Ou Kirwa lou niat nou

Welches Schweinderl hätten's denn gern? Gar keins, heut gibt's Gans (die leider zu groß ist für's Foto).

Welches Schweinderl hätten’s denn gern? Gar keins, heut gibt’s Gans (die leider zu groß ist für’s Foto).

Kirchweih feiert die nördliche Oberpfalz im Oktober. Die Franken feiern ihre Kerwa im sonnigen August, aber sowas kann ja jeder. In der Oberpfalz gibt’s die Stadt- und die Landkirwa, dann gibt’s noch die Mähringer Kirwa und die Falkenberger. Aber die ist ein eigenes Kapitel. Die Berichterstattung darüber muss ich der Leber eines Gastautors anvertrauen.

Konzentrieren wir uns einmal auf die Landkirwa. Wir fahren nach Ellenfeld, in der Nähe von Bärnau. Bis vor ein paar Jahren noch mit Zwischenstopp in Schwarzenbach, Onkel und Tante abholen. Dann geht’s weiter, durch den Wald, vor uns grüßen schon die Windräder der Wenderer Höh’. Das Wirtshaus hat eigentlich nur zur Kirwa, St. Martin und zum Surfleisch-Essen offen. Auf der anderen Seite der Straße warten noch ein paar Gänse in Nachbars Garten auf St. Martin, oder vielleicht sogar bis Weihnachten. Ja, hier in Ellenfeld macht das Essen extrem kurze Wege. Wenn man weiß, wo es herkommt, wenn man sieht, wie die Gänse leben, dann kann man den Braten auch mit Respekt vor dem Tier essen. Es ist kein No-Name-Tier aus dem Discounter, sondern watschelte bis vor ein paar Tagen zwei Meter entfernt durch den Garten.

Begrüßung

Vor dem Wirtshaus steht ein Kastanienbaum. Als Kinder haben wir da Kastanien gesucht, jetzt sind andere Kinder da und suchen. Dem Baum sieht man schon lange nicht mehr an, dass auch er älter wird.

Draußen nieselt es leicht, wie eigentlich immer in der Oberpfalz. Ein wunderbarer Herbsttag, da freut man sich doch gleich doppelt, wenn man gleich im warmen Wirtshaus sitzen darf! Wir treten ein in den Flur, auf dem Boden neben dem Eingang begrüßt uns ein Erntedank-Potpourri aus Kürbissen und Kastanien. Ein Ton-Schweinderl sagt auch noch Servus.

Rein in die kleine Gaststube, sieben Tische stehen drin, wir hängen die Mäntel an die Garderobe und sehen jedes Mal wieder die selben Gourmets, die sich die Gans jedes Jahr wieder schmecken lassen. Kirwa ist auch die Zeit der Tradition. Manche schwören auf die Gans in Redenbach, manche auf die in Stein, wir bleiben hier.

Ein Tisch ist noch frei, kurz die Karte überflogen, aber wozu eigentlich? Man weiß doch was man will.  Obwohl auch Hirsch (aus eigener Jagd), Karpfen, Schweinelende und Ente auf der Karte stehen. Aber sowas bestellen meist nur Leute, die am Abend eh nochmal Gans essen wollen.

Schnell noch ein strategisches Getränk vor dem Essen bestellt, Wasser oder Spezi, und dann geht’s los.

Erster Gang: Leberknödelsuppe. Nicht die beste, die gibt’s im oberfränkischen Bischberg, die zweitbeste im Anker in Tirschenreuth, aber irgendwo vorne ist die Ellenfelder schon mit dabei.

Die Mutter aller Schlachten

Dann kommt der zweite und schwerste Gang. Die Gans. Auf einem Teller mit etwas Soße liegt ein Fleischteil, so groß wie eine Gansbrust, und daneben noch ein Viertel von der Gans. Ich hab ja das Teil mit dem Flügel am liebsten, da kann man so schön zausen. Wir beginnen zu essen. Zuerst gehen der Gürtel und der oberste Hosenknopf auf. Anschließend kann man vielleicht noch sein Hemd aufknöpfen. Aber dann ists auch schon genug mit dem Platz schaffen. Irgendwann ist der Magen voll. Dann staut sich das Essen die Speiseröhre hoch. Die Knödel werden längst schon in der Lunge zwischengelagert. Darf sich noch a bisserl Soß unters Hirnwasser mischen? Schweiß bricht aus, Atemnot stellt sich ein, der Mund geht auf, aber er mag und kann nix mehr runterschlucken. Noch a Schluckerl Spezi oder Wasser, das hilft etwas. Zum Glück wird nochmal Soße auf den Tisch gestellt, zum runterspülen. Wa-was ist das? Nähern wir uns dem Ende? Boaaah, aus allen Körperporen trieft die Gans, gestopft sind wir selber. Neiiiin, da is noch Fleisch unterm Flügel….. Zitternd kauen wir nun schon etliche Zeit am letzten Stück rum und warten, bis zumindest in der Speiseröhre wieder Platz wird. So, fe-e-e-e-ertig. Fix und fertig.

Aaaaaber ein Eis mit heißen Himbeeren, das geht immer noch! Die Schlacht von vorhin ist verg-essen. Was Schlaueres fällt einem in so einem Zustand nicht mehr ein.

Die Wirtin setzt sich noch an den Tisch, man redet und redet, wie geht’s der Familie usw. Mancher trinkt noch einen Kaffee. Früher gingen wir hoch zu den damals noch zwei Windrädern auf der Wenderer Höh’. Unter dem mächtigen Rauschen der Windräder (wie es nur sowas Großes von Menschen gemachtes geben kann…) schauen wir in die Ferne, Wolkenfetzen ziehen hinter den Wäldern über Tirschenreuth hinweg. Etwas andächtig wird man da schon. So. Genug gesehen.

Nachtisch

Runtergedackelt, rein ins Auto und ab nach Schwarzenbach. Da hat nämlich die Tante noch, hahaha, Kaffee und Kuchen vorbereitet. Gut, ein Stückl Zitronenkuchen und natüüüürlich, Kirwakouchn. Also Käsekuchen. Langsam mache ich mir Sorgen um die Tragfähigkeit des Kanapees. Die Bauernhofkatze  erklimmt den Mount Wamperest und schläft drauf ein, mir ziehts vor der Blutleere im Hirn auch schon die Augen zu. Bevor das Abendessen aufgefahren wird, brechen wir auf, ehe wir zusammenbrechen.

So war das bis vor einigen Jahre. Mittlerweile ist die Tante in die himmlische Kirwa eingegangen, im Haus in Schwarzenbach wohnen andere Menschen, aber das Kirwa-Essen in Ellenfeld gibt’s noch. Auch wenn ich dieses Jahr das erste Mal wegen einer Magenverstimmung die Gans nicht ganz geschafft habe.

Doch nach wie vor greife ich, wenn ich dann von der Kirwa heimkomme, zum Buch „Sagen und Legenden aus dem Landkreis Tirschenreuth“. Ein wunderbares Werk gerade im nasskalten Herbst, wenns draußen schon modert und der Nebel und der Wind an Geister, Hee-Männer und Hulzfraaln erinnert. Und man drinnen sitzen kann und im Mund immer noch die Gans nachschmeckt. Ja, Oberpfalz im Herbst, das hat was.

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