Amorbach

Vorne alte Isetta, hinten noch älteres Kloster.

Vorne alte Isetta, hinten noch älteres Kloster.

Kennt irgendjemand Amorbach? Solltet ihr aber! Denn hier schrieb man Weltgeschichte. Immerhin wurde hier die Herrscherin über ein Fünftel der Welt und ein Drittel der Weltbevölkerung gezeugt, hier steht die einstmals größte Orgel der Welt, hier war die Hauptstadt eines souveränen Staates, hier finden wir eine witzige Klosterbibliothek und: das Rehragout ist auch nicht schlecht.

Sollte sich Bayern tatsächlich einmal von Deutschland lossagen und unabhängig werden, dann grenzt Amorbach gleich zweimal an Deutschland. Im Osten der Gemeinde finden wir Baden-Württemberg, im Westen Hessen. Wer sich mit der bayerischen Landkarte auskennt: Der Schnürpfel ganz im Westen, da ist Amorbach. Oder um es mit den Worten des Fremdenführers zu sagen: „Der letzte Schwanzzipfel des bayerischen Löwen.“ Eigentlich ist es der vorletzte, weil südlich noch die Gemeinde Kirchzell liegt, aber die hat weniger Weltgeschichte geschrieben.

Hervorragendes Essen im Amorstüble.

Hervorragendes Essen im Amorstüble.

Ich fahre in den Ort rein und stelle das Auto auf einem Gratisparkplatz gleich neben der Innenstadt ab. Es nieselt und es ist Mittag, also erst einmal Essen fassen. Italiener und Co will ich nicht aufsuchen, es sollte schon etwas aus der regionalen Küche sein. Ich komme am Amorstüble vorbei, na, lokaler geht’s nicht. Die Einrichtung drin ist wie aus den 50ern, plüschige Stühle und Bänke, auch der Rest der Inneneinrichtung und die Gäste sind älteren Datums. Was das wohl für Essen sein wird? Die Bedienung (ebenfalls reifer) ist sehr freundlich. Als ich mich an einen kleinen Tisch setzen will, bittet sie mich gleich an einen größeren, da man da besser sitzen könne. Während ich auf mein Essen warte, höre ich, dass einer der Gäste die Roulade über den grünen Klee lobt. Aha, das klingt ja verheißungsvoll. Ich habe mir aber das Rehragout bestellt, was super gut schmeckt, ok, etwas weniger Salz, aber sonst top! Die Knödel sind klein und fein, und die Soße, hmmmm.

Amorbach hat einiges an Fachwerk zu bieten, links die katholische Pfarrkirche St. Gangolf.

Amorbach hat einiges an Fachwerk zu bieten, links die katholische Pfarrkirche St. Gangolf.

Überall findet man lauschige Ecken.

Überall findet man lauschige Ecken.

Das älteste Fachwerkhaus Bayerns.

Das älteste Fachwerkhaus Bayerns.

Anschließend mache ich einen Rundgang durch den Ort, der mit allerlei reizvollen Häuschen aufwartet, aber doch recht verschlafen wirkt. Dabei hat Amorbach mit seinen nicht mal 4000 Einwohnern richtig viel zu bieten. Wir finden etwa das Templerhaus von 1291, das älteste Fachwerkhaus Bayerns! Das allerdings nichts mit den Templern zu tun hat. Dann gibt es ein Museum, das die größte Teekannensammlung Europas zur Schau stellt. Öha! Werke von Picasso, Chagall, Roy Lichtenstein, Niki de Saint-Phalle und Christo stehen übrigens auch drin. Der Maler des Deckenfreskos der berühmten Kappl bei Waldsassen Oskar Martin-Amorbach stammt auch von hier. Theodor W. Adorno verfasste gar ein Buch über seine Ferienzeit in Kindertagen im dem Ort. in Ein Schaufenster in der Stadt enthält nur einen Zettel, auf dem der Aufbau eines Eutopischen Stadtpalais hier und jetzt angekündigt wird. Dann die katholische Kirche St. Gangolf, auf deren Orgel der junge Mozart gespielt haben soll, allerdings stand die damals in Neustandt am Main. Dann haben wir eine Kleinkunstbühne in der Zehntscheune, das Fürstliche-Leiningensche Palais (in Privatbesitz, nicht zu besichtigen), und natürlich die Abtei Amorbach. Die ist zwar auch in Privatbesitz, kann aber besichtigt werden.

