So ein Käse?

Mei, schön is im Allgei!

Mei, schön is im Allgei!

Nein, das Allgäu ist nicht Schwaben, auch wenn es zum Regierungsbezirk dazugehört. Für den Außenstehenden scheinen die Leute dort einen extremen schwäbischen Dialekt zu sprechen, doch die Allgäuer selbst sehen sich eher als Alemannen, d.h. als Schweizer in der Diaspora. Und was gibt’s in der Schweiz? Schokolade. Ja, das auch. Banken. Ja, ok, aber ich mein was anderes. Käse? Genau! Genauso wie in der bayerischen Schweiz. Spätestens seit Kommissar Kluftinger wissen wir, das Allgäu ist für guten Käse berühmt.

Ich bin in Sonthofen, und esse gerade im Gasthof zum Löwen. Eine etwas trockene Forelle Müllerin. Der Hagebuttentee ist gut, einmal von Lidl, Marke Lord Nelson, der zweite von Messmer.

Grünes Gras und weiß-blauer Himmel,  kein Wunder, dass die Kühe hier besonders gute Milch geben. Man sollte ihnen vielleicht noch Weizen oder Helles zu trinken geben, dann wären sie rundum zufrieden.

Grünes Gras und weiß-blauer Himmel, kein Wunder, dass die Kühe hier besonders gute Milch geben. Man sollte ihnen vielleicht noch Weizen oder Helles zu trinken geben, dann wären sie rundum zufrieden.

Beim Zahlen frage ich den Kellner, wo man denn hier guten Käse kaufen könne. Er muss überlegen. In Gunzesried. Zugegeben, es dauert etwas, bis ich diesen Namen verstehe, im Auto hilft mir dann das Navi.

Das Ehepaar am Nebentisch erzählt mir noch, auch in Schweineberg könne man lecker Käse erwerben, aber der mache erst um halb sechs auf. Um halb sechs Abends? Was sind denn das für Ladenöffnungszeiten? Schweineberg und Gunzesried hört sich eher nach Haxn an und nicht nach Kuhmilch, aber wurscht. Ich entscheide mich fürs Gunzesried.

Hier fliegen gleich die Löcher aus den Häusern

Hier fliegen gleich die Löcher aus den Häusern

Eine malerische Alpenstraße führt der Weg nur ein paar Kilometer hinauf, schon sind wir da. Überall steht Wahlwerbung für die Bayernpartei herum, ja hier scheint man besonders stolz auf die bayerische Eigenständigkeit zu sein. Wo genau der Käseladen ist, weiß ich nicht, mal schaun auf gut Glück. Und tatsächlich, Gunzesried ist eher klein, besteht aus einer langen Hauptstraße. Schon sehe ich vor mir die Sennerei. Ich hätte immer gemeint, sowas heißt Käserei, aber wir sind ja im Allgäu. Da ticken die Uhren anders. Ich stelle das Auto ab. Aber oh, leider zu. Öffnungszeiten am Nachmittag um 15.00 Uhr. Uhrenvergleich: 14:10. Eieiei, Was mach ich denn nur 50 Minuten?

Wartezeit ist Zeit zur Einkehr

Das Kirchlein auf dem Hügelchen

Das Kirchlein auf dem Hügelchen

Neben der Sennerei liegt auf einem Hügel ein kleines Kirchlein. St. Nikolaus. Ich steige die Stufen hoch, sieht fast so aus wie das Kirchlein in „Wer früher stirbt ist länger tot“. Ein Touri mit Sonnencreme am Mund kommt heraus, je nu, es ist regnerisches Wetter, und im September geht man hier noch nicht zum Skifahren.

Er raus, ich geh rein. Und höre schon Gemurmel. Neun Leute älteren Semesters (vier Opas, fünf Omis) beten den Rosenkranz. Da möchte ich nicht stören. Also setze ich mich leise eine hintere Bank und betrachte das schöne Kirchlein von innen. Es ist kühl und strahlt die Ruhe der Geschichte aus. Und dann bete ich einfach mit. Ich auf bayerisch, die Gruppe auf allgäuerisch. Die Sonne strahlt durch die Fenster. Für eine Zeit wird’s wohlig warm ums Herz. Als die Gruppe nach dem Rosekranz das letzte Lied anstimmt, verlasse ich die Kirche. Daneben ist ein Kräutergarten, den schau ich mir noch an. Donnerwetter, die Allgäuer kennen mir völlig unbekannte Gewächse. Dann finde ich eine kleine Bäckerei. „Hier wird noch von Hand gebacken!“ verheißt ein Schild. Ok, hat mich überzeugt. Ich kaufe ein viertel Holzofenbrot und ein ganzes Molkebrot, hier besteht die Hälfte der Flüssigkeit aus Molke. Und drei lokale Biere. 8,10 Euro, so sparsam sind die Allgäuer dann vielleicht doch nicht. Egal. Die Qualität zählt. Eine Beterin aus der Kirche kommt auch vorbei.

