Der Zoiglbrauer

Gute Stimmung ist in jeder Zoiglstube garantiert.

Gute Stimmung ist in jeder Zoiglstube garantiert.

Es ist kein normales Wirtshaus. Es hat nur an vier Tagen im Monat geöffnet, der Wirt ist ein Glaser, die Stammgäste müssen ihre Uhrzeit stempeln und die Biergrößen sind etwas anders. “A Struz hat drei Striezl und a Strahl hat zehn Struzl also hat ein Strahl dreissig Striezl. Bitte wiederholen!” Wenn es Nacht wird und der Stern vor der Türe hängt, dann schlüpft Ludwig Lindner in seine Geheimidentität (die allerdings jeder kennt) und wird zum “Heinerbeck”. Seine besonderen Kräfte als Facility Manager (er sorgt dafür, dass die Stechuhr richtig geht), Drogenbeauftragter (er füllt den Zigarettenautomaten wieder auf) und ehemaliger Seemann machen ihn zum nächtlichen Ritter in Gotham City. Also Windischeschenbach halt.

Um 3000 Liter zu heizen, brauchts eine gehörige Glut. Das Feuer brennt den ganzen Tag, so lange dauert der Brauvorgang

Um 3000 Liter zu heizen, brauchts eine gehörige Glut. Das Feuer brennt den ganzen Tag, so lange dauert der Brauvorgang

Das Brauen ist noch von anno dazumal, genauso wie der Bierpreis. Die Halbe Bio-Zoigl kostet 1,90. Damit sind die Gloser-Leute zwar 10 Cent teurer als die meisten anderen Zoiglstuben, aber für den Literpreis bekommt man in Städten wie München oft nichtmal mehr eine 0,3er Rentnerhalbe. Und die Biorohstoffe kosten das doppelte des Normalpreises.

„Heute brau‘ ich…“

Bei solchen Preisen darf man schon a wengerl vergnügt sein

Bei solchen Preisen darf man schon a wengerl vergnügt sein

Am Anfang steht das Feuer. Im Gemeindebrauhaus darf jeder brauberechtigte Bürger der Stadt Windischeschenbach sein eigenes Bier brauen. Wobei in der Praxis tatsächlich nur eine Gruppe von Zoiglwirten braut, die dann reihum einmal im Monat ausschenken. In Falkenberg brauen auch noch Privatpersonen für den Eigenbedarf.

Einer der Windischeschenbacher Brauer ist Moritz Popp. Vor dem Brauen heißt es erstmals anschüren. “Man mietet praktisch die Anlage für einen Tag. Und von dem Geld wird dann Wasser, Holz, Strom und alles gezahlt.” Kesselgeld nennen das die Windischeschenbacher. Neben den Betriebskosten legen die Brauer damit auch Rücklagen für größere Reparaturen etc. an. Malz und Hopfen müssen die Familien aber selber mitbringen. Da hat ja eh jeder sein eigenes Rezept mit eigenen Zutaten.

High-Tech anno 1928

High-Tech anno 1928

Zwei bis drei Ster Holz braucht Moritz für einen Brauvorgang. Wenns draußen kälter ist, können es auch schon einmal vier bis fünf sein. So viel brauchen manche Familien in einem ganzen Winter. Die Geräte hier sind fast 100 Jahre alt, automatisch läuft hier gar nix! Ein Generator treibt Maschinen an, die über Transmissionsriemen ihre Kraft an die Rührapparate der beiden Kessel abgeben. Moritz muss ständig an irgendwelchen Steuerrädern drehen, um die Flüssigkeiten umzupumpen. Andere Hebel tippt er immer wieder mit den Fingerspitzen an, das ja nicht zu viel oder zu wenig Sud rausrinnt.

Die meiste Zeit beim Brauvorgang nimmt wohl das Putzen ein

Die meiste Zeit beim Brauvorgang nimmt wohl das Putzen ein

Sauberkeit ist oberstes Gebot! Obwohl alles recht alt ist, dreckig ist hier nix. Moritz spritzt ständig mit Wasserschläuchen irgendwelche Geräte und Kessel sauber, die Wasserrechnung mag ich gar nicht sehen. Außerdem muss das Kühlschiff reinigen, den das Kühlen an der freien Luft ist ein großes Risiko für Infektionen von “Bierschädlingen”. Das sind aber keine Käfer, sondern Bakterien. Apropos Käfer: Das Kommunbrauhaus hat nach oben einen offenen Durchzug, die ganze Zeit stehen die Fenster weit offen. Aber Viechzeugs kommt hier keines rein. “Hier gibts keine Mäuse und keine Fliegen,” informiert Robert “Robbi” Sperber, auch Binner genannt. Er vermutet, dass das am Hopfen liegt. Den mögen die Krabbler nämlich nicht. Das Putzwasser vom Kühlschiff wird dann über einen Abfluss im Kühlschiff in die Kanalisation geleitet. Manche Spezialisten hätten schon einmal die Hebel für Gulli und Bierfass verwechselt, und das frisch gebraute Bier dann der städtischen Kläranlage anvertraut.

