Drucke in Köln, Keller in Tirschenreuth

Wer diese Seite aufmerksam verfolgt, der weiß, dass historische Karten viel Schönes haben. Als Nachdruck sind sie erschwinglich und man kann sie ohne schlechtes Gewissen rahmenlos als Poster an die Wand hängen.

Kleiner Fetzen mit großer Geschichte.

Kleiner Fetzen mit großer Geschichte.

So schaue ich denn auch in fernen Städten in Antiquariate oder kartenführende Buchläden, ob sie denn solche Faksimiles haben. In Köln werde ich von einem Geschäft zum anderen gelotst, bis ich endlich auf ein auf alte Karten spezialisiertes Geschäft in der Nähe des Rudolfplatzes stoße. Die Verkäuferin, zwischen 50 und 60, kurze Haare, nimmt mir gleich mal den Mut, Nachdrucke hätten sie keine, ausschließlich alte Karten. Nun gut, dann schau ich mir die halt mal an. Die historischen Kölner Karten gefallen mir nicht sonderlich, von Regensburg gibt’s leider keine. Na toll, Satz mit X, das war wohl nix. Oder? Die Verkäuferin zeigt mir noch einen Karton mit Drucken von bayerischen Stadtansichten. Der Ordner scheint ein buntes Potpourri zu enthalten, München, Nürnberg, Abensberg, aha, aha, aha, und Moment, das ist doch wohl nicht, das kenn ich doch: Dürsnreith.

Nochmal genau hingeschaut: Tatsächlich, die bekannte Stadtansicht mit dem Schlossturm, der Stadtpfarrkirche und dem Reiter auf dem Rathaus. Ein Druck von Tirschenreuth, hier mitten in Köln?

Manches kann man dem Nebel der Geschichte entreißen, manches schaut auch im Dunst gut aus.

Manches kann man dem Nebel der Geschichte entreißen, manches schaut auch im Dunst gut aus.

Dabei schaut das Papier, der Zettel, man könnte schon fast sagen Fetzen, nicht gerade gepflegt aus. An den Rändern Bleistiftmarkierungen, schon mal gefaltet, für soooo besonders scheinen die Vorbesitzer den Zettel nicht erachtet zu haben. Ich frage die Verkäuferin, von wann dieser Druck denn sei? „Der ist von Merian.“ Ja, dass das Original ein Merian-Stich war, das ist hinlänglich bekannt, aber von WANN dieser vorliegende Druck ist, irgendwann 19. Jahrhundert oder so? „Nein, dass ist ein Original-Merian?“ „Ein Original???“ „Ja, circa 1650.“ Ich schaue etwas skeptisch diesen Papierfetzen an. „Und woher wissen Sie, dass das so alt ist?“ „Erfahrung, das merkt man etwa an der Papierbeschaffenheit, ich kann Ihnen auch eine Expertise schreiben.“ Nun gut, wenn der Zettel echt einige hundert Jahre auf dem Papierbuckel hat, dann joah, puh, schon gut.

Die Verkäuferin packt mit den Druck gut zwischen dickem Karton ein und ich mache mich euphorisiert auf den Heimweg.

Einige Zeit später bin ich wieder in Tirschenreuth, ich möchte mir einen Passepartout, also einen Kartonrahmen um den Druck machen lassen. Im Fotogeschäft meint meine Mutter, das genau dieser Druck zentraler Inhalt einer Stadtführung sei, einer Führung durch den Tirschenreuther Schlosskeller.

Die Klosterkirche ist nur eines von vielen Gebäuden, die auf dem Gelände des alten Schlosses stehen.

Die Klosterkirche ist nur eines von vielen Gebäuden, die auf dem Gelände des alten Schlosses stehen.

Da war ich doch schon vor Jahren entgegne ich, unwillig einen kostbaren Wochenendnachmittag zu opfern. Bei längerem Nachdenken kommt es mir aber, dass ich doch auch etwas über diesen Druck wissen sollte, wenn ich schon Geld dafür ausgebe. Also los!

Es stellt sich allerdings heraus, dass die frühere Führung eine in den Klosterkeller war, die neue geht in den Schlosskeller.

Tatsächlich bin ich einige Jährchen, um nicht zu sagen einige Jahrzehntchen unter dem Altersschnitt. Wo ist denn bitteschön die Jugend? Die dürfen ihren Nachmittag am Sofa verbringen und ich muss hier mitlaufen, ou Mann… Oder sie waren alle schon vorher da und haben sich braverweise längst informiert.

