Junggesellinnenabschied in Regensburg

Regensburg ist stets für einen Tagesausflug zu haben. Für den architektonisch wie kulturell wie kulinarisch interessierten Besucher gibt’s immer was zu sehen, zu trinken und zu schmecken. Machen wir uns diesmal mit einem Junggesellinnenabschied auf den Weg: Wir klappern auf diversen Stationen die Lieblingsorte der Braut in dieser Stadt ab. Ein letzter Gruß an all die wunderschönen Jahre des Studiums und der ersten Jahre in der Arbeit. Mal Single, mal in Beziehungen, immer mit dabei: Eine große Zahl an Freunden. Und weil dazu auch Männer gehören, ist dieser Junggesellinnenabschied gemischtgeschlechtlich. Das heißt: Neben pinkem Sekt gibts auch güldenes Püls.

Im Mittelalter nahm man bereits die Funktionsbauweise der 50er vorweg, als auch auf das schiefe Design eines Frank Gehry

Im Mittelalter nahm man bereits die Funktionsbauweise der 50er vorweg, genauso wie das schiefe Design eines Frank Gehry

Wir beginnen mit einem Frühstück, nein, korrekterweise mit einem Brunch. So machen Mann und Frau von Welt das heutzutage. Den Brunch nehmen wir im Café Lila ein. Ein Tisch ist reserviert, ok wir sind recht viele Leute, aber ist sowas nötig? Tatsächlich, der Laden ist bis auf den letzten Platz voll. Anscheinend gibt es mehrere Leute, die an einem Samstag frühstücken gehen. Man lernt nie aus. Die Junggesellinnenverabschieder bestellen von Rührei über Weißwürste und fränkischem (mit Bratwürsten) bis hin zum griechischen Frühstück die unterschiedlichsten Sachen. So gut beladen der Teller mit dem griechischen Frühstück ist, hätte ich das auch nehmen sollen. Gefüllte Weinblätter, ordentlich Brot, Fetakäse und Oliven und und und… Stattdessen greife ich zum Frühstück Liechtenstein für 6,50 Euro, da sind Joghurt mit Obst und Nüssen, Butter, Honig, Brie und Brot dabei. Die Früchte sind sehr übersichtlich und die Nüsse liegen zu Staub gehäckselt auf dem Joghurt.

Johann Michael Sailer passt auf die Junggesellen und -gesellinnen auf.

Johann Michael Sailer passt auf die Junggesellen und -gesellinnen auf.

Ich trinke zunächst eine eher dünne Grapefruitschorle für 3,70 Euro und danach einen Eistee Lila für 4,20 Euro. Da sind schwarzer Tee (man darf gegenüber den Kaffeetrinkern nicht ins Hintertreffen geraten), Pfirsichsaft, Zitronensaft, Johannisbeersaft und Minze drin. Schmeckt, hm, ungewöhnlich. Wir sitzen und reden, in gespannter Erwartung, was das Junggessellinnenabschiedskommitee (die lange Nacht der doppelten Konsonanten) so ausbaldowert hat. Jeder bekommt einen Button, den wir uns anheften. „Trauzeugin“ oder „Freund der Braut“ steht da drauf. Ansonsten verzichten wir auf rosa Tütüs oder weißen Schleier um den Kopf. Zu Recht!

An die Arbeit

Die Tour beginnt. Am Denkmal von Johann Michael Sailer, einem sehr weltoffenen Theologen und Bischof dieser Stadt, muss die baldige Braut Liegestützen machen. Wenn sie in allen Spielen eine gewisse Gesamtpunktzahl erreicht, bekommt sie noch ein Geschenk. Sonst gibt’s nix! Sie und ihr Team schaffen es, mehr Liegestützen zu machen als das gegnerische, die ersten Punkte sind gesichert.

Der uralte Eingang zur Basilika.

Der uralte Eingang zur Basilika.

