In Aschaffenburg spricht man nicht hessisch

Kein Voralpenland, kein bayerischer Wald, sondern der unterfränkische Spessart

Kein Voralpenland, kein bayerischer Wald, sondern der unterfränkische Spessart

Ganz Deutschland nimmt Viagra, nur die Aschaffenburger sind stolz auf ihre Schlappen Seppl. Aschaffenburg ist die Hauptstadt des Untermain, eine Gegend, die eigentlich zu Unterfranken gehört, in der man einen Dialekt spricht, der sich am Mainzerischen orientiert, die sich aber mit Leib und Seele dem Freistaat Bayern verschrieben haben. Wohl nirgendwo sonst findet man in den Schrebergärten so viele bayerische Fahnen. Und wohl über keine Stadt gibt es so eine schreckliche Hymne der Jacob Sisters. Ob Aschaffenburg wohl dagegen geklagt hat? Schalten wir lieber das Radio an, in Aschaffenburg empfängt man nämlich den Electro-Sender aus Baden-Württemberg, Sunshine-Live.

Herrschaftliche Hexenhäusle von der Stiftskirche aus gesehen

Herrschaftliche Hexenhäusle von der Stiftskirche aus gesehen

Beginnen wir unsere Tour durch die historische Altstadt. Wir kommen an putzigen Fachwerkhäusern vorbei, die Metzger verkaufen auf den Straßen eine würzigere Variante des Wienerles. Ganz mittelalterlich bis renaissance-mäßig kommt die Stiftskirche St.Peter und Alexander daher. Der Kreuzgang kann was. Schließlich laufen wir am Main entlang. Neben uns das von Ludwig I. erbaute Pompejanum, eine Villa mit Mainblick, nachempfunden den Ausgrabungen Pompejis. Dann betreten wir endlich den Platz des wuchtigen Schlosses Johannisburg, das Wahrzeichen Aschaffenburg.

Das größte Schloss links oben in Bayern

Das größte Schloss links oben in Bayern

Das wurde vom Mainzer Fürstbischof als Sommerresidenz errichtet. Und der brachte auch gleich seine ganze Entourage mit, weshalb die Ascheberscher von sich behaupten, sie hätten den Mainzer Dialekt. Nie und nimmer darf man sagen, die Leute würden hier hessisch reden. Einer meiner Schüler in Aschaffenburg schrieb mal im Unterricht Beischtstuhl an die Tafel (jawohl mit sch). Ich, etwas belustigt und resigniert: „Schreibs auf deutsch hin, nicht auf hessisch.“ Er, aus allen Wolken fallend: „Hessisch? Wollnse misch belaidigen?“

Das Schloss selber ist durchaus empfehlenswert, es beherbergt einen Gutteil der bayerischen Staatsgemäldesammlung sowie die für jeden Antiken- und Architekturfanatiker hochinteressante Sammlung aus dem 18. Jh. an Korkmodellen antiker Bauten (ohne Witz jetzt, die schauen wirklich toll aus).

Der Spessart erfreut sich eines üppigen Mischwaldes

Der Spessart erfreut sich eines üppigen Mischwaldes

Verlassen wir die Stadt für einen Ausflug in den Spessart. Ganz in der Nähe des Ortes Mespelbrunn liegt mitten im Wald das Gasthaus „Hohe Wart“. Fachwerk, mit eigener Brauerei, so stellt man sich das Wirtshaus im Spessart vor. Der Biergarten ist recht schön, man sollte allerdings vor den Wespen aufpassen. Das Essen ist eher zünftig, das Bier schmeckt durchaus frisch, das Dunkle kann dagegen an einem warmen Tag müde machen, schlecht, wenn man noch viel wandern muss.

