Im Heisl

Das Heisl ist eine urbayerische Institution. Während die Honoratioren des Dorfes am Stammtisch im Wirtshaus bei Schafkopf und Bier die Welt erklären, feiert die Jugend im Heisl bei Musik und Bier ihre eigene Welt.

Da das Licht nicht optimal war für Handyaufnahmen (es war Neumond), habe ich mich aufs Wesentliche konzentriert.

Da das Licht nicht optimal war für Handyaufnahmen (es war Neumond), habe ich mich aufs Wesentliche konzentriert.

Meist sind die Heisl alte Bauwagen, die am Ortsrand stehen. Schön eingewachsen, in der Nähe einer Scheune. Denn da lagert der Maibaum, den die Dorfjugend bewachsen muss. Die Jungs aus dem Nachbardorf wollen diesen nämlich klauen. Doch am Abend des 30. April wird der Maibaum aufgerichtet und die letzte Nacht der Wache bricht an. Es könnte ja Leute geben, die die Spitze des Baumes absägen. Und um Wache zu halten, oder im Rest des Jahres Party zu machen, braucht man ein Heisl. Während die Stoderer ihre Kneipen oder ihre Discos haben, in größeren Städten gar Clubs, sitzt man hier auf ganz wenigen Quadratmetern zusammen, jeder kennt jeden, sowieso.

Da ich ebenfalls ein Stoderer bin, hatte ich bisher mit Heisln recht wenig zu tun. An diesem Abend aber sollte ich ein ganz besonderes Exemplar kennen lernen.

Wir essen bei einem Freund zu Abend und trinken dazu Frankenwein, was denn sonst, vom Hofkeller und vom Weingut Hirn. So, dann geht’s auf! Noch ein Scherdel Lager als Weghalbe mitgenommen und Richtung Tirschenreuther Marktplatz. Da steht schon der Maibaum und ein Zelt. Darin allerdings nur wenige junge Leute, es überwiegt der Trachtenverein. „Entertainer Happy Boy“, der allerdings die 40 schon hinter sich gelassen haben könnte, macht Musik. Vor dem Zelt ist auch nicht mehr viel los.

Also gehen wir in die Altstadtkneipe, dort gibt’s ein Bier und wir probieren die besonderen zumeist schottischen Single Malts, von denen der Wirt alle paar Wochen einen neuen präsentiert. Je nun, es ist halb zwölf und eigentlich ist der Abend hier zu Ende.

Dann kommt der Freund drauf, man könnte ja noch in ein nahe gelegenes Dorf namens Großklenau schauen. Da gäbe es auch ein kleines Fest zum Maibaum. Gut, schauen wir dahin. Am Weg hin kommen wir wieder über den Marktplatz, da ist jetzt noch weniger los.

Wir müssen über einen Feldweg, da stehen naturgemäß keine Straßenlaternen. Zum Glück ist Neumond, das heißt wir sehen so gut wie nix. Top! Da lernt man mal so eine Natur kennen. Bei Licht kann ja ein jeder spazieren gehen.

Endlich sind wir in Klenau angekommen. Der Maibaum steht noch, ein Lagerfeuer brennt. Da rückt die Dorfgemeinschaft zusammen, ist schließlich etwas frisch draußen.

Daneben gibt es ein Essenszelt und ein kleineres Festzelt, darin Bekannte und Unbekannte. Sogar ein Klohäusel ist vorhanden, weitaus kultiger als ein Dixie-Klo. Darin rauscht es ständig, wer ist denn da allerweil auf dem Locus?? In Tschechien nennt man so ein Gebilde ja Haisl. Das hat aber mit dem Heisl in unserer Geschichte wenig zu tun. Allerdings ist das Zelt ähnlich voll wie in Tirschenreuth, also fast leer. Ein Jugendlicher erklärt uns, wie das abläuft. Wir müssen vier Euro spenden, und haben dann frei Essen und Trinken. Donnerwetter, das ist ein Preis! Er will uns unbedingt den Leberkäse aufdrücken, aber wir haben ja schon ausnehmend zu Abend gegessen. Kümmern wir uns lieber um das Bier. Da sind nämlich etliche Kästen vorhanden. Hauptsächlich Mönchshof Lager und Scherdel Lager. Mei, die Biere der Jugend. Wenn man denkt, wie oft man mit diesen Flaschen auf irgendwelchen Geburtstagsfeiern war, wie oft man an Teichen, auf Wanderungen, an Lagerfeuern diese Flaschen leerte. Der Geschmack der Jugend sozusagen. Ui, und wie es einem danach ging, schauder… Dass man mich nicht falsch versteht, das sind keine schlechten Biere, aber unter meine 50 Favoriten würde ich sie nicht wählen. Die beiden Sorten haben eher einen nostalgischen Wert. Freilich trinke ich da was, greife aber später auch mal zu Radler und Spezi.

Je nun, da nicht so viel los ist, wollen wir wieder gehen. Eine Bekannte erwähnt allerdings, dass hinten „im Heisl“ noch was los sei. Ahja, Heisl hört sich interessant an, aber eher nach Bauwagen und Platz für drei Leute, wie viel kann da schon los sein, wenn im Festzelt kaum noch jemand ist? Rund 40-50 Leute, meint unsere Quelle. Öha. Öha. Ja da… sollten wir mal hinschauen.

