Grenzgänger

Die Aussicht von oben ist wirklich schön, zu sehen Tirschenreuth und ähm, diverse Berge dahinter

Die Aussicht von oben ist wirklich schön, zu sehen Tirschenreuth und ähm, diverse Berge dahinter

Das Wandern ist der Väter Lust. Und auch derer, die noch keine Kinder haben. Sondern nur männlich sind und gerne Bier trinken und die Natur unter ihren Stiefeln bezwingen wollen. Also Männer halt.

Die Natur, die besiegt werden soll, befindet sich an der äußersten Südostecke des Landkreises Tirschenreuth, hart an der tschechischen Grenze. Früher trainierte da die deutsche Olympia-Langlaufmannschaft. Heute? Hmmm, sagen wir mal, verschlafen ist ein zu aufgeweckter Ausdruck.

 

Wir fahren durch das Örtchen Altglashütte. Nein, das ist kein überdimensionaler Recyclinghof. Nur extrem abgeschieden. Wer wohnt denn da??? Tatsächlich stehen hier aber auch modernere Häuser, die Zeit scheint nicht (nur) zwischen den 1960er und 1970ern stehen geblieben zu sein.

Während wir auf die anderen Mitwanderer warten, öffnen wir das erste Bier und üben uns in Mobilkommunikation. Das Internet geht praktisch kaum, zumindest mit O2. Congstar scheint die bessere Anbindung zu haben.

 

Die Kollegen kommen an, auf geht’s. Im wahrsten Sinne des Wortes, parallel zum Skilift wandern wir den Berg hinauf. Noch steht unser Sinn frohgemut, v.a. als wir oben den tollen Ausblick auf das Stiftland genießen dürfen.

Die Quelle

Vom Bunker zur Kapelle.

Vom Bunker zur Kapelle.

Danach geht’s raus aus der prallen Sonne und rein in den kühlen Wald. Nicht lange, und wir haben nur wenige Zentimeter vor der Grenze die Waldnaabquelle erreicht. Doch oh Schreck! Die Quelle des Oberpfälzer Nationalflusses ist besetzt!!! Nicht von Tschechen, sondern von einem Bataillon fränkischer Bicyclisten. Die fallen aus allen Wolken: „Mia gommen um Zoigl zu drrringn, und dann drringd der a Bier vo uns.“ Tatsächlich hat einer aus unserer Gruppe ein Mönchshof in der Hand. Das ist Globalisierung!

Aus der Quelle trinken wir nicht, weil, also, hm, so viel Wasser sprudelt da fei nicht. Also eigentlich gar keins. Hoffentlich bleibt dann die Oberpfälzer Schifffahrt nicht auf dem Trockenen liegen?! Aber nein, zwei Meter weiter fließt schon ein anderes Rinnsal in das „Fluss“bett und sorgt für gluckernde Geräusche.

 

Moderne Heiligenfiguren werden hoffentlich seltener geklaut

Moderne Heiligenfiguren werden hoffentlich seltener geklaut

Jetzt geht’s wieder bergauf, an der Grenze entlang. Wir biegen kurz nach rechts ab, dort oben steht eine alte Kapelle. Umfunktioniert aus einem Bunker, der 1938 errichtet wurde. Die Kapelle gibt’s erst seit wenigen Jahren, ein moderner St. Hubertus steht drinnen, in der Ecke ein kleines Kruzifix. Schwerter zu Pflugscharen? Bunker zu Kapellen!

Grenzüberschreitende Entscheidung

Noch ein Stück weiter und wir stehen an einem Weg, der im Winter eine Langlaufloipe ist. Hier treffen wir die Schicksalsentscheidung: Wir schlagen den Weg über die Grenze ein! Dadadaaaaaaaa! Goldbach ist das Ziel. Wir glauben, es ist ein kleiner Ort. Von wegen…

Diese Masten transportierten einst Strom zu einer der tödlichsten Grenzen des Eisernen Vorhangs

Diese Masten transportierten einst Strom zu einer der tödlichsten Grenzen des Eisernen Vorhangs

Eine alte Panzerstraße runter, in Serpentinen, vorbei an neuen Wanderkarten und alten Strommasten.

Endlich erreichen wir Goldbach. Wir sind erst einmal überrascht. Goldbach ist kein Ort. Goldbach ist anscheinend nur eine kleine Hütte im Wald. Mitten im Wald. In dem es nur unter größten Verrenkungen und nur für wenige Sekundenbruchteile alle sieben Stunden Handyempfang gibt. Hinter der Hütte entdecken wir noch ein größeres Gebäude aus dunklem Holz. Zwei Kumpels machen sich auf den Weg dorthin. Ob sie wiederkommen? Oder werden ihnen Hillbillies eine Falle stellen und ihnen die Organe entnehmen?

Trotz mulmigen Gefühls genieße ich die schöne Landschaft. Und da, die Kumpels kommen wieder. Zum Glück, sie leben. Und haben Bier dabei. Ein nettes Schildchen hat ihnen Bier angeboten für wenig Geld. Wie wir Stunden später feststellen, kamen wir nämlich eine halbe Stunde zu spät. Der Laden ist zu, aber wer Durst hat, kann sich trotzdem noch was kaufen.