Wir beginnen im Rosengarten, wo im Herbst tatsächlich noch einige Blüten rumhängen. Hier wird zunächst einmal erklärt, wie groß das Schloss tatsächlich war, und dass sich daran einige Nebengebäude anschlossen. Wir gehen rüber zur Polizei, nein halt, zum ehemaligen Polizeigebäude (allerweil ändert sich was in dieser Stadt…) und hören weitere Informationen. Es ist ein sonniger Tag, eine Maus wuselt zwischen dem wilden Wein an der Mauer umher und es riecht nach Kartoffelfabrik. Mei, die Kartoffelfabrik. Dieser Geruch ist typisch für die Stadt. Einmal waren wir mit Schule wandern, und ich erklärte den Klassenkameraden aus Waldsassen und Thumsenreuth stolz: „Des is unsere Kartoffelfabrik, suawos hobts diats niat.“ Darauf die schlagfertige Antwort: „Naa, bei uns wachsen die Kartoffeln am Föld.“ Jaja, die Stoderer.

Massive Historien-Info hinter noch massiveren Mauern.

Massive Historien-Info hinter noch massiveren Mauern.

Der Keller des Schlosses unter der Polizei wurde erst von Max Gleißner wiederentdeckt. Wir gehen durch eine Metalltür eine Betontreppe hinunter in den Keller. Tatsächlich aber handelt es sich nicht um einen Keller, sondern um eine große Halle. Diese besteht aus einem Kreuzgewölbe. Die Halle wurde nachträglich mit einer Mauer geteilt, auch die Betontreppe kam natürlich erst im 20. Jahrhundert dazu. Schade eigentlich, denn der Raum wäre noch beeindruckender, gerade mit den großen Säulen. Der Boden ist gestampfter Lehm, die Wände bestehen, typisch für die Region, aus Granit. Zwei Schienen aus Granit dienten als Fasshalter. Ruß an den Wänden zeugt davon, dass früher mit Kienspänen beleuchtet wurde. Und eigentlich war es auch kein Schlosskeller, sondern war wohl Teil eines daneben liegenden Wirtschaftsgebäudes.

In einem zweiten Raum sehen wir zwei große Tore Richtung Fischhof gehen. Da mussten die Bauern ihre Abgaben an das Kloster einbringen. Eine Aussicht auf den Fischhof aber gab es von dort wohl nicht, auch wenn Illustrationen von Max Gleißner das nahe legen. Denn die Stadtmauer dazwischen war wohl zu hoch, um freie Sicht zu haben.

Auf diesen Schienen lagerten früher Weinfässer. Oder doch Bierfässer? Egal, hauptsache Drunk History!

Auf diesen Schienen lagerten früher Weinfässer. Oder doch Bierfässer? Egal, hauptsache Drunk History!

Hier erfahren wir dann auch, was es mit dem Stich von Matthäus Merian auf sich hat. Das Bild stammt von 1640. Doch, oh Schreck! Bereits 1633 ist das Tirschenreuther Schloss abgebrannt. Ja, wie denn nun, hat Merian getrickst? Irgendwas zusammenfantasiert? Wie originalgetreu ist denn der Stich? Gesichert ist, dass Merian 1630 in Weiden war. Vermutlich machte der Kupferstecher einen Abstecher zu dieser Zeit auch in die Stadt im Stiftland. Steckte die Zeichnung von Tirschenreuth dann in eine Schublade und kramte sie Jahre später wieder hervor. Nur war das Schloss dann halt nicht mehr vorhanden. Eine einfache Erklärung, was würde da heutzutage von Seiten der Lügenpresse-Chemtrailer-Impfgegner-Putinversteher-Aluhut-Verschwörungstheoretiker auf Facebook gepostet werden??? Wie das Schloss exakt ausgesehen hat, ist bis heute allerdings noch nicht vollständig geklärt.

Doch für was war denn ein Schloss in Tirschenreuth nütze? Das Stiftland wurde ja schließlich vom Kloster in Waldsassen aus regiert. Nun, das Kloster war ein Ort der inneren Einkehr. Wenn aber Gäste von Rang und Namen beim Abt zünftig einkehren wollten, dann ging man lieber nach Tirschenreuth. Da kann man halt besser feiern. Und weil das auch sehr gehobene Gäste waren, brauchte man da einen repräsentativen Bau, keine Dorfdisco.

Vom Schloss ist nichts mehr da, außer diese Halle. Der Turm, der nach 1633 noch übrig geblieben war, fiel 1814 dem Stadtbrand zum Opfer.

