Nüchtern durch Weiden – ein Selbstversuch

Es geht abwärts. Aber mit rustikal-antikem Stil.

Es geht abwärts. Aber mit rustikal-antikem Stil.

Die Oberpfalz ist ja bekannt für Menschen, die unglaublich viel an unglaublich guten Getränken trinken können. Lässt sich aber hier was trinken gehen, ohne was zu trinken, also nix mit Alkohol? Wir haben keine Kosten, Mühen und Überwindung gescheut und machen den Test.

Erste Station: Das (oder die?) „Neues Linda“ (sic!). Das Künstlercafé scheint es in dieser Stadt schon länger zu geben, was der komplett heruntergeblätterte Putz an der Wand verrät. Die Decke ist voller quadratischer Holzkästen und quadratischer bunter Lampen. Stilvoll wenn man die ausgehenden 70er mag. Drin ist es eiskalt. Wir fragen, ob an einem Tisch noch frei ist und bekommen eine positive Antwort. Kurze Zeit später beansprucht jedoch ein Pärchen den Platz für sich, ihre Jacken liegen da schließlich rum. Naja. Wir wollen erst einmal einen Espresso bestellen, doch wat is? Kaffeemaschine kaputt. Na super. Dann halt einen schwarzen Teebeutel-Tee. Zwei liebreizende Damen führen hinter unserem Rücken eine Unterhaltung mit einem weniger liebreizend aussehend Herren. Wir jedoch müssen die grauslige Wand und das unterhaltsame Pärchen (sie vielleicht schwanger, aber einen knallroten noch-nicht-Hipster-aber-schon-Künstler-Lippenstift im Gesicht, er unauffällig) anschauen. Tee ausgetrunken und hinaus in die Nacht. Eine der Damen wirft uns noch einen interessierten Blick zu, aber wir haben keine Zeit und auch keinen tollen Spruch um einen Flirt einzuleiten.

Also weiter durch die verregnete Nacht, durchs Stadttor und gleich rechts, hinein ins Edelweiß. Da ist es gestopft voll. An drei Grazien, eine mit interessanten Locken, schlängeln wir uns vorbei, beim Tresenausgang ist noch ein bisserl frei, die Bedienung wartet schon. Und hier bekommen wir auch unseren Espresso. Sehr gut mit einem Stückchen Mandelgebäck. Sofort schießt er ins Blut, jawoll, macht mal Platz zum Dancen! Was, keiner will Platz machen? Gut, gemma weiter. Aber wir kommen wieder!

Auf der Suche nach dem richtigen Stil

Kurz mal rechts durch ein weiteres Tor, wir betreten einen eher stylish-sterilen Raum, die Bar23. Ein rotes Ledersofa mit weißem Lammfell ziert eine Seite, weiteres Tierfell soll die Wände schmücken. In der Ecke legt ein kleiner DJ auf einem noch kleineren Mischpult normalgewachsene Musik auf. Wir bestellen wieder einen Espresso (weil das einzig alkoholfreie Bier ein Becks ist). Doch oweh, die Maschine ist schon kalt, sie müssen erst einen Espresso aus dem Restaurant Eichamt holen. Bis dahin vertreiben wir uns die Zeit mit Bitter Lemon. „Wir haben Euch ein 0,3er eingeschenkt, weil in dem 0,2er is ja nix drin.“ Noch geraumer Zeit kommt nur ein Espresso. Wir hatten aber zwei geordert. Der Wirt meint über den Kellner: „Ist heute sein erster Tag.“ Oder sagte er: „Ist heute sein letzter Tag.“? Ich hab es nicht genau verstanden. War ja eh ein Scherz. Denk ich. Der erste Espresso ist schon etwas kalt, doch dafür kommt der zweite schnell und ist warm. Wir hören noch etwas auf die Musik und packen es wieder.

Dr. Jekyll waren wir heute genug, jetzt werden wir Mr. Hyde. Naja fast. Im Hyde wartet auf uns nämlich das, was wir vorher zu vermeiden suchten: ein alkoholfreies Becks. Es gibt schlimmeres. Das Hyde hat dunkles Holz und Steine an den Wänden, die Lichtgestaltung ist in orange gehalten. Eine Kombi, die uns heute noch öfters begegnen wird. Die Klos sollen jedoch nicht dem Zeitgeist entsprechen.

Weiter, weiter. Ab ins Theatro Musikcafé. Das ist in Weiden eine Institution, das ist Kult, das hat Geschichte und das riecht man auch. Eine feine Melange aus Schweiß, Bier und Urin steigt in die Nase, ja hier ist halt nix gekünstelt, sondern noch alles echt. So wie es sich für eine Rockkneipe halt gehört. Die Bedienung lächelt mich ehrlich an, wow. Einfach nur wow. Wir setzen uns an einen freien Tisch, auf dem noch Papier rumliegt und warten auf sie. Leider kommt eine Kollegin von ihr. Oh, welch dräuend Ungemach, ich ertränke meinen Kummer in Maracuja-Schorle. Die schmeckt ganz fein. Ein Typ mit drei Damen setzt sich zu uns an den Tisch. Die Ladys zücken sofort ihre Smartphones und tippen drauf rum, der Hahn im Korb bestellt ein Spezi.

