Tirschenreuth

Die Haupstadt des Landkreises Tirschenreuth, in dem immerhin in zwei Orten noch gemeindlich gebraut wird, hat kein Kommunbrauhaus. Nicht mehr. Vor Jahrzehnten entschied man: Das Kommunbrauhaus muss weg, wir brauchen einen Platz mit einem großen Stein drauf. Bauliche Intelligenz war noch nie die Stärke der Tirschenreuther Stadtväter. Früher, ja, da gab es über 50 Zoiglstuben. Dann gab es nur noch den Rothballer. Mittlerweile sind es wieder ihrer drei. Mein Vorschlag an Mitglieder der herrschenden CSU, den Bayerl-Bräu zum Kommunbrauhaus umzuwandeln, trifft zwar beim Bier immer auf Begeisterung, aber am nächsten Tag ist wieder alles vergessen. Man sollte die mal auf Apfelschorle-Diät setzen.

Rothballer

Der Rothballer hat in all den Jahren die Fahne des Zoigls hoch gehalten. Der Rothballer ist Kult. Seine Frisur: Elvis Presley im schlohweißen Haar. Seine Stimme: Clint Eastwood nach drei Millionen Zigaretten. In seinen Händen befindet sich immer ein Senfglas, das er stets aufs Neue aus dem Zoiglfass füllt. Der Bauch, eine enorme Kugel unter einem kurzärmligen Hemd auf zwei Stecken-Beinen.

Seine Gäste, so sie noch zoiglunerfahren wirken, klärt er mit Hilfe dieses Senfglases über die Zusammensetzung dieses speziellen Bieres auf. Und lässt sie hernach eine Rechenaufgabe lösen, die „schon ein Studiendirektor vom Gymnasium“ nicht geschafft hat.

Im Rothballer treffen sich auch die Angler, weshalb ein kapitaler Hecht an der Wand hängt und sogar ein Aquarium im Eck steht.

Die Stube innen ist recht urig, im Sommer kann man noch unter einer mit Wellplastik überdachten Pergola sitzen. Die ist zwar auch nett bis kitschig dekoriert, doch die Neon-Beleuchtung könnte man ersetzen.

Wenn man im Rothballer war, dann weiß das die ganze Umgebung. Denn im Rothballer duftet es vorzüglich nach Currywurst, Schaschlik und Frittierfett. Der Duft setzt sich von der Kleidung bis in die Haarspitzen fest, und man trägt ihn überall mit hin.

Hier wird’s immer recht lustig, so mancher musste plötzlich lachen kurz nachdem er getrunken hatte, und der Zoigl suchte sich seinen Weg nach draußen durch die Nase. Was den Rest wiederum sehr amüsiert hat.

Natürlich kann der Rothballer nicht selber brauen, sein Zoigl stammt aus der Reuther Brauerei. „Saure Wochen, frohe Feste, Tages Arbeit, Abends Gäste. Dazu Reuther blank und würzig, fließt seit 1742.“ Damit das mal ein für alle mal klar ist!

Der Reuther Zoigl vom Fass ist würzig mit viel Hefe. Die ersten paar Male, an dem man den Zoigl genießt, heißt es dann: „Dou hockst moang gscheid aaf da Schissl!“ Das wollen wir mal nicht übersetzen. Trinkbar und schmackhaft ist er aber allemal.

Ab und zu will einem der Rothballer einen Ingwerschnaps andrehen. Ja die Finger davon lassen! Man trinkt, und ein paar Minuten setzt ein trockenes Kratzen, dann ein fürchterliches Brennen ein, grauslich.

Das Essen ist hier ein Gedicht. Ob Schnitzel, Currywurst oder Schaschlik, die Zoiglwirtin hat ein Händchen für exzellentes einfaches Essen. Wer vorbestellt und genügend Leute zusammenkommen, kann man auch ein All-you-can-eat mit Ripperln veranstalten. Das kostet 6,90 und der Rothballer rechnet pro Nase 1 Kilo. Sollte man von satt werden. Außerdem gibt es auf Vorbestellung auch Sauer-, Reh- oder Entenbraten, da schwärmt die ganze Stadt davon, ich hab aber noch keines probieren dürfen, ist schon immer sehr lang ausgebucht.

