Kloster Holzener Hochzeit

Hochzeiten werden in Bayern groß gefeiert, natürlich zuerst im Standesamt, hernach in der Kirche, anschließend geht es dann an eine Stätte, an der es wilder zugeht. Ein Problem ist jedoch immer: Wie kommen wir von einem Ort zum nächsten? Wo bringen wir die weitgereiste Verwandt- und Bekanntschaft unter? Wie kommt die von der feuchtfröhlichen Feier ins Bett? Praktisch, wenn es Orte gibt, die all diese Punkte verbindet. Wie das Kloster Holzen nördlich von Augsburg, das klösterliche Gastfreundschaft den modernen Zeiten angepasst hat.

Die Klosterkirche dient auch der Gemeinde, wie hier bei einer Taufe.

Die Klosterkirche dient auch der Gemeinde, wie hier bei einer Taufe.

Detail der Decke...

Detail der Decke…

Ich komme am Freitag Abend an, eine wackere Schar zumeist männlicher Bekannter des Bräutigams trinkt noch ein oder zwei oder mehrere Biere der Region, die durchaus trinkbar sind. Nach und nach verabschiedet man sich, der nächste Tag wird lang. Wir beziehen unsere Zimmer, und legen die Ohrwaschel an. Wir haben zwar kein antikes Zimmer mehr bekommen, aber dieses hat auch so allerhand zu bieten. Erstens: Eine Stuckdecke. Zweitens: Einen Holzbalken-Fußboden. Drittens: Ein mit Sollnhoferplatten ausgelegtes Bad. Viertens: Eine Glasdecke im Bad, um die Stuckdecke zu bewundern. Moderne trifft Barock!

... und des Fußbodens.

… und des Fußbodens.

Also sowas sollte ich mir auch einmal einbauen, ich weiß zwar nicht wo und von welchem Geld, aber ein Sollnhoferplatten-Bad mit Blick auf eine Stuckdecke und Holzbalken-Fußboden? Shut up and take my money! Ach ja, zwei Nächte im Doppelzimmer kosten 113,35 Euro pro Person, der Preis für die Hochzeitsgesellschaft. TV gibt’s natürlich auch, auf dem Kopfkissen liegt ein Lavendelbeutelchen. Der Inhalt kommt aber nicht aus dem Klostergarten (da gäbe es das Kraut nämlich auch), sondern aus dem Taurusgebirge. Nachdem wir das Zimmer ausgiebig gewürdigt haben, schauen wir uns das Klostergelände an.

Das Kloster Holzen wurde 1150 als Doppelkloster der Benediktiner gegründet. Nach Verwüstungen über die Jahrhunderte erfolgte der große Umbau ab 1696, ab 1740 setzte eine Wallfahrt zum Holzener Jesulein ein (Jesus-Statue neben dem Altar der Klosterkirche). Freilich blieb dem Kloster die Säkularisierung nicht erspart, ein Fürst kaufte den Besitz, im 19. Jahrhundert weilten hier etwa der Maler Wilhelm Leibl und der brasilianische Kaiser Dom Pedro II. 1927 erwarb die St. Josefskongregation Ursberg den Komplex und richtete wieder ein Kloster ein, das sich um Behinderte und alte Menschen kümmerte. Seit 1996 ist das Dominikus-Ringeisen-Werk Eigentümer des Geländes, das diese Arbeit fortführt. Nun, die Klosterschwestern werden weniger, wer bewohnt all die leeren Zimmer? Deshalb baute man 2010 die Gebäude zu einem Hotel um. Und seitdem kehrt mehr Leben ein.

Kloster und Grotte.

Kloster und Grotte.

Wir gehen durch das Torhaus und finden hinter dem Kloster ein Gehege mit sehr, sehr weit entfernten Tieren, die haben ordentlich Auslauf. Ein Waldlehrpfad beginnt an einem kleinen Wäldchen hinter der Klosterkirche, die steil über uns aufragt. Sie steht auf einem Hügel (dem Karlsberg), in dessen Fuß wir eine Mariengrotte finden. Offenbar gibt es hier auch Andachten. Mitten in der Natur, sehr schön.