Nachdem unser Auge die verführerische Bedienung nicht mehr findet, suchen wir das Ramazotti. Auch eine Weidener Kultkneipe, leider nicht mehr auffindbar, da derzeit geschlossen.

Das 105 bietet nach enormen Wartezeiten Erdbeerschorle und dunkles Holz und Steine an den Wänden, sowie gelb-orange Wandbeleuchtung. Aha. Dafür sitzen hier wieder enorm schöne Damen mit freundlich ausgedrückt mittelmäßig aussehenden Typen. Und die drei Grazien aus dem Edelweiß sind auch wieder da.

Rückkehr

Jetzt nochmal umgefallen und wieder ins Edelweiß rein. Das hat sich ziemlich geleert, und wir können die Architektur bewundern. Ja, auch hier gibt es orange Beleuchtung und Steine an der Wand, anscheinend findet sich in Weiden nur ein Innenarchitekt mit exakt einer Idee. Aber hier hat er wirklich gute Arbeit geleistet. Das Edelweiß hat die Wand zum Nachbarhaus mit einem Bogendurchgang durchgebrochen und wir sitzen nun in einem Gewölbe. Es gäbe ausgezeichnete alkoholische Getränke zu einem wirklich fairen Preis. Aber ebenso finden sich zahlreiche nichtalkoholische Getränke. Mich reizt das Elderflower Tonic Water, also ein Holunderblüten Tonic. Das schmeckt leider überhaupts nicht nach Holunder und ich bekomme Bauchweh. Die viele Flüssigkeit fordert ihren Tribut und ich muss mich in Richtung stilles Örtchen begeben. Und hier ist der Weg das Ziel. Durch einen gemauerten uralten Abgang geht der Weg in den Keller, in einen Brunnenschacht haben die Betreiber eine Sitzecke eingebaut, vermutlich wenn die Damen etwas warten müssen. Das Spülbecken für Damen und Herren wird gemeinsam genutzt, aber es befindet sich in zwei Räumen. Kapiert? Also: Wir haben ein Spülbecken, das sich in einem Wanddurchbruch zwischen Männlein und Weiblein befindet. Es gibt zwei Wasserhähne, aber der Abfluss ist genau in der Mitte. Der Durchbruch befindet sich genau in Höhe von, na ihr wisst schon, allerdings ist er soweit nach unten gezogen dass die Frauen nicht rüberspitzen können. Wir sind ja nicht in Berlin, wo man sich die Klos im laufenden Betrieb teilt!

Eine Runde weiter wollen wir das Cairo ausprobieren, aber das macht schon zu. Hier scheint die Hauptattraktion Shisha zu sein.

Letzte Station: Das oder die oder der Bar Code. Tatsächlich gibt’s hier zwar auch wieder braunes Holz, aber die Beleuchtung ist wenigstens mal grün. Wir setzen uns vor das DJ Pult. Der DJ dreht allerweil an zwei LPs rum, allerdings ändert sich nichts an der Musik. Mysteriös. Die Getränkekarte bietet mir eine heiße Milka Schokolade an. Bestellt. Getrunken. Tasse passt nicht auf den Untersetzer. Hei, und da sind schon wieder die drei Damen, jetzt sehen wir sie zum drittenmal. Könnten ja rüberkommen und uns bei unserem Projekt Alkoholfrei unterstützen. Stattdessen gehen sie. Pfff.  Ein Jugendlicher im Anzug macht einen auf dicken Larry und bestellt eine Shisha, zum Bezahlen zückt er viele Scheinchen. Ein älterer Herr ohne Haare kommt alle 10 Minuten beim DJ vorbei und ruft ihm zu, yeaahh, er solle doch lauter drehen. Für uns ist es nun jedoch an der Zeit aufzubrechen und heimzufahren.

Leider haben wir keine Bar gefunden, die auch eine Tanzmöglichkeit bietet, also ohne Eintritt. Leute, der DJ kostet Geld, also gebt den Gästen gefälligst Platz zum Dancen! Das hätten wir nämlich mit den beiden Espressi intus locker hinbekommen. Und besser zum Flirten ist das allemal. Grundsätzlich möchte ich aber sagen: Eine nüchterne Kneipentour in der Oberpfalz ist möglich. Man sieht mehr und man sieht genauer. Leider aber ist die Auswahl an nichtalkoholischen Getränken bis aufs Edelweiß recht überschaubar. Weiden als Zentrum der nördlichen Oberpfalz hat tatsächlich einiges zu bieten – im Umkreis. Im bayernweiten Vergleich sollten die Weidener noch etwas nachlegen und sich nicht in der lokalen Platzhirschrolle einnisten. Regionale Besonderheiten herausstreichen und bitte aufpassen, sich nicht gegenseitig zu kopieren.

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