen Trauben an den Reben an. Doch Vorsicht! Wer zu lange stehen bleibt, den beißen die Bremsen.

Fazit: Wer einmal etwas anderes als das bierig-bajuwarische Regensburg erleben will, der sollte unbedingt raus auf diese kleine Weinstraße fahren. Die Landschaft auf der einen Seite grün und hügelig, auf der Donauseite weit und südlich. Die Weine sprechen zwar eher Gaumen an, die an Säure gewöhnt sind, aber arg grausen tut es vom Baierwein keinen mehr. Und wer das nächste mal im Wirtshaus kritisch gemustert wird, weil er einen Wein bestellt, der kann in die folgende Rauferei gleich im Namen der urbayerischen Weintradition einsteigen.

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