Das Schloss

Mei, was soll man denn noch zu Neuschwanstein schreiben? Das kennt doch die ganze Welt. Die ganze Welt? Nicht ganz. Ein kleines Land trotzt dem Wissen um die allerköniglich-bayerischste Ästhetik und stellt sich quer. Doch sollen auch sie nicht in gänzlicher Unwissenheit um die Großartigkeit unserer Heimat dahinvegetieren. Drum leset und lernet, liebe Österreicher!

DAS Schloss

DAS Schloss

Ich sitze mit einigen ehemaligen Kollegen in Salzburg und erzähle davon, ein paar Tage später ins Schloss Neuschwanstein zu fahren. Die Reaktion sind durchweg positiv, schließlich fährt man ins Herz des bayerischen, ja des deutschen Tourismus! Nur eine Kollegin aus Österreich meint: „Neuschwanstein? Kenn ich nicht!“ Meine Kinnlade klappt runter, zu Glück sitzen wir im ersten Stock, so dass sie nur den Betonboden, und nicht den ganzen Erdmantel durchschlägt.

Der Innenhof.

Der Innenhof.

Ein bayerischer Kollege googelt gleich mal Bilder auf seinem Handy, um ihr Fotos des Schlosses zu zeigen. Das müsste doch jeder Europa- oder Disney-affine Mensch, also jeder, der mal irgendwann mal den Fernseher für eine Micky Maus-, Dschungelbuch-, o.ä.-produktion angeschaltet hat, kennen. „Nein, Versailles kennt man, aber das nicht. Das kennt man wohl nur, wenn man aus der Gegend ist.“ Meine Kinnlade klappt wieder runter und erschlägt einen Passanten, der im Erdgeschoss vorbei geht – nicht weniger glaubhaft als das, was ich gerade hörte.

Aus der Gegend kommen? Versailles bekannter?? Ich glaube nicht, dass Walt Disney diesen Kasten als Vorbild für sein Cinderella Castle genommen hätte. Wenn man einen Amerikaner nach Versailles fragt, sagt der: Versailles – Wer? Oder besser Who? Darum heißt Versailles auch in den USA Whosailles, während Neuschwanstein mit the most famous castle of the world übersetzt wird – true story!

Das Schloss Hohenschwangau vom Museum der bayerischen Könige aus gesehen.

Das Schloss Hohenschwangau vom Museum der bayerischen Könige aus gesehen.

Je nun. Zwei Tage später halte ich im Ort Hohenschwangau Einzug. D.h. ich fahre mit dem Auto hinein und stelle es auf einen Parkplatz ab, für den ich sechs Euro löhnen darf. Die Autos neben mir kommen aus Norwegen, Schweden, Litauen (oder Lettland), Russland, Italien. Die sind wohl alle „aus der Gegend“. Sogar ein Reisebus aus Bydgoszcz ist da, das kann ich ja nicht mal aussprechen, dann ist es bestimmt ein Ort im Allgäu.

Ich gehe zum Ticketcenter und stelle mich in die deutlich kürzere Schlange. Aufgrund eines Tipps habe ich mir nämlich Karten reserviert. Ansonsten müsste ich stundenlang im Regen anstehen. Jetzt dauert es nur 20 Minuten. Ich habe mir das Prinzenticket bestellt, das beinhaltet den Besuch von Neuschwanstein und des Museums der bayerischen Könige. Wer nur letzteres oder das Schloss Hohenschwangau besuchen möchte, der kann sich ebenfalls in der Expressschlange anstellen.

Der Termin meiner Führung ist einige Zeit später, darum gehe ich vorbei an zahlreichen Nippes-Läden zu einem Imbissstand, an dem ich ein Apfelschorle und eine Art Mischung aus Brat- und Currywurst zu mir nehme. Wahnsinns bayerisch das alles.

So sauber und geleckt, das könnte fast aus einer Disneykulisse stammen und keine 150 Jahre alt sein.

So sauber und geleckt, das könnte fast aus einer Disneykulisse stammen und keine 150 Jahre alt sein.

Dann mache ich mich an den Aufstieg zum Schloss, neben mir Spanier und eine US-Schulklasse. Auch die obligatorischen Japaner und/oder Chinesen. Teilweise in Pferdekutschen. Jetzt stehe ich schon am Fuße des Schlosses. Einerseits jagen schon leise Schauer der Erhabenheit über den Rücken ob diesen Ortes. Andererseits ist es aber von außen so dermaßen sauber, dass es fast wie frisch gebaut, ja fast künstlich wirkt.

