Die Erfindung des Kalkbrenners aus dem Geiste der Maultasche

Im Sommer 2009 fahren wir von Würzburg aus ins Ries. Ein 30. Jubeltag will beim Geburtstagskind zu Hause gefeiert werden. Zuerst suchen wir einmal, wo die Feier überhaupt stattfinden soll. Schon in Nördlingen verfahren wir uns, dann geht’s weiter Richtung Harburg, und schließlich weist uns ein Schild an einer Kirche den richtigen Weg in das winzige Schwabennest Appetshofen.

So, auf einem wunderschönen Bauernhof eingeparkt und ausgepackt, und dann bekommt man gleich im Stadl das erste Bier gereicht. Das kommt aus einem mittelgroßen Stahlfass und wurde von einem Bekannten hausgebraut. Solche Kleinstbrauer existieren also auch in Schwaben, sehr gut. Genauso wie das Bier, das könnte man allerdings schon als herausragend bezeichnen. Mild, frisch, perfekter Schaum. Leider ist das Fass bald leer, Nachschub gibt’s aus der Flasche, allerdings von regionalen „offiziellen“ Brauereien. Auch die, durchaus gaumenschmeichelnd. Die Familie des 30-jährigen Geburtstagskindes spricht zwar schwäbisch, aber ich kann sie trotzdem verstehen. Und tatsächlich geizen die Schwaben nicht mit Humor.

Der wilde Teil der Gäste legt sich nun in ein Kinderplanschbecken, die anderen bewegen sich hinter den Stadl. Ein riesiger Garten mit Blick ins Nördlinger Ries öffnet sich unseren Augen, auf denen Biertische mit den üblichen Salaten und unüblich gutem Backwerk stehen, aus der Region, für die Region. In der anderen Ecke dreht sich eine motorbetriebene Spansau. Immer um die eigene Achse. Das scheint sehr anstrengend zu sein, sie schwitzt Fett, das in die Glut tropft. Aber durch ist sie noch nicht, das kommt erst später. Sowas dauert.

Die schwäbische Geheimwaffe

Das ungewöhnlichste ist zweifelsohne ein riesiger Topf auf einer Kochplatte im Garten. Dahinter steht eine winzige Oma, die grade mal so über den Topf gucken kann. Mit einem Schöpflöffel, der länger als ihr Oberkörper ist, rührt sie darin herum. Im Topf befindet sich nicht die restliche Familie des Schweins, drei Kühe und zwei Ochsen, sondern: Maultaschen. Ich stellt mich mit meinem Teller an, einmal muss man hier ja so was gegessen haben. When in Schwaben, do as the Schwabens do. Obwohl Maultaschen mir bislang noch nicht geschmeckt hatten. Eine lasse ich mir mal mit Suppe in den Teller legen. Die Oma guckt etwas befremdet, nur eine, hmpf. Wieder am Tisch wird vorsichtig probiert. UND DAS IST JA WOHL DER HAMMER. Was bitteschön ist denn da drin? Ein wunderbarer Nudelteig, die Suppe nicht zu würzig aber auch nicht fad, und das innere der Maultasche, fluffig, leicht, fleischig, mann-mann-mann-mann-mann. Obwohl ich ein strategischer Esser bin und mir mit Vorspeisen nicht den Hunger auf unser Knusperschweinchen verderben will, geh ich gleich nochmal los und hole mir noch einen Teller. Das Omalein lacht  vergnügt, sie darf nun den Schöpflöffel mehrfach zwischen Topf und meinem Teller hin- und herbewegen. Angeblich kommt ja die Maultasche aus einem schwäbischen Kloster. Die Mönche wollten darin in der Fastenzeit ihr Fleisch verstecken. So die Legende. Der wahre Kern ist aber, dass in Klöstern gern Maultaschen gegessen werden. Ob die auch so gut sind? Oder ist die Oma gar eine heimliche Nonne?

Tanzmusik

Das anschließende Spanferkel kriegen wir auch noch rein. Die Sonne senkt sich über dem Ries, und das Geburtstagskind bekommt diverse Geschenke und muss natürlich einige Spielchen über sich ergehen lassen.

Dank einer Musikanlage beginnt die Menge in der Dunkelheit zu tanzen. Als die Sterne schon hoch am Himmel stehen, gucke ich mal über die Playlist, Prodigy ist ja schon gelaufen, Fatboy Slim auch. Da kommt eine junge Dame herbei und wünscht sich Sky and Sand von einem gewissen Kalkbrenner. Wohlgemerkt, wir befinden uns im Jahre 2009. Das Lied hatte man da vielleicht schon hier und da gehört, aber noch nicht bewusst. Welche generations-identifizierende Wirkung es haben würde, sollten wir in den nächsten Minuten erfahren. Ich klicke das Lied an, und unter dem dunklen, funkelnden Sternenzelt ballert die Musikanlage die Melodie über den Garten und die Felder des sommerlichen Ries’. Die Leute tanzen, spüren aber auch, was das für ein Moment ist, was das für ein passender Augenblick ist. Hoffe ich mal, dass die das spüren. Eine Feier auf einem schwäbischen Dorf in einer warmen Sommernacht. Das ist Sky and Sand. Auch wenn die Kalkbrenners aus dem Osten sind, wenn man den musikalischen Genuss in kulinarischen umwandelt, sind sie Schwaben.

Später sitzen wir noch neben Laubgewächsen beieinander, es wird hell, der Nebel zieht auf. Die wilden Drinks sind schon gemixt und stehen gelassen worden, teilweise trinken wir schon Wasser oder das letzte Bier aus. Dann fallen wir im Haus in unsere Schlafsäcke, frühstücken gegen Mittag etwas neben der Spur und denken uns, dass es Gott mit den Schwaben schon ganz gut meinte, als er die Maultaschen und die Kalkbrenners erfunden hat.

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