Schloss Mespelbrunn, den älteren Semestern vielleicht noch von Briefmarken bekannt

Schloss Mespelbrunn, den älteren Semestern vielleicht noch von Briefmarken bekannt

Durch den Wald geht’s wieder zurück, Schloss Mespelbrunn wartet. Nach dem Wald kommen grüne Wiesen mit Kühen drauf, so eine Szenerie kennt man sonst nur aus den Alpen. Der Ort Mespelbrunn ist eher ein Straßendorf, aber ein eeeeeeeeeeeewig langes. Viel Fachwerk findet man hier nicht, eher Häuser der 60er und 70er Jahre, als dort noch viele Leute ihre Ferien verbrachten. Endlich kommen wir zum Schloss. Von außen kostet die Besichtigung nichts, aber die Führung innen schon. Die lohnt sich aber, denn das Schloss ist in einem noch sehr ursprünglichen Zustand, Teile davon werden von der Adelsfamilie bewohnt. Brutal wird aber der Rückweg, denn das Auto steht am ganz anderen Ende des Ortes, und dann noch den Berg rauf, entlang eines Kreuzweges, den zu begehen durchaus fromm machen kann (er ist auch sehr schön gestaltet).

Ta Da: Das Wirtshaus im Spessart

Ta Da: Das Wirtshaus im Spessart

Auf die Tube, ab nach Aschebersch. Wir gehen in die älteste und traditionsreichste Wirtschaft der Stadt, den Schlappe Seppl. Der sitzt hier seit 1631. Oder besser: Er saß. Denn obwohl aus diesem Haus das berühmteste Bier Aschaffenburgs stammt, und obwohl das Wirtshaus so heißt wie das Bier, serviert man hier: Faust Bier aus Miltenberg (Motto: International völlig unbekannt. National eher zweitrangig. Regional der Hammer). Ja wo gibt’s denn so was? Schenkt man demnächst im Münchner Hofbräuhaus Becks aus? Hintergrund: Der Betreiber des Wirtshauses hat sich mit der lokalen Brauereidynastie verkracht, zu der auch Schlappe Seppl gehört. Wir waren aber noch da, als es noch den Seppl gab, ein wunderbares Bier in einem wunderbar urig-städtischen Wirtshaus. Etwas früher kommen, die Plätze im vorderen Teil sind gemütlicher als hinten im alten Sudhaus. Hier haben übrigens auch schon die beiden FAZ-Karikaturisten Greser&Lenz ihre Werke erstellt. So gab es ganze Sammelreihen von Bierdeckeln mit ihren Zeichnungen.

Braves Vieh gibt's auch im äußersten Nordwesten Bayerns

Braves Vieh gibt’s auch im äußersten Nordwesten Bayerns

Was kann man später noch machen? Z.B. am Abend durch den schönen Hofgarten marschieren und ins Hofgarten Kabarett Theater gehen. Die Zentrale von Urban Priol. Ich konnte da einmal auf der Bühne stehen und muss sagen, die Ascheberscher gehen als Publikum richtig mit, holla die Waldfee. Fazit: Die Mainzer Mentalität der unterfränkischen Untermain Bayern basst scho. Und natürlich babbeln die Ascheberscher net uff hesse!

 

 

=> Mehr zu Aschaffenburg gibt’s bei einem Besuch des Pompejanums.

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19 Kommentare

  1. Zum Thema Dialekt: Selbstverständlich spricht man in Aschaffenburg hessische Mundart, eine Untergruppe der rheinfränkischen Dialekte. Mainz, in Rheinhessen gelegen, ist ebenso Teil dieses Sprachraums wie das übrige Rhein-Main-Gebiet. Dass das vom Mainzer Erzbischof kommen soll, halte ich für eine nette Erfindung, zumal ein fließender Übergang von AB (mit leichten Anklängen des Ostfränkischen) über F nach MZ (mit stellenweisem Übergang ins Pfälzische) hörbar ist. Dazu kommt noch: Warum will man als echter Ascheberscher lieber als Mainzer gelten als als Hesse?! Dass ein Ascheberscher Schüler das fälschlicherweise ‚klarstellen‘ muss liegt an dem mir als Eingeborenen wohl bekannten Minderwertigkeitskomplex der Unterfranken westlich des Spessarts, die faktisch Bayern sind, aber nicht so klingen und auch von ‚echten‘ Bayern (südlich der Donau) nicht also solche anerkannt werden, was man schon in jungen Jahren oft genug von den diesen aufs Brot geschmiert bekommt. Der Wunsch, als Bayer wahrgenommen zu werden, obwohl man nur verwaltungstechnisch einer ist (und sprachlich eben ein Rheinfranke!), erschien mir schon immer fragwürdig und wenig selbstbewusst. 😉

