Der lange Abschied von Grafenrheinfeld

Jetzt ist Schluss. Aus. Finito. Der älteste noch laufende Reaktor Deutschlands läuft nicht mehr. 33 Jahre lang war das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld eine Landmarke. Ob von Würzburg aus, von Sommerach oder aus der Gegend um Hammelburg, in ganz Unterfranken konnte man die beiden Wasserdampfsäulen in der Nähe Schweinfurts sehen. Eine Landmarke, die irgendwie auch ein Heimatgefühl vermittelte, weil soweit konnte man ja nicht von daheim weg sein, wenn man den Dampf noch sehen konnte. Auch die Vorbeifahrt bei Nacht, das AKW in Orange und Blau beleuchtet, ein sehr ästhetisches Kraftwerk. Nun hat’s sich ausgedampft.

Alle freuen sich nun, endlich keine atomare Gefahr mehr für Schweinfurt, seine Bewohner, seine riesige Kunstsammlung und natürlich die ganzen, weltbesten, Weinberge außen rum. Keine „Wolke“ mehr, die den Strahlentod über die Industriestadt bringen kann.

Alles happy? Alle happy? Nicht alle. Nun, bei einem AKW kann man nicht einfach den Aus-Knopf drücken und das war’s dann. Jahrelang noch müssen die Brennstäbe abklingen, sich abkühlen, bis sie entfernt werden können. Jahrzehntelang wird der Rückbau wohl dauern, bis irgendwann mal wieder grüne Wiese steht.

So einfach wird das nämlich nicht mit dem Atomausstieg. Immer noch nicht wissen wir, wohin mit dem Atommüll. Ein Endlager könnte wohl erst Mitte des nächsten (!!!) Jahrhunderts in Betrieb gehen. Bis dahin lagert der Mist in den Zwischenlagern, weniger gut geschützt, wie etwa auf dem Gelände in, ja genau, Grafenrheinfeld.

Auch der Bauschutt der beim Rückbau entsteht, ängstigt die Bürger. Denn der wird, wenn er freigemessen ist, entweder wiederverwendet oder kommt auf eine Deponie. Selbst wenn davon weniger als die natürliche Strahlung ausgeht, a wengerl geht’s den Anwohnern schon um.

Der Rückbau droht auch ein finanzieller Super-GAU zu werden. Eigentlich müssten ja die Atomkonzerne dafür aufkommen. Die haben ja jahrzehntelang schön dran verdient. Aber weil deren Finanzreserven ungefähr die Hälfte dessen betragen (ca. 35 Milliarden), was der Rückbau wohl kostet, bleibt der Rest, wie solls anders sein, am Steuerzahler hängen.

Die Medien zeigen immer die feiernden Menschen, nun, ich kenne auch Schweinfurter, die der Atomkraft äußerst positiv gegenüberstehen, oder standen.

Denn die Folgen des Atomausstiegs ziehen weitere Proteste nach sich. Stromtrassen müssen, höchstwahrscheinlich auch durch Unterfranken, den Windstrom aus dem Norden hierher nach Bayern transportieren. Mindestens bis zum Verteilerknoten in, ja genau, Grafenrheinfeld. Ok, sie zerschneiden die Landschaft, können hässlich sein, stören bisweilen das Auge. Doch so fürchterlich Windräder und Stromtrassen aussehen mögen: Wenn da ein Attentäter reinfliegt, dann fällt halt ein Windradl um. Bum. Na und? Und so wie das AKW können auch Stromtrassen, etwa entlang der Autobahn, ihre durchaus eigene Industrie-Ästhetik entfalten.

Über einem Grundstück, ja, da sind sie halt net so doll. Aber immer noch besser als die Gefahr einer „Wolke“, auch wenn uns die Dampfsäule nun fehlt. Und wer das AKW jetzt schon arg vermisst: Der Müll steht da sicher noch länger rum.

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