Jetzt wird’s andächtig, wir gehen in die Basilika St. Emmeram. Dort können wir für das Brautpaar eine Kerze anzünden. Eine schöne Idee! Immerhin ist ja auch die Ehe nicht allerweil High-Life, etwas Unterstützung von oben kann da unter die Arme greifen.

Die Kirche und das Kloster haben eine laaaaaaaange Geschichte. Der Vorgängerbau wurde über einem frühchristlichen Friedhof errichtet, noch im Gebiet der römischen Siedlung. Seit dem 7. Jahrhundert liegt hier der Heilige Emmeram begraben. In späteren Jahrhunderten forschten die Benediktiner in den Naturwissenschaften und machten der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München Konkurrenz. Wie alt die Anlage ist, merkt man an den alten Malereien im Vorbau und daran, dass man ein paar Treppenstufen nach unten gehen muss, um in die Kirche zu gelangen. Normalerweise liegen Kirchenbauten ja etwas erhöht, doch über die mehr als tausend Jahre wurde das Regensburger Bodenniveau drumrum immer höher. Es riecht nach Staub, nach leicht feuchtem Stein, etwas nach Weihrauch, so wie uralte Kirchen eben riechen, man meint fast, die lineare Zeit zu durchbrechen, und sich in einem überzeitlichen Raum zu befinden.

Wer in St. Emmeram wohl auf diesem Stuhl schon gesessen ist?

Wer in St. Emmeram wohl auf diesem Stuhl schon gesessen ist? Sowas stellt den Bezug durch die Jahrhunderte her.

Wir verlassen die Kirche und trinken etwas in einer Kaffeebar, die passenderweise Café Bar heißt. Finde ich sehr gut sowas, da kennt man sich gleich aus. Die meisten greifen zu Espresso, ich zum Marocchino. Der besteht aus Schokolade, Milchschau, Espresso und Kakaopulver. Für die kalten Außentemperaturen genau die richtige Stärkung an Fett und Koffein!

Nach kurzer Zeit komme ich an einer weiteren Labung vorbei. Am Bismarckplatz ist ein Wochenmarkt, gerne würde ich mir Bauernbrot und Käse vom Hof kaufen, aber das ist jetzt unpraktisch. Sehr praktisch dagegen eine richtig gute fränkische Bratwurstsemmel. Während ich die Bratwurst mampfe, zieht eine Demonstration vorbei. Vorneweg skandieren junge Frauen gegen den Sexismus, dahinter etwas ältere Männer gegen die Kurdenpolitik der Türkei. Dazu passt die nächste Aufgabe unserer Noch-Junggesellin, sie muss eines der bedeutendsten Lieder der deutschen Neo-Romantik vortragen, „das rote Pferd“ von Markus Becker. Selbstverständlich mit der richtigen Choreographie. Sie und ihr Team schaffen das mit Bravour, Franz Schubert hätte vor Freude geweint.

Stilsicher geht es nun weiter, die Braut muss sich nun im Geschäft einer großen dänischen Bekleidungsfirma in zehn Minuten ein Outfit zusammenstellen, mit dem sie ohne Probleme am Türsteher vorbeikommt. Das jetzige Team bringt es diesmal zu einer zufriedenstellenden Punktzahl. Auf dem Weg durch die Stadt sprechen wir über die Geschichte der Stadt. Regensburg war nämlich keine monolithische Stadt, sondern genauer gesagt drei bis vier Herren hörig. Da hatten wir einmal die Stadt des Bischofs. Dann den Besitz des Obermünsters. Und die Freie Reichsstadt, die in der Reformation protestantisch wurde, weshalb man in diesem Teil auch kaum Kirchtürme findet. Über dem Fluss finden wir dann noch Stadtamhof, das dem Bayernherzog gehörte. Ein ziemliches Wirrwarr was die Herrschaft angeht. An der nächsten Station ist ein Schätzspiel. Seit wann tagte der immerwährende Reichstag in der Stadt? Wie lange ist die steinerne Brücke? Wie hoch ist der Prozentsatz der Protestanten? Wie viele Touristen kommen im Jahr? Knapp gewinnt wieder das Team der Braut.