    1. Ja mei, es gibt halt die Wahrheit und die Wahrheit. Die Wahrheit auszusprechen kann ganz schön gefährlich sein, da mutiert der gemütliche Aschaffenburger Bier-Bayer zum Äppelwoi-Attentäter (auch wenns den da gar nicht gibt). Darum bleiben wir lieber bei der Wahrheit, die bei dialektalen Tatsachen auch mal ein Auge zudrückt.

    2. Es gibt überall in bayern sogenannte randbezirke die aber trotzdem zu Bayern gehören. Geht man weiter Richtung miltenberg z.b. grossheubach dann wird man feststellen das dort schon mehr badisch (wegen der nicht allzu weiten grenze zu baden-würtemberg) geschwätzt wird. Ich hatte einen stubenkameraden bei der bundeswehr von dort. Bei dem war das so und er bestatigte mir das das dort die regel ist.

  2. Dass mit dem Schüler mag stimmen, aber es ist eine „Fehlentwicklung“ jüngerer Jahre. Selbstverständlich spricht man am Untermain hessisch. Der Versuch bayerisch sein zu wollen ist nichts weiter als eine peinliche Anbiederung. ein Bayer wird zwischen Aschaffeburg und Frankfurt kaum einen Unterschied war nehmen. Die Bayerischen Fahnen in Aschaffenburg sind genauso wenig authentisch wie die, die man in Berlin sieht.

    1. Was verbreitest du denn gleich für eine miese Stimmung?
      Es gibt einiges das in Aschaffenburg an Bayern erinnert, angefangen mit den bayerischen Feiertagen, der Weißwurst und dem Schulsystem (und ich denke genau das ist wahrscheinlich der Grund für diese starke Anfeindung an der ‚Staatsgrenze‘),… 🙂 Am Übergang verschwimmt das alles allerdings natürlich immer etwas.
      Ich musste nun einen kurzen Exkurs nach Hessen unternehmen.. und freue mich wieder sehr auf ‚daheim‘!

    2. Die Fahnen sind nicht authentisch? Mit der gleichen Argumentation dürfte man in Teilen der Eifel nicht die deutsche Fahne hissen, schließlich gehörte man einmal zu Belgien. Oder siehe Altona: Das war dänisch. Aschebersch gehört jetzt seit knapp 200 Jahren zu Bayern. Da darf man auch die bayerische Fahme hochziehen und dabei ’nen Ebbelwoi schlabbern, Dialekt hin oder her.

  3. Ob der Bayer Aschaffenburg als „Bayrisch“ sieht oder nicht, is dem Aschaffenburger egal, den er ist Franke:) So einfach ist das!

  4. Meine tolle Freundin Rebekka Zimlich kommt aus Aschaffenburg / Obernau . Sie und ihr wunderbarer Familienclan haben mir diese Stadt und Region nahegebracht . Fühle mich als Hamburger mittlerweile dieser Ecke Deutschlands echt verbunden. Landschaftlich ein Juwel, menschlich beeindruckend. Die Zeit wird zeigen , wo es in Zukunft hingeht…😄

  5. Irgendwas oder irgendwer ist man eben – wir reden wie die Hessen, lernen wie die Bayern, haben wohl schon die ganze Welt bei uns gesehen – Kelten, Germanen, Römer, Mainzer und andere – mir ist’s Wurscht – am ehesten ist man doch das nahe Liegende: Aschaffenburger. Das reicht völlig. Mit den Franken tun wir uns ja auch schwer…Dieses rrrrollende R und das harte D – das wird nie was…

  6. Also ohne den Gag mit den schlappen Seppeln der Aschaffenburger bleibt der Text des Autors ziemlich seicht. Und genau hier liegt sein sprachlicher Irrtum. Bei dem Wort Schlappe handelt es sich nämlich nicht um ein Prädikat, sondern um ein Substantiv. Daher wird es auch groß geschrieben. Es geht hier also nicht um eine bierbedingte Errektionsschwäche des Seppels, sonder um das Wort für Hausschuhe (Schlappe). Der Schlappe-Seppel ist auf Deutsch übersetzt also der Josef in Hausschuhen, was über den Viagra-Konsum der Aschaffenburger rein gar nichts aussagt. Schade, aber da hat die Fantasie dem Autor einen, wie ich denke entlarvenden, Streich gespielt.