Lecker Käse!

Nicht auf dem Bild: Milch und Eis.

Nicht auf dem Bild: Milch und Eis.

So, 10 Minuten noch. Ein Pärchen, anscheinend aus Ludwigsburg, wartet ebenfalls vor der Sennerei. Auf den Schlag des Kirchenglöckchens geht die Türe auf, und mir steigt ein leicht käsiger Geruch in die Nase, aber nicht unangenehm. Kaum bin ich drin, geht die Türe nicht mehr zu, so viele Leute wollen plötzlich Käse kaufen. Allerdings sitzen sie auf einmal in der Ecke und essen Eis. Wie das? Antwort kommt sofort.

Es gibt drei Sorten von Heumilch-Bergkäse. Ich nehme den alten, 12 Monate gereift. 1,55 Euro 100 Gramm, das ist nicht teuer. Dann noch einen Knoblauch-Kräuterfrischkäse, einen Gunzesrieder-Käse und einen Bergler („dem Bergkäse sein kleiner Bruder“). Eine Flasche Milch, 4% Fett, schöööööööön und ein selber

Kaum zu glauben, dass das alles mit einer Wallfahrt zu einer wizigen Kapelle begann

Kaum zu glauben, dass das alles mit einer Wallfahrt zu einer winzigen Kapelle begann

gemachtes Heumilch-Eis. Das Eis esse ich sofort, extrem delizioso. Erinnert etwas an das Eis der Kindheit, Milchknilch. Kostete damals 30-50 Pfennig. Das Heumilch-Eis schmeckt nicht ganz so süß, dafür aber intensiver. Der Bergkäse kann durchaus was. Leider weiß ich nicht mehr, was der Bergler und was der Gunzesrieder ist. Der festere schmeckt sehr neutral. Der weichere erinnert an eine sehr milde Rougette-Art. Alles in allem zahle ich für die ganze Pracht 36,60 Euro. Dafür hab ich aber nun einige Kilo Käse bei mir. Beim Heimschleppen in die Wohnung fällt mir fast der Arm ab. Der normal verpackte Käse hält zwei Wochen, der eingeschweißte vier. Da sollte ich mit meinen Heumilch-Bergkäse-Ziegelsteinen wohl fertig sein, oder?

Bombasto-Bayern

Die Wieskirche mit Touris und Odl-Fass. Wer das hier hin drapiert hat?

Die Wieskirche mit Touris und Odl-Fass. Wer das hier hin drapiert hat?

Auf dem Heimweg schau ich noch schnell in der Wieskirche vorbei. Habe mein Eis aufgegessen und würde gerne den Becher wegwerfen, aber auf dem ganzen Parkplatz (Parkschein bekomme ich von einer fahrenden Familie geschenkt) und rund um die Souvenirstände gibt’s keinen Mülleimer. Trag ich ihn halt so mit mir rum. Nein, der Eisbecher ist nicht der einzige Grund, zur Wieskirche zu fahren. Die ist wirklich toll! Sehr schön anzuschauen! 1740 begann eine Wallfahrt zu einer kleinen Kapelle, 6 Jahre später wurde schon mit dem Bau der großen Kirche begonnen. Ein paar Asiaten betreten die Kirche nach mir, ich höre nur noch „Boah“. So viel japano-sino-koreanisch versteh ich dann doch. Willkommen in Bayern, dem schönsten Land der Welt. Für die kürzlich Verstorbenen zünde ich drei Kerzen an, still beten ist hier schwierig, man staunt vielmehr und darf aufs Jenseits für diese Menschen hoffen.

Aufwärts geht der Blick.

Aufwärts geht der Blick.

Der Käse-Trip hat uns zwei Arten der katholischen Volksfrömmigkeit beschert. Einmal das Kleine, Beschauliche, in sich Ruhende, mit beiden Beinen auf der Erde Stehende. Wo man mit dem Nebenmann auf Du und Du ist. Und dann das himmelhoch Jauchzend-Jubilierende, das die ganze Welt bestaunt. Du mein braves Bayern, behalt’ dir beides! Und natürlich die Liebe zu guten, selbergemachten Lebensmitteln.

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