Weil es immer noch dauert bis zur Führung, schaue ich mir die hochberühmte Marienbrücke an, jene filigrane Meisterleistung der Ingenieurskunst über die Pöllatschlucht. Vom Weg darf nicht abgewichen werden, Lebensgefahr. Man kommt ins Rutschen und schwups ist man weg. Bzw. noch da, aber ein paar zig Meter weiter unten und vielleicht auch nicht mehr im Ganzen. Die Gefahren auf der Marienbrücke selber halten sich in Grenzen, man muss nur aufpassen, nicht von Selfie-Sticks erschlagen zu werden. Unten die rauschende Pöllat, links und rechts daneben der Bergwald, vor einem ein Ausblick über Neuschwanstein ins Voralpenland.

Die Marienbrücke über die Pöllatschlucht, eine technische Meisterleistung der damaligen Zeit.

Die Marienbrücke über die Pöllatschlucht, eine technische Meisterleistung der damaligen Zeit.

Dass es die Brücke gibt, haben die königstreuen Bayern offensichtlich den Franken zu verdanken.

Dass es die Brücke gibt, haben die königstreuen Bayern offensichtlich den Franken zu verdanken.

So. Jetzt aber rein ins Schloss. Nunja, zunächst einmal in den Schlosshof. Denn bis zur Führung dauert es im-mer-noch. Meiomei. Das ganze Leben lang mit einem Besuch gewartet und es jetzt nicht erwarten können. Weil’s noch nieselt, setze ich mich in das Infobüro. Dort steht eine Büste von unserem König Ludwig II., der mit visionärem Weitblick beeindruckt. Außerdem liegen Flyer aus zu den Königsschlössern. Darin ein Foto von Markus Söder, der mit uninspirierendem Schlafzimmerblick dreinguckt. Sic transit gloria mundi… Egal ob in der Broschüre zu den Münchner Residenzen, zu Neuschwanstein, zu Linderhof oder zu Ludwig II. und seinen Schlössern, stets wünscht er uns einen immer gleichen „spannenden Besuch“. Arbeite effizient mit Textbausteinen!

Soooo, jetzt geht’s los! Das Fotografieren im Schloss ist streng verboten, darum gibt es auch keine Bilder. Ach wie schade, nun muss der geneigte Leser selber vorbei kommen und sich das alles selber antun. Rentiert es sich? Ja. Die Zimmer sind schön. Das Schloss ist groß. Man erfährt viel. Genug erzählt?

Allein das Bett, an dem sich die Schreiner im Stil der Neogotik voll ausleben konnten. Überhaupt ein Schloss an so einer exponierten Lage, von einem Theatermaler geplant, die Ausstattung irgendwo zwischen deutscher Romantik und Byzanz. Prachtvoll, bunt, inspiriert von den Opern Richard Wagners. Ja, auch Bayern durfte mal einen Benchmark setzen, was visionäre Traumwelten angeht. Die mit damaliger High-Tech umgesetzt wurde. Das Schloss hat einen Wintergarten, ein Pool war geplant, und – wir erfahren, dass das Schloss fließend Wasser und sogar ein Abwassersystem hatte. Nimm dies, Versailles, wo man prachtvoll in einen Eimer in der Ecke kacken durfte.

Gäste aus aller Herren Länder.

Gäste aus aller Herren Länder.

Leider wurden viele Dinge nicht vollendet, etwa der Thron. Da hätte man die Leute noch mehr staunen lassen können. Nach Ende der Führung schauen wir uns noch die große Küche an. Alles konnte selber hergestellt werden, von der Brotbäckerei bis zum Fischbassin ist alles vorhanden. Immer noch stehen die Kupfertöpfe da. Bereit für den nächsten König. Es kommt einem Walter Sedlmayr in den Sinn, in Hans Jürgen Syberbergs Film von 1973: „Theodor Hierneis oder wie man ehemaliger Hofkoch wird.“ Dort erzählt Sedlmayr die Erlebnisse des Kücheneleven, also Koch-Azubis Hierneis, im Schloss Neuschwanstein in Diensten Ludwigs II. Wir erfahren etwa, wie man einen Pfau brät. Der allerdings nicht besonders gut schmecken soll.

Wer den Weg zur Cafeteria nicht scheut, der kann sich nebenan auf einen Balkon stellen und hat von dort wohl den schönsten Ausblick ins Tal. Es gibt in der Cafete Wein aus Franken, den sich ein russisches Pärchen genehmigt. Die Cafeteria könnte allerdings noch etwas an Charme gewinnen, zeitweise wirkt sie doch eher wie eine Kantine.

Die Aussicht vom Balkon hat was.

Die Aussicht vom Balkon hat was.

Wir steigen immer tiefer runter ins Schloss, bis wir am Fußende wieder an die frische Luft treten. Es war beeindruckend, ja. Aber aufgrund der Touristenmassen eilt man in der Führung auch von einem Raum in den nächsten. Innehalten wäre schon angebracht gewesen. Das gelingt nur ein bisserl in der Cafeteria, selbst auf dem Balkon ist es schon recht überlaufen.

