Rezept für eine Altstadtkneipe

Was brauche ich, um eine gute Kneipe zu backen? Laut Rezept aus Großmutters Zeiten nur eine einzige Zutat: Tolle Wirtsleute. Die sorgen dafür, dass auch der Rest stimmt.

Der Rest, das sind

  • zwei Messbecher gute Getränke,
  • eine Prise heimelige Atmosphäre,
  • zwei Teelöffel unterhaltsame Gäste und
  • eine Messerpitze des gewissen Etwas, das über die Karte hinausgeht.

Ein Wirtsehepaar, das bei der Umsetzung besonderen Geschmack gezeigt hat, ist Lisa und Walter. Name der Lokalität: Blue Note, auch Altstadtkneipe genannt.

Das Blue Note liegt im Tirschenreuther Ortskern. Das muss aber nicht gleich Erfolg bedeuten. Denn im Ortskern von Tirschenreuth ist auch nicht mehr los als außen rum. Gerüchten zufolge ist der jüngste Einwohner der Innenstadt gerade in Rente gegangen.

Historie

Vorgänger der Altstadtkneipe sind das Pub Brennnessel und ein Grieche. Von sich Reden machte keiner der beiden.

Und dann kam eben das Blue Note. Und hielt sich. Was waren die Erfolgsfaktoren? Walter und Lisa kennt und schätzt die ganze Stadt. Schon seit jeher.

Die Musikauswahl ist sehr gut, von Jazz bis Rock. Nichts nerviges also.

Und schließlich kam noch etwas Starthilfe von außen: Die Kneipenlegende Rondello musste fast zur gleichen Zeit schließen. Und dessen Publikum zog um ins Note. Und seitdem läufts und läufts und läufts. Dabei hatten beide noch einen Hauptberuf, die Jazzkneipe war eigentlich ein Hobby. Ein extrem gut aufgezogenes Hobby.

So, wer sind denn nun die Gäste? Besucher von nah und fern, junge Schüler, alte gewordene und jung gebliebene Pensionäre, Handwerker, Verkäufer, Studenten und und und. Besonders viele neue Leute lernt man hier aber nicht kennen. Action gibt’s auch kaum. Denn die Altstadtkneipe besteht eigentlich nur aus einem mittelgroßen Raum mit ca. 7 Tischen. Und einer Theke. In den Fensterbänken stehen ein paar alte Radios und Pflanzen rum, und natürlich leere Flaschen mit tonnenweise Kerzenwachs-Überzug. Wie das halt so sein muss in urigen Kneipen und Piratenfilmen. Die Decke ist mit LP-Covern beklebt. Eine alte E-Gitarre hängt an der Wand, an der Tür steht die Bierempfehlung, gegenüber an einem Spiegel die gerade aktuellen Teesorten. Dazu später mehr.

Man kommt rein, grüßt, lässt seinen Blick kurz über die Runde schweifen, setzt sich. Und meistens steht man dann für längere Zeit nicht mehr auf. Wer von draus vom Walde kommt, braucht erst mal Ruhe.

Die Kneipe könnte noch gemütlicher sein, wenn statt der Stühle Bänke reinkommen würden. Die Zoiglstuben haben hierbei schon mächtig vorgelegt. Die Bänke werden dann noch mit uralten schwarzen Trennwänden bestückt, schon kann man sich anlehnen. Die Potenzierung der Bierseligkeit durch historische Möbel. Kleiner Nachteil: Man verlöre den Überblick.

Essen und Trinken

Also ohne Trennwände, freie Sicht für freie Bürger. Was bestellen wir denn nun? Die Baguettes und Salate sind vom Preis-Leistungs-Verhältnis unschlagbar, soll heißen: Guter Preis, noch besserer Gusto. Auch das Chili findet seine Liebhaber.

Die Biere kommen von Bischofshof aus Regensburg. Das Pils schmeckt herb bis zitronig, das Helle polarisiert. Wer’s eher deftig mag, dem sei das Barock Dunkel ans Herz gelegt, sehr würzig-süßlich. Die Karte bietet ansonsten eine große Auswahl an klassisch-gediegenen Standard-Getränken. Geheimtipp: Nach dem fragen, was nicht auf der Karte steht. Walter hat stets ein oder zwei Flaschen besonderer Whiskey– oder Rumsorten im Angebot. Der Connaisseur hat hier die Chance, Getränke zu verkosten, die man sonst nur in ausgewählten Restaurants zu gesalzenen Preisen erstehen kann. In der Altstadtkneipe zahlt man selbstverständlich wie Oberpfälzer. Also kaum was.

Zur vorgerückten Stunde tauen die Gäste dann etwas an, und man kommt ins Gespräch. Auch und gerade mit Fremden. Man ist ja schon groß und darf mit denen reden. Lisa und Walter interessieren sich für alle und wissen, bei wem welcher Schuh wo drückt. Ein guter Wirt braucht gehöriges psychologisches Einfühlungsvermögen. Aber vielleicht lernt man das auch über die Jahre.

Zurück zur Karte: DIE Besonderheit sind die Tees. Direkt vom Tirschenreuther Teeladen, findet man hier allerlei Spezereien. Der Teemarkt pausiert zwar im Moment, aber man darf davon ausgehen, dass sich unsere Wirtsleute mit genügend Vorräten eingedeckt haben. Die Teesorten laden im Verbund mit anderen Getränken dazu ein, sich winterfest zu machen. Das heißt: Mittel und Wege zu finden, wie man auf dem Heimweg den minus 20 Grad Außentemperatur trotzt (im Sommer). Denn in der Nordoberpfalz ist es immer kälter. Als überall anderswo. Und weil ab zwölf die Küche zu hat, muss man sich eben mit Getränken aufwärmen.

Die Ergebnisse der Experimente schmecken meist vorzüglich und sind auch schon dem Teeladen zu Ohren gekommen. Probieren will aber niemand anderes. Seltsam.

Irgendwann leert sich das Blue Note, die Musik wird ruhiger, nur ein paar Gestalten lehnen noch an der Bar. Jetzt erfasst man den Augenblick, der sich in scheinbar endlose Längen zieht. Alles ist gesagt. Spätestens um vier wollen Walter und Lisa dann auch heim. Denn am nächsten Tag muss man wieder mit psychologischem Ausschank eine gute Kneipe backen.

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