Mei, der Barock kann halt was.

Mei, der Barock kann halt was.

Wir ziehen weiter zur steinernen Brücke. Dort muss die Braut ein seriöses und ein lustiges Bild arrangieren. Das lustige wurde dann schwieriger als gedacht.

Wir kommen nun (aus männlicher Sicht) zum Höhepunkt: Ein Trinkspiel! Mit sportlicher Betätigung auf einer Wiese in Stadtamhof. Nämlich Flunkyball. Bis heute ist nicht geklärt, wie man das richtig ausspricht (englisch oder deutsch).

Die Stadtmaus am Haidplatzstammt nicht aus dem Mittelalter, sondern ist eine Kopie eines Gags des Dombaumeisters aus den 50ern. Die Braut muss das Tier streicheln. Laut urbaner Legende kehrt man dann wieder nach Regensburg zurück.

Die Stadtmaus am Haidplatz stammt nicht aus dem Mittelalter, sondern ist eine Kopie eines Gags des Dombaumeisters aus den 50ern. Die Braut muss das Tier streicheln. Laut urbaner Legende kehrt man dann wieder nach Regensburg zurück.

In einer leicht aufgeweichten Wiese stehen wir uns in zwei Teams gegenüber. Eine Glasflasche steht in die Mitte. Die muss mit einem Ball umgeworfen werden. Jeder Mann/Frau hat eine volle Flasche vor sich stehen. Sobald ein Mitspieler die Flasche in der Mitte getroffen und umgeworfen hat, darf das Team aus den vollen Flaschen trinken, bis die Mitglieder des gegnerischen Teams die Flasche in der Mitte wieder aufgestellt haben und zurück auf ihren Plätzen sind. Mei, was soll ich sagen? Das Trinken war nicht das Problem, aber das Treffen der Flasche. Zum Glück haben wir Männer Pils, die Damen müssen mit Schöfferhofer Grapefruit vorliebnehmen, und danach noch Hugo und Prosecco aus der Dose trinken. Solch schreckliche Dinge sollte man mal am Weltfrauentag vorbringen. Wenn das die Damen der Demo gewusst hätten… Diesmal verliert das Team der Braut und hat einen bedrohlichen Punkterückstand.

In Stadtamhof, mit schönem Blick auf die Stadt und die steinerne Brücke, kehren wir in die Mea Café Bar ein. Ich bestelle mir einen Bergtee mit Salbei und Honig. Der Kellner holt aus einer Box sehr lange, aber auch sehr trockene Salbeistängel heraus und gibt sie mit Honig in ein Glas mit heißem Wasser. Das schmeckt schon recht gut, ist aber aufgrund der Temperatur nur mit dem Löffel und viel Pusten trinkbar. Weil die anderen weiterziehen wollen, schüttet es der Ober freundlicherweise in einen To-Go Becher um. Das ist zwar praktisch, aber nicht gut für die Umwelt. Und für den Geschmack offensichtlich auch nicht, das Getränk schmeckt nun seltsamerweise nach altem Schweinebraten.

Stadtamhof wird bei Regensburg-Besuchen oftmals beiseite gelassen. Zu Unrecht.

Stadtamhof wird bei Regensburg-Besuchen oftmals beiseite gelassen. Zu Unrecht.

Vor dem Dom hat die Braut nun noch eine letzte Chance, auf die gewünschte Punktzahl zu kommen, sie Begriffe aus dem Bereich „Hochzeit“ (endlich was zum Thema!) mit Tabu erklären. Geschafft, die geforderte Punktzahl wird sogar noch übertroffen.

Nach einer Ruhepause im Hotel treffen wir uns im Papageno. Das ist ein Italiener, der sowohl vom Ambiente als auch von der Qualität des Essens ordentlich Leute anlockt. Wir sind nicht der einzige Junggesellinnenabschied im Laden, aber wohl der stilsicherste. Bei den anderen herrschen doch rosa Schleier vor. Zum Glück kommt niemand her und will Klopfer oder Kondome verkaufen. Aber was erdreiste ich mich zu werten, die haben sicherlich auch ihren Spaß.