    1. Wobei meines Wissens nach „schlappe“ von schlappen=hinken kommt. Der Josef hat nämlich „geschlappt“, also leicht gehinkt.

  7. Ja, das ist ein guter Hinweis und eine weitere mögliche Bedeutung. Und wichtig ist in dem Zusammenhang auch, dass es sich bei dem Schlappe-Seppel um eine real existierende Person handelt.

  8. Das der Artikel mit einem leichten Augenzwinkern geschrieben ist, sollte aber auch erwähnt werden. Nicht so bierernst bitte 🙂 Grüße von einem Unterfranken aus der Gegend um Aschaffenburg mit rheinfränkischen Dialekt mit leichtem ostfränkischen Einschlag (Stichwort „Mainzer Übergangsstreifen“)

  9. Schöne Stadt, keine Frage. Hat viel kulturelles zu bieten, was auch auf die Wittelsbacher zurückzuführen ist. Auffällig ist – wie am gesamten bayerischen Untermain- die hohe Dichte an weiß-blauen Rautenfahnen und sonstiges Folkloregedöns, welches aus Altbayern importiert wurde. Ob touristische Ursachen dafür verantwirtlich sind oder ein gewisses Minderwertigkeitsgefühl, nicht als Hessen wahrgenommen zu werden, kann ich nicht sagen. Das einzig klare ist, dass die Aschaffenburger nach ihrer Babbelgosche, Mentalität und Kultur keine Franken im herkömmlichen Sinn sind, da würde ich mir persönlich als Würzburger verarscht vorkommen! 😀
    Hat ja nicht ohne Grund bis in die Weimarer Zeit „Aschaffenburg und Unterfranken“ gehießen.

  10. Ich sag ja immer, wir Aschaffenburger sind die Elsässer Bayerns 😉 Sind keine echten Franzosen, Deutsche wollen sie auch ums verrecken nicht sein !
    Ein eigenes Völkchen halt, so wie wir Aschebercher….

  11. Steinigt mich dafür in AB, aber auch ich merke die Verwandtschaft zum Hessischen obwohl ich weder den einen noch den anderen Dialekt sprechen.

    Beispielsweise wenn ich „euern“ Urban Priol höre, und der in seinen Heimatdialekt verfällt, denk ich immer, der wäre damals auch ein guter Norbert-Blüm-Imitator gewesen – hätte sich nämlich quasi gar nicht anstrengen müssen; vielleicht die Unterlippe etwas lockerer gelassen und…? 🙂 … Losgebabbelt.
    Verflixt ähnlich zum Hessischen, das stimmt.
    Zumindest haben die Augsburger (geographisch: „Schwaben“) in ihrer Mundart nicht nur _mehr_ Bayerisch drin als Schwäbisch (ca. 70:30), sondern auch weit mehr Bayerisch drin als die Aschaffenburger. (AB, Bayerisch : Hessisch ca. 1/3 zu 2/3 (wenns hochkommt).

  12. Also …. wenn der Priol sagt „Isch bin en eschde Bayer“, dann wird es schon stimmen.

    Meine Frau stammt aus einem Dorf etwas südlich von AB, dort sind die Wörter Hinkel, Gudsje, Kneibsche, Kolder, Wäschemahn so heimisch wie bei uns südlich Ffm

    Pfiat’s enk 🙂

  13. I‘ts so high
    to be a Preis (Preuse)
    It‘s higher
    to be a Bayer
    But the highest rang
    It‘s to be a Anderfränk (Unterfranke)
    😂😂😂😂😂

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