Mei, eine so eine schöne Landschaft aber auch

Mei, eine so eine schöne Landschaft aber auch

Nach einer halben Stunde erreichen wir jemanden per Handy, die Abholer machen sich auf den Weg. Ich erkunde auf der Suche nach größeren Straßen das Gelände und entdecke ein Marterl mit deutscher Aufschrift am Sockel und abgeschlagenem Kreuz. So etwas war anscheinend während der kommunistischen Diktatur gang und gäbe, auch im Ort Broumov hinter dem Grenzübergang Mähring finden wir ein abgeschlagenes Kreuz. Wird jemand das einmal wieder herrichten?

Auch an die "durstigen" Freunde wird gedacht

Auch an die „durstigen“ Freunde wird gedacht

Ich gehe weiter und entdecke ein verfallenes Gebäude. Könnten früher Scheunen oder Garagen gewesen sein. Angeblich war Goldbach früher ein Bergarbeiterörtchen, vielleicht wurden hier Geräte untergestellt. Oder es waren ganz kleine Zimmerchen der Arbeiter. Interessant, aber besonders einladend wirken solche verfallenen Ruinen mitten im Wald auch nicht.

Besuch aus Deutschland

Leider mutwillig zerstört

Leider mutwillig zerstört

Eine Mercedes E-Klasse und ein 3er Golf, beide mit Kennzeichen AZ (aus Deutschland) halten neben uns. Im Benz sitzen ein älterer Herr und seine ebenso alte Frau, im Golf sitzt eine junge Familie mit zwei Kindern im Kindersitz auf der Rückbank. Wo es denn hier über die Grenze ginge, fragt der alte Mann aus dem Mercedes. „Aber keinen offiziellen Übergang, das will ich nicht nochmal riskieren.“ Wir heben unsere Augenbrauen. Was wollen die denn schmuggeln? Zugegeben, die Tarnung ist ziemlich gut. Die Grenzer würden wohl höchstens auf Schwarzgeld tippen. Aber vielleicht auch Crystal? Wer weiß, wer weiß. Vielleicht auch ganz einfach Zigarettenstangen oder Benzin. Oder das hat alles keine negative Bedeutung. Wir nennen ihnen die Panzerstraße, von der wir gekommen sind. Schieben aber gleich hinterher, dass es Schwierigkeiten für die Autos geben könnte, durch diesen Weg zu kommen. Dem Mercedes-Mann scheint das nichts auszumachen. Sie danken und brausen auf der Panzerstraße aus dem Bild und aus unserer Geschichte.

Was das wohl mitten im Wald gewesen ist?

Was das wohl mitten im Wald gewesen ist?

Da unsere Abholer immer noch nicht da sind, und wir immer noch keine Kommunikationsmöglichkeiten aufbauen können, sehen wir uns weiter in der Gegend um. Um uns herum nur Waldwege. Wir basteln einen Pfeil aus Holzstämmen, der in die Richtung Silberhütte weist. Das soll den irgendwann eventuell ankommenden Rettern den Weg weisen, wo sie unsere von Wildschweinen zerfressenen Leichen finden können, sollten wir es nicht rechtzeitig über die deutsche Grenze schaffen. Unsere Weghalben sind nämlich schon komplett aufgebraucht, wir haben nur noch ein paar Äpfel und eine Semmel. Und Schokolade. Aber wie lange werden diese Nahrungsmittel ohne bayerisches Grundnahrungsmittel No. 1 uns am Leben erhalten können?? Warum sind wir nicht in Bayern geblieben? Vermutlich wegen der Hoffnung auf tschechisches Bier.

Besonders einladend wirken die Ruinen nicht

Besonders einladend wirken die Ruinen nicht

Doch endlich, endlich, endlich, bekommen wir Kommunikation. Die Abholer sind in einem Ort in Tschechien, mehr als zehn Kilometer entfernt. Also gehen wir ihnen entgegen. Über diverse Waldwege und Kreuzungen, wo man mit viel Glück entziffern kann wo es hingeht, marschieren wir durch das Dickicht. Auf einmal hören wir Autos, unglaublicherweise: Man hat uns gefunden. Eine reife Leistung, durch tausend Abzweigungen und Finsternisse entdeckt zu werden. Der Rückweg dauert ewig, die Straßenverhältnisse drüben sind eben nicht überall, so wie hüben. Da sind 30 km/h auf einer „geteerten“ Straße schon viel.

 

Die Wanderstrecke war eigentlich recht schön, aber man sollte immer auch den Rückweg mit einkalkulieren. Unbedingt an den Rückweg denken!!! Lieber einmal zurückmarschieren, als im ungewissen Dunkel tschechischer Wälder verloren gehen.

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2 Kommentare

  1. Die ganze Geschich
    te passt zu den früheren Berichten-seit ihr wirklich ahnungslos-oder glaubt ihr,dass hier der A…. der Welt ist???wir wandern seit Jahren dies-und jenseits de Grenze und haben keine so blödsinnigen Sachen erlebt.

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