Zoigl

Utopie und Wirklichkeit in der real existierenden Zoiglwirtschaft

Der Zoigl ist die Fortsetzung der Gemütlichkeit mit anderen Mitteln.

Wenn es etwas gibt, das die nördliche Oberpfalz neben der tollen Landschaft auszeichnet, dann sind es die Zoiglstuben. Hier vergisst man die hohe Arbeitslosigkeit und die Abwanderung in den reichen Süden Bayerns. Hier tauen die sonst als maulfaul verschrienen Moosbüffel auf. Hier (eigentlich nur hier) kommt man mit Fremden in ein meist sehr witziges Gespräch. Und hier wurde das erreicht, was es seit dem Urchristentum und den Indio-reducciones der Jesuiten in Paraguay im 18. Jahrhundert nicht mehr gegeben hat, trotz millionenfacher Mordsanstrengung im Kommunismus: Die klassenlose Gesellschaft. Hier trinkt der Firmenboss mit dem Arbeitslosen. Die Alten zeigen, dass sie noch derbere Witze kennen als die Jungen. Kanadier, Latinos, Asiaten und sogar Preissn dürfen hier mit dem Oberpfälzer zu Tische sitzen.  Preise ab 1,50 für die Halbe und die meist sehr knappen Platzverhältnisse machen es möglich. Der Platz ist deshalb rar, weil viele Zoiglstuben nur an ein paar Tagen im Monat geöffnet haben. Die Termine findet man im Internet(jetzt auf „Internet“ klicken) oder auf kreditkartengroßen Zettelchen, auf denen die Termine im Jahresverlauf notiert sind. Jeder Oberpfälzer hat so etwas stets bei sich tragen!

Aber woher kommt der Zoigl?

Wer das in Bayern nicht weiß, der soll sich schleichen. Oder sich folgende Erklärung ausdrucken und unters Kopfkissen legen:

Es war einmal vor vielen hundert Jahren, da konnten die Leute das Brunnenwasser nicht trinken, weil es voller Keime war. Man brauchte abgekochtes Wasser. Und weil die Ernährung nicht sonderlich gut war, sollte dieses abgekochte Wasser die lebenswichtigen Mineralien und Kalorien beinhalten, die ein Mensch so zum Leben braucht. Die Perfektionierung des jahrtausendealten Getränks „Bier“ oblag den Mönchen. Weil es aber nicht überall eine Klosterbrauerei geben konnte, baute man so genannte Kommunbrauhäuser. Also ein Brauhaus für die ganze Gemeinde. Darin konnte nun jeder brauberechtige Bürger sein eigenes Bier brauen. Das Braurecht liegt übrigens auf dem Haus, so können auch Zugereiste in diesen Genuss kommen.

Große Worte eines kleines Mannes am Ort großer und kleiner Geschäfte

Jedenfalls gab es nun die Kommunbrauhäuser, und die Bürger brauten fleißig. Fleißiger als sie eigentlich mussten, typisch oberpfälzer Workaholics (aber keine Workalcoholics!). Darum luden sie, wenns wieder neues Bier gab,die Gemeinde zu sich nach Hause ein und hängten einen „Zeiger“ vor die Tür. Daher der Name Zoigl. Der Zeiger war entweder ein Fichtenbuschn (Ast) oder ein sechseckiger Stern, der Zoiglstern. Dieser hat dieselbe Form wie der israelische Davidsstern, hat damit aber nichts zu tun. Vielmehr bedeutet das nach oben gerichtete Dreieck das Feuer, das nach unten gerichtete das Wasser, beides braucht man zum Brauen. Andere Erklärungen beinhalten noch weitere Elemente, sowie die Grundzutaten des Biers.

Der Zoigl ist in etwa mit ungefiltertem Kellerbier vergleichbar, er ist hefetrüb und hat wenig Kohlensäure. Der Geschmack reicht von feinsäuerlich über herb bis würzig-süffig.

Auch heute noch gibt es Zoiglstuben, bei denen man beim Wirt in der Küche oder in der Garage sitzt. Mittlerweile haben aber viele spezielle Räumlichkeiten im Erdgeschoss ihres Wohnhauses eingerichtet.

Der Zoigl ist aber auch der Ort, an dem Sprüche surrealisitscher Ausmaße erdacht werden. Zeit für eine kleine Sammlung?

Wer nun auf den Geschmack gekommen ist: Echten Zoigl gibts nur im Kommunbrauhaus. Allerdings finden sich davon nicht mehr viele. Hier ein 10-Punkte-Plan, wie eine Stadt eine lebendige Zoigl-Kultur reaktivieren kann.

Einige private Brauereien der Region bieten ebenfalls Zoigl an, was zu ziemlich zackigem Zoigl-Zoff führt.

Und wie wird denn nun der Zoigl hergestellt? Wir haben einen Zoiglbrauer einen Tag im Kommunbrauhaus begleitet.

Hier findet ihr die Bewertung sämtlicher Zoiglstuben (Die Bewertungen stammen aus Recherche-Exkursionen des Geschichtsvereyns. Sie entstanden in jahrelanger „Arbeit“ und werden laufend ergänzt. Vor Ort kann sich also bis dato manches geändert haben):

 

Orte mit Kommunbrauhaus:

Eslarn

Falkenberg

Neuhaus

Mitterteich

Windischeschenbach

 

Orte ohne Kommunbrauhaus:

Altenstadt

Botzersreuth

Erbendorf

Floß

Hammerles

Hohenthan

Kohlberg

Konnersreuth

Liebenstein

Neualbenreuth

Neustadt (an der Waldnaab)

Parkstein & Altenparkstein

Röthenbach bei Reuth

Schirmitz

Schönficht

Schweinmühle

Störnstein

Tirschenreuth

Vohenstrauß

Waldershof

Waldsassen

Weiden

Wiesau

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6 Kommentare

    1. Vor Ort notieren wir uns Eindruck, Geschmack, usw. in Stichpunkten. Ausformuliert und veröffentlicht wird es nicht sofort, deswegen keine Datumsangabe. Wenn du aber die Bilder anklickst, findest du in der URL den Bildernamen, der in den allermeisten Fällen das Aufnahmedatum angibt.

      1. Das ist aber doch etwas umständlich … Ein Datum ist schon hilfreich, um die Aktualität des Beitrags besser einschätzen zu können (auch wenn der Bericht erst ein paar Wochen später veröffentlicht wird).

      2. Gut, wenn es hilfreich ist, dann werde ich in der nächsten Zeit die Testzeiträume nachtragen, soweit sie mir noch bekannt sind. Sind dann ganz unten beim Beitrag zu finden.

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