Fazit: Wer danach keine Damen mehr in der Disco aufreißen will (Zoiglduft), der ist hier richtig. Der Rothballer ist eine Institution und bürgt für gutes Essen und ebensolche Stimmung.

Nachtrag: Leider ist der Zoiglwirt vor einiger Zeit gestorben. Gott sei seiner Seele gnädig und rechne ihm all die frohen Stunden an, die er seinen Gästen beschert hat! Die Zoiglstube ist leider bis auf weiteres geschlossen.

Postgassl

Der Postgassl-Zoigl erinnert irgendwie an die gute, bescheidene, fleißige Vergangenheit der Porzellan- und Tuchmacherstadt. Nicht, dass man hier irgendwo viel Porzellan fände. Aber das Postgassl drückt einen besonderen Arbeiterstädtchen-Charme aus. Im Vorraum sind auf einer Tafel die Sonder-Gerichte angeschrieben, die es nicht auf die Karte geschafft haben. Wir kommen rein und finden im Erdgeschoss immer die selben Leute auf immer den selben Plätzen sitzen. Als hätte es die zoiglarmen Jahre in Tirschenreuth nie gegeben. Das Postgassl ist für viele, für Handwerker, Landwirte, Hippies, Studenten, Großkopferte, Arbeiter zum zweiten Wohnzimmer geworden. Nix übertriebenes, nix besonderes, einfach nur da sein. Der Ort, an dem die einen ihre Jugend, die andere ihre Rente verbringen wollen. Man kann es nicht an etwas Bestimmten festmachen, ich glaube es sind die Leute und die Betreiber, die einem ein stilles Wow für diesen Ort entlocken.

Aber, es ist ja wieder voll. Also zurück in den Vorraum und ein paar Treppenstufen rauf in den oberen Raum. Vorbei an einem riesigen Brotbackofen aus Metall, irgendein Vorkriegsmodel (WK I). Da finden wir endlich hinten im Separée noch einen freien Tisch, direkt am Kachelofen, der auch ganz schön bollert.

Im Postgassl sind die Bedienungen superfreundlich, und besonders lange muss man nicht auf seine Bestellung warten.

Der Zoigl ist hier ein Mysterium. Ganz am Anfang kam er aus einem Braumobil aus Lengenfeld bei Waldershof, heute weiß niemand, wer diesen Zoigl braut. Meistens schmeckt er aber ganz ordentlich. Nur letzthin schmeckte die erste Halbe frisch und klar, Tendenz Hartwich oder Posterer, und die zweite und dritte erinnerte wegen ihres schweren süßlichen Gustos an Starkbier. Dass Zoigl jeden Monat anders schmeckt, ist klar. Aber dass er am selben Tag zwei verschiedene Geschmacksrichtungen hat, das ist neu.

Ab und zu gibt es einen herausragenden Waldhimbeergeist. Der steht dann aber nicht auf der Karte.

Die Hausmacherplatte ist eine Wucht. Zumindest ist sie sehr wuchtig. Der weiße Presssack ist extrem ausgezeichnet gut, feinsäuerlicher Ziederer und frisches Fleisch. Der rote Presssack, ist wie in den meisten anderen Zoiglstuben eher das Stiefkind, fettig-schokoladig. Die Speckwurst ist die größte Scheibe ihrer Gattung, die ich je auf einem Brotzeitteller gesehen habe. Durchaus essbar. Der Leberkäse schmeckt anfangs herausragend, weil die Kruste perfekt gebacken ist. Mit der Zeit schlägt aber doch ein Fettgeschmack durch. Die Göttinger dagegen ist das genaue Gegenteil. Am Anfang neutral, kommt später eine tolle feine Würze raus. Das Geräucherte ist sehr dünn geschnitten und erinnert eher an luftgetrockneten Schinken. Die Leberwurst ist gut, leicht fettig, aber nichts Besonderes. In der Mitte liegt noch eine große Scheibe, die an eine Bierwurst erinnert. Allerdings scharf, sollte man zum Schluss essen, weil die Schärfe den feinen Geschmack der anderen Sorten übermalt. Die Sauergurke top, ach ja, und drei Snackbrezen gibt’s auch noch drauf, das Auge isst mit! Und ein minifuzzi Petersilienblatt, grüner essen heißt gesünder essen.