Wir bekommen einen ortskundigen Jungen an die Seite gestellt, der uns einen leicht matschigen Feldweg entlang führt. Es ist ja immer noch Neumond. Und auf einer Seite des Weges ist ein Teich. Dass da ja keiner reinfällt! Nach vielleicht 150 Metern geht es nach links in einen Garten, wir hören schon von draußen Musik. Vor diesem Heisl steht noch ein Maibaum, anscheinend der Ersatzmaibaum, oder der eigene Maibaum der Dorfjugend.

Das Heisl wirkt von außen wie diese Hütehäuser, die in den Dörfern landauf landab in den vergangenen Jahren überall restauriert wurden. Also kein Bauwagen. Durch kleine Fenster schauen wir nach drinnen, da sitzen Menschen im Warmen beim Bier um einen Tisch. Ein Bild, das eine un-glaub-lich-e Gemütlichkeit ausstrahlt. Leider kann ich das mit meinem Handy nicht fotografieren, da bräuchte man wohl eine Spezialkamera der Nasa, dem Neumond sei Dank!

Wir treten ein. Vor uns steht ein Ofen mit Speckstein und Glasfront, der könnte ordentlich heizen. Rechterhand die Bar, mitstamt Discokugel und DJ. Linkerhand ein Stammtisch, noch etwas weiter links ein Terrarium. Darin sind Mäuse, mongolische Rennmäuse, wie wir erfahren. Die wurden erst vor kurzem „aus der Tschechei“ besorgt. Angeblich drei Weibchen, aber wer weiß ob das stimmt, wird sich wohl in der nächsten Zeit zeigen.

Und wer ist da? Nur die Leute vom Dorf? Von wegen! Lauter junge Menschen aus Tirschenreuth, daher wars also am Marktplatz so leer. Ich treffe eine ehemalige Klassenkameradin und einen Jungen aus meiner Straße. Also sowas. Die Gespräche reichen vom Neuigkeitenaustausch mit der Kameradin (man hat sich schließlich jahrelang nicht gesehen) bis zur Debatte über die Milchpreise mit einem Jungbauern. Die Musik ist formidabel, sie reicht von Electro bis hin zu ACDC, dass Menschen jünger als 20 sowas hören, sehr fein. Die Boxen stammen aus dem Kino, ordentlich, für den kleinen Raum mehr als ausreichend. Das Heisl wurde vor einigen Jahren erweitert und ist, hm, schätzen wir mal 30 qm groß.

Doch jetzt müssen wir eine Suchaktion starten, eine Besucherin ging verloren, ausgerechnet ein Gast aus den neuen Bundesländern. Ob die sich im wilden Bayern zurecht findet? Der Teich ist nah und der Biere waren viele… Wir suchen und suchen und suchen, im Zelt ist sie nicht, daheim ist sie nicht, im Klohäuschen ist sie nicht, und auch nicht am Lagerfeuer. Da haben einige Leute nun so kleine Hüttchen herumgestellt, wie geschrumpfte Bushäuschen. Sitzt die Dame aber auch nüscht drin. Endlich finden wir sie, im Pullover auf einem Feldweg zwischen Fichtenreihe und Teich sitzen. Also sowas. Ab ins Bett!

Auf den Schrecken genehmige ich mir ein Wienerl, das sich allerdings als Käsekrainer entpuppt. Und zwar das letzte im Topf. Leberkäs ist noch da, aber den pack ich jetzt nicht mehr. Ein Herr, etwas älter als ich, ist schon gut beieinander und schäkert mit einer Madame. Auf einmal verliert er doch glatt das Gleichgewicht und kippt über den Tisch. Da steht nur leider der Topf mit dem Würschtlwasser drauf, welches mir natürlich prompt über die Hose schwappt. Na toll.

Zum Glück ist nicht mehr allzuviel los, so dass das Verabschieden leicht fällt.

Die Leute werden noch da bleiben und Wache halten, „bis der Milchwagen da ist“. Dann ist die Gefahr des Maibaumklaus gebannt und das Symbol der Dorfehre gesichert.

Wir laufen heim, immer noch bei Neumond, wieder über einen Feldweg, der diesmal zur Krönung mit einer Baugrube verziert ist. Schön, noch etwas jump ohne run zum Abschluss des Abends. Aber wir gelangen sicher nach Hause. Am nächsten Tag ist Sonntag. Versteht sich von selbst, dass wir in der Kirche lieber in eine extra Reihe gehen, die übrigen Leute müssen die Heisl-Feier in den Mai olfaktorisch nicht unbedingt mitbekommen.

Nun, das Heisl ist also eine Dorfinstitution. Auch in Klenau. Und jetzt kommt der Hammer: Es wurde abgerissen. Kurz nach unserem Besuch. Doch jetzt folgt kein Lamento, dass die ganze Dorftradition den Bach runtergeht, kein ach so nostalgischer Rückblick. Der Abriss erfolgte, um Platz für ein neues zu schaffen. Denn das neue Heisl soll ein Fundament bekommen. Fester gebaute Tradition also.