Weiden

Bislang noch kein Zoigltest in Weiden? Die Stadt ist ja immerhin die größte Stadt der nördlichen Oberpfalz, da sollte doch einer zu finden sein. Schließlich ist man hier hip, und einen Zoigl hat man heutzutage einfach. Sonst ist man nicht in. Weil Gemütlichkeit ist in dieser Gegend noch hipper als Bart, Spiegelreflexkamera und Sonnenbrillen im Miami Vice Look. Huuuu, und ein Zoigl ist ja sowas von Retro!

Der Glöckerlbauer

A gscheide Zoiglstubm is a gscheid full. (Die Stube, die Gäste, mei, die ab und zu ebenso)

A gscheide Zoiglstubm is a gscheid full. (Die Stube, die Gäste, mei, die ab und zu ebenso)

Der Glöckerlbauer in Weiden ist gar nicht einmal so schwer zu finden. Autobahnabfahrt Weiden Nord, dann zweimal rechts abbiegen, gerade aus und dann auf der linken Seite. Die Zoiglstuben ist in einem alten Stadel untergebracht und bombenvoll. Wir müssen später wiederkommen, weil kein Platzerl frei ist und andere Leute noch vor uns warten. Beim zweiten Versuch klappts aber dann endlich, und wir können uns auf Bänken niederlassen, die recht angenehm zu sitzen sind. Die Einrichtung könnte etwas weniger auf bayerisch gemacht sein, das Plastik-Hirschgeweih am Tisch als Deko, naja…

Es sind viele jüngere Herren aus Weiden da, die schauen für eine Zoiglwirtschaft schon sehr gestylt aus. Mei, aber das macht ja auch einen Zoigl aus, dass da neben den bayerischen Urgewächsen Leute sitzen, die so auch in Schwabing oder sogar in der Maxvorstadt und im Glockenbachohne Probleme in die Clubs gehen könnten. Wir kommen mit einem Mann am Nebentisch ins Gespräch, der beklagt, dass es so laut ist. Das stimmt, aber leise Zoiglstuben gibt’s nicht wirklich viele. Denn oftmals kommt es vor, dass Menschen hier Bier trinken. Und manche Ethnologen haben beobachtet, dass sich bei gewissen Säugern der Gattung homo palatiensis superior dann das Kommunikationsvolumen verstärkt.

Der Zoigl stammt vom Püttner Bräu und ist schon gut, aber sehr, sehr würzig mit einem deutlichen Kupfergeschmack. Also wenn Essen mit dabei ist, dann hat man da schon ordentlich zu kämpfen, weil der Zoigl mit satt macht. Mehr als einen trinkt man mit vollem Magen nicht.

Zweifellos eine der am reichlichsten belegten Brotzeitplatten.

Zweifellos eine der am reichlichsten belegten Brotzeitplatten.

Der Brotzeitteller für 4,50 ist gar kein Teller, sondern tatsächlich eine Schieferplatte. Überreichlich belegt, sogar für einen Zoigl, da sollte man Hunger mitbringen. Die Platte sieht schick aus, aber knirscht etwas beim Schneiden. Sie deckt wohl den Tagesbedarf des Körpers an Schiefer.

Der rote Presssack schmeckt wie Weihnachten, hat super Gewürze, ich kann sagen, das ist der beste rote Presssack meines Lebens!

Der weiße dagegen schmeckt leicht alt, aber nicht schlecht. In den Tonnen an Aufschnittwurst, die mit drauf sind, sind zwei nicht zu identifizieren, weil sie keine nennenswerten Gewürze oder eine besondere Textur haben. So einfach eine hautfarbene Wurst halt. Die schmeckt gut, aber nix großartiges. Die Mettwurst erinnert an Bifi, salzig-würzig. Fantastisch ist die Leberwurst, so cremig, aber auch mit groben Stücken, nicht zu salzig, nicht zu fad, genau richtig! Etwas zu viel Salz hat leider der Leberkäs erwischt. Der Schinken ist eher so lala, das Gurkerl ebenfalls. Das Stückerl Landjäger schmeckt interessant, aber auch irgendwie schweißig. Die Jagdwurst ist gut, wie der Bierschinken, die Paprikawurst sogar sehr gut. Hm, Aufschnittwurst habe ich in letzter Zeit immer häufiger bei einem Zoigl gesehen und gegessen. Grundsätzlich ist ja nichts dagegen einzuwenden, nur Aufschnittwurst hat man halt allerweil. Lieber auf Spezereien setzen, die man nicht ständig bekommt.

Der Käse ist sehr buttrig-cremig. Das Brot ist noch warm, wohl vom auftauen.

Zum Verdauen haben wir den selbergemachten Kümmellikör probiert, den es hier auch zum Verkauf gibt. Er ist gut, aber schon arg süß.

Fazit: Wer mit Weidener Hipstern und ureinwohnenden Oberpfälzern in einer Stuben sitzen will, der ist hier richtig am Platz. Die Brotzeitplatte bietet eine überreichliche Grundlage für den Abend. Selbiges gilt für das Bier.

Test vom 14.11.2015