Die Aussicht in die Landschaft vor dem Kloster.

Die Aussicht in die Landschaft vor dem Kloster.

Der Antiquitäten- und Esoterikladen bietet buntes...

Der Antiquitäten- und Esoterikladen bietet buntes…

Vor dem Klosterkomplex findet gerade eine Oldtimer-Ausstellung statt, sehr interessant. Daneben gibt es einen Esoterik- und Antiquitätenladen, der von schön bis merkwürdig allerlei feilbietet.

Ich gehe zum Kloster und löhne den Eintritt, gleich beginnt die Führung. Das Kloster Amorbach zählt neben dem Kloster Reichenau zu den ältesten Klöstern östlich des Rheins.

Im Jahre 734, also zu Zeiten Karl Martells, soll das Kloster von Benediktinern gegründet worden sein. Es hatte die Aufgabe, den wilden und damals riesigen Odenwald zu kultivieren. Ein Zentrum und eine Festung der Zivilisation. Unter Karl dem Großen wurde man reichsunmittelbar, später kam man zum Würzburger Bischof. 1015 besiedelten die ersten Mönche von hier aus das Kloster Michelsberg in Bamberg.

...und ähm, antikes.

…und ähm, antikes.

Nachdem die Abtei Amobach während des 30-jährigen Krieges für zwei Jahre aufgegeben wurde und sich danach erst langsam aufrappelte, feierte man 1734 das tausendjährige Jubiläum. Man baute die Kirche neu auf, lehnte sich aber an den romanischen Vorgängerbau an. Das war eine Vorform des Denkmalschutzes. Mittels eines 3-D-Effektes wollte man in der Innengestaltung die himmlische in der irdischen Kirche darstellen.

1782 bekam die Kirche die damals größte Orgel der Welt, mit über 5000 hat Amorbach mehr Orgelpfeifen als Einwohner.

1803 erfolgte die Säkularisation, über 1000 Jahre Klosterleben dahin. Die evangelischen Fürsten von Leiningen übernahmen das Kloster und dessen Ländereien, die Mönche mussten das Kloster endgültigverlassen. Die Kirche wurde zur evangelischen Hofkirche. Der Fürst war aber gnädig und ließ etwa die Marienstatue in die katholische Pfarrkirche des Ortes bringen. Die Bediensteten packten die heilige Maria aber ganz unrühmlich in einen Wäschekorb und schleppten sie rüber. Und siehe da, am nächsten Tag stand die Statue wieder an ihrem alten Platz in der Klosterkirche. Also überführte man sie ordentlich mit Pfarrer und allem drum und dran, und so blieb sie seitdem in der Pfarrkirche. 1803 bis 1806 war das Fürstentum Leiningen ein unabhängiger, souveräner Staat, wurde dann von den Badensern einkassiert, dann von den Hessen und kam schließlich 1816 zu Bayern.

Man glaubt nicht,...

Man glaubt nicht,…

dass das eine evangelische Kirche ist.

dass das eine evangelische Kirche ist.

Die Fürsten waren zwar meist knapp bei Kasse, hatten aber ein Auge auf ihre Kirche. Nach dem zweiten Weltkrieg bot die US Army eine Million Reichsmark für das kunstvoll geschmiedete Gitter vor dem Altarraum, der Fürst lehnte ab.

Die Kirche wurde in den vergangenen Jahren überaus gelungen restauriert, der damalige Landesbischof und jetzige Vorsitzende der EKD Heinrich Bedford-Strohm hielt den Wiedereröffnungs-Gottesdienst.

Der grüne Saal.

Der grüne Saal.

Der Tempel der Wissenschaft in der Decke der Bibliothek.

Der Tempel der Wissenschaft auf der Decke der Bibliothek.