Zuckersüß

Klopfklopf, Zoiglkontrolle!

Klopfklopf, Zoiglkontrolle!

Zuerst maischt Moritz verschiedene Malzsorten in Wasser ein. Ist die Flüssigkeit eingemaischt, wird bei 72 Grad die Stärke des Malzes in Zucker umgewandelt. Verzuckern heißt das. Das Thermometer geht 2 Grad vor, manche Brauer berechnen das mit ein, Moritz geht lieber auf Nummer sicher und benutzt ein zweites Thermometer, das 85 Jahre weniger auf dem Buckel hat. Mit einem Tropfen Jod prüft er, ob noch Stärke im Gebräu ist. Solange es sich nicht blau oder violett färbt, passts. Dann wird das Bier geläutert, die Trebern (die Malzreste) von der Flüssigkeit getrennt. Die bekommen die Bauern als Viehfutter, für die berühmten Oberfälzer Bio-Zoigl-Rinder. Gut, die Rinder gibts jetzt so noch nicht, aber vielleicht irgendwann einmal. Dann wird einige Stunden aufgekocht. Am Anfang des Kochens gibt Moritz den Bitterhopfen dazu, kurz vor Schluss den Aromahopfen. Ebenfalls muss er auf die Oxidation aufpassen, zu viel Sauerstoff beim Brauvorgang macht einen säuerlichen Geschmack oder ein Kratzen im Hals. Früher braute man das Bier nach Wassertypen, weiß Moritz. In München gibts recht hartes Wasser, darum braute man da Dunkles, um den Geschmack zu übertünchen. Pilsen dagegen war für sein ausnehmend gutes Wasser bekannt.

Das ist keine finnische Biersauna, sondern das Kühlschiff. 100% Luftfeuchtigkeit.

Das ist keine finnische Biersauna, sondern das Kühlschiff. 100% Luftfeuchtigkeit.

Moritz hat früher Braumeister gelernt. Doch das Brauen des Bio-Zoiglbiers verlangt wegen der alten Maschinen eine Fingerspitzengefühl. Sogar der Luftdruck hat Einfluss auf den Biergeschmack. Denn wenn die Außenluft im Kamin runterdrückt, kann sich die Hitze unter dem Kessel nicht richtig entwickeln. Auf sowas muss man eben achten. Darum schmeckt es jedes Mal anders.

“Am Anfang hab ich immer geschaut, dass der Zoigl immer gleich schmeckt. Aber ich muss sagen unsere Kunden, die wollen das eigentlich gar nicht. Die wollen die Veränderung. Auch weil wir nur alle vier Wochen offen haben. Die freuen sich richtig auf die Überraschung, wie es das nächste Mal schmeckt.”

Das Kommunbrauhaus haben die Windischeschenbacher erst vor einigen Jahren renoviert, die Geräte sind aber die alten geblieben. Wenns hier zischt und dampft, könnte man fast meinen, Nebelgeister sind am Werk,

Das Kommunbrauhaus haben die Windischeschenbacher erst vor einigen Jahren renoviert, die Geräte sind aber die alten geblieben. Wenns hier zischt und dampft, könnte man fast meinen, Nebelgeister sind am Werk.

Im Kühlschiff kühlt das Bier von 100 Grad auf 14 Grad herunter. Das dauert bis zum nächsten Morgen. Kühlschiffe gibt es heute nicht mehr. Die Infektionsgefahr und das permanente Reinigen sind viel zu aufwändig, außerdem gibt es ja heute Kühlhäuser (Oskar von Linde hat übrigens für die Brauereien den Kühlschrank erfunden). Allerdings hat das Kühlschiff den Vorteil, das unedle Aromastoffe rausdampfen können. Das Bier pumpen die Popps dann in ein großes Fass und vergären es dann einige Wochen zu Hause zur Reife. So ist es Tradition. Dann kommt es in den Ausschank.

Ab in die Zoiglstube

Der wohl kultigste Biertansport. Robert Sperber holt Nachschub für seine Zoiglstube.

Der wohl kultigste Biertansport. Robert Sperber holt Nachschub für seine Zoiglstube.

Jetzt ist der Brauvorgang vorbei, was mich noch interessiert: Wird denn Zoiglweizen auch im Kommunbrauhaus gebraut? Moritz Schwester Anna informiert mich: “Nein, Weizen ist obergärig, Zoigl ist untergärig.” Moritz wird etwas direkter: “Zoiglweizen ist so etwas wie Zoigl-Salatdressing.” Heißt also so, hat mit Zoigl und dem Brauvorgang aber nicht wirklich was zu tun. Privat interessiert er sich für Craft-Biere, zu denen er auch den Zoigl zählt. Und natürlich für die Produkte kleiner Familienbrauereien. Von den industriellen Bieren hält er sich dagegen fern.

Hermine Popp ist die Chefin der Zoiglstube.

Hermine Popp ist die Chefin der Zoiglstube.

