Der Hofner-Zoigl in Konnersreuth

Granit, ein Sonnentor und der Zoiglstern. Typisch Oberpfalz.

Jetzt hat es also auch noch Konnersreuth erwischt. Seit März diesen Jahres gibt es eine Zoiglstube in der nördlichsten Gemeinde der Oberpfalz. Und damit am äußersten Rand des für eingefleischte Zoiglfans erträglichen Raumes. OK, Konnersreuth hat kein Kommunbrauhaus. Hatte es aber früher einmal. Wurde aber wie in vielen anderen Orten (Tirschenreuth!) abgerissen. War wohl nicht mehr rentabel. Danach starben trotzdem hier wie anderswo die Wirtshäuser. Verlust einer gelebten Heimat. Traurig. Aaaaaaaaber: Während im übrigen Bayern dadurch das Gemeindeleben weiter einschläft, und so Extremismen und Gegensätze wachsen, gelingt die Trendwende in der Zoiglregion. Ex Palatinato Superiore lux! Denn in so einem Zoigl, mit jeder neuen Zoiglstube, kommt die ganze Gemeinde wieder zusammen. Alt und Jung, Reich und Arm, Eingesessen und von auswärts, reißt die Mauern der Filterblasen, Generationenkonflikte, politischen Lager, Herkünfte ein und safft’s an Zoigl! In vino veritas, sed in Zoigl societas!

So, genug gscheid daher g’redt. Gleich in medias res, oder auf oberpfälzisch: Lafft’s und schmeckt’s? Kurze Antwort: Ja.

Lange Antwort (ganz, ganz lange Antwort):

Drinnen sorgt die unverputzte Wand für ein Urigkeitsplus.

Als wir uns Konnersreuth nähern, meint ein Freund noch: Wir sollten uns nicht als „Stoderer“ (Leute aus der Stadt) outen, das würden die Konnersreuther gar nicht mögen. Leute von draußen. Brrrrrr. Da hatte er vor etlichen Jahren schon schlechte Erfahrungen in dem Ort gemacht. Endlich angekommen, müssen tatsächlich nach einem Parkplatz suchen, obwohl Konnersreuth doch ein recht geräumiges Dorf, pardon, Markt ist. Vor dem Eingang spielen fleißig Kinder herum. Es ist zwar schon dunkel und Schlafenszeit, aber das wird hier lockerer genommen. In südlichen Ländern wie Italien und Spanien lärmen die Kinder schließlich auch noch draußen bis spät, und niemand stört sich daran. Hier hat die Zoigl-Oberpfalz wiederum eine Vorreiterrolle für Bayern und den Rest der Republik. Im Hof selbst fährt ein kleiner Bub mit einem winzigen Rad herum und schmeißt seine Breze vor dem Hauseingang auf den Boden. Ab und zu kommt das Kind wieder angefahren, reißt sich ein Stück ab und isst es. Na, der wird später keine Probleme mit Allergien haben. The Oberpfälzer way of stärking your Immunsystem.

Der Holzbalkon macht ordentlich was her.

Die Zoiglstube betreibt die Familie Haberkorn, benannt wurde sie aber nach dem alten Hausnamen „Hofner“. Wir betreten den Innenhof durch ein für die Region typisches Sonnentor. Im Hof sitzen zwar Leute, aber es ist doch schon recht kalt. Drinnen ist es leider voll, also die Jacke zugezogen und draußen hingepflanzt. Zumindest die Aussicht auf die andere Hofwand ist recht schön, denn da haben die Haberkorns Blumen gepflanzt. Das Männerklo ist übrigens in einem Bauwagen untergebracht, sehr kultig. Bald soll das Obergeschoss umgebaut werden, dann können mehr Menschen der Kälte des Oberpfälzer Herbstes, Winters, Frühlings entfliehen.

Die meiste Zeit werden wir vom Sohnemann versorgt, der trotz seiner jungen Jahre die Besonderheiten der Speisekarte besser drauf hat, als so manch erwachsene Bedienung anderswo. Die Bediengeschwindigkeit kann sich ebenfalls sehen lassen.

Der Zoigl selbst ist ausgezeichnet, süffig, mit leichten Honigaromen und kostet 1,80 Euro. Kein Wunder, dass er so gut ist, er stammt ja vom Wolfadl aus Falkenberg.

Vorbildlicher Geschmack.