Zu der äußerst guten Pizza mit Ruccola und Olivenöl trinke ich ein so lala alkoholfreies Bier des Herrenbräu aus Ingolstadt. Diese Brauerei findet man seit einiger Zeit öfters in Regensburg. Spital, Kneitinger und Bischofshof sollten auf ihr Revier aufpassen. Außerdem hat das Papageno ein breiteres Angebot an Sherry. Wir trinken den Cream Reserva Especial für 4 Euro, der ist bei einem Restzuckergehalt von 120 Gramm pro Liter eher mild und gaumenschmeichelnd. Eine aromatische Herausforderung ist der Pedro Ximenez Especial, ebenfalls für 4 Euro (aber halbe Menge), mit satten 300 Gramm Restzucker. Da zieht’s einem vor Süße das Gesicht zusammen, ein Erlebnis! Die Atmosphäre ist mittelalterlich-südlich-modern. Würde mich nicht wundern, wenn in diesem Gewölbe Don Juan de Austria durch die Tür geschneit käme. Aber da marschiert stattdessen noch ein Junggesellinnenabschied rein. Achja, die Braut bekommt noch ein Geschenk. Ein selbstgenähtes und außerordentlich stylishes Strumpfband. Tradition sowas.

Cocktails

Wir brechen auf, die Zeit drängt, Punkt 20:30 Uhr haben wir einen Tisch in einer Cocktailbar reserviert, und da darf man nicht zu spät kommen.

St. Emmeram ist nicht nur hell, sondern auch mystisch.

St. Emmeram ist nicht nur hell, sondern auch mystisch.

Wir gehen ins Kasper, geschrieben Ka5per. Jedesmal wenn ich das so geschrieben sehe, denke ich, der Chef da hat einen Sprachfehler. Kafper. Willft du waf trinken? Vielleicht waf mit Pfitrone? Eieiei. Das Ka5per befindet sich wie viele, viele Bars in Regensburg in einem erdgeschossigen Gewölbe. Diese wunderschönen Gewölbe in dieser Stadt. Was das für Stimmung macht. Fortgehen in Regensburg hat dadurch eine historisch-architektonisch-kulturelle Qualität. Hier ist es die ehemalige Synagoge. Masseltoff! Hinter der Grieb 5 die Adresse, daher wohl auch die 5 im Namen.

Wir kommen kurz vor halb neun, länger können sie den Tisch nicht reservieren. Obwohl es anfangs noch recht leer ist, müssen wir etwas auf die Bedienung warten. Die Uhr tickt, bis 21:00 geht die „Freundliche Stunde“. Sehr schön übersetzt. Ich bestelle mir zunächst einen Club Royal, ein Cocktail mit Earl Grey. Der schmeckt leider etwas fade. Danach aber gibt’s recht gute Cocktails mit Basilikum. Ein anderer mit Limetten, Limettenblätter und Zitronengras mundet ebenfalls, hoffentlich enthält er auch viel Vitamin C. Grundsätzlich kann man wohl sagen, je kleiner das Glas desto konzentrierter der Cocktail. Optisch machen die Cocktails sowieso was her, garniert mit Rosmarinzweigen in Bleikristallgläsern, top! Ein Pils genehmige ich mir auch, das aber liegt eher so im Mittelfeld.