Die aufsteigenden Schächte könnten der Belüftung gedient haben.

Die aufsteigenden Schächte könnten der Belüftung gedient haben.

Und wer war hier zu Gast? Zum Beispiel Kaiser Karl V., der letzte große Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Weil er auch König von Spanien war (und dessen Kolonien) hieß es, in seinem Reich gehe die Sonne niemals unter. Dieser Herrscher über Lateinamerika, die Gewürzinseln im heutigen Indonesien, Spanien, Belgien und der Niederlande und dem deutschen Reich kam also nach Tirschenreuth. Denn der Mann musste sich nicht nur mit Franzosen, Osmanen und Päpsten herumschlagen, sondern auch mit den Protestanten. Eine (für eine Zeitlang) entscheidende Schlacht schlug Karl in Mühlberg, und gewann damit den Schmalkaldischen Krieg. Kurz davor vereinigte er sein Heer mit dem seines Bruders Ferdinand bei Tirschenreuth. Hier wurden nach einem beeindruckenden Einzug in die Stadt vielleicht auch die siegreichen Pläne geschmiedet. Daraus folgt: Wer gewinnen will, sollte in Tirschenreuth übernachten.

Diese streng logische Folgerung wurde durch den nächsten großen Gast zunichte gemacht. Aber der war schließlich auch Protestant. Die böhmischen Adeligen wollten keine katholischen Habsburger mehr ihr Land regieren lassen und wählten Friedrich V. von der Pfalz zu ihrem neuen König. Auf seiner Reise nach Prag kam er 1619 auch in Tirschenreuth vorbei. Die Tirschenreuther empfingen ihn recht freundlich. Einen Gedenkstein an dieses Ereignis findet sich heute noch in der Brücke neben der evangelischen Kirche. Allerdings war die Überraschung groß und böse, als nach seiner Abreise herauskam, dass er sich einen ordentlichen Batzen Geld aus der Stadtkasse entliehen hatte. So ein Schlawiner. Als Strafe dafür verlor er die Schlacht am Weißen Berg, sein Königtum, sein Land und die Kurwürde. Die kam mitsamt der Pfalz (genau, auch die Oberpfalz) an die bayerische Verwandtschaft. Und der 30-jährige Krieg nahm seinen Anfang.

Die vielleicht wichtigste Person dieses langen und schrecklichen Krieges war der Feldherr Wallenstein. Der machte hier während des Krieges Station. Weil er sehr lärmempfindlich war, mussten die Straßen mit Stroh ausgelegt werden, damit das Pferdegetrappel nicht störte. Welche Erinnerungen er an Tirschenreuth mitnahm, weiß man nicht. Zumindest hat er den Besuch überlebt. Was man ja nicht von allen Städten sagen kann, gell Eger?!

Wir haben mittlerweile den Keller verlassen. Hier rücken bald die Bauarbeiter an, es entsteht eine Uni-Abteilung für Soziale Arbeit. Vielleicht wird dann die uralte Halle wieder für alle nutzbar gemacht?

Ein neuer Rest der alten Stadtteiche.

Ein neuer Rest der alten Stadtteiche.

Nun steigen wir rauf auf den Klettnersturm, dem größten Rest der ehemaligen Stadtbefestigung. Zusammen mit dem beiden Stadtteichen bot diese eine gute Verteidigung gegen kleinere marodierende Haufen, aber nicht gegen die großen Heere des 30-jährigen Krieges. Vor allem im Winter, wenn die Teiche zugefroren waren. Überhaupt, die beiden Stadtteiche. Sie machten Tirschenreuth jahrhundertelang zu einer Insel und waren die größte künstlich geschaffene Wasserfläche des Mittelalters. Immerhin hatten sie ein Zehntel der Fläche des Chiemsees. Heute finden wir ein paar Reste im Fischhofpark und im historischen Wasserdurchlass an der Sägmühlkapelle.

Nun, jetzt bin ich doch schon zieeeeeeeemlich gut informiert worden über die Geschichte dieser Stadt. Sollten die Führungen in Zukunft wieder angeboten werden, es lohnt sich. Man muss dafür nicht einmal nach Köln fahren, um sich einen Merian-Stich zu kaufen, Geschichte gibt’s vor der eigenen Haustür.

P.S.: Zwischen der Führung und der Abfassung des Beitrages liegt doch etwas Zeit, Korrekturen oder Ergänzungen hinsichtlich der Baugeschichte bitte in den Kommentaren anmerken!