Alle vier Wochen ist Familie Popp dran mit dem Ausschank des Bieres. Der Biername Zoigl kommt von Zeigen, denn den Ausschank zeigen die Wirte mit einem Stern oder einem Fichtenbuschen an. Vater Martin zapft, Mutter Hermine kocht und die beiden Töchter Anna und Lena bedienen. Alle sind berufstätig.

Der Glaser Martin “Gloser” Popp meint: “Alleine kann man das nicht machen. Die Kinder waren ja damals noch jünger, vor zehn, elf Jahren haben wir angefangen. Die haben sich schon gefreut, aber sie haben nicht gewusst, was auf sie zukommt.” Der liebste Zoigl-Tag der Familie ist der Montag. Denn da ist der Stress meistens rum. Es sind keine Touristen mehr da, sondern nur noch Einheimische. Der Montag ist familiärer, und wenns nix mehr zum Essen gibt, kommt Butterbrot auf den Tisch.

Norbert Neugirg prüft kritisch den aktuellen Zoigl.

Norbert Neugirg prüft kritisch den aktuellen Zoigl.

Mittlerweile entdecken Biertouristen aus der ganzen Welt die Zoiglwirte, um diese oberpfälzische Besonderheit zu probieren. Ein englisches Paar aus Irland macht etwa jedes Jahr sechs Wochen Zoigl-Urlaub in Windischeschenbach. Doch die Kommunbrauer fürchten um diese Spezialität, denn viele Brauereien stellen nun auch das Zoiglbier her und vermarkten es sogar über Diskounter. Der Sprecher der Kommunbrauer und Kommandant der Altneihauser Feierwehr ist überzeugt, Zoigl darf nur aus dem Kommunbrauhaus kommen: “Über Jahre hat sich keine Sau dafür interessiert. Und jetzt wo’s langsam Fahrt aufnimmt, springen die anderen auch auf. Es ist ein Alleinstellungsmerkmal, das wirklich nur bei uns in der Region angeboten werden soll, damit die Gäste auch hierher fahren und die Emotion einer Zoiglstube und eines mit Herzblut gebrauten Bieres in sich aufsaugen. Wenn die in jedem Getränkemarkt so einen Pseudozoigl bekommen, das geht an der Sache vorbei.“

Zoigl-Land der Ideen

Ludwig Lindner alias Hausmeister Heinerbeck und die Stechuhr. Ordnung muss sein!

Ludwig Lindner alias Hausmeister Heinerbeck und die Stechuhr. Ordnung muss sein!

Vor dem Marken- und Patentamt sind die Kommunbrauer bisher gescheitert. Mehr über dieses Problem erfahrt ihr hier. Neben dem Kommunbrauer-Logo trumpfen sie mit kreativen Ideen auf. Wie der Stechuhr. Sie ist für Stammgäste reserviert. Die werden vom Wirt für eine gewisse Trinkmenge eingestellt, etwa zwei Halbe pro Stunde. Gehen sie nach drei Stunden, wird abgerechnet. Jetzt kommt der Heinerbeck wieder ins Spiel. Der muss ja dafür sorgen, dass die Uhr richtig geht. Und was bringt das bitteschön? „Trinkt der Stammgast in den drei Stunden sieben, gehts auf seine Seite. Trinkt er nur fünf, zahlt er halt drauf. Also da muss jeder selber wissen, wie viel er aushält.”

Martin "Gloser" Popp hat sichtlich Spaß an seiner Arbeit, auch wenn's echt stressig ist.

Martin „Gloser“ Popp hat sichtlich Spaß an seiner Arbeit, auch wenn’s echt stressig ist.

Zum Glück halten die Gäste einiges aus. Wie er den Zoigl beschreiben würde? “Wenn man in einen Zoigl reingeht, dann setzt man sich niemals alleine an einen Tisch, man setzt sich immer dazu.” So lernt man neue Leute kennen. Am Zoigl geht man, um sich zu unterhalten. Gewisse Puristen sehen es daher als störend an, wenn Musiker aufspielen. “Akkordeon-Terroristen” nennt man das im Fachjargon. Aber das ist ja mehr so Gefrotzel. Norbert Neugirg merkt an, dass das gemeinsame Arbeiten im Kommunbrauhaus und die Zoiglkultur für Harmonie im Ort sorgt. Nach einem Schluck Zoigl kann ich voll zustimmen! Und wie war das jetzt mit Striezl und Struzn und ähm? So ganz ernst waren diese Mengenangaben wohl nicht gemeint, wobei ja Pfief und Schnitt ja auch nicht jedermann sofort was sagen. Pfief und Schnitt heißen übersetzt: Eine halbe Halbe.

Ob der sich auf Zoigl oder Hausmacherplatte freut?

Ob der sich auf Zoigl oder Hausmacherplatte freut?

Ob Strutz oder Striezl oder Pfief oder Schnitt oder normale Halbe, Hauptsache es schmeckt. Und diesmal schmeckt der Zoigl wirklich ausgezeichnet. Zoigl-Tradition, made in the Oberpfalz.

 

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