Im Ka5per ist es mittlerweile recht voll, wir wollen an die frische Luft. Eine Bekannte hat mir das Barock empfohlen. Diese Bar soll laut Zitat „meeega meeega vom Design“ her sein. Obwohl es gleich um die Ecke ist, gehen wir einmal im Kreis, bis wir den Eingang finden. Auf den ersten Blick muss ich sagen: Noja. Wieder ein Gewölbe, ok, aber recht kühl, fast skandinavisch. Die Lampen scheinen aus den 70ern zu sein, oder sind sie auf alt getrimmt? Wir nehmen auf den äußerst bequemen Lederhockern an der Bar Platz. Da das Team mit dem Wodka aus dem bayerischen Wald (Vodrock) international Preise eingeheimst hat, möchte ich diesen probieren und bestelle Wodka pur. Es dauert und dauert und dauert, und dann stellt mir der etwas verplant wirkende Kellner einen Wodka Mule hin. Ich weise ihn auf seinen Fehler hin und erkläre, dass ich den Mule schon trinken würde, aber gerne doch auch den puren Wodka probiert hätte, weil er doch so gut sei. Er meint OK und geht. Und kommt nicht wieder. Na toll. Der Cocktail ist nicht schlecht, aber aufgrund des darin enthaltenen Ingwerbieres mit der Zeit etwas scharf. Besonders schön: Serviert wird er in einer Kupfertasse. Bei einem der Barchefs bestelle ich mir nun den Wintergin. Den haben sie auch selber gemacht. Dafür benutzen sie eine merkwürdige Glaskonstruktion, die neben der Bar steht. Für mich sieht das fast wie eine Destille aus, aber der Barchef erklärt, das sei eine japanische Kaffeemaschine. Oben kommt der Gin rein, in den Mittelteil vor einem Filter die Kräuter und Gewürze, was man halt so drinhaben will. Und dann kann man einstellen, mit welcher Geschwindigkeit der Gin durchlaufen soll, im Falle des Wintergins dauert das immerhin drei Wochen! Der Wintergin schmeckt durchaus weihnachtlich-würzig. Zum Schluss noch einen Espresso. Der kostet satte drei Euro, und kommt mit einer dicken Crema daher. Leider ist er ziemlich sauer, brrrrrr. Ich kippe den Rest des Wintergins hinein. Beides zusammen schmeckt gar köstlich.

Die Gestaltung des (oder der?) Café Bar ist durchaus gediegen.

Die Gestaltung des (oder der?) Café Bar ist durchaus gediegen.

Wir brechen auf und treffen die Freunde im Rauschgold. Das ist so ein Mittelding zwischen Bar und Club, es kostet keinen Eintritt aber man tanzt auf den Bänken. Leider gibt es hier nur Heineken oder Becks, dafür ist die Musikauswahl sehr krass. Wir schwanken zwischen Mr. Vain von Culture Beat und den schönsten Schlagern 70er und 80er. Da kocht die Stimmung. Leider verabschieden sich immer mehr Mitglieder des Junggesellinnenabschieds, so dass wir als kleines Grüppchen Richtung Schimmerlos oder Suite 15 ziehen. Letztere ist nämlich wieder an ihren alten Platz im St. Peters Weg gezogen, das Schimmerlos gleich daneben. Im Rauschgold frage ich einige Leute, ob sie denn schon mal im Schimmerlos waren (die Suite 15 kennen wir ja schon). Ja, antworten einige, da kommen wir gerade her, harter Electro und extrem laut. Zum Glück habe ich meine Ohrenstöpsel dabei.

Vor beiden Clubs angekommen, ist an der Tür noch ordentlich was los. Allerdings ist es schon 3:15 Uhr, und sie verlangen immer noch sieben bzw. acht Euro als Eintritt pro Club. Dabei machen die Clubs in Regensburg ja bereits um vier Uhr früh zu! Die Dame am Einlass erklärt mir, dass es um halb vier nur noch fünf Euro kostet, dann für beide Clubs. Naja, für eine halbe Stunde bringt das ja nix. Ich frage sie, was denn länger offen hätte, sie empfiehlt das Ernstl. Da würden zu späterer Stunde auch noch Leute tanzen.