Der historischere Teil des Cafés Schlossmühle, die Lampen weisen schon auf die 50er oder 60er hin.

Der historischere Teil des Cafés Schlossmühle, die Lampen weisen schon auf die 50er oder 60er hin.

Unsere Führung geht nun in den Konventsbau, also dahin, wo die Mönche früher lebten. Hier finden wir etwa den sehr weltlichen grünen Saal. Grün war die Trendfarbe des 18. Jahrhunderts, aber es war auch die Farbe der Hoffnung. Immerhin drohte die Revolution aus Frankreich selbst hier im Odenwald einzuschlagen. Im Stuck wird unter anderem an die iro-schottischen Mönche erinnert, die das Kloster gegründet haben sollen. Ein gusseiserner Ofen lässt sich bis heute anschüren, etwa wenn hier drin eine Hochzeit gefeiert wird. Dafür ist der grüne Saal zu mieten. So viel Pomp kostet allerdings entsprechend, immerhin ist er im frühklassizistischen Amorbacher Zopfstil gestaltet.

Next time is tea time!

Next time is tea time!

Unser Führer erzählt uns von den Fürsten zu Leiningen, die hier wohnten und Kinder bekamen. Eines wurde hier zwar gezeugt, kam aber in London zur Welt. Um zur wohl mächtigsten Königin des 19. Jahrhunderts, vielleicht aller Zeiten zu werden. Herrscherin über ein Fünftel der Welt und ein Drittel der Weltbevölkerung: Königin Victoria von England. Als ihr Vater Edward Augustus, verheiratet mit der Fürstin Victoria zu Leiningen, von der Schwangerschaft erfuhr, reiste er mit seiner Frau von Amorbach sofort nach England zurück. Um das Kind ja auf englischem Boden zur Welt zu bringen, erklärte er kurzerhand das Transportschiff ebenfalls zu englischem Boden. Doch die Amorbacher Fürstin gelangte rechtzeitig nach London, Victoria wurde im Kensington Palace geboren. In Amorbach denkt man daran, dass die Zeugung am Amorsbrunner Wasser lag, einer Quelle unter einer Kapelle (dazu kommen wir noch). Andere sagen, der eigentliche Vater sei ein Bauer aus dem Amorbacher Gemeindeteil Schneeberg gewesen. Das sehe man am bäuerlichen Gesicht der Königin und ihrem langen Leben. Da schau her, so potent ist der letzte Schwanzzipfel des bayerischen Löwen, um solche Herrscher hervorzubringen. Immerhin galt Königin Victoria dank ihrer Kinder und Enkelkinder auf den Herrscherthronen als Großmutter Europas.

Heute ist der amtierende Fürst zu Leiningen die Nummer 480 in der englischen Thronfolge, sein Sohn durch andere Verwicklungen die Nummer 189.

Die Kapelle Amorsbrunn. Das Wandegmälde zeigt den heiligen Christophorus.

Die Kapelle Amorsbrunn. Das Wandegmälde zeigt den heiligen Christophorus.

Innen ist die Kappelle beeindruckend auf eine ganz besondere Weise.

Innen ist die Kapelle beeindruckend auf eine ganz besondere Weise.

Wunderbare Schnitzereien, man könnte fast meinen von Riemenschneider.

Wunderbare Schnitzereien, man könnte fast meinen von Riemenschneider.

Jetzt kommen wir in die Bibliothek des Klosters, 1789, im Schicksalsjahr, erbaut. Ein letztes, aber wunderschönes Aufglimmen der alten Kultur, bevor die Wirrnisse und Schrecken der Revolution ihre kriegerischen Schatten über Europa legten. Das Deckenfresko zeigt einen Wissenschaftshimmel, deren Tempeleingang sich immer dem Betrachter zuwendet, wo immer er auch stehen mag. Das Bild ist eine raffinierte optische Täuschung, man denkt, man sei in einem großen Gewölbe, dabei ist die Deckenkrümmung kaum 30 cm hoch. Selbst Staub hat man aufgemalt, um den 3-D Effekt eines Stucks zu erzielen. Wer genau hinschaut findet hier manches Augenzwinkern, eine Verblendung ist mit Büchern ausgemalt, die den Titel tragen: „Handbuch des europäischen Lügenrechts“. Der Raum ist noch original aus dem 18. Jahrhundert, mit den Fächern Theologie, Medizin, Geschichte usw. Allerdings ohne die echten Bücher von damals, die wurden verkauft. So steht das Amorbacher Evangeliar heute in Kapstadt in Südafrika. Stattdessen ist hier die Sammlung der Fürsten zu Leiningen zu sehen, die hat auch einige Jahre auf dem Buckel, aber eben nicht so viele.