Klosterleben ist keine Weltflucht, sondern soll in diese hinein wirken.

Klosterleben ist keine Weltflucht, sondern soll in diese hinein wirken.

Wir folgen dem Pfad weiter und kommen an eine Türe in der Klostermauer. Die ist leicht zu öffnen, dahinter finden wir den Klostergarten. Besonders hergerichtet ist er jetzt nicht, aber immerhin gibt es Bienenstöcke für den eigenen Honig. Und den sammeln die Bienen auf der dortigen Streuobstwiese.

Die Kapelle im Garten ist leider zu, dafür steht ein lateinischer Spruch an der Tür. Sie ist der Kirche Santa Casa in Loreto nachempfunden. Im 13. Jahrhundert verlagerte man das Heilige Haus, in der Maria vom Engel die Geburt Jesu angekündigt bekam, von Nazareth in diesen oberitalienischen Ort. Nun ja, man darf skeptisch sein, ob dass das Original-Haus war. Aber ein Wallfahrtsboom setzte daraufhin in Italien ein, und Loreto-Kapellen findet man bis heute in vielen bayerischen Orten.

Ein paar Kräuter und Lavendelsträucher schauen wir uns noch an, dann geht’s zurück.

Der Putto zeigt an, wo's zur Party geht.

Der Putto zeigt an, wo’s zur Party geht.

Die standesamtliche Vermählung kann man hier auch feiern, so lassen sich beide Hochzeiten an einem Tag schaffen. Die standesamtliche findet im Salzburger Saal statt. Da staunt man dann doch schon, ob all der weltlichen Pracht in diesem Klostersaal. So etwas habe ich selten in einem Rathaus gesehen, wo standesamtliche Ehen meistens geschlossen werden. Allerdings: Bevorzugt man die familiäre Atmosphäre, dann kann das Rathaus sogar im Vorteil liegen, weil es deutlich kleiner ist als der weitläufige Saal und man sich vielleicht weniger verloren fühlt. Bei dieser Hochzeit aber sind wir zig Leute, der Saal ist voll, feierliche Stimmung auf jeden Fall gegeben. Der Salzburger Saal heißt so, weil eine wunderschöne Stadtansicht von Salzburg an die Wand gepinselt ist. Allerdings nicht ganz korrekt, was die Perspektiven und die Lagen einzelner wichtiger Gebäude angeht.

Das Deckengemälde zeigt die Dreifaltigkeit im Himmel und die Heiligen auf der Erde, dazwischen auf der blauen Erdkugel das Kloster Holzen.

Das Deckengemälde zeigt die Dreifaltigkeit im Himmel und die Heiligen auf der Erde, dazwischen auf der blauen Erdkugel das Kloster Holzen.

Der Chorraum oberhalb der Kirche.

Der Chorraum oberhalb der Kirche.

Nach einem kleinen Sektempfang in der Lobby bzw. im Eingangsbereich des Klosters beginnt die richtige Hochzeit in der schönen Barock-Kirche, die 1710 geweiht wurde. Neben der Jesus-Figur ist das Deckengemälde besonders hervorzuheben. Darauf finden wir inmitten der Heiligen Dreifaltigkeit, Mariens und anderer Heiliger eine kleine blaue Erdkugel, darauf das Kloster, dass sich in den Himmel reckt. Gleichsam als Mittler zwischen Himmel und Erde. Die Kirche ist recht gut für Eheschließungen geeignet, sie bietet ausreichend Platz, ist aber nicht so groß, dass sich die Hochzeitsgesellschaft darin verliert. Gesangliche Einlagen klingen liebreizend ins Ohr, die Akustik kann sich hören lassen. Den preußischen Gästen müssen vorher noch die Do’s und Dont’s eines katholischen Gottesdienst erklärt werden, die Schönheit des Kirchenbaus bewundern aber auch sie. Ein gewisses ästhetisches Grundempfinden lässt sich ihnen also nicht absprechen.

Gemütlich-antik ist die Bibliothek eingerichtet.

Gemütlich-antik ist die Bibliothek eingerichtet.

