Der Jägersmann

Jäger und Wilderer wecken in der bayerischen Tradition ja wildromantische Vorstellungen. Meist sind die Wilderer in den Geschichten die Guten, die Jäger (alias Förster) die Vertreter der staatlichen Ordnung, die stets das Nachsehen haben.

Dass Wilderer tatsächlich Kriminelle sind, sollte spätestens seit dem Amoklauf in Österreich klar sein. Und wie stets mit den Jägern?

Ab und zu findet man doch Menschen, die den Beruf des Jägers grausam finden und stattdessen vorschlagen: Kauft Eure Wurst doch im Supermarkt!

Je nu, während das Jagdtier ein artgerechtes Leben wie kein anderes geführt hat und gesundes Fleisch bietet, versorgt uns die Supermarkt-Wurst mit Antibiotika und einer Tierhaltung, die eher an Straflager erinnert. Jagen ist also deutlich tierfreundlicher, und wer nicht jagt, der soll doch bitte zum kleinen Metzger nebenan gehen, der beim korrekt arbeitenden Bauern aus dem Nachbardorf einkauft.

Soweit wäre das geklärt. Aber, was ist das überhaupt für eine Arbeit, zu jagen? Grundsätzlich der wohl älteste Beruf, neben dem Sammler. Während sich die Sammler heutzutage aber weniger um Wurzeln und Beeren, sondern mehr um Ü-Eier-Figuren und Gemälde kümmern, streifen die Jäger wie vor Jahrtausenden durch den Wald. In Bayern gibt es noch einige wenige Berufsjäger. Diese sind meist von Jagdpächtern angestellt, um sich um das Revier zu kümmern und die Abschussquoten einzuhalten. Wir begleiten zwei Berufsjäger im Allgäu.

Morgenstund hat Gewehr im Anschlag

Die Arbeit beginnt früh, sehr früh, nämlich vor Sonnenaufgang. Und so oft streift der Jägersmann nicht umher, vielmehr sitzt er. Nicht rum, sondern an. Morgens in der Dämmerung, abends in der Dämmerung. „Wir gehn aus dem Haus wenn’s dunkel ist, und wir kommen heim wenn’s dunkel ist. Das können ganz schön lange Tage werden, gerade im Sommer.“ 60, 70, 80 Stunden Arbeit in der Woche mit sieben Werktagen. „Die Familie muss das mitmachen wollen. Ich verbringe mehr Zeit mit meinem Kollegen als mit ihnen.“ Besonders heftig wird’s zur Weihnachtszeit. Die Zeit, die man eigentlich mit seinen Lieben verbringen möchte. Doch die Jäger müssen raus in den Wald. Der Staat gibt Abschussquoten vor, die bis Jahresende erfüllt sein müssen. Ansonsten drohen heftige Geldbußen. Das sei die größte Schwierigkeit an dem Beruf, der psychische Druck durch die Quoten. Da kommt man schon einmal mit schlechter Laune nach Hause, wenn wieder nichts vor die Flinte lief.

Also, in der Frühe ansitzen. Die beiden Jäger sind eingehüllt in dichte Lodenmäntel. Es regnet ziemlich heftig in diesem Alpenwald. Im Ort nebenan drehen sich die Bürger nochmal um und nehmen noch eine Mütze Schlaf. Der Jagdhund wartet ein paar Meter vor dem Stand entfernt und schaut miesepetrig drein. „Gebirgsschweißhunde mögen das Wasser nicht sonderlich.“ Das Mündungsloch haben die Jäger mit Klebeband abgeklebt. „Wenn da ein Regentropfen reinkommt, kann der Lauf durch den Druck beim Schuss platzen.“ So ganz ungefährlich ist der Beruf also nicht.

Sie warten und warten und warten. Wild – zeigt sich nicht.

Wer Berufsjäger werden möchte, braucht natürlich einen Jagdschein. Und eine Berufsausbildung, egal welche. Unsere beiden haben vorher Bankkaufmann und Restaurantfachmann gelernt. Die Liebe zur Natur, zu Wald und Wild hat sie dann umgestimmt. Handwerkliches Geschick bietet sich ebenfalls an, sie müssen ja schließlich auch Hochsitze bauen. Achja, besonders schießwütig oder eigenbrötlerisch kommen mir die beiden nicht vor. Eher bodenständig, locker, lustig, der eine knappe 40, der andere noch unter 30 Jahre alt. Sie arbeiten ordentlich und gewissenhaft, das merkt man. Halali ist eben kein Halligalli.

Wild ist, wenn man nach den Restaurantpreisen geht, als besonders edles Fleisch. Verdienen sich die Jäger dadurch eine goldene Nase? Unsere zwei Berufsjäger lachen. Zwei Euro bekämen sie für Schwarzwild, also Wildschwein. Pro Kilo wohlgemerkt, nicht für 100 Gramm. Und das, obwohl Wild besonders gesund gilt. Und die Tiere alle getestet sind. Auf Strahlung und Trichinen. Zwei Euro. Dafür riskiert der Jäger manches Mal sein Leben. „Wenn du ein Wildschwein stellst und es fährt dir zwischen den Beinen durch, kann es dir mit seinen Hauern die Oberschenkel aufschlitzen. Das war’s dann.“  Trotzdem witzeln sie rum. Darauf angesprochen, ob die Jäger nicht immer die besten Stücke für sich behalten, meinen sie mit einem Augenzwinkern: „Wieso? Rehe haben doch von Natur aus kein Filet?!“

Leere Wälder?