Auch nachdenklich-freudiges finden wir in der Kapelle.

Auch nachdenklich-freudiges finden wir in der Kapelle.

Was für ein Raum, was für ein Kloster war das damals doch. Gegründet um die Zivilisation in denn Odenwald zu bringen, war es bis zuletzt Hort der Wissenschaft, der schönen Künste – und des Humors.

Ich verlasse den Konventsbau und gehe gegenüber in die Schloßmühle, in der sich ein schönes Café befindet, das in einem Raum urig-historisch, im anderen retromodern im Stil der 60er Jahre wirkt. Der Espresso ist nicht schlecht, ich nehme mir für daheim Aniszwieback mit. Der ist nicht leicht zu beißen, schmeckt aber würzig nach, genau, Anis.

Der Fisch am Boden der Kapelle verschließt die Quelle nach oben hin.

Der Fisch am Boden der Kapelle verschließt die Quelle nach oben hin.

Anschließend fahre ich zur außerhalb gelegenen Kapelle Amorsbrunn. Ich möchte doch von dem sagenumwobenen Wasser trinken. Vor der Kapelle grasen ein paar Ziegen, es gibt eine Art Klostergarten, Rosen ranken sich um ein Sandsteinhaus, was für ein Idyll. Der romanische Bau der Kapelle wurde im 16. Jahrhundert erweitert. Schon zu heidnischen Zeiten soll die Quelle rituelle Bedeutung gehabt haben. Der Name Amor geht allerdings nicht auf den römischen Gott zurück, und wohl auch nicht auf den Heiligen Amor, der aus der Gegend um Maastricht stammt und dessen Verehrung hier heimisch wurde (seine Statue steht links vom Altar). Der Name Amor kommt vom Wort amar aus dem Mittelalter, was die Getreidesorte Emmer bezeichnet. Der namensgebende Bach der Gegend hieß damals nämlich Amerbach.

Der Altar von 1500 ist wunderbar gearbeitet, die Kapelle strahlt trotz ihrer bescheidenen Ausmaße eine stille Größe aus. Ein Fisch am Boden verbirgt die Quelle, vier Liter pro Sekunde strömen hier heraus. Leider komme ich nicht runter zum Wasser, auch als ich mich auf den Boden lege und den ganzen Arm hinunter strecke. Hmpf.

Das heilsame Wasser, Früher gab es im Ort auch Schwefelquellen.

Das heilsame Wasser, Früher gab es im Ort auch Schwefelquellen.

Draußen gibt es ein Becken, das früher als Heilbad genutzt wurde und in dem sich das Wasser sammelt. Allerdings weist hier ein Schild darauf hin: Kein Trinkwasser. Na toll. Also wird wohl im Moment noch nix daraus, eine Monarchin zu zeugen. Das nächste Mal nehme ich mir einen Becher an einem Seil mit, und dann gibt’s Empire reloaded! Andererseits soll das Wasser ja auch gegen Krankheiten der Augen und anderes helfen, wenn ich mich so umschaue in dem Idyll, kann ich es mir gut vorstellen. Und ich muss wiederkommen, immerhin habe ich das Teekannen-Museum noch nicht besucht.

Die Rückreise erfolgt durch Baden-Württemberg. Man muss schon so einiges auf sich nehmen, um in diesen Teil unseres Heimatlandes zu gelangen. Amorbach ist ein verschlafenes Nest – und ein wunderschönes Stück Weltgeschichte.

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