Wild rauscht die Pöllat.

Wild rauscht die Pöllat.

Ich mache mich wieder auf den Rückweg und ziehe vorbei am Schloss Hohenschwangau, dem ich wohl beim nächsten Mal einen Besuch abstatten muss, zum Museum der bayerischen Könige. Das wurde erst vor wenigen Jahren eröffnet und enthält viele Stücke des Wittelsbacher Ausgleichsfonds, die Stücke sind also noch im Besitz der Familie Wittelsbach. Das Museum ist deutlich weniger überlaufen als Neuschwanstein, obgleich wir auch hier französische und englische Stimmen hören. Wir sehen einen schier endlosen Stammbaum dieser Familie mit ihren Nebenlinien, wie etwa Pfalz-Zweibrücken. Wir finden einen prächtigen Mantel von König Ludwig II., Büsten, Gemälde und ein gigantisches Geschirrservice zur goldenen Hochzeit des letzten bayerischen Königspaares. Besonders interessant die Geschichte von Kronprinz Rupprecht. Der bayerische Kronprinz, Sohn Ludwigs III., befehligte das bayerische Heer im ersten Weltkrieg. Recht bald stellte er fest, dass Kaiser Wilhelm II. keinerlei militärische Fähigkeiten hatte. Auch der Obersten Heeresleitung stand er kritisch gegenüber. 1916 gab er seinem Vater zu verstehen, dass der Krieg nicht gewonnen werden konnte und plädierte für einen Verständigungsfrieden. Man denke nur, was passiert wäre, hätte er sich durchgesetzt. Keine zwei weitere Jahre sinnlosen Gemetzels mit Gas, Flammenwerfern, Minen. Auch im Jahre 1933 stand der bayerische Ministerpräsident Held im Kontakt mit ihm, er hätte im Falle der Machtergreifung der Nazis die Regierung in Bayern übernehmen sollen. Doch als der Tag X tatsächlich eintrat, zögerten beide. Fatal. Das hätte dem gerade angetretenen Hitler einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ein unabhängiges Bayern, mit einem König an der Spitze, das hätte einen gehörigen Keil zwischen die Nazis und die Deutschnationalen getrieben. Die meisten konservativen Bayern waren ja eh aufgrund ihrer katholischen Sozialisierung kritisch gegenüber dem Regime eingestellt. Wer weiß, wie es dann gekommen wäre. Rupprecht musste sich dem Zugriff der Nazis entziehen und sich im Ausland verstecken. Andere Wittelsbacher, etwa seine Frau und seine Kinder kamen ins KZ, zuerst nach Dachau, dann nach Flossenbürg. Nach dem Krieg widmete er sich der Kunst, wie auch sein Enkel, Herzog Franz, der gegenwärtige Chef des Hauses Wittelsbach, ja eine große Kunstsammlung hat. Die übrigens das Museum der Moderne bestückt.

Nach so viel bayerischer Familiengeschichte treten wir hinaus, ans Ufer des Alpsees. Eine traumhafte Kulisse. Die wiederum Gäste aus allen Herren Länder vereint.

Der Alpsee, so schlecht das Wetter vorher war, so schnell hat es sich wieder geändert.

Der Alpsee, so schlecht das Wetter vorher war, so schnell hat es sich wieder geändert.

Eine Anmerkung, eine Kritik muss ich noch loswerden. Wenn man so aus dem Museum tritt und ein Foto aus dieser wunderbaren Region an die Daheimgebliebenen senden will, so kann man sich das völlig abschminken. Denn die meiste Zeit hat man nur Edge-Empfang auf seinem Schlaufon, und weil gefühlt jeder, ob Asiate oder Amerikaner Fotos an seine Lieben schicken will oder irgendwas anderes im Netz nachschauen möchte, ist die Verbindung zur großen weiten Welt im Popo. Dieser Ort ist der touristisch wohl meist frequentierteste des Freistaates (außer dem Oktoberfest), DAS Aushängeschild Bayerns in der Welt, hier könnte man sich perfekt als Laptop und Lederhose präsentieren. Stattdessen kann man alles Technische getrost in der Hose verschwinden lassen. Das ist einfach nur sehr, sehr peinlich. König Ludwig hätte da schon längst Abhilfe geschafft. Außerdem hätten Mobilfunkmasten unter seiner Ägide wohl deutlich ästhetischer ausgesehen. Das war halt früher, als man noch Fortschritt und Schönheit im Sinn hatte… Aber wir leben in der modernen Zeit. Mit hässlichen Masten und ohne schnelles Internet, wo’s gebraucht wird. Was sollen da nur die Leute sagen, die „nicht aus der Gegend sind“? Wie soll denn dann das einzige Land auf der Welt, das Neuschwanstein nicht kennt, Österreich nämlich, von seiner Existenz erfahren?