Architektonischer Mashup im Ratskeller

Wer in Bayern unterwegs ist, trifft auf viel Barock, auf einiges mittelalterliches, diverse neogotische Bauten, Moderne, klar, Renaissance, Rokoko und und und. Aber selten findet man alles miteinander verbaut, zusammen komponiert, verwurschtelt. Und noch seltener in einem Wirtshaus. Wobei Wirtshaus im vorliegenden Fall fast schon zu klein klingt, immerhin handelt es sich hierbei um einen Ratskeller, und zwar den von Würzburg.

Das Auge isst mit, hängt aber doch meist an der schönen Raumgestaltung.

Der Würzburger Ratskeller befindet sich direkt an der Achse Dom – Mainbrücke im Grafeneckart – der Name des Rathauses – gegenüber des Vierröhrenbrunnens.

Der gestresste Tourist wird an so einem Ort ruhig, wer auf der Durchfahrt Station macht, schöpft neue Kraft.

Der Grafeneckart geht in seinem Kern zurück bis ins Jahr 1200, Turm und Saalbau sind angeblich der einzige erhaltene Profanbau der Stauferzeit. Schon 1180 wird der Hof einem fürstbischöflichem Beamten zugeschrieben. 1212 residierte hier der namensgebende Graf Eckart. 1316 ging der Bau an die Stadt, die hier ihr Rathaus einrichtete. Der Festsaal ist romanisch, die Kapelle ist gotisch, zwei Stockwerke sind im Stil der fränkischen Renaissance erbaut, freilich gibt’s auch einen Barockteil, Moment, sogar mehrere, da die Stadt 1822 das ehemaligen Karmelitenkloster, das ebenfalls im Barock gehalten war, gekauft hatte und ins Rathaus integrierte. Vom 19. aufs 20. Jahrhundert kam noch ein Bau in der Neo-Renaissance dazu.

Ein Trauben naschender Barockengel, mei, Franken halt.

Obwohl der Rathausturm ganz nett anzusehen ist: Neben den übrigen bekannten Bauten Würzburgs wirkt das Rathaus nicht besonders spektakulär. Denn die Stadt hatte zwar einen Rat und einen Bürgermeister, war aber nie reichsfrei, d.h. einen wuchtigen Bau um dem Bischof was entgegenzustellen konnte man sich nicht erlauben. Seit 1914 gab es erstmals den Ratskeller, der aber nach der Zerstörung im Jahre 1945 erst wieder 1973 aufs Neue das Licht der Welt erblickte.

Nein, diese Würschtln stammen nicht aus Nürnberg.

Historismus in der Schiestl-Stube.

Also, eine bunte Baugeschichte. Von außen erwartet man sich jedoch eher wenig. Aber, aber! Sobald ich durch die Eingangstür gegenüber des Vierröhrenbrunnens bin, erwartet mich eine hohe Tonnengewölbe-Decke mit Kassettenstuck. Herrlich! Ist das jetzt Renaissance? Gut, etwas klein sitzt man schon da. Auf der anderen Seite bieten sich gemütliche Sitznischen an, aber dann kann ich schlecht auf das Fresko schauen. Das scheint hinsichtlich Frisur und Kleidung der Frauen jedoch eher aus der Biedermeier-Zeit zu stammen.

Die Laube ist zwar quantitativ extrem ausgemalt, aber es findet sich auch viel Liebe zum Detail.

Die Bedienung ist überaus freundlich, allerdings ist das Weinglas am Stiel dreckig. Der Bacchus für 2,20 Euro das 0,1er Glas ist sehr blumig, fruchtig, aber nicht zu süß, schmeckt aber umso weniger blumig je länger er steht. Die Scheurebe (2,30 Euro) erinnert im Geruch und Vorgeschmack an Honig, im Nachgeschmack wirkt sie aber muffig-herb, fast wie Kräuterlikör.

Ich bestelle mir das Duett von der Bratwurst für 12,20 Euro. Die fränkische Wildbratwurst ist Ok, etwas fester im Biss, kräftiger im Geschmack. Die zwei Silvaner Bratwürste wurden vor dem Braten in Silvaner gebrüht, jenem urfränkischen Wein. Den schmecke ich allerdings nicht raus. Die Würste schmecken normal, etwas mehr Zeit in der Pfanne hätte ihnen gut getan. A bissl fettig sind sie auch. Das Pfefferkraut ist gut gekocht und säuerlich, die Kartoffeln schmecken gut buttrig.

Die Kapelle verbindet Gotik und Moderne.

Die Ratskapelle ist in den Raum integriert. Hier die „Außenwand“.

Bevor der Nachtisch kommt, begebe ich mich auf die Suche nach der Toilette. Mei, entweder gibt’s da wirklich nur eine oder ich hab die näherliegende nicht gefunden. Jedenfalls bin ich auf einer Reise durch die oben genannten Epochen in den verwinkelten Gasträumen. Und fast alle Zimmer sind voll. Sehr schön, die Würzburger wissen also ihren architektonischen Schatz zu würdigen. Wir sehendie gotische Ratskapelle mit modernen Stühlen, Tischen und Fensterglasmalereien, den Bürgersaal, in dem ich gegessen habe, daneben die Lenz-Laube, die mir fast schon zu überbordend mit Motiven aus Flora und Fauna ausgemalt ist, die eher kühl-moderne Ratsstube und die komplett historistische und ultragemütliche Schiestl-Stube. Nur nicht verlaufen!

So kann öfters mal ein Essen zu Ende gehen.

Endlich kommt der Nachtisch, eine Federweißen-Creme. Die ist sahnig, fruchtig, üppig. Uffff. Aber gut zu schnabulieren. Jetzt aber schnell raus, bevor die Fressnarkose einsetzt!

Fazit: Wer Gäste in Würzburg ausführt, der sollte zumindest einmal durch den Ratskeller laufen. Die Küche ist ganz OK, mehr noch kommt das Auge auf seine Kosten. Es muss ja nicht immer Barock sein. Renaissance ist doch auch mal schön. Oder Historismus. Oder Gotik.