Absacker

Wir beschließen also, auf dem Rückweg ins Hotel im Ernstl vorbeizuschauen. Obwohl der Hochhauskomplex drumrum ziemlich hässlich ist, versucht das Logo, ein schwarzer Dackel, bayerischen Hipsterstyle auszustrahlen. Unten ist wenig los, doch oben soll es Essen geben. Eigentlich habe ich überhaupt keinen Hunger. Meine beiden Kollegen bestellen sich einen Ernstl-Burger bzw. eine Currywurst, jeweils mit Pommes. Dann schließe ich mich halt an. Essen ist nicht nur der Sex des Alters, sondern auch der Liebesersatz in lang durchfeierten Nächten. Los Burger, füll mein einsames Herz wenigstens mit Cholesterin! Das Fressi kostet mit Wasser irgendwas um die neun Euro. Die russisch-stämmige Frau hinter der Theke verschwindet mit meinem Zehner in der Küche und kommt ewig nicht wieder. Als sie wieder da ist, habe ich keine Lust mehr, sie auf den übrigen Euro anzusprechen. Immer dieses selber einbehalten von Trinkgeld… Wir setzen uns an einen Tisch, nicht lange, dann bringt die Madame das Essen an den Tisch. Die Semmel ist kalt, der Burger geht so. Die Pommes auch. Nach dem Essen liegt er mir ziemlich schwer im Magen. Dann stapft eine noch schwerere Frau die Treppe hinauf. Weißes Top, schwarzer, irgendwie schiefer Rock. Sie kuckt sich um, und dann kommt sie zielgerichtet wie ein Marschflugkörper auf uns zu. Ich denke, ich bin im falschen Film. „Ihr seht ziemlich einsam aus.“ Jeder von uns dreien denkt jetzt das selbe: Unglaublich, dass man in diesem Lokal von Nutten angesprochen wird. Und dass die so schief gekleidet sind. Und dass das ausgerechnet uns passiert. Mehr als „Ah, ja?“ kriegen wir aber nicht raus. „Seid ihr hier zu dritt?“ „Ja?“ „Dann seid ihr jetzt zu viert.“ Sie nimmt sich mit derselben Bestimmtheit ihrer Aussage einen Stuhl vom Nebentisch und setzt sich zu uns. Ihr prolliger Charme einer Brühwurst überrascht uns und macht uns doch auch ein wenig neugierig, was da sonst noch so kommt.

Überall in Regensburg findet man derartige Aufkleber, die meisten werben für Jahn Regensburg.

Überall in Regensburg findet man derartige Aufkleber, die meisten werben für Jahn Regensburg.

„Ich wohne und arbeite gleich nebenan.“ So, ich hatte gedacht, dass der Komplex ein Studentenwohnheim wäre, dass es hier auch Puffs gibt, na sowas. Vielleicht ein illegales. Dann aber löst Madame das Rätsel, sie studiere Schauspielerei. Sei 19 Jahre alt. Und ihre Freundin sitze unten. „Aha“, sagen wir. Nein, nein, eine Lesbe sei sie nicht, ereifert sie sich sogleich. Sie stehe auf „Schwänze“. Diese Aussage wiederholt sie noch des Öfteren. Wir vermuten eine verlorene Wette oder Drogen. Aber die Frau meint, nichts eingeworfen zu haben. Ich schaue mir die Dame nun mal näher an. Ein fetter Monsterkayal um die Augen. Allerdings ins Gesicht gemalt wie von einer Vierjährigen. Künstliche Wimpern angeklebt. Sie steht auf und meint, einen Tanz aufführen zu müssen. Ihr Rock hängt wieder schief. Wenn sie gut aussehen würde, wäre das kein Problem. Oder wenigstens einen Art münchnerischen Stil hätte. Mit voluminösen Frauen mit Stil kann man sich wenigstens über so langweiliges Zeugs wie Opern oder so unterhalten. Denke ich mir zumindest. Aber hier… Zumindest scheint sie nicht humorlos zu sein. Es ist schrecklich anzuschauen, aber irgendwie ist man (noch) gebannt von dieser unglaublich selbstsicheren Person. Doch dann bricht die Selbstsicherheit. Sie fragt meinen Kumpel nach dessen Handynummer. Er druckst herum und sagt, dass er eine Freundin hat, was auch stimmt. Dann will sie seinen Facebook-Namen wissen, „nur so zum schreiben“. Ich bin langsam genervt und gebe mehrfach vor, einzudösen. Dann aber interessiert es mich doch wieder von Neuem, was sie da so sagt. Der Freund behauptet, kein Facebook zu haben. Hin und her, sie lässt nicht locker, bittet, ja bettelt fast um den Kontakt. Also sowas. Jetzt ist die Selbstsicherheit weg und der letzte Rest soziologischen Interesses perdü. Irgendwann realisiert sie, dass das nichts bringt. Dann fragt sie mich, ob sie meinen Facebook-Kontakt haben kann. Ich lege all meine mittlerweile ziemlich große Gereiztheit (sie und der Burger schlagen mir schon arg auf den Magen) in meine Stimme. Ich sage nur ein Wort: „Nein.“ Das scheint ihren Redeschwall zu stoppen. Sie steht auf und murmelt etwas nach ihrer Freundin schauen zu wollen und verschwindet.