Das Kesselfleisch mit Kraut oder mit Semmelkren polarisiert, ich mag den Semmelkren nicht so, für andere ist es der beste der Welt. Das Kraut kann man reinschlichten, ist gesund und schmeckt.

Die Sulz ist ordentlich. Einmal allerdings war sie doch sehr kalt. Ich fragte die Bedienung, ob sie die mir etwas wärmen könnten. „Nein, eine Sulz isst man kalt.“ „Ja, aber die ist gefroren.“ Hui, da hatte ich ganz schnell eine neue am Tisch stehen. „Die andere ist im Kühlschrank ganz hinten gestanden,“ hieß es dann mit hochrotem Kopf. So was kann vorkommen, aber positiv gesehen ist man sicher, dass sie dann auch ganz frisch geblieben ist.

Fazit: Im Postgassl kann man einen ruhigen, lustigen Abend verbringen, ganz ohne aufgedrehte Menschen. Sondern mit echten Tirschenreuthern.

Boderfuchs

Der Boderfuchs ist eigentlich der Hausname und darum auch der Name der Zoiglstube. Trotzdem wird mittlerweile auch der Wirt so bezeichnet. Also nicht durcheinanderkommen.

Den Boderfuchs könnte man fast schon als Erlebnisgastronomie bezeichnen. Denn da ist immer ein Gesumms los. Im Erdgeschoss sitzen die Eltern- und Großelterngeneration. Im ersten Stock dann die Jugend. Überall kann man froh sein, wenn man noch einen Platz hinter dem Ofen ergattert.

Die Einrichtung ist recht urig, man hat sehr auf Originalität geachtet. So sind die Bänke aus einer alten Kirche in Ostdeutschland. Das Radio von anno dunnemals ist sogar noch funktionsfähig. Und an der Wand hängt ein Bild vom Vater vom Boderfuchs, der noch mit über 90 Jahren mit seiner Quetschn (Akkordeon) in der Zoiglstube für Stimmung gesorgt hat.

Die Bedienungen sind meist sehr im Stress, wenn sich’s aber leert, dann sind sie sehr freundlich. Einmal wollten wir zu vorgerückter Stunde noch unseren Hunger stillen, doch oh weh!, die Küche hatte bereits die Fahne gestreckt. Nachdem wir eine halbe Stunde rumgejammert hatten, dass uns aaaaaach soooooo huuuuuungerte, kam auf einmal die Frau Wirthaus reinmarschiert mit einem riesigen Teller voller Würste. Ein kleiner, deftiger Gruß aus der kurz wiedereröffneten Küche. Sowas nennt man Gästebetreuung!

Der Zoigl war früher von der Wolframstuben. Jetzt kommt er von der Reuther Brauerei. Allerdings eine Spezialanfertigung für diese Zoiglstuben, also nicht dersebe wie man im Laden kaufen kann. Schmeckt a wengerl milder als der normale Reuther-Zoigl. Aber bitte unbedingt  den Abend über auf den Flüssigkeitshaushalt achten, manche Leute sollen schon Kopfschmerzen bekommen haben.

Lustig anzuschauen ist der Bierlikör. Ob es tatsächlich ein Bierlikör oder ein Amaretto oder irgendwas anderes ist, weiß man nicht. Auf jeden Fall sieht er gar putzig aus. Serviert in einem Mikromasskrug, goldene Farbe und mit einer Sahnehaube als Bierschaum.

Die Brotzeitplatte wurde noch nicht verköstigt.

Eine Besonderheit ist der Südtiroler Speck, den bringt der Boderfuchs höchstselbst aus diesem Lande mit, hauchfein geschnitten, die wissen wie man das macht.

Die Bauernseufzer sind extrem fett.

Da sollte man lieber zum Obazden greifen. Der sei, von vielen Quellen so bezeichnet, der beste der Welt. Tatsächlich kann ich dem im bisherigen Vergleich zustimmen. Er kämpft mit dem Obazden vom Moierhof um Rang eins, wobei ich nicht sicher bin, ob man diese beiden überhaupt vergleichen kann. Der vom Moierhof ist cremig und weiß, der vom Boderfuchs hat die typische Obazdenfarbe und ist feinwürzig.

Fazit: Einen ruhigen Abend hat man hier nicht. Den Boderfuchs besucht man, wenn man Leute treffen oder kennen lernen will.

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