Aus einem anderen bayerischen Regierungsbezirk höre ich, dass der bayerische Staat seine Forsten am liebsten leerjagen würde. Kein Reh- und Rotwild, ergo kein Verbiss, ergo mehr Gewinn. Die vordergründig rationale Logik einer auf Effizienz getrimmten Kulturlandschaft. Von Natur keine Spur. Wenn das der Umweltminister wüsste. Oder wissen wollte. Der Berufsjäger möchte sich nicht äußern, was die Staatsforsten angeht, meint aber: „In unserem Wald wollen wir, dass es lebt. Das gehört doch dazu. Der Wald und die Natur brauchen sowas.“ Da schau her, der Jäger als Freund der Tiere, wenn das die Ökos wüssten…

Aber sie müssen doch auch abdrücken, an was denken sie dabei? „Eigentlich nix. Wir konzentrieren uns. Der Schuss muss stimmen, wir schießen nur, wenn wir das Wild einhundertprozentig erwischen.“ Der Jäger ersetzt in unserer zersiedelten Landschaft das Raubtier. Das Tier soll auf gar keinen Fall leiden. Schnell und sauber soll es gehen. „Wenn Junges und Muttertier beide da sind, ist zuerst das Junge dran.“ Denn sonst würden die Jäger riskieren, dass das Jungtier davonspringt und als Waise im Wald elend verhungern muss. Dass es manche schwarze Schafe unter den Weidmännern gibt, die es umgekehrt machen, weil sie hoffen, das Jungtier komme zurück und sie so doppelte Beute machen, verschweigen sie nicht.

Putzkolonne

Unsere Jäger kümmern sich um die vielen Hektar Wald, die ihr Arbeitsgeber gepachtet hat. Nach dem erfolglosen Ansitzen heißt es, Pirschwege sauber zu halten. Wenn sich der Revierpächter und seine Jagdfreunde ans Wild anschleichen, darf kein Ästchen am Boden knacken und die Jäger verraten. Also nehmen die beiden zwei Rechen und kehren damit den Waldboden. Na sauber!

Dann geht’s weiter, Äsungsflächen bereitstellen. Mit zwei überproportionierten Rasentrimmern mähen sie kleineres Buschwerk auf einer Waldlichtung. Hier werden später die Kräuter wachsen, die Hirsche und Co besonders mögen und so im Herbst genügend Happa Happa haben. Für den Winter gibt’s speziell auf Reh- und Rotwild abgestimmtes Futter, ganz natürlich ohne irgendwelche Wachstumsbeschleuniger. So lassen sie dann auch die jungen Pflanzen im Wald in Ruhe.

So, jetzt darf aber auch einmal Jagdhund Fini ran. Denn ohne seine Nase könnte unser Jäger ja keinem Wild nachstellen, sollte er es doch einmal nicht richtig getroffen haben. Darum gibt’s jetzt Schnitzeljagd durch den Wald. Oder besser eine Rehkopf-Jagd. Tags zuvor wurde mit Spezialschuhen ein Spur gelegt, dazwischen hat es stundenlang geschüttet. Ob da noch was zum Schnuffeln übrig ist? Fini bekommt eine lange rote Leine angelegt, die einer der beiden ganz locker in der Hand hält. Und dann geht’s los. Hundi voraus, die zwei Jäger hinterher. Im Hintergrund läuten Kuhglocken einer nahe gelegenen Alm. Vielleicht lenken die den Hund ab, denn er verliert auf einmal die Spur. Der Hundebesitzer hebt den Hund hoch und trägt ihn weg. Wieder zurück zum Ausgangspunkt. Und dann geht’s wieder von vorne los, diesmal führt uns die Hundenase tatsächlich zu einem angebundenen Rehkopf. „Sonst holen den die Füchse über Nacht.“ Großes Lob fürs Hundi.

Nach so viel Natur ruft die moderne Bürokratie, ab ins Büro, Berichte verfassen, Planungen erstellen und und und.

Berufsjäger, das bedeutet sehr lange Arbeitszeiten, kaum Urlaub, Verantwortung für Wald und Tier und gegen Jahresende Stress. Aber wenn wir uns die zwei Jäger anschauen, dann merken wir, sie haben diese Leidenschaft, dass dieser älteste Beruf der Welt sie erfüllt. Kaum ein Beruf hat solche Traditionen, kaum einer ist derart nah dran am Leben – und am Tod. Die Jäger erinnern uns daran, dass es in der Natur ums Fressen und Gefressen werden geht. Und solange es in unserem verbauten Land keine größeren Raubtiere gibt, muss es Menschen geben, die diese Aufgabe erfüllen.

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