Wir schauen uns verdutzt ob dieses Erlebnisses an und brechen sofort selbst in wildes Geschnatter darüber aus. Beim Verlassen des Lokals schaue ich noch, ob die Freundin unserer Besucherin vielleicht gut ausgesehen hätte. Aber da ist nix mehr zu sehen. Wenn ich so zurückdenke, habe ich der Frau vielleicht unrecht getan. Nein, keinesfalls hätte ich ihr meinen Facebook-Kontakt gegeben. Aber ihr einen wohlmeinenden Ratschlag zum Verhalten geben können.

Der Tag danach

Ab in die Heia. Am nächster Tag treffen wir uns wieder mit den Damen des Junggesellinnenabschieds, wir wollen in die Messe, St. Emmeram ist wieder angesagt. Die Kirche ist gut besucht, etwas mehr Weihrauchduft liegt in der Luft. Die Madames schauen trotz des gestrigen Tages sehr erholt aus. Das Evangelium handelt vom verlorenen Sohn, die Predigt des Pfarrers ist recht gut, er spricht über die Liebe Gottes zu den Menschen, die manchmal auch für uns unverständlich sein kann, siehe die Reaktion des älteren Bruders im Gleichnis. Der Pfarrer beendet seine Predigt mit einer Geschichte. Er kannte eine junge Krankenschwester, die vor einigen Jahren in Nigeria Dienst tat. Da die Arbeit in einem muslimischen Gebiet lag, versteckte sie das Kreuz, das sie um den Hals trug. Eines Tages pflegte sie eine alte Frau. Dabei fiel das Kreuz heraus. Die alte Dame, eine Muslima, küsste das Kreuz und meinte: Our God is justice, your God is love.

Da schau her.

Putzig

Putzig

Nach der Kirche verabschieden wir uns von der Gesellschaft und machen uns auf den Weg zurück zu unserem Hotel. Dabei kommen wir im Park neben der Albertstraße an einer ganz besonderen Konstruktion vorbei. Ein riesengroßer Fliegenpilz steht da, das so genannte Milchschwammerl. Davon gab es nach dem Krieg 50 (eine andere Quelle nennt 40) im Lande, eine schöne Marketingaktion, um den Milchverkauf anzukurbeln. Heute sind es nur noch acht in Deutschland. Das in Regensburg konnte vor dem Abriss bewahrt werden und steht seit 2003 unter Denkmalschutz. Der Wirt, stilistisch und vom Alter her irgendwo zwischen Hipster und Hippie, betreibt hier eine Espressobar. Ich bestelle mir eine heiße Schokolade für 1,90 Euro. Ein vielleicht nicht ganz passender, aber leckerer Abschluss für diesen Junggesellinnenabschied. Immerhin hat keiner einen Zahn verloren oder einen Tiger geklaut. Junggesellenabschiede in Regensburg sind nicht so laut wie die Kollegen in Las Vegas oder Bangkok, aber dafür persönlicher. Und man weiß am nächsten Morgen noch alles. So kann man schmalzig-schön wie im Schlager schließen: Was bleibt, ist die Erinnerung.

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