Kleinstadt-Gefahren

In Tirschenreuth ist’s gefährlich, das ist mathafackin‘ gengsta land in der bleck näiboahut!

Es war einmal, vor vielen, vielen Jahren, in einer kalten, stürmischen Wintersnacht… Diesen Abend beschließen wir, mal eine uns bis dato unbekannte, in Tirschenreuth aber berühmt-berüchtigte Kneipe aufzusuchen. Den Ockl.

Der Ockl liegt in der Altstadt und ist von außen nicht wirklich als Wirtshaus zu erkennen. Auch hebt er sich kaum von den benachbarten Wohnhäusern ab. Keiner unserer näheren Bekannten hatte sich bislang reingewagt. Einzig mein Fahrlehrer hatte mir mal erzählt, dass er einmal drinnen war, dort würde um zehntausende Euro Poker gespielt, und keiner wüsste, woher die Leute das Geld hätten. Von anderer Quelle hieß es, die „Fertigen“ würden drin sitzen… Hmmm, die Fertigen an diesem Tag, das waren wir!

Alles in allem also eine nette kleine Mutprobe für den beginnenden Samstagabend.

Wir treten ein und sehen in dem von vergilbten Lampen gelblich beleuchteten Raum ein paar Tische. Nur einer ist besetzt. Kolosse von Männern nicht definierbaren Alters spielen dort Schafkopf (oder Poker???) und hauen die Karten mit einer Wucht auf den Tisch, dass die Gläser im Schrank über der Bar klirren. Die extrem massigen Arme enden in riesigen Händen, oder eher Fäusten. Wo die hinlangen, wächst nichts mehr. Unsere Nackenhaare beginnen sich zu sträuben. Bereits als wir die Türe öffnen, unterbrechen sie Spiel und Gespräch. Besser gesagt, das Gespräch erstirbt.

Unser Mut rutscht in die Hose, als uns ihre Augen mit missbillig-zornigem Blick mustern. Wir sind Fremde. Eindringlinge in ihrer Stammkneipe. „Der Oberpfälzer mag aus Prinzip keine anderen Menschen, denn der andere könnte immer etwas sein, was man selbst nicht mag.“ (© J.F.) Vegetarier zum Beispiel. Protestanten. Oder, Gott behüte, Preußen. Mit schlotternden Knien setzen wir uns an den Tisch gleich neben der Tür. Langsam beginnt am Stammtisch wieder das Gespräch, aber äußerst gedämpft. Vielleicht sprechen sie darüber, wo sie die Kadaver der Fremden vergraben könnten?

Das Wirtshaus ist im Stil der bayerischen 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts eingerichtet. Furnierte Tische mit dünnen Tischdecken, Holzstühle mit Herzen oder Stäben in der Lehne (soweit ich mich schemenhaft erinnern kann). Die Decke können wir nicht wahrnehmen, nicht weil sie irgendwie hoch liegt, sondern weil entweder das Licht der Lampen zu schummrig ist oder sie vom Zigarettenrauch zum Schwarzen Loch gefärbt wurde.

Der Wirt, ebenfalls sehr stämmig, kommt an unseren Tisch. Auch sein Blick ist kritisch. Vorsichtig formuliert. Unserem flauen Magengefühl ist es nicht zuträglich, dass der Wirt ein blaues Auge hat. Um den Verdacht auf Preußentum zu entkräften, bestellen wir mit der geringst möglichen Mimik (der Oberpfälzer mag keine Menschen, die viel gestikulieren oder positive Emotionen in ihrem Gesicht zeigen) in breitestem oberpfälzisch Bier. A Bäia. Ara Bäia („Auch ein Bier“) (Lieber Freund, denke ich mir, nicht zu viele Worte machen! Der Oberpfälzer mag keine Menschen, die viel reden!). A Bäia. Kurz bevor ich das erste Mal erleichtert durchschnaufen kann, höre ich die Bestellung unseres vierten Mannes: A Wasser.

Die schlagartig eintretende Stille durchtrennt die Luft wie ein Fallbeil. Die Kartenspieler frieren in der Bewegung ein, lediglich ihr Kinn fällt entgeistert nach unten. Die Iris des Wirts fokussiert jeden einzelnen von uns, höchstwahrscheinlich um geeignete Ziele für den Erstschlag festzulegen. Und der würde die nukleare Sprengkraft einer 50 Megatonnen Bombe haben.

Wir sind keine Eindringlinge mehr, wir sind Beute. Ich überlege, was die Kartenspieler von Beruf sein könnten. Betonplattenträger? Ausbeiner? Sowjetische Hammerwerferinnen?

Mein Blick wandert von ihren gewaltigen Fäusten zum blauen Auge des Wirts und davon zu unseren zerbrechlichen Körpern. In Zeitlupe dreht sich der Stammtisch zu uns um.

„Seit wann trinkt‘ma im Wirthaus a Wasser?“

Die Frage dröhnt in unsere Ohren, die vor Adrenalin rauschen. Unser Mut rutscht die Hose runter, läuft unter dem Tisch durch und flitzt aus der Tür. Von draußen ruft er uns noch zu: „Machts gut, ihr Idioten.“

Ich schlage meinen Schädel imaginär an die Tischkante, dafür dass ich so dumm war, mich in die hintere Ecke zu setzen. Um möglichst schnell bei der Tür zu sein, müsste ich über den Tisch springen, würde dabei aber wohl gegen die tiefhängende Lampe knallen.

Die Frage hängt immer noch im Raum, über uns drohend wie ein Damoklesprügel. „Ich – bin – Fahrer“, stammelt unser vierter Mann.

„Grod nu… owa grod nu.“ („Gerade noch… aber gerade noch“.)

Wir holen ganz leise Luft. DEFCON 1 wird auf DEFCON 2 heruntergesetzt. Die Todesgefahr durch Gefahr ersetzt. Der Wirt bleibt noch kurz stehen und geht dann Richtung Bar, vielleicht ist er zufrieden, unser Blut nicht wegwischen und unsere Kadaver nicht in der Kühltruhe zwischenlagern zu müssen.

In wenigen Zügen trinken wir das ganz passabel schmeckende Bier. Auch das Wasser, Quelle von Unbill und Grimm ist in Rekordzeit weg. Wir bezahlen und geben Trinkgeld (nur keine weitere Vorlage liefern!), ziehen uns recht zügig an, stürzen auf die Straße und gehen stracks um die Ecke. Dort brechen wir in wildes Geschnatter aus, um unser Adrenalin abzubauen und sammeln unseren Mut wieder ein, der dort brav auf uns gewartet hatte. Der eigene Mut kann schon ein hinterhältiges Kameradenschwein sein.

Ein paar Meter weiter liegt unsere Stammkneipe, das Blue Note, dort bestellen wir gleich noch ein Bier und einen Schnaps. Unser vierter Mann bleibt beim Wasser. Walter, der dortige Wirt, meint: „Wieso?“

„Ich bin Fahrer.“

Walter: „Auweh“.

Darin liegt wohl der Unterschied zwischen einer Stammkneipe und einer Fremdkneipe: Bedauern statt Bedrohung. Zufrieden beschließen wir mit vielen restituierenden Getränken und Wassern den Abend, schließlich haben wir nun eine Geschichte, die wir noch unseren Enkeln erzählen können.

Aber seien wir mal ehrlich: Wer mag schon fremde Menschen in seiner Stammkneipe?

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