Freilich ist für das anschließende Hochzeitsfoto genügend Platz, vom mehrstöckigen Komplex herunter geknipst passen Brautpaar, Verwandte und Freunde alle vor die Linse. Nachmittags gibt’s traditionell Kuchen und Torten, des Abends trifft man sich im Klostergasthof, der mit einem schönen Kreuzgewölbe und Säulen die Gäste erwartet. Das Essen überzeugt, danach wird aufgetanzt zu südlicher Bandmusik. Im Nebenraum steht eine lustige Fotoecke und später einen DJ. Leider fängt der zur selben Zeit das Spielen an, wie die Weißwürste zu einem Mitternachtsimbiss serviert werden. Alle bayerischen Gäste eilen daraufhin zum Essen, alle Nordlichter zum DJ. Was für ein seltsames Volk, diese Preußen…

Der Klostergasthof am Morgen danach.

Der Klostergasthof am Morgen danach.

Eine Wissenssammlung der damaligen Zeit.

Eine Wissenssammlung der damaligen Zeit.

Die Feier geht noch ordentlich rund, doch wegen Ruhestörung beklagt sich keiner. Am nächsten Morgen schäle ich mich aus dem Bett, um 8:30 Uhr ist der Sonntagsgottesdienst. Schauderhaft früh nach so einer Nacht, aber wahrscheinlich schaue ich selbst genauso schauderhaft aus.

Trotz der frühen Stunde ist die Kirche gerammelt voll, sogar oben auf der Empore. Die Gemeinde ist also sehr lebendig, und feiert fröhlich den Gottesdienst unter einem schwarzen Pfarrer mit. Wie der wohl das barocke Landleben in der schwäbischen Pampa empfindet?

Solche Bücher gehören in jedes Regal im Freistaat.

Solche Bücher gehören in jedes Regal im Freistaat.

Nach dem Frühstück löst sich die Hochzeitsgesellschaft auf, gleichzeitig kommen neue Gäste an, die wohl u.a. aus dem Nahen Osten sind und hier einen Zahnarzt-Kongress abhalten. Wir bleiben noch ein Weilchen und machen eine Führung. Etwa in die Bibliothek. Ein wunderbarer Saal voll alten Wissens. Hier hätte man auch die standesamtliche Eheschließung abhalten können, doch es gibt noch keine Stahlträger im Boden. Deshalb ist dieser Saal nur für maximal 40 Leute zugelassen. Wir schauen uns auch den Chorraum an, der neben der Orgel ist, und ein schön geschnitztes Gestühl beheimatet. Nun läuft eine Taufe in der Kirche. Allerweil Action! Früher lebten die Nonnen in ihren Zimmern mit Behinderten zusammen und pflegten diese. Heute gibt es leider nur noch vier Schwestern im Kloster. Getroffen haben wir aber keine. In die Klausur, also dem nur für die Nonnen vorbehaltenen Bereich durften wir natürlich nicht rein.

Der Bibliothekssaal.

Der Bibliothekssaal.

So lässt sich sagen, dass in alte Klöster durchaus wieder Leben einkehrt, wenn sie sich der Welt öffnen und ihre Pracht für die Feier der Lebenswenden anbieten. So bekommt auch ein Preuße eine Ahnung von bayerisch-barocker Transzendenz-Architektur. Ein wirklich passender Ort für eine Hochzeit. Allerdings lag die tiefere Beschäftigung mit dem Bau, seinen Bewohnern und seiner Geschichte in der Verantwortung des Gastes. Fairerweise muss man sagen, dass Hotel und Kloster auch viele spirituelle Angebote haben, ebenso können Pilger auf dem Jakobsweg deutlich günstiger übernachten. Und so ein Hotel wird natürlich in erster Linie genutzt, um den Kasten zu erhalten und zu finanzieren. Aber man kann auch die Gelegenheit nutzen, um mit den Gästen ins Gespräch zu kommen, und sie über das Klosterleben zu informieren, etwa durch eine der Klosterschwestern. Damit könnte man auch diejenigen erreichen, die sich noch nicht oder nicht mehr mit Kirche beschäftigen. So, Schluss nun mit der Kritik auf hohem Niveau. Denn auf jeden Fall lässt sich sagen, dass derjenige, der in Schwaben heiraten will, hier an einer sehr guten Adresse ist.

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