Der Brotzeitteller kostet 4,50 Euro. Der weiße Presssack erinnert eher an eine sehr grobe Leberwurst, ist wohlig würzig und richtig gut. Das Greicherts ist leicht salzig und zart-schmelzend. Vielleicht eine seltsame Beschreibung für geräucherten Schinken, aber wer’s probiert, weiß was ich meine. Man muss nicht immer den platten Ausdruck „zergeht auf der Zunge“ verwenden. Der Leberkäse ist sehr gut und mild, leicht fleischig, ein Gedicht. Der Käse mundet ebenfalls, er ist buttrig und leicht säuerlich. Die Pfefferbeißer sind gut, schmecken aber irgendwie altertümlich. Nicht nach altem Fleisch, sondern so, wie es in alten Bibliotheken oder Gemäuern riecht. Die metaphorische Poesie der Hausmacherplatte. Das Gurkerl ist gut, das Radieserl OK, die Tomate eher fad. Die Leberwurst ist etwas fettig, schmeckt aber doch. Das Brot ist würzig, das Ei ganz gut, die Petersilie fein. Alles in allem eine Referenz-Hausmacherplatte! Das Fleisch stammt vom Metzger „Lipp’m“ aus dem Ort, auch das wieder ein Hausname. Der Zuagroaste findet ihn unter dem Geschäftsnamen Rosner.

Der Kollege hat die sauren Zipfel, die sind fein und leicht säuerlich.

Der Himbeerschnaps für 1,80 Euro ist (wie der Willi) recht fruchtig, kommt aber von Nordhäuser, ist also kein regionales Produkt.

Die Stele für Fritz Gerlich.

Anschließend gehen wir noch etwas durch den Ort. Wenige Schritte neben der Zoiglstube kommen wir an einer Tafel für Fritz Gerlich vorbei. Über die Resl hab ich schon kurz geschrieben, von ihr kann man halten was man will. Aber die Geschichte Gerlichs reiß ich jetzt trotzdem in diesem Zoigltest kurz an. Gerlich war Journalist, der sich zunächst gegen den Kommunismus, seit dem Hitlerputsch auch gegen den Nationalsozialismus aussprach. 1927 kam er nach Konnersreuth, eigentlich wollte er den „Schwindel“ der Resl enttarnen. Stattdessen aber begann, an die Echtheit ihrer Wundmale zu glauben. Er wurde Katholik, und engagierte sich immer stärker gegen die Nazis, wozu ihn auch die Resl ermutigte. Bis zuletzt wollte er die Machtergreifung verhindern. So schrieb er: „Nationalsozialismus heißt: Lüge, Hass, Brudermord und grenzenlose Not.“ Die Nazis ließen so viel Konsequenz nicht auf sich sitzen, im März 1933 wurde er eingesperrt, im Juli 1934 im KZ Dachau erschossen. Das ist Widerstand. Nicht das gschissene Facebookgeposte irgendwelcher Verschwörungspropheten.

Sooooo, und jetzt wieder den Spagat zur Zoiglstube zurück. Der ist gar nicht mal so weit. Oben habe ich geschrieben, dass heute wieder die Gegensätze, die Polarisierungen wachsen. Wo Gemeindeleben verarmt, wo Orte durch immer mehr Einkaufszentren auf der grünen Wiese entkernt werden, wo durch großzügigste Umwandlung in Industriegebiete die Landschaft verarmt, kurz, wo Heimat verloren geht, da protestieren die Menschen dagegen. Protest ist ein legitimes, ja gerechtfertigtes Mittel. Keinesfalls darf man Probleme oder Sorgen totschweigen. Man sollte sich nur fragen, welchen Protest man wählt, und was das für Leute sind, die da dahinterstecken. Oder ob man einfach die Menschen unterstützt, die ihren Ort wieder bereichern wollen. Etwa in der Feuerwehr, der Kirchengemeinde, dem Sportverein, dem Wirtshaus, oder in unserem Fall: der Zoiglstube. Der Zoigl verbindet scheinbar gegensätzliche Menschen, der Zoigl revitalisiert das Gemeindeleben. An das alles braucht man nicht denken, wenn man sich sein Getränk und seine Brotzeit schmecken lässt. Aber man sollte den Einsatz wertschätzen. Und wir wurden freundlich aufgenommen, obwohl wir uns als „Stoderer“ geoutet hatten. Zoigl wirkt eben.

Fazit: Was den Zoigl und das Essen angeht, da hat der Hofner gleich ganz oben die Messelatte angelegt und bei sehr guten Quellen eingekauft. Auch die Bedienung ist vorbildlich. Freilich könnte man noch nach ähnlich guten Schnäpsen aus der Region schauen. Ansonsten freuen wir uns auf die Erweiterung im Obergeschoß, denn draußen kann’s doch recht frisch werden.

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